15.11.10

Die Tage im Irrenhaus

geschrieben in Allgemein um 18:30 von felia

Ich war und bin dem Kreißsaalteam in meiner Entbindungsklinik über alle Maßen dankbar, schließlich haben sie mein Kind gerettet. Trotzdem (und dazu gehört viel, diesen positiven Eindruck wieder wett zu machen) würde ich dort nie wieder entbinden, aufgrund meiner Erfahrungen mit der Wochenbettstation. Selbst ambulant kommt nicht infrage, weil ich ja nun weiß, dass es manchmal anders kommt, als man denkt. Inzwischen ist das schon ein ganzes Stück her und die Verdrängung hat zum Glück eingesetzt, aber ich weiß noch gut, dass ich dort sehr gelitten habe. Angefangen damit, dass ich als Erstgebärende sowieso nicht ernst genommen wurde und ständig Entscheidungen über unseren Kopf hinweg getroffen wurden, bis hin zum Umgang mit mir und meinem Kind ganz allgemein.

Besonders zugesetzt wurde uns beim Stillen. Eigentlich hat das ja noch im Kreissaal ganz gut geklappt. Trotzdem dachte ich mir, es schadet nicht, es mir noch einmal richtig zeigen zu lassen und damit nahm das Unheil seinen Lauf. Von einigen Ausnahmen, die es zum Glück auch gab, mal abgesehen, waren die meisten nämlich davon überzeugt, dass ich das Stillen sowieso vergeblich versuche. Dafür hatten sie alle ganz unterschiedliche Begründungen z. B. mein Kind (grade einen Tag alt) kann das nicht richtig und kapiert es offensichtlich auch nicht (mein Einwand, dass er das erst noch lernen muss, wurde nur mit einem zynischen Lächeln beantwortet), meine Brust ist nicht zum Stillen geeignet (interessant, dass ich es trotzdem nun tue mit der nicht geeigneten Brust), in Wahrheit kommt gar keine Milch (mein trinkendes Kind also ein Simulant und das nur, weil beim Pumpen, was natürlich was ganz anderes ist, am Anfang nur wenig kam) usw. Man ging so ungeduldig und hektisch mit uns dabei um, dass Jannik schon am 2. Tag panisch auf die Brust reagierte (so ala “bitte nicht das wieder, wo alle an mir rumzerren”).

Obwohl seine Gewichtsabnahme nicht außerhalb des Normbereichs lag, wurde zugefüttert und ich lag den Tränen nahe hilflos im Bett und wiederholte immer wieder, dass ich das nicht will, doch es war zwecklos. Immerhin respektieren sie am Anfang noch meinen Wunsch, nur mit Spritze zuzufüttern. Mein Kind trank trotzdem immer schlechter an der Brust und irgendwann waren die Mengen, die laut den Schwestern zu trinken sind auch nicht mehr mit der Spritze machbar und die Flasche wurde gegeben. Der Tag der Geburt ist bei der Berechnung dort aber schon Tag 1, egal um wieviel Uhr das Kind geboren wurde und so war mein Kind zwar erst 3 Tage und ein paar Stunden alt, bei den Schwestern aber bereits in Tag 5 und egal ob alles schon wieder oben raus kam, hieß es immer nur “füttern sie es, füttern sie es”. Mein Freund meinte schon, dass es ihn wundert, dass es keine Trichter zum fricken gibt. Sobald die Flasche im Spiel war hörte Jannik auf, an der Brust zu trinken. Traurig stellte ich fest, dass es das mit dem Stillen bei mir wohl gewesen ist. Die Ärzte meinten dazu nur “das ist halt die Gefahr, wenn man die Flasche gibt”, dass mir dort keine andere Wahl gelassen wurde, war wohl ne andere Geschichte.

So gab ich die Flasche, wenn es schnell gehen musste und die Spritze, wenn man mir genug Zeit ließ. Doch plötzlich schrie Jannik zwischen den Mahlzeiten und eine Schwester giftete mich an, dass das meine Schuld wäre, weil sein Saugbedürfnis durch meine Spritzenfütterei nicht genug befriedigt wird. Für mich ein echtes Aha-Erlebnis, denn auch wenn die Schwester das so sicher nicht im Sinn hatte, gab ich ihm nun immer die Brust, wenn er ein Saugbedürfnis hatte und so habe ich ihn schließlich doch noch an die Brust bekommen. Auch heute noch empfinde ich ein unglaubliches Triumphgefühl, wenn ich Jannik stille, was übrigens sobald wir zu Hause waren überhaupt kein Problem mehr war.

Zufällig haben mehrere aus meinem Geburtsvorbereitungskurs zur gleichen Zeit entbunden und waren auf derselben Wochenbettstation. Interessant fand ich dabei zu beobachten, dass es dort einige gab, bei denen das Stillen von Anfang an gut klappte, laut eigener Aussage und spätestens am dritten Tag traf ich sie dann in der Milchküche, wo ihnen das Zufüttern erklärt wurde. Mag ja sein, dass das bei einigen nötig ist, aber wenn alle das machen müssen, ist das doch etwas seltsam. Aber davon mal abgesehen bin ich wirklich froh um diese Kontakte gewesen, denn sie haben mir eine unerträgliche Zeit erträglicher gemacht. Das Klinikpersonal war davon aber nicht so begeistert (klar, bei so einem Austausch fallen einige Mängel ja überhaupt erst auf) und plötzlich hieß es, wir dürften uns gegenseitig nur zu den Besuchszeiten (insgesamt 4 Stunden pro Tag) aufsuchen. Bettnachbaren, die sich hätten stören können, gab es entweder nicht oder haben fröhlich mitgemischt, also daran lags nicht. Ebenso wurden unsere Männer um 21 Uhr vor die Tür gesetzt, obwohl uns (wie auch im Infoblatt der Klinik zu lesen) bei der Aufnahme gesagt wurde, dass für die Papas keine Besuchszeiten gelten. Trotzdem habe ich mir das bißchen Trost und Beistand nicht nehmen lassen und lieber das Gemecker ertragen.

Leider mussten wir wegen erhöhter Bilirubinwerte auch noch länger bleiben. Schon in der Nacht hatte ich mich bei der Schwester gemeldet, weil er mir sehr gelb vorkam. Diese meinte aber, sein Wert wäre noch im Rahmen. Auch die Kinderärztin war dieser Meinung, wollte ihn aber zur Sicherheit noch länger dort behalten. Erst durch meine Nachfragen deswegen fiel den Herrschaften dort auf, dass wir einen unterschiedlichen Rhesusfaktor haben und deshalb in eine Risikogruppe gehören, in der schon wesentlich niedrigere Werte eine Therapie erforderlich machen. Jannik musste also sofort unter die Photolampe und blieb dort auch bis zum nächsten Morgen (der Wert hat sich dadurch zum Glück stark gesenkt). Nur zum Stillen (bzw. Füttern, weil Stillen in dem Zeitfenster, dass sie mir gaben nicht drin war) durfte ich ihn haben. Als ich ihn dafür abholte, fiel mir auf, dass seine Herzfrequenz sich öfter um die 80 rum bewegte und ich konnte mir nicht vorstellen, dass das normal sein soll. Die zuständige Schwester sagte aber nichts weiter dazu, als ich sie darauf ansprach. Der Kinderarzt, dem ich dann davon erzählte, entschied aber, dass sie das eine Nacht lang überwachen wollen. Allerdings manuell, d. h. die eine Nachtschwester, die für die gesamte Neugeborenen- und Überwachungsstation zuständig ist, schreibt auf, wenn sie eine niedrige Frequenz bemerkt. Immerhin hat sie aber 5 solcher Vorfälle registriert. Die Kinderärztin fand das trotzdem noch im Rahmen, weil unser Kind von der Herzfrequenz her generell “ein Ruhiger” ist. Hätte ich mich mit Jannik nicht nach dem Mittagessen demonstrativ vors Schwesternzimmer gesetzt hätte diese der Ärtzin aber gar nicht mehr Bescheid gegeben für diese umfangreiche Einschätzung, aber nach einer Woche kannte ich die Pappenheimer dort schon und so kamen wir dann doch endlich frei.

Nach einer qualvollen Woche habe ich zum ET das Irrenhaus verlassen und Jannik nach Hause gebracht und die Odysee hatte ein Ende.