18.01.09
Gott reinpfuschen?
Ja, ich bin Christ und mein Glaube ist mir enorm wichtig. Auch bin ich in einem christlichen Internetforum, jesus.de, unterwegs. Nun begegne ich entweder online, oder auch im wahren Leben immer wieder Menschen die der Meinung sind sobald es einem Paar nicht möglich ist auf dem “normalen, gottgewollten” Wege ein Kind zu bekommen, daß man Gott nicht “reinpfuschen” darf. Die katholische Kirche, der meine Frau und ich nicht angehören, veröffentlichte kürzlich die Enzyklia “dignitas personae” (Würde der Person) und beginnt:
“Jedem Menschen ist von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod die Würde einer Person zuzuerkennen. Dieses Grundprinzip, das ein großes “Ja” zum menschlichen Leben ausdrückt, muss im Mittelpunkt des ethischen Nachdenkens über die biomedizinische Forschung stehen, die in der Welt von heute eine immer größere Bedeutung gewinnt.”
Diese Enzyklika versteht sich selbst als eine “Fortschreibung” der Enzyklia “Donum vitae” (Geschenk des Lebens).
“Die menschliche Fortpflanzung ist ein personaler Akt des Paares von Mann und Frau, der in keiner Weise delegiert oder ersetzt werden kann. [...] der Ersatz des ehelichen Aktes durch eine technische Prozedur nicht nur unvereinbar ist mit der geschuldeten Achtung vor der Fortpflanzung, die nicht auf die bloß reproduktive Dimension eingeschränkt werden kann, sondern auch dazu beiträgt, das Bewusstsein der gebührenden Achtung vor jedem Menschen zu schwächen. Die Anerkennung dieser Achtung wird hingegen gefördert durch die Intimität der Verheirateten, die von ehelicher Liebe beseelt ist. [...]
Die Kirche hält den Wunsch nach einem Kind für berechtigt, und sie versteht die Leiden der Ehepaare, die mit Problemen der Unfruchtbarkeit konfrontiert sind. Dieser Wunsch kann jedoch nicht höher stehen als die Würde jedes menschlichen Lebens — bis zu dem Punkt, die Herrschaft darüber zu übernehmen. Der Wunsch nach einem Kind kann nicht seine “Produktion” rechtfertigen, so wie der Wunsch, ein schon empfangenes Kind nicht zu haben, nicht dessen Aufgabe oder Vernichtung rechtfertigen kann.”
Nein, nein und nochmals nein. Wenn ich so etwas lesen muss fällt es mir schwer nicht angewidert zu sein. Ich muss dabei den Eindruck gewinnen, die Autoren haben sich mit der Thematik der assistierten Befruchtung der Reproduktionsmedizin nicht auseinandergesetzt. Bevor ich darauf weiter eingehe ein kleiner Exkurs zu Begrifflichkeiten. Es gibt keine “künstliche Befruchtung” im Reagenzglas. Es gibt allenfalls eine assistierte Befruchtung außerhalb des Körpers. Kein Arzt der Welt kann eine künstliche Befruchtung durchführen. Nun mag so mancher Denken, warum ich denn einer derartige Haarspalterei betreibe und man der “Einfachheit halber” doch von künstlicher Befruchtung sprechen darf. Ich halte es für eine unzulässige Vereinfachung, die den eigentlichen Vorgang der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle und die anschließende Zellteilung, woraus letztlich der Fetus entsteht, bagatellisiert. “Ohne Klarheit in der Sprache ist der Mensch nur ein Gartenzwerg.” singt Sven Regner von “Element of Crime”. Recht hat er! Gerade bei so einem sensiblen Thema wie der Reproduktionsmedizin ist Klarheit in der Sprache ungeheuer wichtig! Durch eine geschickte Wortwahl kann vieles verschleiert oder diskreditiert werden. Auf ganz üble Weise hat das bedauerlicherweise die FAZ getan.
Der Vorgang der Befruchtung und Verschmelzung von Ei- und Samenzelle ist das natürlichste der Welt und kein Arzt/Biologe der Welt kann das durchführen. Er kann nur Ei- und Samenzelle zusammenbringen und durch eine geschickte Auswahl von Randbedingungen die Verschmelzung und anschließende Zellteilung begünstigen. Das gleiche gilt dann für die Verpflanzung dieser Vierzeller in die Gebärmutter. Was der Körper einer Frau dann damit dann macht, steht in der Macht keines Menschen! Durch eine natürliche Selektion überleben die Embryonen – oder sie gehen eben ab. Ja, in den Körper der Frau werden außerhalb ihres Körpers gezeugte Embryonen eingesetzt. Zu Recht fragt der eine oder andere dann was mit evt. überzähligen Embryonen geschieht. Dieses Antwort ist sehr einfach zu geben: Nichts, da keine entstehen. Der mehr oder minder gut informierte Leser mag nun den Kopf schütteln und mir heftig widersprechen, aber ich bleibe dabei, in Deutschland (die Regelungen anderer Länder kenne ich nicht) entstehen keine überzähligen Embryonen! Bei der Kryokonservierung in flüssigem Stickstoff werden keine Embryonen aufbewahrt, sondern Eizellen mit Samenzelle im sogenannten Vorkernstadium. Eine Verschmelzung von Ei- und Samenzelle hat noch nicht stattgefunden, ein Embryo liegt dementsprechend noch nicht vor. Der entsteht erst mit der Verschmelzung und der darauf beginnenden Zellteilung. Der Frau werden dann die Vierzeller eingesetzt.
Dieses aufwändige reproduktionsmedizinische Verfahren bleibt meiner Frau und mir nun bis auf Weiteres erspart. Aber was ist mit meinen ganzen Medikamenten, die ich nun spritzen muss? Darf ich jetzt die Hormone nicht nehmen, die mir der Arzt verschrieben hat, damit ich eine normale Fertilität erreichen kann? Damit greife ich doch in die “gottgewollte Biologie” auch ganz massiv ein! Im übrigen mal ganz davon abgesehen, daß ich ohne diese Therapie in ca. 10 bis 15 Jahren mit Anfang bis Ende 40 arbeitsunfähig wäre! Warum werden denn Krebskranke behandelt? Die Erkrankung, eine “Laune der Natur”, die zu entarteten Zellen führt, ist doch etwa ganz Natürliches. Und dann greifen Ärzte in die Biologie ein, bestrahlen den Tumor, beginnen eine Chemotherapie und “pfuschen Gott ins Handwerk”? Und die Diabetiker – da will die Biologie, daß aus welchen Gründen auch immer die Bauspeicheldrüse nur noch unzureichend Insulin produziert. Sie müssen es sich spritzen. Ein Herzschrittmacher ermöglicht einem herzkranken Menschen zu überleben und würde sich hier die Frage, ob man Gott ins Handwerk pfuscht, nicht viel dringender stellen?
Hm, hab ich nun einfach nur Glück, daß ich durch die Therapie auch gaaaaanz “zufällig” eine normale Fertilität erreichen kann? Nein, für mich ist das kein “Gück” oder “Zufall” sondern ganz klar eine Option, die Gott den Ärzten an die Hand gegeben hat, meine chronische Krankheit zu bekämpfen. Eine Option, die der Mensch mit dem ihm gottgegebenen Verstand erforscht hat. Eine Option mit der ich eine normale Fertilität erreichen kann und so zusammen mit meiner Frau eigene Kinder zeugen zu können.
Wieso üblich werden von vielen Brüdern und Schwestern medizinische Behandlungen, die nicht die Fortpflanzung betreffen, als medizinisch notwendig bezeichnet, aber sobald die Reproduktionfähigkeit/Fertilität eines Menschen gestört ist, fehlt die medizinische Notwendigkeit. Diese “Logik” bleibt mir wohl auf Ewig verschlossen!
Abschließen möchte ich mit den folgenden Zeilen:
“Der Gott, an den ich glaube, ist so groß und mächtig, dass wir Menschlein gar nicht die Macht haben, ihm reinzupfuschen. Man wird ja durch eine Behandlung in einer Kinderwunschpraxis nicht mit 100%-Sicherheit schwanger. Viele Paare verlassen die Praxis wieder ohne dass sich ihr Kinderwunsch erfüllt hat. Und wenn es wirklich Gottes Weg ist, dass eine Familie keine Kinder bekommt, dann nützt auch die beste Kinderwunschbehandlung gar nichts – sie werden kinderlos bleiben.
Aber ich glaube auch, dass Gott den entsprechenden Medizinern ihr Wissen und die entsprechende Technik gegeben hat, damit sie Paaren helfen können, die sich Kinder wünschen. Und ich denke, dass es bei manchen Paaren durchaus Gottes Weg sein kann, dass sie nur durch ärztliche Hilfe schwanger werden. Und diese Schwangerschaften sind dann für mich ein Zeichen, dass Gott immer noch Wunder tut. Auch hierdurch kann Gott doch seine Macht und Herrlichkeit zeigen.”
Das hätte von mir sein können, ist es aber nicht, sondern aus der Diskussion “Gebetsanliegen: Schwanger werden Nr.5, von Ano 1“.
Aktion Kinderwunsch
Rebella schreibt:
Sonntag, 18 Januar 2009 um 23:07
Hallo Remis,
die Kirchen haben es schon immer verstanden, insbesondere über Verbote im sexuellen Bereich Macht über die Menschen auszuüben. Heute machen sie sich z.B. mit dem Verbot von Kondomen nur noch lächerlich. Aber ein Fortpflanzungsverbot bei Menschen, die zur Realisierung ihres Kinderwunsches medizinische Hilfe brauchen, das zieht auch heute noch. Warum sollten die Kirchen auf diesen Machtkick verzichten?
Deine Annahme: “die Autoren haben sich mit der Thematik der assistierten Befruchtung der Reproduktionsmedizin nicht auseinandergesetzt. ” trifft gewiß nicht zu. Die wissen schon genau Bescheid. Das ist alles Absicht. Und natürlich müssen sie ihre Dogmen vertreten. Das müsste dir als gläubiger Christ doch einleuchten. Oder bricht es dir nicht das Herz, wenn jemand die Jungfräulichkeit der Maria mit einer widerlichen assistierten Befruchtung in den Dreck zieht?
**************
Liebe Rebella,
nein, ich teile deine Ansichten definitiv nicht! Sie sind unzulässig pauschalisierend und meiner Überzeugung nach geradezu verleumderisch! Du wirfst hier ein wenig sehr “die Kirchen” in einen Topf. Es gibt viel mehr als nur die RKK und die ev. Landeskirchen. Außerdem wäre es mir neu, daß die protestantischen Landeskirchen ein Verbot von Kondomen ausgesprochen hätte. Aber was die ev. Landeskirchen machen, interessiert mich als Baptist eher nicht. Im übrigen unterscheiden sich die protestantischen Landeskirchen signifikant von den Strukturen der RKK. Die RKK hat eine zentralistische Struktur “von oben herab”. Im Gegensatz zu den Landeskirchen, die vom Prinzip her äußerst demokratisch sind mit von den Mitgliedern gewählten Gemeindekirchenräten, die auch Personalentscheidungen treffen! Noch ausgeprägter ist dieses Prinzip in evangelisch freikirchlichen Gemeinden.
Mit besten Grüßen, remis
Keine Antwort von Mathias Peer | Dies und das, Gesellschaft | Aktuelles zum Thema Kinderwunsch schreibt:
Montag, 19 Januar 2009 um 00:21
[...] hat in seinem Tagebuch einen Artikel über Gottes Willen und die Reproduktionsmedizin geschrieben. Das Thema “Dignitas personae” aus Sicht eines gläubigen Christen beleuchtet zu [...]
reaba schreibt:
Montag, 19 Januar 2009 um 10:11
hallo remis,
ich weiß nicht viel über protestantische freikirchler, aber ist das nicht im weiteren sinne der verein, dem auch george w. bush angehört?
unter ihm sind in den USA bedauerlicherweise freiheiten der reproduktionsmedizinischen maßnahmen eingeschränkt worden…
LG reaba
Rebella schreibt:
Montag, 19 Januar 2009 um 17:01
Lieber Remis,
du schreibst doch oben explizit über “Dignitas Personae” und “Donum Vitae” und beist der Meinung, die Autoren dieser Schriftstücke hätten sich nicht ausreichend mit der Repromedizin auseinander gesetzt. Und es geht hier um Schriftstücke der katholischen Kirche.
Mag sein, dass die ev. Kirche es nicht ganz so streng vorschreibt, aber insgament nimmt die ev. Kirche ebenfalls eine sehr ablehnende Haltung gegenüber der Repromedizin ein, wie es z.B. hier dokumentiert ist: http://www.klein-putz.net/forum/viewtopic.php?t=10690&start=0 Und wie hält es denn deine Freikirche? Ich hatte schon mal eine Diskussion mit einer Frau, die sagte, ja, die Freikirchen wären da viel besser. Da haben wir dann mal näher hingeschaut und siehe da, assistierte Befruchtungen waren auch da nicht erwünscht.
Und wenn ihr auch meint, in einem eigenen Rechtssystem freier zu sein, so seid ihr bzw. sind deine Glaubenskommulitonen doch recht unfrei in den Fesseln christlicher Ideologie.
remis schreibt:
Montag, 19 Januar 2009 um 18:51
@Reaba: Ja, soweit ich weiß gehört auch Schorsch Dabbelju einer baptistischen Gemeinde an. Aber die Ansichten vieler konservativer evangelikaler Christen teile ich nicht. Was ich von G.W. halte behalte ich aus Gründen der Höflichkeit für mich. Jede einzelne Gemeinde hat eine unterschiedliche Strömung. In einer russlanddeutschen Gemeinde wäre sicher auch nicht mein Zuhause – daher kommen z.B. häufiger die “baptistischen Schulverweigerer”. Aber lassen wir das, ich habe im Moment einfach keinen Nerv mich Vorurteilen aufgrund von Unwissenheit (die ich auch hatte bevor ich mich damit intensiver beschäftigte) auseinanderzusetzen. Nichts für ungut, aber die Welt der Baptisten, wie ich sie kenne, ist wesentlich bunter als die vieler Gemeinden mit übergeordneten Strukturen. Das Wesentliche, was sie alle vereint, ist die Glaubenstaufe (statt Kindertaufe) und die Besinnung auf das Evangelium.
@Rebella: Du amüsierst mich. Selten habe ich so gelacht über eine von falschen Vorurteilen geprägte Meinungsäußerung. Verschone mich bitte mit weiteren Kommentaren zum Thema Glauben in diesem Blog.
Reaba schreibt:
Dienstag, 20 Januar 2009 um 09:26
@remis
für die schwachen nerven empfehle ich dann mal ein schönes vitamin B präparat…auch nicht ungünstig für die sonstigen probleme im männlichen kiwu-bereich
es ist nicht mal ein vorurteil, denn dafür müsste ich irgendwelche kenntnis über vertiefte inhalte des baptistischen glaubens haben. dem ist nicht so.
und obwohl ich schon B12 und B6 nehme hab ich da auch keinen nerv zu mir diese anzueignen.
da du dich aber relativ aufgenommen fühlst in deiner religion, ist es auch nicht an mir das zu kritisieren….unterschwellige kritik höchstens an “W”, das stimmt. immerhin hat er politische entscheidungen auch religiös rechtfertigt (irak-krieg).
nur noch eine religiöse frage: besinnung auf welches evangelium denn..?
gibts ja mehr von…
remis schreibt:
Dienstag, 20 Januar 2009 um 09:44
@reaba:
Ich habe da ein unverschämt teures Präparat, das neben diversen Spurenelementen und “Mikronährstoffen” auch Vitamine – u.a. B6 & B12 – enthält.
Deine Kritik an G.W. teile ich sicher in großen (allen?) Teilen. Wie man Mord, was anderes ist meiner Überzeugung nach Krieg nicht, mit der Bibel rechtfertigen kann wird mir ewig ein Rätsel bleiben! Auch ist in den baptistischen Grundprinzipien eine klare Trennung von Kirche und Staat festgelegt – übrigens der entscheidende Grund warum Baptisten auf die Eintreibung von Kirchensteuer verzichten!
Für mich ist es vollkommen unverständlich wie ein Politiker unmoralisches und unethisches Handeln mit seinem Glauben begründen und sich dann selber noch im Spiegel angucken kann.
Die vier Evangelien bilden einen gemeinsamen Kanon, der über das Leben und Wirken Jesu Christi berichtet, insofern nicht voneinander trennbar. siehe auch…
http://de.wikipedia.org/wiki/Evangelium_(Glaube)
http://de.wikipedia.org/wiki/Evangelium_(Buch)
Viele Informationen findest du auch hier: http://www.baptisten.org/
Liebe Grüße, remis
remis schreibt:
Dienstag, 20 Januar 2009 um 15:15
@reaba: Ich habe gerade mal nachgesehen, G.W. ist Methodist, nicht Baptist – frag mich jetzt bloß nicht nach dem Unterschied! Baptistische Präsidenten nach dem 2. WK waren Harry S. Truman, Jimmy Carter und Bill Clinton (Hillary Clinton ist übrigens Methodistin).
Reaba schreibt:
Dienstag, 20 Januar 2009 um 17:18
@remis
danke für die zusätzlichen infos!
bleibt zu sagen: armer billy …
LG reaba
firegirl schreibt:
Freitag, 28 August 2009 um 22:27
Hey danke für den link wahr sehr informativ. bis zum nächsten mal