Der letzte Versuch


Geschrieben von Lakritzschnecke am Freitag, 2. Mai 2008

Die Überschrift impliziert es ja schon: der letzte Versuch! Klingt endgültig - ist es auch, so oder so.

Seit fast drei Jahren versuchen wir, schwanger zu werden. Na ja, ich will schwanger werden und mein Mann trägt das Seine dazu bei. Weiß ja jeder, was das ist.

Wir sind ein bisschen spät dran und haben inzwischen beide die 4 vor dem Alter. Wir haben uns auch erst mit Mitte dreißig kennengelernt, hatten also auch wenig Zeit zum »Üben«. Manchmal braucht man eben ein wenig länger, um den, die, das Richtige(n) zu finden. In den vorherigen - teils auch langjährigen - Beziehungen war für uns beide ein Kind nie ernsthaft Thema.

So, und nu’ sind wir »alt«. Zu alt für ein Kind? Ich denke, die aktuelle Lebenserfahrung lehrt, dass das heutzutage nicht mehr so ist. Wir befinden uns in bester und teilweise prominenter Gesellschaft: Nicole Kidman, Marcia Cross, Bärbel Schäfer, Birgit Schrowange, Cherie Blair usw. Warum also nicht auch ich?

Nachdem wir noch vor rund zwei Jahren dagegen waren, eine künstliche Befruchtung in Betracht zu ziehen, haben wir unsere Meinung dann doch geändert, nachdem es einfach auf »herkömmlichem« Wege nicht klappen wollte. Genauso ist man dann auch bereit, wie wir festgestellt haben, das ursprünglich festgesetzte Höchstalter nochmal nach oben zu schrauben, wenn man es erreicht hat. Ich verbuche das unter dem Stichwort: menschlich.

Nun also doch künstlich. Nach einem Besuch bei einem Reproduktionsbiologen (schönes Wort, oder?) vor Ort, waren wir eher abgeschreckt. Der gute Mann widersprach sich in seinen Äußerungen selbst (1. Termin: »In Ihrem Alter ist nur noch jeder 6. Zyklus auf Schwangerschaft ausgelegt.«; 2. Termin: »In Ihrem Alter ist nur noch jeder 24. Zyklus auf Schwangerschaft ausgelegt.« Hmm … weiß der, was er sagt, geschweige denn tut?), ging nicht auf meine Fragen ein oder vermittelte mir bei seinen Antworten den Eindruck, dass ich ja doch keine Ahnung habe. Stimmt, aber ein mündiger und erwachsener Mensch bin ich trotzdem. Außerdem geht es hier um meinen Körper. Jedenfalls blieb es dort bei zwei Besuchen und das Thema wurde erstmal ad acta gelegt.

Dann hörte ich vor wenigen Wochen von einer Freundin über eine Fernsehdokumentation, in der darüber berichtet wurde, dass »irgendwo im deutschsprachigen Ausland« (leider waren ihre Infos sehr dürftig) die Chancen aufgrund der Gesetzeslage deutlich höher seien als in Deutschland. Google sei Dank - schnell gefunden. Es konnte nur Österreich sein. (Wie gut, dass es nicht Nepal oder Takatukaland war! Österreich ist ja von hier noch recht gut erreichbar.)

To make a long story short: Kontakt aufgenommen und am 25. April hingefahren. Start des Medikamentenexzesses (im Fachjargon: Stimulation) ist der nächste Zyklus.

Es geht los …

Der Start war recht problematisch. Es ging los am 1. Mai, dem arbeitsfreien »Tag der Arbeit«. Der österreichische Doc hatte mir schon eine ordentliche Portion Medikamente mitgegeben, außerdem Rezepte für die anderen, die ich in Deutschland besorgte. Am entsprechenden Abend schüttete ich dann den ganzen Haufen auf meinem Bett aus, um mir die aktuell nötigen zusammenzustellen … und hoppla: zwei fehlten. Zum einen Femibion, ein Folsäurepräparat, und Clomifen. Femibion hatte ich glücklicherweise selbst noch im Arzneischrank stehen aus der Zeit, als mein Gynäkologe und ich es noch nicht auf die »harte Tour« versucht hatten. Mit Clomifen wurde es schon schwieriger, besonders, da es rezeptflichtig ist. Drei Telefonate mit drei Notapotheken, von denen es lediglich eine hatte, jedoch ohne Rezept nicht herausgab. Das hatten wir aber nicht. Wir versuchten, einen befreundeten Arzt zu erreichen. Mailbox. Ich war inzwischen völlig entnervt. Hin- und herüberlegt und dann dem Arzt in Österreich auf Handy eine Nachricht hinterlassen. Er meldete sich kurz darauf zurück und faxte uns das Rezept.

Zunächst hatte ich ja ein wenig Angst davor, mir selbst Spritzen zu setzen. In der Anwendung stellte sich dann aber heraus, dass unter dem Berg der vorhandenen Medikamente »Agnumens«, ein pflanzliches Präparat zur Zyklusregelung, weitaus schrecklicher war. 40 Tropfen (etwa ein EL) jeden Tag - der Geschmack haut den stärksten Eskimo vom Schlitten! Zur Linderung habe ich dann schnell ein Lakritz oder ein Stückchen Schoggi hinterher eingeworfen. Am ersten Abend klappte auch alles recht gut, am zweiten jedoch war ich offensichtlich immer noch sehr nervös im Handling, rutschte beim Öffnen der Spritze ab und schrammte mir über eine Fingerkuppe, die in einem Sekundenbruchteil steinhart wurde und anschwoll. Nachdem ich mich halbwegs wieder beruhigt hatte, wollte ich die Spritze setzen - voll war sie ja immer noch. Ich setzte also an, drückte durch … und an den Seiten spritzte alles heraus. Offenbar hatte sich bei der Aktion also der Aufsatz mit der Injektionsnadel gelöst. Ich stand inzwischen so neben mir, dass ich meinen Mann bat, eine neue aufzuziehen, mit der es dann endlich klappte. Und von da an gab’s auch keine weiteren Schwierigkeiten (dabei) mehr.

Das nächste Problem tauchte dann auf, als der 1. Ultraschalltermin anstand: natürlich ein Sonntag. Bingo! Außerdem waren wir an diesem Tag 90 km entfernt zu einer Konfirmation eingeladen. Somit sah man Sonntagmorgen um 9 Uhr im Krankenhaus ein piekfein gekleidetes Paar sitzen, welches unmittelbar nach der Untersuchung der weiblichen Hälfte durchstartete, um noch an der Restfeier teilnehmen zu können. Der Krankenhausgynäkologe zog im Übrigen etwas die Augenbraue hoch, als er hörte, dass am Sonntag ein US-Termin sein sollte - was wiederum mich wunderte, denn so seltsam sollte einem Gynäkologen das doch nicht erscheinen, dachte ich. Aber vielleicht muss man für dieses Verständnis »Reproduktionsbiologe« sein.

Die Enttäuschung kam spätestens mit dem zweiten Ultraschall, der lediglich einen Follikel offenbarte. Nach einem Telefonat mit dem Arzt in Österreich fiel die Entscheidung, dass die Chance mit ca. 10 % zu gering sei, als dass wir dafür hinfahren sollten.

Leerlauf
28.05.08

So, gerade wieder die Periode hinter mir gelassen. Jetzt geht es erst im Juli weiter. Bis dahin muss ich ein Präparat mit Namen DHEA nehmen, das - wieder mal - in Deutschland (zumindest in Nordrhein-Westfalen) nicht zu bekommen ist. Das verkompliziert die Sache immer wieder: Häufig sind die Verordnungen vom Doc aus Österreich hier nicht zu haben. Das DHEA habe ich mir jetzt von der Praxis schicken lassen.

Im Moment habe ich allerdings den Eindruck, dass sich gar nichts bewegt …
Jeden Tag nehme ich ein Tablettchen DHEA, das offenbar nicht mal ein wirkliches Medikament ist - das isses! Und ansonsten warte ich auf den Juli. Ich hab’ ja Zeit ohne Ende …

Weiter geht’s

Ab 14. Juli habe ich Urlaub genommen. Da meine Regel ihren Namen nicht verdient, sprich: alles andere als regelmäßig kommt, kann ich das Eintreffen der nächsten nur schätzen. Und da ich gleich am ersten Zyklustag in der Klinik in Salzburg zum Ultraschall sein soll, wird das interessant. Aber: wir schaffen erstaunlicherweise fast eine Punktlandung, so dass ich wenigstens am zweiten Zyklustag vor Ort bin. Diesmal wollen wir es ruhiger angehen lassen, für alle Untersuchungen vor Ort bleiben und einen kleinen Urlaub mit der Behandlung verbinden.

Der erste Ultraschall sieht gut aus. Mehrere kleine Follikel. Kleines Hurra! Im Gegensatz zum letzten Mal, als sich trotz Stimulation lediglich einer gebildet hatte.

Wenige Tage später sieht es schon anders aus: wieder ist lediglich ein brauchbarer Follikel übrig. Die anderen haben sich nicht weiterentwickelt. Und wir überlegen mit der Ärztin, wie es weitergehen soll. Abbruch kommt diesmal nicht wieder in Frage. Wir entscheiden uns für die Insemination, die eine Wahrscheinlichkeit für eine Schwangerschaft von enttäuschenden 10 Prozent bietet. Dann geht alles sehr schnell. Der vierte US-Termin zeigt schon einen recht gut ausgebildeten Follikel; dann noch Blutabnahme, um zu sehen, ob die Werte den bevorstehenden Eisprung zeigen. Meine telefonische Nachfrage am Mittag ergibt, dass noch am selben Nachmittag die Insemination vorgenommen werden kann/muss. Also zweiter Besuch an diesem Tag, dem 23.07.08. Mein Liebster spendet seinen kostbaren Samen und wir verschwinden erstmal wieder, für anderthalb Stunden, in denen er aufbereitet wird (der Samen, nicht mein Schatz). Danach stehen wir dann zum dritten Besuch an diesem Tag auf der Matte. Die Insemination selbst ist überraschend unproblematisch und völlig schmerzfrei. Wenigstens das!

Nachdem wir nun nichts mehr tun können und auch keine weiteren Praxistermine mehr anstehen, hält uns nichts mehr in Salzburg bzw. Bad Reichenhall, wo wir einquartiert sind. Das Wetter ist absolut trostlos, regnerisch und kalt, und zu Hause soll es deutlich besser sein. Wir beschließen, am Samstag zu fahren. Freitagmorgen kommt uns selbst das noch zu lang vor; wir packen also spontan, zahlen und verschwinden.

Jetzt heißt es: warten! Am 08.08.08 (vielleicht bringt das Datum ja Glück) wird dann das Ergebnis über einen Blut-Schwangerschaftstest festgestellt. Aber wie gesagt: es besteht eine 10-prozentige Chance, dass es klappt. Aber Hoffnung ist ja auch erstmal schön, selbst wenn sie noch so gering ist.

08.08.08

Der Tag mit der Schnapszahl hat uns kein Glück gebracht. Bereits am 07.08. ist durch Schmierblutungen absehbar, dass am nächsten Tag die Periode da sein wird. So war’s dann auch. Wenigstens habe ich mich nicht zu sehr darauf versteift und war mir immer der geringen Chance bewusst. Ich war also nicht völlig am Boden zerstört.

Nach einem Gespräch mit meinem Gynäkologen vor Ort und einem Telefonat mit der Ärztin in Österreich (in deren Hände ich nun sozusagen übergegangen bin, da der Doc, der zunächst meine Betreuung inne hatte, in Urlaub ist), haben die beiden Fachleute dann nach dem Wochenende miteinander telefoniert.

Inzwischen ist wieder eine große Kiste mit Medis aus Österreich bei mir eingegangen - für den unwiderruflich letzten Versuch. Wenn der scheitert (wovon mein Liebster und ich eigentlich schon ausgehen - aber was sollen wir sonst mit unserer Kohle anfangen?), wird’s nochmal richtig traurig für uns, denn das war’s dann wirklich mit dem Kinderwunsch. Viel Geld für nichts, außer eines kleinen Hauchs Hoffnung.

Andererseits: Wir haben doch noch Zeit satt! Heute fand sich in der Tageszeitung ein Bericht über eine Inderin, die mit (geschätzt) 70 noch glückliche Mutter von Zwillingen geworden ist. So what? Da haben wir doch locker noch 29 Jährchen der Versuche und des Geldausgebens vor uns.
Die Eltern waren übrigens über die Tatsache, dass eines der Kinder ein Mädchen war, wenig erfreut.
Da schüttelt der - ungewollt kinderlose - Mitteleuropäer nur fassungslos den Kopf.

Aber das nur am Rande. Ich bereite mich nun auf den nächsten Durchgang im September vor. Im August passt es zeitlich nicht bei uns rein. Zwischendurch müssen wir ja auch mal arbeiten, und uns wird auch diesmal wieder ein mehrtägiger Aufenthalt in Österreich bevorstehen.

3. Runde

Inzwischen ist September und wir sind wieder in Österreich - und das nun schon seit fast zwei Wochen. Mit einem so langen Aufenthalt hatten wir nicht gerechnet, da die Insemination beim letzten Mal schon am 9. Zyklustag gemacht worden ist. Ich habe glücklicherweise einen verständnisvollen Chef, der kein Theater gemacht hat, als ich zwischendurch ankündigen musste, eine Woche länger bleiben zu müssen.

Gestern war nun die Punktion. Nachdem bei den ersten beiden Versuchen sich jedesmal nur ein brauchbarer Follikel gebildet hatte, waren wir schon regelrecht begeistert, dass sich jetzt vier entwickelt hatten. Leider konnten nur 3 punktiert werden und die Auskunft heute war, dass lediglich zwei befruchtet wurden. Die Möglichkeit auf den dritten soll allerdings noch bestehen. Montag findet nun der Transfer statt und danach geht es direkt von der Praxis aus endlich, endlich wieder nach Hause. Wir halten es hier nur noch schwer aus. Man hängt im Hotelzimmer rum oder versucht, sich die Zeit mit Kino, shoppen (dabei ist die ganze Geschichte auch so schon teuer genug!) oder spazieren etc. so gut wie möglich zu vertreiben, aber man ist eben nicht zu Hause. Da hat man doch immer andere Möglichkeiten - und es geht nicht so viel Urlaub drauf, zumal das Wetter hier am Alpenrand auch nicht so doll ist zurzeit.

Aber wir wollen nicht jammern. Montag werden unsere »Zwilinge« eingesetzt und die nehmen wir dann mit. Was draus wird … hoffen, Daumen drücken und abwarten. Zumindest sind wir nun deutlich weiter als bei den beiden vorherigen Versuchen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Und wenn es dann doch nicht klappt, habe ich immer noch meinen wunderbaren Schatz, der nach wie vor mein absoluter Traummann ist. Wir leben jetzt gut und daran würde sich ja dann auch nichts ändern.

Zuhause

Seit gestern Abend sind wir endlich, endlich wieder zu Hause. Gestern Vormittag war Einzug unserer Kleinen. Erfreulicherweise hatte sich der 3. punktierte Follikel tatsächlich noch befruchtet. Wir konnten uns also über zwei Acht- und einen Vierzeller freuen und haben uns - anders als immer geplant - doch entschieden, alle einsetzen zu lassen. Das Risiko einer Drillingsschwangerschaft sollte sehr gering sein. Ich habe der Ärztin schon angekündigt, dass sie ansonsten für das dritte zahlen muss. Jetzt heißt es warten. Am 6. Oktober steht der BT an. Aber mein Gefühl ist (warum auch immer) nicht gut. Dafür ist mein Liebster jetzt zuversichtlich - er lässt mich schon jetzt maximal noch einen Briefumschlag tragen - und den auch nur, wenn er leer ist, was ich einerseits witzig, andererseits total süß finde.

30.09.08: Noch 6 Tage …

01.10.08: Noch 5 Tage …

02.10.08: Noch 4 Tage …

03.10.08: Noch 3 Tage …

04.10.08: Noch 2 Tage …

05.10.08: Noch 1 Tag …

06.10.08: Negativ!


6 Kommentare zu “Der letzte Versuch”

  1. Dragessa am 28. Mai 2008 9:56 nachmittags

    Hallo,

    wünsche dir viel Glück - ich bin auch eine mit einer 4 vorne und versuche es noch immer - unsere Geschichte ähnelt der eueren und wer weiß wann der Versuch wirklich der letzte sein wird?

    Alles Gute Barbara

    DHEA ist übrigens ein Hormonpräparat, dass das “Eizellenmaterial” verbessern sol - kannst du auf der Homepage von Dr. Zech in Ö nachlesen und dass sie vor allem Frauen über 40 verordnen!

  2. Renate am 28. Juli 2008 9:37 vormittags

    Ich hoffe es hat geklappt…..viel Kraft und Mut auf eurem Weg.
    Renate

  3. Rubin80 am 21. September 2008 6:33 nachmittags

    ich drücke euch die Daumen dass es klappt! *dd* *dd* *dd*
    Ganz liebe Grüße,
    Rubin

  4. geschafft am 23. September 2008 1:50 nachmittags

    Hallo liebe Lakritzschnecke, ich drücke auch. *dd* Warum schreibst du nicht immer neue Einträge…das wäre für die Neugierigen unter uns *pfeif* leichter zu lesen. ;) LG, Tina

  5. Rubin80 am 6. Oktober 2008 1:23 nachmittags

    Scheiße! *still* Das muss mal deutlich gesagt werden. *troest*
    lg Rubin

  6. Lakritzschnecke am 6. Oktober 2008 2:49 nachmittags

    Danke an alle, die sich für mein Tagebuch interessiert und mir teilweise so nette Kommentare hinterlassen haben. Ihr seid klasse!

    Wir werden jetzt versuchen, uns mit der Situation abzufinden, was sicherlich ein Weilchen dauert.

    Allen, die noch Hoffung haben, drücke ich weiter ganz fest die Daumen und wünsche ihnen mehr Glück als wir hatten!

    Tina

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