Yes! YES YES YES YES YES!!!

Geschrieben am Donnerstag 24 September 2009 von Tastentiger

Ich fühl mich wie ein Champion! Bin grade schon zweimal luftgitarrespielend durch die Wohnung gerockt. Jippiee! Was für ein Sprung nach vorne!

Ich meine jetzt nicht mein Buch. Das läuft, naja, sagen wir mal: eher schleppend. An mir liegt’s nicht! Ich bin soweit mit allem fertig. Aber im Verlag brennt halt die Hütte so kurz vor der Buchmesse und da gibt’s viel zu tun. Ob der Erscheinungstermin zur Messe noch klappt, steht in den Sternen. Aber auf ein paar Wochen hin oder her soll’s jetzt auch nicht mehr drauf ankommen.

Nein, der Höhenflug meiner Gefühle rührt von etwas ganz anderem her. Eines meiner Hobbys ist es ja, regelmäßig das medizinische Labor meines Vertrauens zu besuchen. Manche gehen alle sechs Monate zur Wahrsagerin oder zum Schönheitschirurgen, ich wackle jedes halbe Jahr ins Zimmer mit der nüchternen Atmosphäre und lass mal schauen, was die Buben da unten so treiben. Grade kam der Befund ins Haus geflattert und es ist etwas Unglaubliches passiert: Ich leide nicht mehr unter Oligoasthenoteratozoospermie, sondern nur noch unter Asthenoteratozoospermie. Das “Oligo” hab ich mal so eben weggeschiggt. Heißt im Klartext: Was die Spermienanzahl angeht, habe ich die WHO-Grenze geknackt, oh Baby! Wenn das so weiter geht, bin ich in drei Jahren so fruchtbar wie Zuchteber Power-Paule von der Schweinebesamungsstation Hückeswagen.

Wirklich zeugungsfähiger bin ich dadurch natürlich nicht geworden. Die Bande ist nach wie vor recht fußlahm, will nicht so recht weg vom Fleck, und ganz schön zerbeult schaut der Großteil immer noch aus. War ich vorher super duper unfruchtbar, bin ich jetzt nur noch super unfruchtbar. Ist also so was wie der Aufstieg von der Kreisklasse in die Verbandsliga, die Champions League ist da schon noch ne Ecke von entfernt. Aber ich will mich nicht mit der Champions League messen. Das Wichtigste ist: Es passiert etwas. Und zwar in die richtige Richtung. Darüber freue ich mich. So wie jemand, der abnehmen will, und es endlich unter eine bestimmte Gewichtsgrenze geschafft hat. Dadurch wird man nicht automatisch so aussehen wie Heidi Klum. Aber zu sehen, dass Bemühungen fruchten, das tut unheimlich gut.

So – ich dreh jetzt nochmal die Anlage ordentlich auf!

Samstagmorgen…

Geschrieben am Samstag 22 August 2009 von Tastentiger

…und ich sitze gähnend im graurotkarierten Schlafanzug mit Wuschenlhaaren und Drei-Tage-Bart auf dem Sofa. Eine Tasse Kaffee rechts von mir, ein dicker Ordner links von mir. Ich habe heute früh schon richtig was gearbeitet. Den ganzen Vorsteuerquatsch erledigt. Ich bin ja jetzt Unternehmer, wie ich in letzter Zeit in Gesprächen immer wieder gerne betone. Gründer, Geschäftsführer, Konzernlenker, Leistungsträger, der mit Mut und Weitsicht in der größten Wirtschaftskrise aller Zeiten eine Firma gegründet hat. Ha! Das soll mir erst mal einer nachmachen!

Also verkauft hab ich halt noch nix bis jetzt. Umsätze = 0,00 EUR. Das einzige Geld, das reinkommt, sind Steuererstattungen vom Staat. Man könnte sagen: Die Bundesrepublik Deutschland ist mein wichtigster Geschäftspartner im Moment. Aber das wird sich ändern. Gleich einer schwangeren Frau, die auf das Einsetzen der Wehen wartet, warte ich auf meine Korrekturabzüge. Mitte August seien sie da, hieß es. Ich bin also praktisch schon über Termin! Jeden Tag renn ich zum Briefkasten, bisher vergeblich. Sobald die Abzüge da sind heißt es lesenlesenlesen und dann zurück zum Verlag damit und zackzack in die Druckerei. Und dann ist es da – mein erstes Buch, mit dem ich zweieinhalb Jahre schwanger ging.

Da sind ja selbst Elefanten noch schneller!

Vor einem Jahr hätte ich nicht gedacht, dass das so kommen würde. Damals war alles ziemlich chaotisch und durcheinander, zwei missglückte ICSIs, zerbeultes Privatleben, desorientiert, desillusioniert, entwurzelt. Jetzt habe ich wieder Ziele, Aufgaben, stehe mit meinen Füßen auf dem Boden, fester, geerdeter – und ohne Kinder.

Das Leben läuft wieder. Wie wird es wohl in einem Jahr sein?

…und nochmal unterschreiben.

Geschrieben am Dienstag 4 August 2009 von Tastentiger

Den Betriebseröffnungsbogen. Ich bin jetzt Unternehmer. Der Geschäftszweck meiner Unternehmung besteht darin, Bücher und Texte zu schreiben. Also natürlich nur nebenberuflich. Erstmal. Aber immerhin! :-) Wieder ein Schrittchen weiter…

Unterschrieben.

Geschrieben am Mittwoch 29 Juli 2009 von Tastentiger

Den Autorenvertrag. Ich bin jetzt Schriftsteller. Sozusagen. “Wir sehen uns dann im Oktober in Frankfurt auf der Buchmesse”, meinte mein Verleger zum Abschied (ich hab jetzt einen Verleger – wie cool!). Dort soll mein Buch vorgestellt werden. Wenn alles glatt geht, ist schon eine ziemlich knappe Zeitschiene. Aber ich bin guter Hoffnung. Für unter den Weihnachtsbaum reicht’s auf jeden Fall. Wer jetzt schon eins vorbestellen will: http://www.baby-alarm.info .

Verlagsmenstruation

Geschrieben am Dienstag 14 Juli 2009 von Tastentiger

Die Sonne scheint von der Seite durch die großen Scheiben des Starbucks einer deutschen Landeshauptstadt. Manchmal. Dann gießt es wieder wie aus Kübeln. Kalt ist es sowieso. Deutschland – ein Sommermärchen. Keine Bezeichnung passt hierzulande besser auf diese Jahreszeit. Von hinten brüllt ab und zu jemand, als hinge sein Leben davon ab: “Grande Latte…” und danach folgt irgendein Kauderwelsch aus ChaiSoyVanillaSkimmilk oder so. Das gehört sich hier so. Das hab ich mitbezahlt. In meinem Fall war es ein “Tall Latte Vanilla” und dazu ein “Lemon Loaf Cake”. Den esse ich immer im Starbucks. Hat ungefähr den Nährwert eines XXL-Schnitzel mit Pommes, danach brauch ich nichts mehr für den Tag.

Bevor der Kuchen mit dem Verdauen dran ist, sind es die Gespräche, die ich in den letzten Tagen hatte, an der Reihe. Fazit: Wer zwei Jahre Kinderwunschbehandlung hinter sich hat und wider Erwarten immer noch nach Herausforderungen lechzt, kann ja mal versuchen, ein Buch verlegen zu lassen. Das ist nämlich die nächste Verschärfungsstufe.

Nicht, dass es unmöglich wäre. Gibt ja schließlich genug Bücher auf der Welt. Kinder ebenso. Aber bis es mal soweit ist – “eher erstürmen meine Spermien die Eizelle, als ich die Bücherregale”, denke ich mir in Anlehnung an ein bekanntes Bibelzitat. Na ja, ich will sehen, was die Zeit bringt. Ein Zyklus dauert vier Wochen und so ähnlich ist das auch mit den Verlagen. Du schickst etwas hin — vier Wochen warten. Sie schicken dir was zurück — dann hast du vier Wochen was zu tun. In diesem Sinne: Ich hab meine Mens für Juli hinter mir, morgen geh ich erst mal schwimmen.

Labor-ieren

Geschrieben am Mittwoch 4 Juni 2008 von Tastentiger

Es ist Freitagfrüh und ich bin nervös.

Heute Abend ist der Gig auf dem Stadtfest. Bassist ist krank, hatte heute Morgen noch über achtunddreißig Grad Fieber, will aber trotzdem spielen. Kann wegen allgemeinem Schwächezustand logischerweise seine Bassanlage nicht selbst aus dem Proberaum holen, muss ich vorher noch machen. Die passt aber nicht mehr in mein Auto rein, ich brauch dazu den Firmenbus. Der ist aber reserviert bis fünfzehn Uhr, zu diesem Zeitpunkt sollte ich aber schon Bassanlage inklusive meinem Kram drin haben, mit zwei Fahrzeugen gleichzeitig fahren kann ich nicht und unsere Sängerin muss ich auch noch vorher abholen.

Ich kurve durch die engen Gässchen der Weststadt, die linke Hand am Steuer, die rechte hält die beiden Keyboards fest, die auf dem Beifahrersitz liegen. Ich suche dieses blöde Labor, um halb hab ich dort Termin, kaum zu finden in diesem Straßenwirrwarr. Äußerst gering ebenso die Chance, irgendwo einen Parkplatz zu finden für knappe fünf Meter schwäbisches Stahlblech. Und irgendwas arbeiten sollte ich heute natürlich auch noch. Heute ist Freitag, da muss alles gemacht werden, was die Woche über nicht fertig oder vor mir her geschoben wurde. Und das ist, wie immer, nicht gerade wenig.

Hauptsache, dieser Bus ist bis um drei da.

Endlich finde ich Labor und Parkplatz und betrete das Gebäude. Das Labor ist Teil eines großen Ärztehauses. Der zentrale Empfang befindet sich im Erdgeschoss und steht in Puncto Betriebsamkeit dem Parkett des New York Stock Exchange nur wenig nach. Vier Arzthelferinnen schwirren hinter der Theke hin und her, versorgen Patienten persönlich oder am Telefon, der Lautstärkepegel ist enorm, Ärzte kommen angerannt, knallen Unterlagen auf den Tisch und blaffen lateinische Wortfetzen durch die Gegend, andere Ärzte springen aus versteckten Ecken an, klemmen sich Patientenkarteien unter den Arm und verschwinden hinter irgendwelchen Türen, nachdem sie akrobatisch einem Postboten ausgewichen sind, der lustlos eine Karre mit Paketen über den Flur zieht.

“Wo issn hier das Klo?”, fragt mich ein UPS-Mann.

“Keine Ahnung, ich muss auch nur kurz hier reinspritzen und gleich wieder los”, antworte ich.

Nach fünf Minuten warten bin ich an der Reihe. Ich zeige meine Überweisung und muss als erstes einen in deutsch und türkisch gehaltenen zweisprachigen Fragebogen ausfüllen. Alkohol, Kippen, Erbkrankheiten, letzter Orgasmus und solche Sachen. Noch bevor ich in Ruhe herausfinden kann, was “Orgasmus” auf türkisch heißt, reißt man mir das Blatt wieder aus der Hand und schickt mich ins Wartezimmer um die Ecke.

Das Getöse des Empfangsraumes ist von hier aus kaum weniger hörbar. Vom Wartezimmer geht es direkt in ein kleines Zimmer. Die Tür ist angelehnt. “Bitte nicht stören!!!” steht auf einem selbst gebastelten Schild, das an der Tür hängt.

Aha, das ist also das berüchtigte Zimmer mit der nüchternen Atmosphäre.

Außer mir sitzt noch ein anderer Mann im Wartezimmer. Graue Haare, flott und lässig gekleidet, allerdings verraten seine Hände, dass er die Mitte fünfzig schon hinter sich gelassen haben muss. “Respekt, Kollege”, denke ich mir, “wenn ich in deinem Alter noch mal ans Kinder machen gehe, dann hab ich mich ordentlich gehalten.” Ich erinnere mich an Captain Kirks Hafenrundfahrt und mir fällt wieder ein, dass er vielleicht aus ganz anderen Gründen hier ist.

Eine Arzthelferin kommt und nimmt ihn mit in das berüchtigte Zimmer mit der nüchternen Atmosphäre. Ich schaue auf die Uhr. Woll’n mal sehen, was der Kollege für ne Zeit vorlegt. Die Tür bleibt etliche Minuten verschlossen, ohne dass die Arzthelferin wieder auftaucht.

Hm.

Was machen die da drin?

Inwiefern definiert sich die Arzthelferin als “Helferin”?

Bekomm ich denn auch eine?

Kann ich auch ihre dunkelhaarige Kollegin haben?

Die Tür fliegt auf und die junge Dame kommt rausgeschossen. Ein paar Sekunden später taumelt der Kollege hinterher. Die Farbe ist aus seinem Gesicht gewichen und er presst sich ein Stück Mull-verband in die Armbeuge.

Ach so — war nur Blut abnehmen.

Er wankt weiter zum Ausgang und ich bin allein. Jetzt muss es gleich losgehen.

Mit einem “Kommen Sie bitte mit!” rast die Arzthelferin erneut an mir vorbei. Ich trotte hinter ihr her ins Zimmer mit der nüchternen Atmosphäre. Drinnen steht ein Tischchen, ein grauer Behandlungs-stuhl der mit einer Art Einweg-Küchenkrepp bedeckt ist und eine Pflanze, die vermutlich die Aufgabe hat, für eine heimelige Wohlfühl-Atmosphäre zu sorgen.

Die Dame drückt mir einen kleinen gefüllten Kunststoff-Briefkorb in die Hand. “Hier sind Ihre Unterlagen und Ihr Becher. In der Tüte sind ein paar Zeitschriften. Bitte schließen Sie die Tür von innen ab.”

Rrrrummmmms!

Tür zu und sie ist draußen.

Ich lege den Hebel des Schlosses um.

Endlich Stille! Was ist das hier bloß für ein Narrenhaus? Geht ja zu wie im Taubenschlag. Ich werfe den Kunstoff-Briefkorb mit den notwendigen Utensilien für dieses Unternehmen auf das Tischchen.

Und nun?

Okay, dann werde ich mal loslegen. Am Besten mach ich mal genau so, wie mir geheißen. Ich öffne meine Hose und setzte mich auf den Behandlungsstuhl. Beinahe falle ich sofort wieder herunter, weil das blöde Küchenkrepp wegrutscht.

Hoppla!

Also gut, noch mal.

Vorsichtig hinsetzen!

Ich sitze.

Unbequem.

Hoffentlich bringen die den Bus rechtzeitig zurück, sonst gibt das ein Riesenchaos heute!

Oh Mann, jetzt nicht an den Bus denken, sondern loslegen. Ich bin ja nicht zum Vergnügen hier. Obwohl — irgendwie schon. Ich mach jetzt mal ganz entspannt. Ich hab ja alle Zeit der Welt. Na ja, wie man’s nimmt. Ich weiß nicht, wann der Nächste eingeplant ist. Wie lange geben die hier einem Zeit? Eine Viertelstunde? Eine halbe? Mich würde die durchschnittliche Verweildauer im Zimmer mit der nüchternen Atmosphäre interessieren. Wenn ich jetzt langsam mache und genieße, vielleicht nach zwanzig Minuten rauskomme, ist das dann lang? Denkt dann die Arzthelferin, ich wäre ein Schlappschwanz und hätte ewig keinen hoch bekommen? Sollte ich nicht lieber schnell machen? Oder denkt sie dann: “Typisch Mann, rein-raus-fertig!”?

Egal was sie denkt — los jetzt. Wie soll ich es machen? Ich mach jetzt so, wie das wohl am Einfachsten geht. Vorsichtig drehe ich mich mit geöffneter Hose auf dem unbequemen Stuhl zur Seite, damit ich nicht samt Küchenkrepp runter rutsche und angle mir die Tüte mit den Zeitschriften vom Tischchen. Ich greife rein, ziehe eine beliebige heraus und werfe den Rest zurück. Das Druckerzeugnis ist total abgegriffen, zerfleddert und fühlt sich unglaublich ekelig an. Eigentlich könnten die sich doch ein paar Abos zulegen und immer die neusten Illustrierten am Start haben. Bei einem Labor, das die Qualität von Samenzellen untersucht, kann das sicher steuerlich berücksichtigt werden, da schöpft kein Prüfer der Welt Verdacht. Ob das der Lesezirkel mit im Programm hat?

Ich drohe erneut abzuschweifen. Lauter interessante Fragen, doch in meiner Hose hat sich noch nichts Interessantes getan und darauf kommt’s ja jetzt schließlich an. In der Zeitschrift, die ich mir ausgesucht habe, wird ein Ausschnitt aus dem Leben eines blonden Mädchens namens “Nikki” in großen bunten Bildern wieder-gegeben. Zuerst Nikki alleine, dann Nikki mit ihrer Freundin beim Campen, dann Nikki mit dem Typen aus dem Zelt neben ihr, dann Nikki und ihre Freundin gemeinsam mit dem Typen aus dem Zelt neben ihr und schließlich Nikki mit Freundin und ihrem neuen Bekannten und dessen Kumpel beim Billard spielen, wo es augenscheinlich vorrangig ums Einlochen geht.

So, welches Bild macht mich denn nun am meisten an?

Hektisch blättere ich hin und her. So viel Fleisch, ich weiß gar nicht wo ich hinschauen soll. Ich bin völlig reizüberflutet, in der Hose bewegt sich nichts, ein erster leichter Schweißausbruch auf meiner Stirn. Was, wenn es jetzt tatsächlich nicht funktionieren sollte im Zimmer mit der nüchternen Atmosphäre?

Oh, da blitzt etwas auf! Was war das? Das war doch ein… tatsächlich! In Episode zwei “Nikki mit Freundin beim Campen” liegt unsere Heldin breitbeinig auf der Motorhaube eines neunundsechziger Camaros. Ist es ein neunundsechziger? Ich schaue genau hin. Ja, es ist ein neunundsechziger! Unglaublich, dieses Teil! Hier noch mal von der Seite; wunderschön die gedrungene Frontpartie, die weite Haube und die leicht ausgestellten Kotflügel. Meine Herrn, was für ein geiles Gerät…

Gedankenverloren betrachte ich die sanften Rundungen des wunderschönen Camaros.

Alles Blödsinn.

Ich werfe die Zeitschrift in die Ecke. Stuhl, Pflanze, Tittenmagazine, was für ein Nonsens! Ich schäle mich aus dem harten Sitzmöbel, zerreiße dabei den letzten Rest Küchenkrepp und laufe ein paar Schritte auf die gegenüber liegende Seite. Dort angekommen lehne mich mit dem Rücken an die Tür, lege den Kopf in den Nacken und schließe die Augen.

Bus, Auftritt, Bass-Anlage, nachher noch ins Büro, Arbeit, Zimmer mit der nüchternen Atmosphäre, Nikki, Camaro, der ganze Mist muss jetzt erst mal aus dem Kopf. Sonst wird das hier wirklich nichts.

Heute Nacht wird alles vorbei sein und dann hab ich Wochenende. Was wollen wir am Wochenende unternehmen? Samstagabend haben wir Karten für einen Ball. Das wird schön. Schon letztes Wochenende hat sie nach passenden Outfits gesucht. Das dunkelgrüne trägerlose Abendkleid war ihr zu heftig für einen Sommernachtsball. Ich lag faul auf dem Bett und sie stand vor ihrem Kleiderschrank, breitbeinig, den Rücken zu mir gedreht, nichts an außer einem schwarzen String und hochhackigen schwarzen Schuhen. Die Hände in die Hüften gestützt musterte sie kritisch ihre Garderobe. Die blonden langen Haare waren flugs zu einem wirren Knoten hochgesteckt, etliche Strähnchen fielen auf ihre nackten Schultern.

Die Erinnerung an diese Situation bewirkt ein eigenartiges Kribbeln in meinem Unterleib.

Sie überlegte einen Augenblick und griff nach einer schwarzen gerade geschnittenen Hose und schlüpfte schnell hinein. Die Hose saß eng über ihrem Po und der Schnitt machte ihre Beine noch länger, als sie ohnehin schon sind.

Ich merke, dass sich in meiner Hose etwas regt.

Sie beugte sich nach vorn und suchte nach einer passenden Bluse. Unbewusst drückte sie dabei ein Bein durch und winkelte das andere ab, was ihre Hüfte etwas zur Seite schob. Mit sanftem Schimmer fiel das Sonnenlicht auf ihre Rundungen und hinterließ einen feinen Glanz auf dem schwarzen Stoff.

Meine Hand schiebt sich langsam in meinen geöffneten Hosenbund.

Sie warf sich eine leichte rosafarbene Bluse über und knöpfte sie zu. Dann drehte sie sich um und fragte:

“Und?”

Meine Blicke musterten sie von unten nach oben. Mit leicht gespreizten Beinen stand sie fest in den sehr hohen Schuhen, die sie zum Tanzen tragen wollte, einen Fuß leicht nach außen gedreht. Meine Augen wanderten an den langen schwarzen Hosenbeinen entlang. Ihre Hände lagen lässig auf ihren Oberschenkeln, die frisch lackierten langen Nägel ließen ihre schlanken Finger noch länger erscheinen. Unter der transparenten Bluse blitzte ihr Bauchnabel-Piercing hervor und der durchsichtige Stoff gab den Blick frei auf ihre vollen runden Brüste.

“Ich zieh natürlich noch was drunter an.”

Sie führte eine Hand zum Hinterkopf, zog das schwarze Samtband aus ihren Haaren, schüttelte ihre blonde Mähne, drehte sich ein wenig zur Seite und schaute in den Spiegel.

“Was meinst du, die Haare offen oder lieber hochgesteckt?”

“Hochgesteckt”, sagte ich mit kehliger Stimme und hatte beträchtliche Mühe, das Wort über den Kloß in meinem Hals zu hieven.

Morgen Abend werden wir tanzen. Sie wird diese Hose und diese Bluse tragen und auch wenn sie “etwas drunter” an hat werde ich nicht vergessen, wie sie vor mir stand. Wir werden uns amüsieren, die Musik und die Bewegungen unserer Körper genießen, sie wird in meinen Armen liegen und ich werde den Duft ihrer Haut die ganze Zeit um mich haben. Wir werden reden, lachen, uns küssen, festhalten und mit unseren Augen und Händen den Kontakt des Anderen suchen und uns rund um gut fühlen. Irgendwann nachts werden wir nach Hause fahren und diesmal wird das Mondlicht auf dem schwarzen Stoff glänzen, wenn sie vor mir die Treppen zur Wohnung hoch läuft. Ich werde ihre Bluse abstreifen und ihre Hose öffnen, während sie mir unter Küssen mein Jackett auszieht, meinen Krawattenknoten löst und mit ihren sanften Händen unter mein Hemd fasst und mit ihren Fingernägeln über meine Brust und meinen Rücken fährt. Wir werden Richtung Bett oder Sofa stolpern und dann…

Verdammte Scheiße, wo ist dieser Becher??

Ich reiße die Augen auf und schaue mit flackerndem Blick hektisch im Zimmer mit der nüchternen Atmosphäre hin und her. Der Becher steht noch auf dem Tischchen auf der anderen Seite des Raumes, ich vergaß, ihn mitzunehmen, als ich vorhin zur Tür gegangen bin. Jetzt aber schnell, bevor alles daneben geht! Ich möchte einen großen Schritt in die Tiefe des Raumes machen, hab jedoch total vergessen, dass mir während meiner mentalen Beschäftigung mit dem vor mir liegenden Wochenende die Hose bis zu den Knöcheln runtergerutscht ist. Das einzige, was mich davor rettet, im Zimmer mit der nüchternen Atmosphäre ejakulierend auf die Fresse zu fallen, ist ein monströser Sprung aus dem Stand Richtung Tischchen ähnlich wie beim Sackhüpfen auf einem Kindergeburtstag.

Sackhüpfen!

Ich glaub, ich bin in meinem ganzen Leben noch nie so weit aus dem Stand gesprungen.

Blitzschnell schnappe ich den Becker mit der linken Hand und…

…puuuuuuuuhhhhhh! Grade noch mal gut gegangen! Ich atme ein paar mal tief durch.

Alter Schalter, das war knapp! Wenn das daneben gegangen wäre, hätte ich noch mal von vorn anfangen müssen.

Das Ergebnis im Becher beeindruckt mich nicht sonderlich. Ich muss mir eingestehen, dass ich mein selbst gestecktes Ziel, einen ganzen Putzeimer zu füllen, doch mehr als deutlich verfehlt habe. Egal, hauptsache es ist was rausgekommen. Ich schaue auf die Uhr — acht Minuten nach halb. Kam mir länger vor. Aber das ist ja ein bekanntes Problem, dass uns Männern viele Dinge länger vorkommen, als sie tatsächlich sind.

Ich ziehe mich wieder an, packe meine Sachen sorgfältig zusammen und verlasse das Zimmer mit der nüchternen Atmosphäre. Draußen schlägt mir die Hektik wieder voll ins Gesicht. Menschen rennen schreiend durcheinander, die Arzthelferin telefoniert während sie mein Kunststoff-Briefkorb in Empfang nimmt. Achtlos stößt sie dabei das gefüllte Becherchen um.

“Vorsicht, denen wird doch schwindelig!”, denke ich mir.

Sie reicht mir zum Abschied nicht die Hand. Na ja — kann ich verstehen.

Ich gehe zurück auf die Straße. Die zwitschernden Vögel begrüßen mich und die warmen Sommermorgensonnenstrahlen tanzen um mich herum.

So, das wäre erst mal geschafft!

Ich klappe mein Handy auf und schicke ihr eine SMS:

“Bin fertig! :-)

Jetzt müssen nur noch die Typen den Bus rechtzeitig zurückbringen.

Pizza & Po.

Geschrieben am Dienstag 22 April 2008 von Tastentiger

“Und?”, fragt sie mit einem besorgten Unterton, als die Tür hinter uns zufällt und wir nach draußen gehen. “Magst du noch was essen gehen? Sollen wir nach Hause fahren? Kann ich dir etwas Gutes tun?”

“Ich möchte jetzt erst mal nach Hause”, antworte ich. “Die halbe Vaseline hängt in meiner Unterhose. Das letzte Mal hatte ich so ein Gefühl, als ich in der Grundschule Durchfall hatte und es mir während des Deutschunterrichts nicht mehr zum Klo gereicht hat. Sehr unangenehme Assoziation an meine Kindheit.”

“Fünf Tage hat er gesagt, das hast du gehört, gelle?”

“Mein Hintern ist grade mit einer Mischung aus Schmiere und Blut einbalsamiert, mir geht’s mies genug, erinnere mich bitte nicht auch noch daran!”

“Ist ja schon gut — also, was möchtest du jetzt machen?”

“Hm — Pizza holen und daheim essen.”

Zwanzig Minuten und eine frische Unterhose später sitzen wir in der Küche und genießen unser Nachtmahl. “Fünf Tage” ist das beherrschende Thema.

“Ich glaub, ich werde mich in den fünf Tagen besonders sexy anziehen”, feixt sie. “Das wird eine spaßige Zeit!”

“Das wirst du nicht tun!”, antworte ich. “Am Besten fünf Tage nicht duschen, keine Haare waschen und in alten Säcken rumlaufen.”

Sie grinst. “Ich werde alles tun, um dich richtig scharf zu machen!”

“Du bist gemein!”

“Bin ich nicht! Ich denke nur an deine Untersuchung! Da muss doch auch ordentlich was rauskommen nach den fünf Tagen! Wir wollen doch nicht, dass irgendwas die Untersuchung verfälscht, oder?”

“WIR wollen das nicht, was DU darüber hinaus willst, ist ein billiges Vergnügen auf meine Kosten!”

“Du hast den Doktor gehört — nachher stehst du da drin und es klappt nicht. Und dann will ich dich nicht jammern hören!”

“Was soll da schon nicht klappen — also mal ehrlich: Wenn einer fünf Tage am Stück nicht hat und es dann nicht klappt, da könnte es doch möglich sein, dass die Ursachen für eine vermutete Infertilität auch wo anders liegen.”

“Wart ab, bis du mit deinem Becherchen im Kämmerchen stehst!”

“Ein Becherchen wird da nicht reichen!”

“Dann frag doch, ob du zwei haben kannst!”

“Weißt du was? Ich werd fragen: ‚Junge Frau, haben sie auch Putzeimer?’”

Das Klingeln des Telefons wendet eine drohende Eskalation der Situation gerade noch rechtzeitig ab. Es ist ihre Mutter. Das kann dauern. Ich ziehe mich mit einem Stück Pizza aufs Sofa zurück.

Fünf Tage…

Ich überlege, wann ich das letzte Mal fünf Tage “ohne” war. Da gab’s mal ein Zeltlager, als ich sechzehn war. Acht Nächte nur im Zelt schlafen, den ganze Zeit unter freiem Himmel, Toilette war ein selbst gebauter Donnerbalken im Wald, gewaschen haben wir uns nicht. Wenn jemand eine gewisse Schwelle bezüglich Körpergeruch überschritten hatte, welche von der Gruppe als “gerade noch akzeptabel” festgelegt wurde, schmissen wir ihn kurzerhand in den angrenzenden Fluss.

Letztes Jahr hatte ich dieses ruinöse Projekt am Hals. Da gab es auch Wochen, in denen von Montag bis Samstag nichts lief, weil ich bis zu achtzehn Stunden am Tag schuften musste.

Je länger ich drüber nachdenke, desto mehr begreife ich, dass der Kern der Sache ganz wo anders liegt. Es geht gar nicht um “die Sache” an sich. Ich möchte mir nicht vorschreiben lassen, wann ich “darf” und wann nicht. Ich möchte mich nicht einschränken. Möchte Optionen haben. Möchte selber entscheiden, was ich wann tun will.

Ich sollte mich langsam daran gewöhnen, dass ich diese Freiheit in meinen Entscheidungen nicht immer haben werde. Spätestens dann, wenn ein Baby im Haus ist und maßgeblich mitbestimmen wird, wie die Entscheidungen auszufallen haben, die mein Leben betreffen.

Ich beiße herzhaft in meine Pizza.

Prostata hin oder her, ich werd einfach in den fünf Tagen so viel schwimmen wie sonst in fünf Wochen.

Besuch beim Urologen

Geschrieben am Donnerstag 17 April 2008 von Tastentiger

Es regnet in Strömen. Der Verkehr in der Stadt ist der pure Wahnsinn, anscheinend macht die ganze Welt gleichzeitig Feierabend. Ich rufe an, dass wir uns verspäten, während sie sich geschickt über Nebensträßchen und Dreißigerzonen Richtung Ziel schlängelt. Die Verspätung und der prasselnde Regen machen mich noch nervöser als ich schon bin. Der quietschende Scheibenwischer ist bemüht, den letzten Rest meines Nervenkostüms wegzunagen.

uiiiihk…uiiiihk…

Mit einer halben Stunde Verspätung sind wir endlich da. Die Hektik war unbegründet, das Wartezimmer ist noch proppevoll, anscheinend ist das Zeitmanagement heute etwas in Schieflage geraten. Herr Doktor, schätzungsweise Anfang sechzig und in Witterungsdistanz zur Pensionsgrenze, hat die Ruhe weg, begrüßt uns beide mit Handschlag und nimmt höchstpersönlich meine Daten auf. Ich rufe die Jungs von der Band an, dass es mir heute wahrscheinlich nicht mehr zur Probe reichen wird. Danach lasse ich mich in einen bequemen Sessel im Wartezimmer plumpsen.

Erst mal runterkommen.

Das Wartezimmer ist voll mit alten Männern. Klar — wer sonst geht schon zum Urologen?

“Kann es sein, dass es hier irgendwie nach Urin riecht?”, flüstert sie mir ins Ohr.

“Was glaubst du, wo wir hier sind?”, flüstere ich zurück. “Douglas?”

Alles in allem warten wir zwei Stunden, bis wir an der Reihe sind. Herr Doktor verliert die Ruhe nicht, bleibt freundlich und fröhlich, fragt, ob er noch eine Dame vorziehen darf, die grade kam und dringend auf ihre Ergebnisse wartet. Klar, warum nicht, wir haben Feierabend und die mitgebrachte Lektüre ist zu gut, als dass ich sie aus der Hand legen möchte. Zwar grummelt ihr Magen neben mir, dass die Scheiben zittern, aber der muss sich jetzt eben noch ein bisschen gedulden.

Endlich sind wir dran.

Herr Doktor führt uns in ein kleines Behandlungszimmer und entschuldigt sich dafür, dass er uns nicht in sein Büro bitten kann, da es dort zu chaotisch aussieht. Das kenne ich, der Mann ist mir sympathisch! Danach fragt er uns, wie lange wir es schon versuchen (sechs Monate), wie lange sie keine Pille mehr nimmt (fast zwei Jahre), wie es mit der Periode so läuft (früher regelmäßig wie ein Uhrwerk, jetzt so verlässlich wie Aprilwetter), ob ich rauche (nein) und wie ich es mit dem Alkohol halte (selten). Danach erklärt er uns, wie alles ablaufen wird. Heute wird er mich kurz äußerlich untersuchen und die Prostata abtasten. Dann bekomme ich eine Überweisung in ein Labor, wo mein Sperma untersucht wird.

“Um vergleichbare Ergebnisse zu bekommen ist es wichtig, dass Sie fünf Tage vorher keine Ejakulation mehr haben”, sagt er.

Ich schlucke. Fünf Tage? Ich kann mich nicht erinnern, ob es in den letzten zwanzig Jahren fünf solcher Tage in konsekutiver Folge gab. Aber was macht man nicht alles für den Nachwuchs.

“Machen Sie sich klar, dass das dort in einem kleinen Zimmer in sehr nüchterner Atmosphäre stattfindet”, sagt er weiter. “Erst heute rief mich wieder jemand an, der fragte, ob er das nicht auch zu Hause machen könnte, weil es ihm dort nicht gelungen ist.”

Ich glaube, wenn ich fünf Tage in Folge nicht hätte, könnte man mich unter freiem Himmel auf einen Misthaufen stellen und um mich rum fünfzig nackte Omas platzieren, die “Oh, du schöner Westerwald” singen und es wäre kein Problem. Aber ich will den Mund nicht zu weit aufreißen, wer weiß, wie es mir dort ergehen wird.

Nach ungefähr vierzehn Tagen läge dann das Ergebnis vor, meint Herr Doktor, dann könnte ich es abholen und zu ihm zur Besprechung kommen. Noch Fragen?

“Wird die Untersuchung, die sie jetzt durchführen, ihm weh tun?”, fragt sie besorgt.

Wie süß! Wie sollte es auf dieser Welt nur möglich sein, einen Menschen wie sie nicht zu lieben?

“Nein nein”, beschwichtigt er sie. “Ich taste nur ab. Dazu muss ich zwar in den Darmausgang und die so genannte ‚Hafenrundfahrt’ machen, aber das haben bisher alle Männer überstanden. Heute allein schon drei.”

“Hafenrundfahrt” klingt schön. Ich assoziiere damit ein gemütliches Umherschippern auf sanften Wellen im Hamburger Hafen, während der Kapitän einen mit Seemannsgarn vollschnackt. Herr Doktor wird mir immer sympathischer.

“Dann ziehen Sie mal ihre Hose und Unterhose aus und legen sich auf den Rücken!”

“Soll ich lieber rausgehen?”, fragt sie.

“Nun, wenn sie Kinder haben möchten, gehe ich davon aus, dass Sie ihn schon einmal untenrum nackt gesehen haben, oder?” antwortet Herr Doktor.

Ich lege mich hin und er legt los. Niere, Magen, Blase, Leiste. “Alles in Ordnung, keine Operationen außer Blinddarm”, murmelt er. “Sie sind kitzelig, nicht wahr?”

Na und? Ist das jetzt ein Symptom für Unfruchtbarkeit oder was?

Er zieht sich einen Latexhandschuh an und konzentriert sich auf die mehr mittleren Organe. “Hm… hm… Hoden normale Größe”, murmelt er weiter.

Normale Größe! Ey Doc, zieh mal deine Brille auf! Also im Vergleich zu dem, was ich in der Umkleidekabine des Schwimmbads immer sehe — normale Größe, pah!

“So, jetzt machen wir die Hafenrundfahrt”, sagt er und schmiert sich den Zeigefinger mit Vaseline ein. “Drehen Sie sich mal auf die rechte Seite!”

Okay, nun kommt der heikle Part. Da ich zu den Zeitgenossen gehöre, denen sich die analen Freuden bisher noch nicht so richtig offenbart haben, bin ich trotz zahlreicher Sympathiepunkte gegenüber Herrn Doktor etwas skeptisch. Aber was nimmt man nicht alles auf sich für seine noch nicht gezeugten Kinder.

Was jetzt folgt hat schätzungsweise nur drei Sekunden gedauert. Er fährt mit seinem Finger rein, piekt ein wenig im Hafenbecken rum und zieht ihn wieder raus, fertig. Drei Sekunden, die mir im Nachhinein betrachtet wie drei Stunden vorkommen. Aber der Reihe nach.

Ich dreh mich also auf meine rechte Seite und denke an eine lustige kleine Barkasse, die munter auf der Elbe zwischen großen Containerschiffen hin- und herschippert und “Fump!” ist auf einmal der Finger drin. Ohne Vorwarnung werde ich komplett überrumpelt und aus meinem Gedanken gerissen. Ich finde das ziemlich unhöflich. Auch wenn er den Hintereingang benutzt, könnte er wenigstens anklopfen oder “Hallo, ist da wer?” rufen, anstatt gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Zumindest ein “Achtung!” oder von mir aus auch ein “Leinen los!” wäre angebracht gewesen.

Das Gefühl, das mit “Fump!” verbunden ist, hat nichts mit einer kleinen Barkasse zu tun, die in den Weiten des Hamburger Hafens einsam und verloren ihre bescheidenen Kreise zieht. Es fühlt sich eher so an wie der Versuch, mit der Exxon Valdez am Tretbootverleih eines Baggersees anzulanden.

Mit seinem Finger fummelt er an irgendeinem Organ in mir rum, das wohl die Prostata sein muss. Fühlt sich sehr merkwürdig an. Noch nie zuvor wurde diese Gegend von einem Menschen berührt. “…dringt dabei in Galaxien vor, die nie zuvor ein Mensch gesehen hat”, muss ich dabei denken und für einen Moment meine ich, Captain Kirk hätte seine Griffel in meinem Popo stecken.

Schlimmer jedoch als die von Captain Kirk kommandierte Exxon Valdez in meinem Heck ist das, was Herr Doktor mit seiner Fingerspitze anstellt: Er drückt sie von hinten gegen meine Blase. Hätte er nur eine Sekunde länger dagegen gedrückt, ich schwöre, ich hätte ihm die Liege vollgepinkelt.

Was Blasendruck angeht bin ich wirklich nicht zimperlich und ziemlich hart im Nehmen. Ich erinnere mich an Situationen wie zum Beispiel Krisengespräch beim Kunden vor Ort, abends angereist, schlecht im Hotel geschlafen, um acht Uhr morgens todmüde in den Konferenzraum eingelaufen und dann muss schlagartig auf Showtime umgeschaltet werden. Es geht um einen Haufen Kohle, man könnte passenderweise auch sagen: um einen ganzen Arsch voll Kohle, und du musst jetzt hellwach sein und keinen Fehler machen, sonst kommt das die Firma teuer zu stehen. Also schnell während der Shake-Hands-und-Small-Talk-Phase vierzehn Tassen Kaffee in dreiundzwanzig Minuten druckbetankt und los geht’s. Solche Verhandlungen können sich ziehen, sechs Stunden, acht Stunden ohne Pause. Wenn alles vorbei ist, humpelst du dann gekrümmt in Schlangenlinien auf die nächste Toilette, Männlein oder Weiblein ist egal, jetzt zählt nur noch, die Schleusentore öffnen zu können.

Das Gefühl, das Herr Doktor gerade an meiner Blase mit seiner Fingerspitze auslöst, ist verglichen mit der gerade beschriebenen Situation ungefähr so, als wollte man Hannibal Lecter mit Schweinchen Babe vergleichen.

Nach drei Sekunden verlässt Kirk mit seiner Crew meinen rückwärtigen Quadranten und hinterlässt in meinem Wurmloch ein brennendes Gefühl, als hätte er zum Abschied noch ein paar Photonentorpedos reingefeuert.

“Sie können sich wieder hinsetzen.”

HA HA — Scherzkeks!

Ich beiße die Zähne zusammen und ziehe mich wieder an.

“Was haben Sie denn da grade mit meiner Blase gemacht?”, frage ich ihn, während ich meine Gürtelschnalle schließe. “Das war ja kaum auszuhalten!”

Herr Doktor wischt seinen Finger ab. “Och, nur von innen abgetastet. Aber machen Sie sich keine Gedanken, es kommt häufig vor, dass sich dabei Patienten vorne oder auch hinten entleeren.”

Tja — Scheißjob, Herr Doktor!

Er streift sich den Latexhandschuh ab. “Ihre Prostata ist etwas vergrößert. Das ist zunächst erst mal harmlos. Das kann bakterielle Ursachen haben, kann aber auch an ganz andere Gründe haben. Treiben Sie Sportarten wie Schwimmen, Reiten oder Radfahren?”

“Ja, alle drei, regelmäßig.”

“Sehen Sie, darin könnte die Ursache liegen. Und wenn es bakteriell ist, dann sehen wir das im Spermiogramm und können es mit einem Antibiotikum behandeln.”

Na toll, wenn ich auf eins echt keine Lust habe, dann auf Antibiotika.

“Ich schreibe Ihnen jetzt eine Überweisung fürs Labor und wenn die Ergebnisse vorliegen, dann melden Sie sich bei mir. Haben Sie noch Fragen?”

Ich verkneife mir die Frage, wann ich wieder schmerzfrei sitzen kann, dafür darf er einen Blick in unsere Impfpässe werfen.

Er geleitet uns zur Tür und verabschiedet uns mit den Worten: “Fahren Sie doch mal in Urlaub! Im Urlaub sind die Menschen generell entspannter und da hat es schon bei so manchem geklappt.”

Toller Tipp.

Während wir das Treppenhaus hinunter zum Ausgang laufen ruft er uns noch hinterher: “Übrigens — die meisten Reiserücktrittsversicherungen zahlen auch bei plötzlicher Schwangerschaft!”

Der Fahrradanhänger

Geschrieben am Dienstag 15 April 2008 von Tastentiger

Einmal pro Woche versuchen Klaus und ich gemeinsam Mittagessen zu gehen, was terminlich leider nicht immer klappt. Klaus ist zwei Jahre jünger als ich, arbeitet in derselben Firma und war schon zweimal mein Nachfolger auf verschiedenen Positionen. Zuerst erbte er meinen Kundenstamm, später meine Abteilung. Dies hat ein besonderes Band zwischen uns geknüpft und macht es für beide interessant zu erfahren, “was gerade so beim Anderen geht”.

Klaus hat eine kleine Tochter. Es gibt Spiegeleier mit Spinat für ihn, Auflauf für mich.

“Hab ich dir schon erzählt? Von meiner Prämie hab ich mir ein neues Rad rausgelassen”, erzählt er mampfend.

“Hast du jetzt echt gekauft?”, frage ich nach. “Vor zwei Wochen warst du noch in der Phase der Entscheidungsfindung.”

“Ja, gekauft. Und einen Fahrradanhänger für die Kleine auch. Schweineteuer die Dinger, das sag ich dir.”

“Und bei ebay?”

“Kannste vergessen. Das ist vom Fachhandel dominiert. Da kannst du gleich einen im Laden kaufen.”

“Gibt’s da nur Markenteile? Nichts günstiges?”

“Na ja, schon, aber die sind dann eben auch billig in jeder Hinsicht. Und was willst du noch groß sagen, wenn der Verkäufer ankommt und meint: ‚Überlegen Sie sich, was Ihnen die Sicherheit Ihres Kindes wert ist!’”

“Da würde ich einfach sagen: ‚Verehrter Herr Verkäufer, die Frage, die zur Entscheidung ansteht, lautet: Welchen Anhänger kaufe ich? und nicht: Was ist mir die Sicherheit meines Kindes wert? Sie benutzen hier eine leicht durchschaubare Persuasionstechnik in Gestalt der Verlagerung des Entscheidungsgegenstandes auf ein anderes Niveau und versuchen mich damit zu bewegen, mehr Geld auszugeben, was zur Folge hat, dass ihre Glaubwürdigkeit in meinen Augen soeben ins Bodenlose gefallen ist und sie darüber hinaus als Menschen mit moralisch fragwürdigen Prinzipien entlarvt.’”

“Ja ja, reden konntest du schon immer gut”, brummt Klaus.

“Und? Welchen Anhänger hast du nun gekauft?”

“Den teuren natürlich.”

“Hast dich über’n Tisch ziehen lassen.”

“Nee, denk doch mal an Vatertag! Ich will schließlich nicht, dass die Schweißnähte schon bei zwei vollen Bierkästen die Schwindsucht bekommen.”

Männer regeln das

Geschrieben am Dienstag 4 März 2008 von Tastentiger

Wieder zurück zu Hause, eine Woche ist seit Prag vergangen. Es ist ein wunderschöner Sonntagmittag. Die Sonne steht strahlend am stahlblauen Himmel. Die Cumuluswölkchen tummeln sich heute wo anders. Sie räkelt sich wie eine zufriedene Katze auf dem Balkon und lässt Seele und Teint vom warmen Licht verwöhnen. Sieht nicht danach aus, als würden wir heute noch Fahrrad fahren oder spazieren gehen.

Was tun?

Keine Frage.

Runter auf den Hof, Garagentor auf, Karre zwei Meter vorfahren und dran rumfummeln.

Wenn echte Kerle (wie ich natürlich einer bin) echte Autos fahren (was ich natürlich mache), gibt es immer was zu basteln. Und wenn es wirklich einmal nichts mehr zu basteln gäbe, könnte man sich immer noch vor den Schlitten stellen, ein Bier aufreißen und zuschauen, wie sich die Sonnenstrahlen im frisch gewachsten Lack der Motorhaube spiegeln.

Ich ziehe mir eine alte löchrige Jeans und ein verwaschenes weißes T-Shirt an, schnappe mit ein paar Putzmittel, Eimer, Steckschlüsselsatz, Gary-Moore-CD und Kaltgetränk, “ich bin mal ne Weile unten, warte nicht auf mich!” und lasse die Wohnungstür hinter mir ins Schloss fallen.

Runter auf den Hof, Garagentor auf, Karre zwei Meter vorfahren und dran rumfummeln.

Während ich, mittlerweile schweißbedeckt, mit bis zu den Ellenbogen mit Öl verschmierten Armen unter dem linken Schweller liege, dem Klappern der Fahrertür auf den Grund zu gehen versuche und Mister Moore mir den neunten Song über Einsamkeit und unerfüllter Liebe in permutativen Blues-Schemata in die Ohren pfrötet, fährt mein Nachbar auf den Hof und parkt gegenüber. “Das wäre jetzt keine schlechte Gelegenheit, mit ihm über den Kinderwagen zu verhandeln”, denke ich mir. Im Moment der Vollendung dieses Denkvorgangs macht es “Plopp” und die Türverkleidung fällt mir in die Hände. Ich weiß nicht, warum sie das auf einmal tut. Ich bin jedoch froh, dass sie es tut, da ich seit der Mitte des siebten Gary-Moore-Songs versuche, sie zunächst mit sanfter, dann mit roher, schließlich mit verzweifelter Gewalt dazu zu bewegen, genau dies zu tun. Da ich zur grundlegenden Reinigung dieses Teils in den Keller muss, kreuzen sich unsere Pfade auf dem Weg zur Haustür.

Ich möchte ein Gespräch anbahnen, doch er kommt mir zuvor.

“Das ist ja wirklich ein schönes altes Auto, was Sie da haben, da muss man ja wahrscheinlich ganz schön viel Geld reinstecken, oder? Mein erstes Auto war ein NSU Prinz…”.

Er erzählt mir die Geschichte seines “kleinen Prinzen” (”Jetzt bloß keinen anzüglichen Gag reißen, sonst hast du den Kinderwagen ein- für allemal gesehen!”, denke ich mir) und ist von dieser Schiene nicht mehr runter zu bekommen, bis wir im Treppenhaus stehen. Ich höre ihm freundlich und geduldig zu, lächle ihn an. Schließlich will ich ja was von ihm.
Mit einem “Also gut, dann noch ein schönes Wochenende…” leitet er das Ende des Gesprächs ein, das eigentlich ein Monolog über den kleinen Prinzen war.

“Was ich Sie noch fragen wollte”, hebe ich an zu sagen und drücke mich galant in seine Kunstpause nach “Wochenende” hinein wie ein kalter Luftzug durch einen etwas zu großen Türspalt an einem ekeligen Wintertag, “meine Freundin trug mir auf, mit Ihnen noch wegen des Kinderwagens zu verhandeln.”

“Ach so!” Er schaut mich ein wenig verwirrt an. “Ich habe ihr ja schon gesagt, wenn sie ihn will, kann sie ihn haben.”

“Wir wollen. Was soll er denn kosten?”

“Oh, das kann ich Ihnen nicht sagen, das müssen Sie mit der Chefin ausmachen. Kommen Sie doch am Besten mal kurz mit rein.”

Ich betrete die Wohnung und bekomme von seiner Chefin, die ich bisher für die Mutter seines Sohnes gehalten habe, sämtliches Zubehör präsentiert und erhalte anschließend im Keller eine Einführung in “Wie falte ich ein Zweite-Hand-Deluxe-Kinderwagen-Ungetüm auf die Größe einer halb abgerollten Klopapierrolle zusammen?”. Dies ist sehr eindrucksvoll für jemanden wie mich, bei dem sich das “Zusammenfalten” bisher auf Briefbögen und Mitarbeiter beschränkt hat. Noch eindrucksvoller ist jedoch der kleine Sohn und eigentliche Vorbesitzer des Wagens, mit dem ich während der gesamten Vorstellung Grimassen um die Wette schneide. Ich bin so vertieft in diese Beschäftigung, dass ich einfach “Ja!” sage, als irgendwann ein furchtbar langes Wort fällt, das mit “Euro” aufhört. Rückblickend betrachtet glaube ich, dass mich der Kleine ganz schön übern Tisch gezogen hat.

In einem nach gelagerten Verhandlungsschritt werden letzte Details diskutiert (Welche Decke wird noch mal wie von welcher Vertragspartei gewaschen? Wo liegt die Bedienungsanleitung? “Soll ich Ihnen noch zeigen, wie man die Räder abmacht?”), danach laufe ich mit meiner Türverkleidung in der Hand hoch in unsere Wohnung.

Sie ist mittlerweile vom Balkon aufs Sofa umgezogen und liest.

“Na, wie läuft’s?”, fragt sie. Ich setze mich zu ihr.

“Ich hab was gekauft.”

“Was hast du denn gekauft an einem Sonntag?”

“Den Kinderwagen.”

Sie schaut auf und lächelt mich an. Mit einem Lächeln, das mehr wert ist als alles Geld der Welt, nimmt sie mich fest in den Arm. Ich lasse die dreckige Türverkleidung auf den Boden plumpsen und drücke sie mit meinen Öl verschmierten Armen an mich, so dass sie die Flecken wahrscheinlich nie mehr aus ihrem Top rausbekommen werden wird.

Aber das ist in diesem Moment egal.