Jaaa, der Film hat Überlänge. Die Viren und ich gehen in die Verlängerung. Mehr als ein mageres 1:1 hat mein schlaffer Körper nach sieben Krankheitstagen nicht rausholen können. Deswegen hat mir der Doc eine weitere Woche Nachschlag serviert.
Ich fühle mich alt. Ich sehe die Tage kommen, an denen ich wegen eines Schnupfens auf die Intensivstation muss. Vor zwanzig Jahren sagte ich mir: „Super, eine Woche krankgeschrieben, dann kann ich ja bereits am Donnerstag schon Party machen gehen.“ Die Jahre der Jugend, so schnell sind sie vorbei…
Ich nutzte die vergangenen Tage meines unfreiwilligen Aufenthalts in der Home Zone, um eifrig die Stuttgart-21-Schlichtung zu verfolgen. Anfangs nur, weil ich bei dem langweiligen Gelaber prima einschlafen konnte. Mit der Zeit wurde es aber wirklich interessant! Als erstes konnte ich feststellen: Alle Menschen haben Probleme, ihr Laptop an einen Beamer anzuschließen. Nicht nur ich. Ich bin also nicht zu blöd dafür, es scheint in der Natur der Sache zu liegen. Wenn sich ein Vorstand der DB AG vor einem Millionenpublikum damit blamiert, muss ich mich nicht schämen, wenn ich vor jedem Meeting zehn Minuten an den Gerätschaften rumfummle. Zweitens: Nie wieder werde ich behaupten, das Design meiner Powerpoint-Folien sei schlecht. Mannomann, was haben da manche Leute für Netzhautpeitschen aufgelegt! Allein daran zurückzudenken regt meinen Würgereiz an.
Nach meinem Dafürhalten hätte man die Runde der Diskutierenden stark verkleinern können. Heiner Geißler als Schlichter, Volker Kefer als Vertreter der Befürworter und Boris Palmer als Sprecher der Gegner. Das hätte vollkommen ausgereicht. Alle anderen waren nur Politisierter, Wichtigtuer, schmückendes Beiwerk, hatten Hunger auf Brezeln oder wollten schon immer mal ins Fernsehen. Am schlimmsten waren die Politiker – bis auf Palmer. Die haben geredet, wie Politiker nun mal reden, aber nicht wie Menschen, denen es um die Sache geht. Mappus und Kretschmann haben sich darüber gestritten, wer als Ministerpräsident mehr Patriotismus hätte. Das sollen sie bitte im Landesparlament machen oder sich alternativ vor dem Stuttgarter Rathaus mit Schneebällen bewerfen. Mappus‘ Kettenhund Gönner (brrrr, ganz unangenehme Person) hätte man mal besser auf den letzten Castor-Transport gesetzt, dann wären die Demonstranten von alleine weggelaufen. Winfried Hermann („dr Winne“, wie es Geißler einmal so schön rausgerutscht ist) macht sicher auf einem Stand in der Fußgängerzone unter einem grünen Sonnenschirm eine bessere Figur, und dann war da noch dieser Stadtrat, der aussieht wie Rübezahls Großneffe – Rockenbauch, genau. Der meldete sich ab und an mit mehr oder weniger sinnigen Beträgen, hatte aber in seiner Stimme immer so den Unterton eines kleinen Kindes, dem man grade den Lutscher weggenommen hat. „Auch das waren wieder Worte, die gesagt werden mussten“, kommentierte ihn Geißler oft und ich glaube nicht, dass Rockenbauch alle Botschaften dieser Nachricht verstanden hat. Auffällig war die Frau vom BUND, Dahlbender. Ein Paradebeispiel des selektiven Verstehens. Kefer sagt: „Unser geplanter Fahrplan ist ambitioniert, aber machbar.“ Darauf Dahlbender zehn Minuten später: „Sie geben ja selber zu, dass ihr Fahrplan so nicht durchführbar ist.“ Na, da bin ich ja beruhigt, wenn derart helle Köpfe in so einer Schlichtungsrunde sitzen. Am Ende bauen sie diesen Bahnhof auf Stelzen!
Ein ganz anderes Kaliber von unwesentlich geringerer intellektueller Durchschlagskraft waren die Fachexperten. Leider hab ich von denen einige verschlafen. Ich erinnere mich aber an den Geologen der Gegner. Ich sag mal so: In diesem Leben wird der auch kein Showmaster mehr. Der Geologe der Befürworter, stilsicher mit Fliege, war auch nicht von schlechten Eltern, Kategorie „Der zerstreute Professor“. Man könnte auch sagen: Der Professor Hastig vom Nesenbach.
Am schönsten an der ganzen Veranstaltung fand ich, dass es dort auch nicht anders zuging als in den Meetings, in denen ich sitze. Sehr oft wurde jemand etwas gefragt, dem grad die halbe Brezel aus dem Mund hing und er sich in Folge dessen zu dem jeweiligen Sachverhalt nur Stückchen spuckend äußern konnte. Geißler hatte offensichtlich seinen Spaß und lernte nebenbei einiges über Projektmanagement. Zum Beispiel, dass eine knapp bemessene Planung „optimistisch“ genannt wird und eine Planung mit vielen Pufferzeiten „konservativ“. „Wie können Sie denn etwas, das augenscheinlich zu knapp bemessen ist, ‚optimistisch‘ nennen?“, rief er einem Vertreter der Bahn zu. „Wo bleibt denn da der Optimismus, wenn von Anfang an schon fest steht, dass es schief laufen wird?“ Ich wünschte, Heiner Geißler wäre ab und zu auch in meinen Meetings anwesend.
Sehr vertraut war mir auch das Gemaule am Samstag um siebzehn Uhr, als Geißler den Anwesenden mitteilte, jetzt doch noch das Thema Quellenschutz dranzunehmen und er deswegen das von ihm um fünfzehn Uhr prognostizierte Ende der Veranstaltung, nämlich siebzehn Uhr, nicht einhalten könne. Oh, da waren die Anwesenden aber ähnlich ungehalten wie ein Haufen Schuljungen, denen der Lehrer sagte, dass der Nachmittagsunterricht leider doch nicht ausfällt. „Dann nehmen sie halt den nächsten Zug nach Hause“, sagte er zu dem in sich hinein grummelnden Volker Kefer, „wir haben doch erst heute von Ihnen gehört, dass die im Taktverkehr fahren.“ „Mir geht es nicht um den Zug“, erwiderte dieser, „mir geht es um meine Frau.“ Aha. Um seine Frau. Da sitzen ein paar Leute zusammen und ringen um Investitionen in Höhe von, sagen wir mal optimistisch geschätzt, acht Milliarden Euro (Bahnhof und Neubaustrecke Ulm-Wendlingen zusammen genommen) und Herr Kefer muss bei Einbruch der Dunkelheit zuhause bei seiner Frau sein. Ich habe dafür nur zwei Erklärungen: Entweder steht der Vorstand Technik, Systemverbund, Dienstleistungen und Infrastruktur der Deutschen Bahn zuhause brutalst unterm Pantoffel, oder seine Frau ist eine derart heiße Schnegge, dass ein Mann für zwei Stunden mehr mit ihr acht Milliarden Euro links liegen lässt.
Egal, welche der beiden Erklärungen die richtige ist: Frau Kefer, Sie haben meine allergrößte Hochachtung!