Archiv für Februar, 2011

Der Style kommt nicht mit der Post

Samstag, 5 Februar 2011

Die Türken sind schon wahre Styler vor dem Herrn! Also Allah, in diesem Fall. Die Jungs – lässig mit Sonnenbrille, Wollmantel, weißem Hemd, Lackschuhen. Slick! Und die Alten fast noch besser: Cordhose, dunkelblaues Sakko, von Sonne gegerbten und dem Leben zerfurchten Gesichtszügen sitzen sie in Grüppchen an einem Tisch auf dem Gehweg, tragen alle so ein Wollmützchen, kauen Kürbiskerne und schauen verschmitzt den Frauen auf die bestrumpfthosten Beine, die an ihnen vorbeitrippeln wie junge Gazellen an der Wasserstelle. Wenn ich mit siebzig auch so relaxed bin, dann hab ich es geschafft. Was geschafft? Alles.

Gestern noch Teutonien, Schnee, Minustemperaturen, heute bereits Frühling, Frühling so schön wie in Deutschland mit viel Glück mal dreieinhalb Stunden Frühling ist irgendwann zwischen März und Juli. Ich musste dazu zwar wieder in ein Flugzeug steigen, aber diesmal in eines von der Sorte, wo man nicht die WirtschaftsWoche in die Hand gedrückt bekommt, sondern wo man nach der Landung klatschen muss. Dämliche Sitte, oder? Ich klatsche doch auch nicht, wenn ich bei jemandem im Auto mitfahre und der am Ende die Karre erfolgreich rückwärts eingeparkt hat. Okay – vielleicht, wenn sie fährt. Aber sonst nicht. Ein Pilot ist auch nur so was wie ein Busfahrer mit dem Unterschied, dass er keine Tickets verkaufen muss. Das sagte mir mal einer, der selbst Pilot ist. Der muss es ja schließlich wissen.

Viel hab ich sonst noch nicht gesehen. Ich sauge einfach nur die Ruhe und Sorglosigkeit auf, die mich hier umhüllt wie eine sanfte Decke. Getaktet bin ich alleine durch die Essenszeiten, ist also wie im Altersheim hier, und die vielen Rentner unterstützen dieses Gefühl. Aber: Es riecht deutlich besser.

Apropos: Ich muss los, wenn ich nach Viertel vor komme, haben mir die Rollifahrer die besten Plätze am Buffet weggeschnappt.

Krise

Mittwoch, 2 Februar 2011

Krise überall. In Ägypten machen sie Revolution. Find ich toll, wenn sich ein Volk erhebt. Nicht so toll ist, dass wir 9 Tage Kairo gebucht haben und morgen losfliegen sollten. Kairo, nur Kairo, kein Meer und keine Pyramiden – also bis auf die in Gizeh. Konnten wir aber stornieren. Klar, die Luft in Kairo ist ohnehin schlecht, aber dann so mit Tränengas muss ja auch nicht sein. Und den Panzern in den Gassen. Hab ja schließlich nicht bei Jochen Schweizer gebucht.

Also kein Kairo, dafür jetzt Türkei. Wer braucht schon Mumien, wenn man all-inclusive haben kann? Den ersten Long Island Ice Tea mal morgens um 11 statt abends um 11 nehmen. Bei so einem kulturellen Urlaub soll man ja schließlich auch seinen Erfahrungshorizont erweitern. Das Übergepäck wird dann nicht aus Mitbringseln bestehen, das fressen wir uns einfach an. Mal sehen, ab welcher Fettschwartendicke so ein Nacktscanner die Grätsche macht. Blöd nur, dass unser super-last-minute so super-last war, dass es zwar Hotelbetten für morgen gibt, aber keine Flüge mehr. Hat sich der Reiseveranstalter verkalkuliert, lässt uns abends buchen und ruft morgens dann an, dass wir so nicht hinkommen werden wie geplant. Nein, auch nicht auf der Flugzeugtoilette und Stehplätze gibt’s auch keine. Ich krieg die Krise! Also noch mal stornieren und neu buchen, jetzt die 5-Sterne-Butze gegenüber mit passendem Flug dazu. Übermorgen soll’s losgehen – so lange keine Krisen ausbrechen.

Krise auch im Job. Irgendwie bin ich wieder in so eine Manager-Rolle gerutscht. So wie diese Leute mit den grauen PKV-Kärtchen. Oder hab mich rutschen lassen. Keine Ahnung. War „auf Montage“ (=Einsatz vor Ort als Leiter eines Beraterteams), die Nächte so kurz wie die Zugfahrten lang, abends gerädert über der Hotelbar gehangen mit ner Schachten Paracetamol in der Hand und im Kopf den alten Schlager: „Frrremde Zigaretten… *schub-du-ahhh* …frrremde Drinks und fremde Betten… *schub-du-ah* …der Hauuuuuch… der großen Ainsamkait *schub-dub-du-ahhhh*“

Wieso mach ich das immer wieder? Mein Körper und meine Seele sagen mir prompt mit jeder Faser: „Da machen wir nicht mit. Wann kapierst du es endlich? Wie viele rausgesprungene Lendenwirbel braucht es noch? Wie viele Gehörstürze? Wie viele Sehnenscheidenentzündungen? Wie viele Pickel? Wie viel Migräne?“ Glauben die Anderen, ich könnte das so gut? Wirke ich so, nur weil ich drei Sätze hintereinander ohne „ääähh“ sagen kann und einen Anzug einen ganzen Tag lang tragen kann, ohne dass ein Hemdzipfel aus der Hose hängt? Glaube ich, ich könnte das so gut, weil mich ein graues PKV-Kärtchen besser macht? Oder irgendein Titel auf der Visitenkarte in englischer Sprache, der so lang ist, dass bald auch noch die Rückseite bedruckt werden muss? Ist doch alles Blödsinn! Ist nicht der erfolgreich, der glücklich, zufrieden und gesund ist? Was nagt da immer wieder an mir, dass ich denke, ich müsste irgendwie „toll“ sein – „toll“, so wie die Anderen definieren, was „toll“ ist? Was „Erfolg“ ist? Wann lerne ich, konsequent nach meinen eigenen Maßstäben zu leben? Warum lasse ich mich immer wieder davon ablenken, von Anderen verleiten, überreden, beeindrucken? Oder auch von mir selbst? Langsam sollte ich doch alt genug sein, um das kapiert zu haben. Anscheinend bin ich doch nicht so weise, wie ich gerne vorgebe. Bin ich gar nicht.

Wie auch immer… morgen packen, übermorgen Flieger, überübermorgen Long Island Ice Tea um 11.