Der Kinder-Wagen

Es gibt mal wieder Nachwuchs im Hause Feibner. Juchuuu!

Nein, nicht das, was ihr jetzt denkt. Der SL hat ein kleines Brüderchen bekommen. Na ja, was heißt klein, ist schon ein ganz schöner Brummer, der da rausgekommen ist: Audi A6 Avant, Baujahr 1996, mit mageren 200.000 Kilometern auf der Uhr, also in seinen besten Jahren, strotzend vor Kraft und Fahrfreude, die er sich aus seinem 2,6-Liter-V6-Aggregat saugt. Die Gründe für diese Kapitalinvestition sind mannigfaltig: Erstens braucht sich jetzt der arme SL im Winter nicht mehr durch Schnee und Streusalz quälen, was in den vergangenen Jahren zur Folge hatte, dass ich ihm jedes Frühjahr seine rostblutenden Schweller mit einem dicken Bündel 200-Euro-Scheine verbinden musste. Zweitens freut er sich jetzt, dass ich ihn von der Last des Bandgerümpelschleppens befreit habe, denn zwei Keyboards, Mischpult, zwei Boxen, zwei Gitarren, diverse Blas- und Schepperinstrumente sowie ein Subwoofer nebst dazu gehörendem Ständer- und Kabelgedönse in den Audi einzuladen ist ungefähr so, als würde man ein Wiener Würstchen in eine Turnhalle werfen. Wäre der Kofferraum nicht mit dickem Teppichboden ausgelegt, gäbe es dort mit Sicherheit einen Nachhall ähnlich wie im Kölner Dom. Drittens komme ich als Anhänger der klassischen Automobilbaukunst endlich einmal in die komfortable Situation, für mich revolutionäre technische Neuerungen zu nutzen wie elektrische Fensterheber, Zentralverriegelung und Lautsprecher in den hinteren Türen.

Wie der SL, so versprüht auch der Audi den matten Abglanz vergangener Tage einstiger Oberklassekarossen. Vorsprung durch Technik treibt den Wagen nicht einfach nur an, vielmehr throne ich jeden morgen auf dem Fahrersitz und manövriere den Boliden vorsichtig aus der Parklücke wie Captain Picard die Enterprise aus dem Reparaturdock. Hat das Schiff seine korrekte Ausgangsposition auf der ruhigen Wohngebietsstraße eingenommen, sage ich “Energie”, tippe das rechte Pedal an und dann macht es “pschiiiieeeaaauuuPENG!” und ich verschwinde in einem grellen Lichtblitz Richtung Arbeitsstätte. Dies ist der Moment, in dem ich weiß, dass das, was man “Leben” nennt, außerhalb japanischer Kleinwagen oder Kinderwunschkliniken stattfindet.

Ansonsten ist alles beim Alten, trotz der Familienkutsche vor der Tür hat sich beim Thema “Familie” nichts getan, das ist aber auch nicht so wichtig. Wichtig ist in dem Zusammenhang nur, dass der monströse Hamsterkäfig ins Auto passt, welchen wir in der Vergangenheit im Vorfeld gemeinsamer Urlaubsaufenthalte alla turca auf dem Dach des Mercedes zu meinen Eltern transportierten. „Passt denn der Käfig in den Kofferraum?“, war immer ihre erste Frage, als ich von einer Probefahrt zurück kam. Ja, der Käfig passt rein, außerdem ist dann immer noch genug Platz für achtzehn Kühe, eine Melkmaschine und eine halbe Biogasanlage. Und zur Not gäbe es ja immer noch das Dach von der Größe eines Kleinsportfeldes. Denn: Sollte es tatsächlich mal Kinder geben, dann muss der Kinderwagen ja auch noch irgendwo hin.


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