Neuer Monat, neues Leben

Heute ist der erste Montag. Mein erster freier Montag.

Ich bin früh aufgestanden, sitze auf dem Balkon, trinke Kaffee und begrüße die warme Herbstsonne, die am Dachgiebel des gegenüber liegenden Hauses hervorblitzt.

Fühlt sich komisch an, hier zu sitzen, während alle Anderen arbeiten gehen. Ein bisschen wie blau machen. Wie krank zu Hause zu bleiben, ohne krank zu sein. Ein Gefühl, an das ich mich noch gewöhnen muss.

An meinem ersten freien Montag werde ich etwas Wichtiges machen. Ich hab es mir lange überlegt. Doch ich werde es tun. Ja, ich mache es, ich bin mir sicher.

Ich werde die Krankenkasse wechseln.

Eigentlich nichts besonderes, andere Menschen machen das alle zwei Jahre. Aber für mich ist es was besonderes. Ich wechsle von der privaten zurück in die gesetzliche.

Vor mir auf dem Tisch liegt das graue PKV-Kärtchen. Nur ein Stück Plastik, könnte man meinen, mehr nicht. Doch für mich ist es mehr als das. Es ist ein Symbol aus der alten Zeit. Der Zeit, in der ich fünf Tage pro Woche arbeitete. Der Zeit, an der mein Name mit denen der Geschäftsführer auf einem Türschild stand. Der Zeit, an der ich auch mal sechzehn Stunden am Tag arbeitete. Oder mehr. Der Zeit, in der ich munter mitrannte in meinem Hamsterrädchen so wie all die anderen Business-Hamster. Und ich war so schnell im Rädchen drehen, dass ich mir dafür dieses Kärtchen der privaten Krankenversicherung leisten konnte.

Toll. Hast du fein gemacht mit deinem Rädchen!

Ich hatte es mir verdient, das Kärtchen, im Schweiße meines Angesichts. Stolz war ich drauf, zeigte es mir doch, wie viel Kohle ich durch die ganze Plackerei gescheffelt hatte. Ich hatte „es geschafft“, wie man manchmal zu sagen pflegt. Nüchtern betrachtet hat es mir gar nichts gebracht, ich bin in Arztpraxen ein sehr seltener Gast und wenn ich mal dort war, hab ich aufgrund meiner Selbstbeteiligung sowieso alles selber bezahlen müssen. So what?

Jetzt verdiene ich weniger Geld und damit ist auch der Ofen aus für die PKV. Ich falle unter die Beitragsbemessungsgrenze. Zwar ist meine Vier-Tage-Woche nur befristet, ich könnte nächstes Jahr im Sommer wieder ins Hamsterrädchen klettern, es ein bisschen zum Glühen bringen und meine Krankenversicherung behalten, aber das möchte ich nicht. Ich möchte nicht mehr in dieses Rad und auch nicht mehr in diesen Käfig. Ich möchte mein Leben leben. Die Zeiten haben sich geändert.

„Siehe, das Alte ist vergangen und Neues ist geworden.“

Ein tiefes Seufzen entweicht meinem Körper. Es ist wieder da, dieses „Loser-Gefühl“: Wer, bitteschön, macht schon so etwas? Wer wirft freiwillig all das sehenden Auges weg? Karriere, Ansehen, Geld, „respect of his peers“? Das, wofür man Jahre seines Lebens geschuftet hat? Das, an was lange Zeit ohne nachzudenken akzeptiert und für richtig erachtet hat? Das, was einem die materialistische Gesellschaft als Idealbild präsentiert?

„Hast du was, dann bist du was.“

Ich denke an meinen Vater. Mein Vater hat im Krieg alles verloren. Alles bis auf sein Leben. Er hat seine Söhne zu Akkumulationsmaschinen erzogen. Früh aufstehen, hart arbeiten, spät zu Bett gehen. Sich nicht schonen. Nicht rumtrödeln, machenmachenmachen. Am Ende des Monats alles aufs Sparbuch legen, was übrig ist. In guten Zeiten für die schlechten vorsorgen. „Die Jacke tut’s noch diesen Winter.“ „Das machen wir selber.“ „Urlaub braucht man nicht und wenn es die Mama unbedingt will, dann fahren wir halt übers Wochenende in den Bayrischen Wald und zelten.“ Mein Vater ist sehr stolz auf seine Söhne.

Und ich denke an sie. Ich möchte ihr etwas bieten können. Sicherheit. Verlässlichkeit. Wohlstand. Was bin ich für ein Partner, der einen Teil seiner finanzielle Sicherheit mal einfach so in den Wind schießt?

Andererseits: Was bin ich für ein Partner, der die Hälfte des Wochenendes verpennt, weil er so fertig ist von der Arbeit und unter der Woche kaum Zeit hat? Der über seine Arbeitsbelastung jammert, aber nichts dagegen unternimmt?

Wäre mein Vater stolz auf seinen Sohn, wenn dieser wie er selbst mir vierzig das Magengeschwür, mit fünfzig den Herzinfarkt und mit sechzig den Bypass bekäme? Nur, damit am Monatsende ein paar mehr Euronen auf dem Gehaltszettel stehen, die sowieso zu einem Gutteil vom Sohn auf die Bank getragen werden, da der Sohn das Geld gar nicht ausgeben kann, da er in fast seiner gesamten Freizeit vollauf damit beschäftigt ist, sich von seinem stressigen Job zu erholen?

Der Kaffee ist mittlerweile lauwarm geworden, dafür strahlt die Sonne golden am blauen Morgenhimmel. Wunderschön. Was für ein Luxus, hier zu sitzen und die warmen Strahlen auf seinem Gesicht zu spüren, während die Anderen schon in ihren Hamsterrädchen rennen.

Ich klappe den Laptop auf und fahre ihn hoch.

„Betreff: Kündigung meiner Krankenversicherung Nr. 2742833-530“, beginne ich zu tippen.


Ein Kommentar zu “Neuer Monat, neues Leben”

  1. Esprit Jeans schreibt:

    Esprit Jeans…

    Kopfschüttler: da die Liebste keinen Kaffee trinkt, habe ich also nie die Gelegenheit, ihren Kaffeesatz einmal zu analysieren! Das macht sie bestimmt absichtlich……

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