Labor-ieren, die Zweite

Wieder mal irgend so eine internationale Sportveranstaltung in der Stadt. Totales Vollchaos, fast alle Einfallstraßen sind gesperrt, die ganze City ist eine einzige autofreie Zone. Ich bin sehr früh aufgestanden und kämpfe mich über Nebenstraßen von Block zu Block zu meinem Ziel vor.

Dem Zimmer mit der nüchternen Atmosphäre.

Heute ist zweiter Untersuchungstermin, heute wird sich zeigen, ob meine antibiotikomshygienisierte Prostata für einen Spermienboost gesorgt hat oder nicht.

Trotz Verkehrschaos ist meine Laune prächtig. Es ist Freitag, die Arbeitswoche ist praktisch rum, der Herbstmorgen ist frisch und sonnenbeschienen. Eigentlich hätte ich erst kommenden Mittwoch Termin, aber Mittwoch ist aufgrund der fünftägigen Karenzzeit für ein derartiges labortechnisches Unterfangen ein denkbar ungünstiger Tag, wie ich bereits beim ersten Spermiogramm feststellen musste. Fünf Tage vorher keinerlei intimen Kontakt mit dem anderen Geschlecht – unser halbes Wochenende wäre im Eimer gewesen.

Der Weg ist mir vom letzen Mal noch gut in Erinnerung. Ich habe Glück und ergattere einen Parkplatz unweit des Labors. Pünktlich betrete ich die Ejakulationsstation und fülle den Fragebogen aus. Noch immer nehme ich keine Drogen, Alkohol und bin überhaupt gesundheitstechnisch ein sehr korrekter Bürger. Sonst ist alles wie vor drei Monaten, es geht zu wie in einem Taubenschlag, die Ärzte tragen weiße Kittel und die UPS-Männer braune Hosen. Die Arzthelferin hat eine neue Frisur mit blonden Strähnchen, steht ihr gut! Ein Lächeln stünde ihr noch besser.

Ich werde in den Warteraum vor dem Zimmer mit der nüchternen Atmosphäre gebeten. Die Tür der feuchten Kammer ist verschlossen, das „Bitte nicht stören!!“-Schild hängt draußen. Hier scheint wohl jemand grade beschäftigt zu sein. Ich setze mich auf die Bank und studiere die Auswahl an angebotener Literatur. Ich kann mich nicht entscheiden zwischen „Daniel pflanzt einen Baum auf dem Mond“ und „Das kleine Schaf und der kleine Schmetterling“.

Gerade als ich zu „Das kleine Schaf und der kleine Schmetterling“ greifen möchte, fliegt die Tür auf und ein Mann, schätzungsweise Ende zwanzig, wankt aus dem Zimmer. Von hinten erkenne ich deutlich seine rötlich glühenden Ohren und seinen schwankenden Gang, der auf ziemlich weiche Kniegelenke schließen lässt. Er lässt seinen Briefkorb mit dem Becher und den Zeitschriften auf die Empfangstheke plumpsen und verabschiedet sich heiser, jedoch hörbar, mit einem leicht zittrig klingenden „Auf…Wieder…sehen“. Ich schaue auf die Uhr: Es ist fünf vor halb neun. Die Termine werden immer halbstundenweise vergeben. Daher also die weichen Knie und die roten Ohren, das waren ganze fünfundzwanzig Minuten Ringelpiez mit Anfassen mit seinem kleinen Freund.

Gut, vielleicht kam er ja ein bisschen später rein.

Die Arzthelferin mit den neuen Strähnchen huscht ins Zimmer. Ich höre das Geraschel von Krepppapier und das Sprühen einer Spraydose, vermutlich Desinfektionsmittel. Toller Job für eine Frau, so ein Kämmerchen sauber zu machen. Sie rennt wieder raus und kommt nach zehn Sekunden zurück mit meinem Briefkorb, Becher und der abgegriffenen Tüte mit den Zeitschriften.

„Kommen Sie bitte mit!“

Ich komme. Mit, meine ich.

Sie erklärt mit aufs Neue das Prozedere, Becher, Zeitschriften, Türschloss. Alles klar, sie geht raus, ich schließe ab, kann losgehen.

Eingedenk der Beinahe-Katastrophe des letzten Mals beschließe ich, auf keinen Fall die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Ich mache einen großen Bogen um den mit Krepppapier belegten Stuhl, von dem man nichts anderes machen kann als nur abrutschen oder unbequem drauflümmeln, hole den Becher, öffne den Deckel und lege ihn auf den Rand des Waschbeckens. Ich öffne die Hose und simuliere den kritischen Moment: Rechte Hand an den Schritt, linke greift zum Becher. Becher steht zu weit weg, ich rücke ihn zehn Zentimeter näher zu mir. Noch mal. Rechte Hand an den Schritt, linke Hand zum Becher. Passt.

Auf dem Tisch liegen noch die Zeitschriften. Ob das noch dieselben sind wie vom letzten Mal? Die mit diesem neunundsechziger Camaro, auf dessen Motorhaube die nackte Frau mit gespreizten Beinen lag? War schon eine geile Karre, ich guck noch mal. Ich öffne die Tüte. Es sind immer noch die gleichen zerfledderten abgegriffenen ekeligen Magazine.

Halt! Ich wollte doch nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen. Keine Autos gucken! Was ist das eigentlich für eine andere Zeitschrift? Die hatte ich beim letzten Mal gar nicht angeschaut. Vielleicht sind da auch Autos drin? Na gut – ich schau kurz rein. Ganz kurz. Nur durchfliegen.

Ich hole das Druckerzeugnis aus der Tüte und schlage eine beliebige Seite auf. „Trisha all pink“ prangt in großen Lettern auf dem Papier, darunter eine lächelnde Blondine im gelben Bikini. Komisch. Der Bikini ist doch gelb, nicht pink!

Ich blättere zwei Seiten weiter. Ach so ist das gemeint – Trisha all pink.

Das mit den Zeitschriften funktioniert gar nicht, hat auch schon beim letzten Mal nicht funktioniert. Weg damit auf den Stuhl des Grauens, ich drehe mich um und nehme Position vor dem Waschbecken ein und schließe die Augen.

Wie zu erwarten war ist die Karenzzeit nicht spurlos an mir vorüber gegangen und die Tätigkeit geht flott von der Hand. Der Gebrauch des Bechers erfolg entsprechend der vorab durchgeführten Testreihe und der warme Saft des Lebens ergießt sich schwallartig in das Behältnis. Jetzt schnell machen, je frischer das Material, desto besser das Ergebnis.

Mist, warum muss es ausgerechnet heute solche Fäden ziehen?

Mit der linken Hand halte ich den Becher so tief wie möglich, während ich mich auf die Zehenspitzen stelle. Na komm schon, geh schon in den Becher, bloß nichts verkommen lassen, das Zeug ist kostbar! Ich hab sowieso schon so wenig Spermien, da kommt es auf jeden Tropfen an.

Der Faden will nicht abreißen. Jetzt geh schon vollends rein! Ich stelle den Becher auf den Boden und stelle mich erneut auf die Zehenspitzen. Keine Chance. Ich gehe ein bisschen in die Knie und hüpfe hoch.

Keine gute Idee. Erstens hätte ich beim Auftreffen auf den Boden mit meinem rechten Fuß beinahe den Becher umgestoßen und zweitens reißt durch die Erschütterung der Samenfaden ab und klebt jetzt an meinem Hosenbein.

Was für eine bescheuerter Einfall, nach oben zu hüpfen! Ich komme mir vor wie in meinem eigenen Mister-Bean-Film.

Egal, nu aber fix! Hose hochziehen, Deckel zuschrauben und raus. Damit alles schön frisch ist.

Ich verlasse das Zimmer fluchtartig und lege alles draußen auf die Theke, verlasse das Gebäude und schaue draußen auf die Uhr. Acht nach halb. Nicht schlecht.

Ich bugsiere den Wagen aus der Parklücke und fahre zur Arbeit. Die zeitliche Planung ist genau aufgegangen, kurz vor neun pilotiere ich den Boliden auf den Parkplatz und betrete meine Arbeitsstätte. Rein ins Büro, „Guten Morgen!“, Rechner anwerfen und erstmal in die Küche gehen, Kaffee holen.

Ich treffe Erik an der Kaffeemaschine. Er mustert mich kurz von oben bis unten und sagt: „Na, musste es schnell gehen heute früh?“

Ich spüre, wie mir die Röte ins Gesicht schießt.

„Was… meinst du damit?“, frage ich unsicher zurück.

„Schau mal deine Hose an – voll der Zahnpastafleck!“


Ein Kommentar zu “Labor-ieren, die Zweite”

  1. January schreibt:

    Oh Gott, das ist wie eine Szene aus American Pie. ;-)

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