Leben mit Baby

Am darauf folgenden Morgen treffe ich mich mit Barbara zum Frühstück. Ihr Sohn ist jetzt ein halbes Jahr alt und randaliert im Maxi-Cosy mit einer kleinen Holzspielzeug-Kette, als ich um neun Uhr das Café betrete. Wir begrüßen uns herzlich und sie legt sofort los mit erzählen. Kind, Kind, Kind – alles dreht sich nur ums Kind. Wir reden über Milchpumpen und Babybrei, ich erzähle ihr von meinem Treffen mit Nadine. Gerne würde ich auch über die Firma reden oder über den netten Film, den ich letztens gesehen habe. Keine Chance. Sie kommt vom Thema nicht weg und ich trau mich auch nicht, die verbale Blutgrätsche auszupacken und zu sagen: „Du, mal was anderes, neulich im Kino…“ Das wäre unpassend und ich käme mir wie ein oberflächlicher Ignorant vor. Was ist schon das sehen eines Kinofilms im Vergleich zum Großziehen eines Kindes.

Während wir so reden steht mein zweites Ich neben und denkt nach. Ich bin sehr gespalten in meiner Beurteilung der Situation. Einerseits finde ich es total schön, wie sehr Barbara in ihrer Rolle aufgeht. Sie ist ständig präsent für ihren Sohn, reagiert auf seine kleinsten Regungen und Äußerungen, kümmert sich absolut liebevoll um ihn, ist das Paradebeispiel für eine treu sorgende und fürsorgliche Mutter. Das kommt von ganz ganz tief drinnen.

Andererseits bin ich erstaunt, wie sich von heute auf morgen ein Mensch in einigen Facetten seiner Persönlichkeit schlagartig ändert. Als hätte jemand den „mit-Freunden-abhängen“-Chip ausgewechselt und durch den „Mutter“-Chip ersetzt. In dieser Hinsicht hat sie sich sehr verändert. Das es mir ähnlich ergehen könnte macht mir Angst. Dass bei mir ohne mein Zutun von heute auf morgen eine ähnliche tief greifende Veränderung stattfinden könnte.

Vielleicht wird es bei mir nicht so ausgeprägt sein, weil ich ein Mann bin. Da ich kein Kind austragen und gebären kann, habe ich vielleicht schon automatisch mehr Distanz. Wahrscheinlich ist diese schlagartige umfassende Veränderung auch das Erfolgsgeheimnis der Natur. Nur, wenn genau das passiert, was mit Barbara passiert ist, hat der Nachwuchs überhaupt eine Chance. Möglicherweise muss genau das passieren, damit die Menschheit überleben und sich fortpflanzen kann.

Nachdem wir den letzten Tropfen aus dem Kinderthema kommunikativ rausgequetscht haben, wage ich einen ersten Vorstoß in Richtung dieses Gedankengangs.

„Außer Kind ist bei dir gerade nicht viel anderes angesagt, oder?“

Sie krault ihren Sohn am Bauch während sie mir antwortet:

„Nee. Guck ihn dir an. Er ist jetzt da. Und er ist immer da. Selbst wenn ihn mal abends jemand anders für ein paar Stunden hat ist er trotzdem da. Er ist immer präsent und braucht hundert Prozent meiner Aufmerksamkeit. Ständig ist was los, er brabbelt, er sabbert, er schreit. Da kannst du gar nichts anderes mehr machen. Und wenn ich mal nicht bei ihm bin, dann denke ich natürlich drüber nach, wie es ihm jetzt wohl gehen wird.“

Das leuchtet mir ein. Ein Kind hat keinen Stand-By-Schalter.

„Wird das nicht manchmal zu viel?“, frage ich.

„Doch, klar. Sonntagmorgen zum Beispiel. Da konnte ich nicht mehr. Ich hab ihn einfach meinem Mann in die Hand gedrückt und gesagt: ‚Ich muss jetzt mal einen Moment raus’, bin dann hier her gefahren und saß zwei Stunden am Tisch und hab Kaffee getrunken. Ich hatte mir sogar ein Buch mitgenommen, hab aber nicht gelesen. Selbst das war schon zu viel Action. Saß einfach nur da und hab durch die Gegend geguckt. Danach ging’s wieder. Zum Glück versteht mein Mann das und hat nicht nachgefragt oder groß rumdiskutiert.“

„Wirst du dann wieder arbeiten kommen? Dann würdest du dich ja regelmäßig für längere Zeit von deinem Kind trennen müssen.“

„Ich weiß es noch nicht. Wir haben zwar einen Krippenplatz, aber wenn ich mir vorstelle, ihn dort hingeben zu müssen – ich kann doch nicht mein Kind an jemanden anders abgeben – mein Kind!“

Sie sagt „mein Kind“ mit voller Inbrunst. So inbrünstig, dass ich gar nicht wage, etwas über „Abnabelung“ oder „selbstständiges Wesen“ anzudeuten. So, wie sie „mein Kind“ sagt, ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, über diese Thema mit ihr zu diskutieren. Das können wir dann in fünfzehn Jahren machen, wenn aus dem kleinen rosa Wonneproppen ein pickelgesichtiger fetthaariger Rotzlöffel geworden ist, den die Polizei morgens um halb drei bei ihr abliefert mit der Erklärung, sie hätten ihn sturzbetrunken vor dem örtlichen Kino aufgegriffen bei dem Versuch, seinen Mageninhalt in einen öffentlichen Mülleimer hineinzuschütten.

Es ist auch überhaupt nicht angebracht, jetzt über diese Themen zu reden. Der Kleine braucht seine Mutter mehr als alles andere auf der Welt und nichts ist wichtiger, als dass dieses Band nicht gestört wird. Ich versuche, ihr mit meinem Lächeln als Antwort zu signalisieren, dass ich als kinderloser maskuliner Angehöriger unserer Menschlichen Rasse im Rahmen der mir gegebenen Möglichkeiten verstanden habe, was sie meint. Auch wenn ich das alles nicht so spüren kann wie sie. Aber ich kann mir vorstellen, dass es da etwas ganz Besonderes gibt, das nach ganz anderen Spielregeln abläuft, die ich nicht nachvollziehen kann.

Ich lächle auch, weil Barbara mich sehr an meine eigene Mutter erinnert. Auch Barbara wird eines Tages ihrem fünfunddreißigjährigen Sohn um den Hals fallen, wenn er das Haus betritt und zur Begrüßung rufen: „Kind, hast du denn heute schon etwas gegessen?“


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