Tschakkaline
An dieser Stelle muss ich einen kurzen Einschnitt machen. Mir ist bewusst, dass man Themen auch zu weit strapazieren kann. Dass man manchmal den richtigen Zeitpunkt verpasst, an dem es angeraten gewesen wäre, aufzuhören, aufs tote Pferd einzuprügeln. Aber dieses Jaqueline-Dings ließ mich die ganze letzte Woche einfach nicht los. Es ist wie verhext. Dabei muss ich vorab klarstellen: Ich finde den Namen, wenn er richtig ausgesprochen wird, wirklich schön! Ehrlich! An alle Jaquelines, die das hier lesen: Ich mag euren Namen und hoffe, dass euch niemand Schakeline oder ähnlich nennt. Außer eure Großmütter, die dürfen das.
Aber nun zu dem, was mich das ganze Wochenende so sehr bewegt hat. Samstag Morgen in den Geburtsanzeigen in der Zeitung:
Jaqueline-Monic.
Ja, richtig gelesen: Jaqueline-Monic.
Liebe kleine Jaqueline-Monic, auch wenn ich dich nicht kenne und wir uns ziemlich sicher niemals kennenlernen werden, ich konnte keine einzige Minute meiner Gedanken der letzten Tage von dir lassen.
Jaqueline-Monic.
Liebe Freunde der zielsicheren Namensgebung für weiblichen Nachwuchs, ich lade euch ein, euch gemeinsam mit mir dem Phänomen “Jaqueline-Monic” in den nachfolgenden Zeilen zu nähern und zu versuchen, es in seiner Grundbedeutung zu verstehen.
Über Jaqueline (korrekterweise im Französischen eigentlich: Jacqueline - mit “cq”, aber halten wir uns nicht allzulange mit vernachlässigbaren Detailfragen auf) wurde im von Schnecqueline so vortrefflich kommentierten Urlaubstext bereits gesprochen. Betrachten wir zuerst isoliert den Zweitnamen: Monic. Monic, phonetisch nur um Haaresbreite an einem fast gleichnamigen Handytarif vorbeigeschrammt, für den ein bekannter dunkelhäutiger Brite Werbung macht und der bei Abschluss innerhalb der nächsten drei Tage noch ein Startguthaben in Höhe von zehn Euro verspricht, müsste eigentlich “Monique” heißen. “Jean est le frère de Monique” lernte ich in meiner ersten Französischstunde damals in der siebten Klasse, ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Folglich müsste es “Ja(c)queline-Monique” heißen, um das im Deutschen vermutlich aus Komplexitätsüberlegungen vernachlässigte “c” möchte ich jetzt nicht streiten.
Jacqueline-Monique.
Nicht Jaqueline-Monic.
Warum in aller Welt Jaqueline-Monic? Erschien die Doppel-”que”-Konstruktion dem Namensgeber zu gewagt? Sprengt der Laute-zu-Buchstaben-Koeffizient von 4:17 eine Grenze des moralisch Anständigen? Oder sagte der Beamte auf der anderen Seite des Tisches: “Jacqueline-Monique geht nicht, mein Formular hat nur fünfzehn Kästchen.”?
Woher kommt das “Monic” und was ist der Grund, dass gegenüber einem eleganten französischem “Monique” präferiert wurde? Monic - noch ein kleines Vokälchen dazu und man hat eine “Monica”. Wie in Monica Seles, der Tennisspielerin. So gesehen ist Monic eine Referenz an Sportlichkeit, Kampfgeist, niemals aufgeben. Erinnert mich an die bemerkenswerte Häufung der Borisse unter den heute Anfang Zwanzigjährgen. Das waren noch Zeiten, als der Sport weiß und sauber war und Geschichten von Samenraub und Besenkammern im Bereich des Unvorstellbaren lagen. “Monic” könnte sich auch auf Monica Lewinsky beziehen, was die Konnotation des sauberen weißen Sports schlagartig zu spermaweißen Samenflecken auf dunklen Frauenkleidern zusammenschnurren lässt. Kommt davon, wenn man den Mund zu voll nimmt.
Warum nicht gleich anstelle des merkwürdigen Oralkonstrukts “Monic” den guten alten deutschen Namen “Monika”? Bei “Monika” frage ich mich immer: “Ist das der passende Zweitname zu ‘Mundhar-’?” und bin gedanklich sofort bei Musikantenstadl, Marianne und Michael und den Wildecker Herzbuben, was im Gegensatz zu meinen vorherigen Überlegungen die absolute Versinnbildlichung von Asexualität und Unsportlichkeit ist. Spermaspo(r)t auf Abendkleid goes Fettfleck auf Karo-Tischdecke. “Jaqueline-Monika” - es geht also noch schlimmer als “Jacqueline-Monique”, “Jaqueline-Monika”, das wäre die ultimative Verbrüderung zweier Nationen im Herzen Europas in einem Mädchennamen, “Jaqueline-Monika” - die Frucht der Liebe zwischen der französischen Marianne und des deutschen Michel, “Jaqueline-Monika” - le nom de l’amitié franco-allmande, “Jaqueline-Monika” - der Stier des dritten Jahrtausends, auf dem Europa in eine fleckenfreie Zukunft reitet.
Jaqueline-Monic - das muss es sein! Monic als Tribut an eine nicht-existente amerikanisch-französische Freundschaft. Jaqueline-Monic als Beitrag zur internationalen Völkerverständigung! Jaqueline-Monic, das ist die imaginäre Brücke zwischen Paris und New York, der Handschlag zwischen de Gaulle und Eisenhower, Coque au vin mit Big Mac, Gilbert Bécaud und Elvis, Belmondo und Stallone, Bordeaux mit Cola, der Cadillac Coup de Ville auf dem Fahrwerk einer Citroen DS, der nie geschriebene Comicstrip über Mickey Mouse und Pif le chien, die nicht vollzogene Liebesnacht (weiß man’s?) zwischen Nicolas Sarkozy und Hillary Clinton (Tipp: kein dunkles Kleid dabei tragen).
Jaqueline-Monic - dieser Name, Wahnsinn! Da muss selbst ich schlucken.
Liebe kleine Jaqueline-Monic, dein Name wird dir ein Leben lang Probleme bereiten, Eltern können bei sowas unwahrscheinlich grausam sein, aber tröste dich: immerhin bist du keine Chantal Häberle oder Fleurette Klomp (die Namen gibt’s wirklich!). Auch ich muss meinen Nachnamen jedes Mal buchstabieren, sah ihn in unzähligen, nicht für möglich gehaltenen Variationen geschrieben und dank des Klamauk-Songs eines leider zu früh verstorbenen großen deutschen Komikers zog ich es über mehrere Jahre meiner Jugend in Erwägung, mich umtaufen zu lassen. Stehe zu deinem Namen, trage ihn mit Stolz, Namen sagen nichts über den Charakter eines Menschen aus. Und zur Not kannst du dich immer noch “Jacky” rufen lassen, da werden zumindest alle Männer schwach, denn das klingt nach Whiskey, Macht und Reederei-Millionen.
Montag, 1 September 2008 at 13:27
Sehr schöner Text.
Vergleiche dazu auch http://www.ioff.de/showthread.php?t=290442&page=220.
Gibts schon eine Entscheidung bzgl. der 4-Tage-Woche?
lg
Montag, 1 September 2008 at 17:45
Hallo Tastentiger
Oh je ist das etwa der Anfang der Tschakeline Mania
Ich war mir gar nicht bewusst welche Macht dieser Name doch hat, danke für diese sehr schöne Erklärung
GlG Schnecqueline