Archiv für September, 2008

Neuer Monat, neues Leben

Montag, 8 September 2008

Heute ist der erste Montag. Mein erster freier Montag.

Ich bin früh aufgestanden, sitze auf dem Balkon, trinke Kaffee und begrüße die warme Herbstsonne, die am Dachgiebel des gegenüber liegenden Hauses hervorblitzt.

Fühlt sich komisch an, hier zu sitzen, während alle Anderen arbeiten gehen. Ein bisschen wie blau machen. Wie krank zu Hause zu bleiben, ohne krank zu sein. Ein Gefühl, an das ich mich noch gewöhnen muss.

An meinem ersten freien Montag werde ich etwas Wichtiges machen. Ich hab es mir lange überlegt. Doch ich werde es tun. Ja, ich mache es, ich bin mir sicher.

Ich werde die Krankenkasse wechseln.

Eigentlich nichts besonderes, andere Menschen machen das alle zwei Jahre. Aber für mich ist es was besonderes. Ich wechsle von der privaten zurück in die gesetzliche.

Vor mir auf dem Tisch liegt das graue PKV-Kärtchen. Nur ein Stück Plastik, könnte man meinen, mehr nicht. Doch für mich ist es mehr als das. Es ist ein Symbol aus der alten Zeit. Der Zeit, in der ich fünf Tage pro Woche arbeitete. Der Zeit, an der mein Name mit denen der Geschäftsführer auf einem Türschild stand. Der Zeit, an der ich auch mal sechzehn Stunden am Tag arbeitete. Oder mehr. Der Zeit, in der ich munter mitrannte in meinem Hamsterrädchen so wie all die anderen Business-Hamster. Und ich war so schnell im Rädchen drehen, dass ich mir dafür dieses Kärtchen der privaten Krankenversicherung leisten konnte.

Toll. Hast du fein gemacht mit deinem Rädchen!

Ich hatte es mir verdient, das Kärtchen, im Schweiße meines Angesichts. Stolz war ich drauf, zeigte es mir doch, wie viel Kohle ich durch die ganze Plackerei gescheffelt hatte. Ich hatte „es geschafft“, wie man manchmal zu sagen pflegt. Nüchtern betrachtet hat es mir gar nichts gebracht, ich bin in Arztpraxen ein sehr seltener Gast und wenn ich mal dort war, hab ich aufgrund meiner Selbstbeteiligung sowieso alles selber bezahlen müssen. So what?

Jetzt verdiene ich weniger Geld und damit ist auch der Ofen aus für die PKV. Ich falle unter die Beitragsbemessungsgrenze. Zwar ist meine Vier-Tage-Woche nur befristet, ich könnte nächstes Jahr im Sommer wieder ins Hamsterrädchen klettern, es ein bisschen zum Glühen bringen und meine Krankenversicherung behalten, aber das möchte ich nicht. Ich möchte nicht mehr in dieses Rad und auch nicht mehr in diesen Käfig. Ich möchte mein Leben leben. Die Zeiten haben sich geändert.

„Siehe, das Alte ist vergangen und Neues ist geworden.“

Ein tiefes Seufzen entweicht meinem Körper. Es ist wieder da, dieses „Loser-Gefühl“: Wer, bitteschön, macht schon so etwas? Wer wirft freiwillig all das sehenden Auges weg? Karriere, Ansehen, Geld, „respect of his peers“? Das, wofür man Jahre seines Lebens geschuftet hat? Das, an was lange Zeit ohne nachzudenken akzeptiert und für richtig erachtet hat? Das, was einem die materialistische Gesellschaft als Idealbild präsentiert?

„Hast du was, dann bist du was.“

Ich denke an meinen Vater. Mein Vater hat im Krieg alles verloren. Alles bis auf sein Leben. Er hat seine Söhne zu Akkumulationsmaschinen erzogen. Früh aufstehen, hart arbeiten, spät zu Bett gehen. Sich nicht schonen. Nicht rumtrödeln, machenmachenmachen. Am Ende des Monats alles aufs Sparbuch legen, was übrig ist. In guten Zeiten für die schlechten vorsorgen. „Die Jacke tut’s noch diesen Winter.“ „Das machen wir selber.“ „Urlaub braucht man nicht und wenn es die Mama unbedingt will, dann fahren wir halt übers Wochenende in den Bayrischen Wald und zelten.“ Mein Vater ist sehr stolz auf seine Söhne.

Und ich denke an sie. Ich möchte ihr etwas bieten können. Sicherheit. Verlässlichkeit. Wohlstand. Was bin ich für ein Partner, der einen Teil seiner finanzielle Sicherheit mal einfach so in den Wind schießt?

Andererseits: Was bin ich für ein Partner, der die Hälfte des Wochenendes verpennt, weil er so fertig ist von der Arbeit und unter der Woche kaum Zeit hat? Der über seine Arbeitsbelastung jammert, aber nichts dagegen unternimmt?

Wäre mein Vater stolz auf seinen Sohn, wenn dieser wie er selbst mir vierzig das Magengeschwür, mit fünfzig den Herzinfarkt und mit sechzig den Bypass bekäme? Nur, damit am Monatsende ein paar mehr Euronen auf dem Gehaltszettel stehen, die sowieso zu einem Gutteil vom Sohn auf die Bank getragen werden, da der Sohn das Geld gar nicht ausgeben kann, da er in fast seiner gesamten Freizeit vollauf damit beschäftigt ist, sich von seinem stressigen Job zu erholen?

Der Kaffee ist mittlerweile lauwarm geworden, dafür strahlt die Sonne golden am blauen Morgenhimmel. Wunderschön. Was für ein Luxus, hier zu sitzen und die warmen Strahlen auf seinem Gesicht zu spüren, während die Anderen schon in ihren Hamsterrädchen rennen.

Ich klappe den Laptop auf und fahre ihn hoch.

„Betreff: Kündigung meiner Krankenversicherung Nr. 2742833-530“, beginne ich zu tippen.

Labor-ieren, die Zweite

Freitag, 5 September 2008

Wieder mal irgend so eine internationale Sportveranstaltung in der Stadt. Totales Vollchaos, fast alle Einfallstraßen sind gesperrt, die ganze City ist eine einzige autofreie Zone. Ich bin sehr früh aufgestanden und kämpfe mich über Nebenstraßen von Block zu Block zu meinem Ziel vor.

Dem Zimmer mit der nüchternen Atmosphäre.

Heute ist zweiter Untersuchungstermin, heute wird sich zeigen, ob meine antibiotikomshygienisierte Prostata für einen Spermienboost gesorgt hat oder nicht.

Trotz Verkehrschaos ist meine Laune prächtig. Es ist Freitag, die Arbeitswoche ist praktisch rum, der Herbstmorgen ist frisch und sonnenbeschienen. Eigentlich hätte ich erst kommenden Mittwoch Termin, aber Mittwoch ist aufgrund der fünftägigen Karenzzeit für ein derartiges labortechnisches Unterfangen ein denkbar ungünstiger Tag, wie ich bereits beim ersten Spermiogramm feststellen musste. Fünf Tage vorher keinerlei intimen Kontakt mit dem anderen Geschlecht – unser halbes Wochenende wäre im Eimer gewesen.

Der Weg ist mir vom letzen Mal noch gut in Erinnerung. Ich habe Glück und ergattere einen Parkplatz unweit des Labors. Pünktlich betrete ich die Ejakulationsstation und fülle den Fragebogen aus. Noch immer nehme ich keine Drogen, Alkohol und bin überhaupt gesundheitstechnisch ein sehr korrekter Bürger. Sonst ist alles wie vor drei Monaten, es geht zu wie in einem Taubenschlag, die Ärzte tragen weiße Kittel und die UPS-Männer braune Hosen. Die Arzthelferin hat eine neue Frisur mit blonden Strähnchen, steht ihr gut! Ein Lächeln stünde ihr noch besser.

Ich werde in den Warteraum vor dem Zimmer mit der nüchternen Atmosphäre gebeten. Die Tür der feuchten Kammer ist verschlossen, das „Bitte nicht stören!!“-Schild hängt draußen. Hier scheint wohl jemand grade beschäftigt zu sein. Ich setze mich auf die Bank und studiere die Auswahl an angebotener Literatur. Ich kann mich nicht entscheiden zwischen „Daniel pflanzt einen Baum auf dem Mond“ und „Das kleine Schaf und der kleine Schmetterling“.

Gerade als ich zu „Das kleine Schaf und der kleine Schmetterling“ greifen möchte, fliegt die Tür auf und ein Mann, schätzungsweise Ende zwanzig, wankt aus dem Zimmer. Von hinten erkenne ich deutlich seine rötlich glühenden Ohren und seinen schwankenden Gang, der auf ziemlich weiche Kniegelenke schließen lässt. Er lässt seinen Briefkorb mit dem Becher und den Zeitschriften auf die Empfangstheke plumpsen und verabschiedet sich heiser, jedoch hörbar, mit einem leicht zittrig klingenden „Auf…Wieder…sehen“. Ich schaue auf die Uhr: Es ist fünf vor halb neun. Die Termine werden immer halbstundenweise vergeben. Daher also die weichen Knie und die roten Ohren, das waren ganze fünfundzwanzig Minuten Ringelpiez mit Anfassen mit seinem kleinen Freund.

Gut, vielleicht kam er ja ein bisschen später rein.

Die Arzthelferin mit den neuen Strähnchen huscht ins Zimmer. Ich höre das Geraschel von Krepppapier und das Sprühen einer Spraydose, vermutlich Desinfektionsmittel. Toller Job für eine Frau, so ein Kämmerchen sauber zu machen. Sie rennt wieder raus und kommt nach zehn Sekunden zurück mit meinem Briefkorb, Becher und der abgegriffenen Tüte mit den Zeitschriften.

„Kommen Sie bitte mit!“

Ich komme. Mit, meine ich.

Sie erklärt mit aufs Neue das Prozedere, Becher, Zeitschriften, Türschloss. Alles klar, sie geht raus, ich schließe ab, kann losgehen.

Eingedenk der Beinahe-Katastrophe des letzten Mals beschließe ich, auf keinen Fall die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Ich mache einen großen Bogen um den mit Krepppapier belegten Stuhl, von dem man nichts anderes machen kann als nur abrutschen oder unbequem drauflümmeln, hole den Becher, öffne den Deckel und lege ihn auf den Rand des Waschbeckens. Ich öffne die Hose und simuliere den kritischen Moment: Rechte Hand an den Schritt, linke greift zum Becher. Becher steht zu weit weg, ich rücke ihn zehn Zentimeter näher zu mir. Noch mal. Rechte Hand an den Schritt, linke Hand zum Becher. Passt.

Auf dem Tisch liegen noch die Zeitschriften. Ob das noch dieselben sind wie vom letzten Mal? Die mit diesem neunundsechziger Camaro, auf dessen Motorhaube die nackte Frau mit gespreizten Beinen lag? War schon eine geile Karre, ich guck noch mal. Ich öffne die Tüte. Es sind immer noch die gleichen zerfledderten abgegriffenen ekeligen Magazine.

Halt! Ich wollte doch nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen. Keine Autos gucken! Was ist das eigentlich für eine andere Zeitschrift? Die hatte ich beim letzten Mal gar nicht angeschaut. Vielleicht sind da auch Autos drin? Na gut – ich schau kurz rein. Ganz kurz. Nur durchfliegen.

Ich hole das Druckerzeugnis aus der Tüte und schlage eine beliebige Seite auf. „Trisha all pink“ prangt in großen Lettern auf dem Papier, darunter eine lächelnde Blondine im gelben Bikini. Komisch. Der Bikini ist doch gelb, nicht pink!

Ich blättere zwei Seiten weiter. Ach so ist das gemeint – Trisha all pink.

Das mit den Zeitschriften funktioniert gar nicht, hat auch schon beim letzten Mal nicht funktioniert. Weg damit auf den Stuhl des Grauens, ich drehe mich um und nehme Position vor dem Waschbecken ein und schließe die Augen.

Wie zu erwarten war ist die Karenzzeit nicht spurlos an mir vorüber gegangen und die Tätigkeit geht flott von der Hand. Der Gebrauch des Bechers erfolg entsprechend der vorab durchgeführten Testreihe und der warme Saft des Lebens ergießt sich schwallartig in das Behältnis. Jetzt schnell machen, je frischer das Material, desto besser das Ergebnis.

Mist, warum muss es ausgerechnet heute solche Fäden ziehen?

Mit der linken Hand halte ich den Becher so tief wie möglich, während ich mich auf die Zehenspitzen stelle. Na komm schon, geh schon in den Becher, bloß nichts verkommen lassen, das Zeug ist kostbar! Ich hab sowieso schon so wenig Spermien, da kommt es auf jeden Tropfen an.

Der Faden will nicht abreißen. Jetzt geh schon vollends rein! Ich stelle den Becher auf den Boden und stelle mich erneut auf die Zehenspitzen. Keine Chance. Ich gehe ein bisschen in die Knie und hüpfe hoch.

Keine gute Idee. Erstens hätte ich beim Auftreffen auf den Boden mit meinem rechten Fuß beinahe den Becher umgestoßen und zweitens reißt durch die Erschütterung der Samenfaden ab und klebt jetzt an meinem Hosenbein.

Was für eine bescheuerter Einfall, nach oben zu hüpfen! Ich komme mir vor wie in meinem eigenen Mister-Bean-Film.

Egal, nu aber fix! Hose hochziehen, Deckel zuschrauben und raus. Damit alles schön frisch ist.

Ich verlasse das Zimmer fluchtartig und lege alles draußen auf die Theke, verlasse das Gebäude und schaue draußen auf die Uhr. Acht nach halb. Nicht schlecht.

Ich bugsiere den Wagen aus der Parklücke und fahre zur Arbeit. Die zeitliche Planung ist genau aufgegangen, kurz vor neun pilotiere ich den Boliden auf den Parkplatz und betrete meine Arbeitsstätte. Rein ins Büro, „Guten Morgen!“, Rechner anwerfen und erstmal in die Küche gehen, Kaffee holen.

Ich treffe Erik an der Kaffeemaschine. Er mustert mich kurz von oben bis unten und sagt: „Na, musste es schnell gehen heute früh?“

Ich spüre, wie mir die Röte ins Gesicht schießt.

„Was… meinst du damit?“, frage ich unsicher zurück.

„Schau mal deine Hose an – voll der Zahnpastafleck!“

Vier Tage

Mittwoch, 3 September 2008

Der erste Lichtblick am ersten Arbeitstag nach dem Urlaub: Meine Vier-Tage-Woche ist durch. Der Zusatz zum Arbeitsvertrag liegt vor mir auf dem Schreibtisch. Regelarbeitszeit 32 Stunden pro Woche, wenn nichts Anderes vereinbart wird ist der Montag arbeitsfrei. Gültig ab sofort, zunächst befristet auf drei Monate, danach wird über eine Fortführung entschieden.

Schnell die Unterschrift drauf, bevor sie es sich noch mal anders überlegen.

Dass diese Neuigkeit im Unternehmen blitzschnell die Runde macht, ist abzusehen. Britta kommt als erste noch am selben Tag auf mich zugeschossen: „Du arbeitest jetzt nur noch vier Tage die Woche? Ist deine Freundin schwanger?“

Am darauf folgenden Tag zieht mich Melanie nach dem Mittagessen zur Seite: „Stimmt das, du arbeitest jetzt nur noch vier Tage die Woche, weil deine Freundin schwanger ist?“

Carina schließlich am dritten Tag: „Hey, ich hab gehört, deine Freundin ist schwanger?“

Mittlerweile lassen sich meine Kollegen in zwei Gruppen einteilen:

- die, die meine Freundin sehen, wenn sie mich von der Arbeit abholt und mich tags darauf fragen, warum sie immer noch so einen flachen Bauch hat und

- die, die mich Dienstags fragen, warum ich Montags keine Mails beantworte.

Leben mit Baby

Dienstag, 2 September 2008

Am darauf folgenden Morgen treffe ich mich mit Barbara zum Frühstück. Ihr Sohn ist jetzt ein halbes Jahr alt und randaliert im Maxi-Cosy mit einer kleinen Holzspielzeug-Kette, als ich um neun Uhr das Café betrete. Wir begrüßen uns herzlich und sie legt sofort los mit erzählen. Kind, Kind, Kind – alles dreht sich nur ums Kind. Wir reden über Milchpumpen und Babybrei, ich erzähle ihr von meinem Treffen mit Nadine. Gerne würde ich auch über die Firma reden oder über den netten Film, den ich letztens gesehen habe. Keine Chance. Sie kommt vom Thema nicht weg und ich trau mich auch nicht, die verbale Blutgrätsche auszupacken und zu sagen: „Du, mal was anderes, neulich im Kino…“ Das wäre unpassend und ich käme mir wie ein oberflächlicher Ignorant vor. Was ist schon das sehen eines Kinofilms im Vergleich zum Großziehen eines Kindes.

Während wir so reden steht mein zweites Ich neben und denkt nach. Ich bin sehr gespalten in meiner Beurteilung der Situation. Einerseits finde ich es total schön, wie sehr Barbara in ihrer Rolle aufgeht. Sie ist ständig präsent für ihren Sohn, reagiert auf seine kleinsten Regungen und Äußerungen, kümmert sich absolut liebevoll um ihn, ist das Paradebeispiel für eine treu sorgende und fürsorgliche Mutter. Das kommt von ganz ganz tief drinnen.

Andererseits bin ich erstaunt, wie sich von heute auf morgen ein Mensch in einigen Facetten seiner Persönlichkeit schlagartig ändert. Als hätte jemand den „mit-Freunden-abhängen“-Chip ausgewechselt und durch den „Mutter“-Chip ersetzt. In dieser Hinsicht hat sie sich sehr verändert. Das es mir ähnlich ergehen könnte macht mir Angst. Dass bei mir ohne mein Zutun von heute auf morgen eine ähnliche tief greifende Veränderung stattfinden könnte.

Vielleicht wird es bei mir nicht so ausgeprägt sein, weil ich ein Mann bin. Da ich kein Kind austragen und gebären kann, habe ich vielleicht schon automatisch mehr Distanz. Wahrscheinlich ist diese schlagartige umfassende Veränderung auch das Erfolgsgeheimnis der Natur. Nur, wenn genau das passiert, was mit Barbara passiert ist, hat der Nachwuchs überhaupt eine Chance. Möglicherweise muss genau das passieren, damit die Menschheit überleben und sich fortpflanzen kann.

Nachdem wir den letzten Tropfen aus dem Kinderthema kommunikativ rausgequetscht haben, wage ich einen ersten Vorstoß in Richtung dieses Gedankengangs.

„Außer Kind ist bei dir gerade nicht viel anderes angesagt, oder?“

Sie krault ihren Sohn am Bauch während sie mir antwortet:

„Nee. Guck ihn dir an. Er ist jetzt da. Und er ist immer da. Selbst wenn ihn mal abends jemand anders für ein paar Stunden hat ist er trotzdem da. Er ist immer präsent und braucht hundert Prozent meiner Aufmerksamkeit. Ständig ist was los, er brabbelt, er sabbert, er schreit. Da kannst du gar nichts anderes mehr machen. Und wenn ich mal nicht bei ihm bin, dann denke ich natürlich drüber nach, wie es ihm jetzt wohl gehen wird.“

Das leuchtet mir ein. Ein Kind hat keinen Stand-By-Schalter.

„Wird das nicht manchmal zu viel?“, frage ich.

„Doch, klar. Sonntagmorgen zum Beispiel. Da konnte ich nicht mehr. Ich hab ihn einfach meinem Mann in die Hand gedrückt und gesagt: ‚Ich muss jetzt mal einen Moment raus’, bin dann hier her gefahren und saß zwei Stunden am Tisch und hab Kaffee getrunken. Ich hatte mir sogar ein Buch mitgenommen, hab aber nicht gelesen. Selbst das war schon zu viel Action. Saß einfach nur da und hab durch die Gegend geguckt. Danach ging’s wieder. Zum Glück versteht mein Mann das und hat nicht nachgefragt oder groß rumdiskutiert.“

„Wirst du dann wieder arbeiten kommen? Dann würdest du dich ja regelmäßig für längere Zeit von deinem Kind trennen müssen.“

„Ich weiß es noch nicht. Wir haben zwar einen Krippenplatz, aber wenn ich mir vorstelle, ihn dort hingeben zu müssen – ich kann doch nicht mein Kind an jemanden anders abgeben – mein Kind!“

Sie sagt „mein Kind“ mit voller Inbrunst. So inbrünstig, dass ich gar nicht wage, etwas über „Abnabelung“ oder „selbstständiges Wesen“ anzudeuten. So, wie sie „mein Kind“ sagt, ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, über diese Thema mit ihr zu diskutieren. Das können wir dann in fünfzehn Jahren machen, wenn aus dem kleinen rosa Wonneproppen ein pickelgesichtiger fetthaariger Rotzlöffel geworden ist, den die Polizei morgens um halb drei bei ihr abliefert mit der Erklärung, sie hätten ihn sturzbetrunken vor dem örtlichen Kino aufgegriffen bei dem Versuch, seinen Mageninhalt in einen öffentlichen Mülleimer hineinzuschütten.

Es ist auch überhaupt nicht angebracht, jetzt über diese Themen zu reden. Der Kleine braucht seine Mutter mehr als alles andere auf der Welt und nichts ist wichtiger, als dass dieses Band nicht gestört wird. Ich versuche, ihr mit meinem Lächeln als Antwort zu signalisieren, dass ich als kinderloser maskuliner Angehöriger unserer Menschlichen Rasse im Rahmen der mir gegebenen Möglichkeiten verstanden habe, was sie meint. Auch wenn ich das alles nicht so spüren kann wie sie. Aber ich kann mir vorstellen, dass es da etwas ganz Besonderes gibt, das nach ganz anderen Spielregeln abläuft, die ich nicht nachvollziehen kann.

Ich lächle auch, weil Barbara mich sehr an meine eigene Mutter erinnert. Auch Barbara wird eines Tages ihrem fünfunddreißigjährigen Sohn um den Hals fallen, wenn er das Haus betritt und zur Begrüßung rufen: „Kind, hast du denn heute schon etwas gegessen?“

Tschakkaline

Montag, 1 September 2008

An dieser Stelle muss ich einen kurzen Einschnitt machen. Mir ist bewusst, dass man Themen auch zu weit strapazieren kann. Dass man manchmal den richtigen Zeitpunkt verpasst, an dem es angeraten gewesen wäre, aufzuhören, aufs tote Pferd einzuprügeln. Aber dieses Jaqueline-Dings ließ mich die ganze letzte Woche einfach nicht los. Es ist wie verhext. Dabei muss ich vorab klarstellen: Ich finde den Namen, wenn er richtig ausgesprochen wird, wirklich schön! Ehrlich! An alle Jaquelines, die das hier lesen: Ich mag euren Namen und hoffe, dass euch niemand Schakeline oder ähnlich nennt. Außer eure Großmütter, die dürfen das.

Aber nun zu dem, was mich das ganze Wochenende so sehr bewegt hat. Samstag Morgen in den Geburtsanzeigen in der Zeitung:

Jaqueline-Monic.

Ja, richtig gelesen: Jaqueline-Monic.

Liebe kleine Jaqueline-Monic, auch wenn ich dich nicht kenne und wir uns ziemlich sicher niemals kennenlernen werden, ich konnte keine einzige Minute meiner Gedanken der letzten Tage von dir lassen.

Jaqueline-Monic.

Liebe Freunde der zielsicheren Namensgebung für weiblichen Nachwuchs, ich lade euch ein, euch gemeinsam mit mir dem Phänomen “Jaqueline-Monic” in den nachfolgenden Zeilen zu nähern und zu versuchen, es in seiner Grundbedeutung zu verstehen.

Über Jaqueline (korrekterweise im Französischen eigentlich: Jacqueline - mit “cq”, aber halten wir uns nicht allzulange mit vernachlässigbaren Detailfragen auf) wurde im von Schnecqueline so vortrefflich kommentierten Urlaubstext bereits gesprochen. Betrachten wir zuerst isoliert den Zweitnamen: Monic. Monic, phonetisch nur um Haaresbreite an einem fast gleichnamigen Handytarif vorbeigeschrammt, für den ein bekannter dunkelhäutiger Brite Werbung macht und der bei Abschluss innerhalb der nächsten drei Tage noch ein Startguthaben in Höhe von zehn Euro verspricht, müsste eigentlich “Monique” heißen. “Jean est le frère de Monique” lernte ich in meiner ersten Französischstunde damals in der siebten Klasse, ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Folglich müsste es “Ja(c)queline-Monique” heißen, um das im Deutschen vermutlich aus Komplexitätsüberlegungen vernachlässigte “c” möchte ich jetzt nicht streiten.

Jacqueline-Monique.

Nicht Jaqueline-Monic.

Warum in aller Welt Jaqueline-Monic? Erschien die Doppel-”que”-Konstruktion dem Namensgeber zu gewagt? Sprengt der Laute-zu-Buchstaben-Koeffizient von 4:17 eine Grenze des moralisch Anständigen? Oder sagte der Beamte auf der anderen Seite des Tisches: “Jacqueline-Monique geht nicht, mein Formular hat nur fünfzehn Kästchen.”?

Woher kommt das “Monic” und was ist der Grund, dass gegenüber einem eleganten französischem “Monique” präferiert wurde? Monic - noch ein kleines Vokälchen dazu und man hat eine “Monica”. Wie in Monica Seles, der Tennisspielerin. So gesehen ist Monic eine Referenz an Sportlichkeit, Kampfgeist, niemals aufgeben. Erinnert mich an die bemerkenswerte Häufung der Borisse unter den heute Anfang Zwanzigjährgen. Das waren noch Zeiten, als der Sport weiß und sauber war und Geschichten von Samenraub und Besenkammern im Bereich des Unvorstellbaren lagen. “Monic” könnte sich auch auf Monica Lewinsky beziehen, was die Konnotation des sauberen weißen Sports schlagartig zu spermaweißen Samenflecken auf dunklen Frauenkleidern zusammenschnurren lässt. Kommt davon, wenn man den Mund zu voll nimmt.

Warum nicht gleich anstelle des merkwürdigen Oralkonstrukts “Monic” den guten alten deutschen Namen “Monika”? Bei “Monika” frage ich mich immer: “Ist das der passende Zweitname zu ‘Mundhar-’?” und bin gedanklich sofort bei Musikantenstadl, Marianne und Michael und den Wildecker Herzbuben, was im Gegensatz zu meinen vorherigen Überlegungen die absolute Versinnbildlichung von Asexualität und Unsportlichkeit ist. Spermaspo(r)t auf Abendkleid goes Fettfleck auf Karo-Tischdecke. “Jaqueline-Monika” - es geht also noch schlimmer als “Jacqueline-Monique”, “Jaqueline-Monika”, das wäre die ultimative Verbrüderung zweier Nationen im Herzen Europas in einem Mädchennamen, “Jaqueline-Monika” - die Frucht der Liebe zwischen der französischen Marianne und des deutschen Michel, “Jaqueline-Monika” - le nom de l’amitié franco-allmande, “Jaqueline-Monika” - der Stier des dritten Jahrtausends, auf dem Europa in eine fleckenfreie Zukunft reitet.

Jaqueline-Monic - das muss es sein! Monic als Tribut an eine nicht-existente amerikanisch-französische Freundschaft. Jaqueline-Monic als Beitrag zur internationalen Völkerverständigung! Jaqueline-Monic, das ist die imaginäre Brücke zwischen Paris und New York, der Handschlag zwischen de Gaulle und Eisenhower, Coque au vin mit Big Mac, Gilbert Bécaud und Elvis, Belmondo und Stallone, Bordeaux mit Cola, der Cadillac Coup de Ville auf dem Fahrwerk einer Citroen DS, der nie geschriebene Comicstrip über Mickey Mouse und Pif le chien, die nicht vollzogene Liebesnacht (weiß man’s?) zwischen Nicolas Sarkozy und Hillary Clinton (Tipp: kein dunkles Kleid dabei tragen).

Jaqueline-Monic - dieser Name, Wahnsinn! Da muss selbst ich schlucken.

Liebe kleine Jaqueline-Monic, dein Name wird dir ein Leben lang Probleme bereiten, Eltern können bei sowas unwahrscheinlich grausam sein, aber tröste dich: immerhin bist du keine Chantal Häberle oder Fleurette Klomp (die Namen gibt’s wirklich!). Auch ich muss meinen Nachnamen jedes Mal buchstabieren, sah ihn in unzähligen, nicht für möglich gehaltenen Variationen geschrieben und dank des Klamauk-Songs eines leider zu früh verstorbenen großen deutschen Komikers zog ich es über mehrere Jahre meiner Jugend in Erwägung, mich umtaufen zu lassen. Stehe zu deinem Namen, trage ihn mit Stolz, Namen sagen nichts über den Charakter eines Menschen aus. Und zur Not kannst du dich immer noch “Jacky” rufen lassen, da werden zumindest alle Männer schwach, denn das klingt nach Whiskey, Macht und Reederei-Millionen.