“Ein Buch über mich”
Eine Woche später. Ich bin in Lauerstellung. Auf was warte ich?
Zum Einen auf den Urlaub. Noch zwei Wochen. In zwei Wochen hab ich drei Wochen Urlaub. Seele baumeln lassen. Relaxen. Ruhig sein. Energie tanken.
Zum Anderen auf meinen Chef. Der kommt in einer Woche wieder aus seinem Urlaub zurück. Dann werde ich mit ihm darüber sprechen, „dass was passieren muss“. Bin gespannt, wie er darauf reagieren wird. Letzte Woche war ich mit seinem Vorgesetzten (also meinem so genannten „Chefchef“) mittagessen und deutete bereits an, „dass etwas passieren muss“. Das hat ihn aufhorchen lassen.
In Lauerstellung zu sein ist auf die Dauer zermürbend und so fühl ich mich auch. Unruhig, nicht wissend, wann ich in welche Richtung springen soll. Ich fühle mich unkreativ, hab keinen Antrieb zu schreiben oder Musik zu machen. Lauer halt so rum.
Ich möchte gerne den ersten Band meines Buches fertig machen, das Buch über einen Mann und eine Frau, die beschlossen, ein Kind zu bekommen, aber irgendwie zieht es mich nicht an den Computer. Ich würde gerne mehr Klavier spielen, aber jedes Mal, wenn ich mich an die Klaviatur setze, kommt nur Müll an mein Ohr.
Alles scheint in einer Art Lauerstellung zu sein. Fast symptomatisch für die sommerliche Urlaubszeit: Das Leben liegt brach und findet an den Stränden Südeuropas statt. Eigentlich die ideale Voraussetzung, jetzt loszulegen. Loszulegen mit allem.
Aber so einfach ist es nicht.
Ich möchte nicht länger zum Pferd gehen, weil es mir zu viel Zeit nimmt. Darüber kann ich aber nicht mit der Besitzerin sprechen, denn sie ist im – Urlaub.
Ich möchte nicht länger zur zweiten Band gehen, aber darüber kann ich nicht mit den Jungs sprechen, denn die Hälfte ist im – Urlaub.
Ich möchte was an meinem Job andern, aber das kann ich nicht, denn mein Chef, mit dem ich das besprechen sollte ist im – Urlaub.
Also muss ich warten. Geduldig sein. Auf den richtigen Moment warten. Auf den perfekten Zeitpunkt lauern.
Schwierig.
Schließlich raffe ich mich doch noch auf und schalte das Laptop ein. Es ist ein wunderschöner Sonntagabend. Die Sonne beschäftigt sich grade mit Untergehen am Horizont, sie beschäftigt sich mit ihrer Körperhygiene in der Badewanne und ich beschäftige mich mit meinem Cappuccino auf dem Balkon. Der Rechner fährt hoch und ich beginne zu schreiben. Ein lauer Sommerabendwind umspielt meine Arme und Beine, eine kleine Fliege lässt sich auf dem Screen des Laptops nieder und hinterlässt auf dem zweiten „e“ des Wortes „Beine“, welches ich gerade getippt habe, einen winzigen Fliegenschiss.
Ich liebe Sommerabende.
Ich wühle in den alten Texten herum. Spätestens zu Weihnachten soll es fertig sein. Ihr Buch. Unser Buch. Unser ganz persönlicher Baby-Alarm. So lange, bis der Mediziner sagte: „Vergessen Sie’s!“. Damit endet der erste Band. Wie der zweite Band weiter geht weiß ich noch nicht, denn ich erlebe ihn ja erst grade.
Mir fällt der Dahlke-Text in die Hände und meine Gedanken dazu.
„Bilanz machen am Umkehrpunkt des Lebens in der Wechseljahren: sind die Forderungen des Hinwegs, die Vorbereitungen für den Rückweg erfüllt?“
Was sind eigentlich die Forderungen des Hinwegs? Und wurden diese erfüllt? Und was genau sind die Vorbereitungen für den Rückweg?
Zu bestimmen: „Jetzt wollen wir Kinder!“ – ist das nicht ein bisschen zu einfach gedacht? Ist das eine Vorbereitung für den Rückweg?
Und es gibt eine zweite Kondition: Die Forderungen des Hinwegs. Sind diese auch erfüllt? Ist „die Welt gesehen haben“, „Hörner abgestoßen zu haben“, „soliden Job und sicheres Einkommen haben“ eine erfüllte Forderung des Hinwegs? Da gäbe es doch noch so manches, was nicht erfüllt ist. Nämlich all das, „was noch passieren muss“: mehr Zeit für mich.
Zeit, um ein Buch zu schreiben.
Zeit, um eine CD aufzunehmen.
Zeit, das zu tun, was ich wirklich tun möchte.
So viele Forderungen des Hinwegs, die bis heute noch nicht erfüllt sind. Forderungen, an deren Erfüllung ich erst gerade angefangen habe, zu arbeiten.
Kein Wunder ist die Prostata vergrößert.
Kein Wunder, dass das mit dem Kinder kriegen noch nicht klappt.
Während ich überlege und schreibe kommt sie raus auf den Balkon, frisch geduscht und mit einem Buch in der Hand. Sie schnappt sich den Schaukelstuhl und setzt sich neben mich.
„Lass dich nicht stören.“
„Ist dein Buch gut?“
„Jooo…“
Sie liest, ich tippe, Sonne geht unter.
Auf einmal sagt sie: „Ich finde, du könntest mal ein Buch über mich schreiben. Ein Buch über das Leben mit mir!“
Seitdem ich ihr gesagt habe, dass ich mehr Zeit zum Schreiben haben möchte, kommt sie alle paar Tage mit neuen Buchideen an. Sie hat einige Texte gelesen und ermuntert mich, mehr zu schreiben. Das ich tatsächlich an einem Buch über das Leben mit ihr schreibe weiß sie noch nicht. Es soll eine Überraschung für sie werden. Ganz zu Anfang hatte ich geplant, ihr nach der Entbindung alle Texte an sie zu übergeben. Von ihrer Frage, ob ich ein Kind mit ihr haben möchte, bis zur Geburt. Da sich dieser Weg als ziemlich steinig und hindernisreich erwiesen hat, gibt’s jetzt erst mal den ersten Band zu Weihnachten für sie. Vielleicht auch schon früher, wenn sie mir auf die Schliche kommt.
Nun sitzt sie neben mir, kommt selbst mit dieser Idee an und ich muss grinsen.
„Ein Buch über das Leben mit dir? Wen sollte das schon interessieren?“
„Na alle natürlich!“
„Und was sollte ich da so schreiben?“
„Na alles! Also ich finde mein Leben toll.“
„Und wenn ich da etwas über deine Schusseligkeit schreibe?“
„Dafür kann ich nichts! Das ist die Erdanziehungskraft. Das werden die Leser verstehen!“
„Aha – also gut, dann schreibe ich ein Buch über das Leben mit dir und du kannst es vorher lesen und mir dann sagen, ob ich es veröffentlichen soll oder nicht.“
„Klar kannst du das veröffentlichen.“
„Aber du hast es noch gar nicht gelesen!“
„Muss ich nicht. Da steht drin, wie toll ich bin und die ganze Welt wird das erkennen!“
Freitag, 22 August 2008 at 13:59
Ich würde das Buch kaufen, nur zu
Liebe Grüße, January