Raclette und Lebensplanung

Ein sonniger Samstag. Ich denke nach. Den ganzen Tag schon.

Der Freitag in der Firma war grauenvoll. Objektiv betrachtet war er gar nicht so schlimm. Es gab ein bisschen Ärger, es war nervig, aber so was passiert manchmal. Wegstecken, es ist Wochenende, Montag sieht die Welt anders aus.

Aber Wegstecken geht irgendwie nicht mehr. Es beschäftigt mich zu sehr. Ich bin zu sensibel geworden, obwohl ich eigentlich mehr Erfahrung habe als früher. Vielleicht ist auch nur meine Seele im Laufe der Jahre mehr an die Oberfläche gekommen.

Das Monster in meinem Bauch brüllt. So geht es nicht weiter.

Ich komme abends zurück von der Bandprobe. Sie hat ein wundervolles Abendessen vorbereitet, wir essen Raclette auf dem Balkon in der untergehenden Sonne.

„Ich möchte dich verwöhnen!“, sagt sie.

Wir essen viel zu viel, sind am Ende total voll.

„Was würdest du davon halten, wenn ich nur noch vier Tage die Woche arbeiten würde?“, frage ich sie.

„Hast du dir das mal ausgerechnet, wie viel dann netto übrig bleibt?“

„Ungefähr. Ich muss es mal genau ausrechnen, aber es sollte reichen zum Leben.“

„Dann mach es.“

„Bist du sicher?“

„Was würdest du denn machen an dem freien Tag. Schreiben?“

„Ja.“

„Mach es. Du bist immer total ausgeglichen, wenn du schreibst. Du kannst schreiben. Mach es.“

„Ich hab Angst davor. Die letzten Jahre ging es gehaltsmäßig nur bergab. Es wird immer weniger. Dabei sollte es doch mehr werden. Ich möchte dir Sicherheit bieten. Ich möchte erfolgreich sein. Ich möchte nicht wie ein Loser vor dir dastehen. Ich möchte, dass du Stolz sein kannst auf mich.“

Sie schaut mich an und nimmt mich in den Arm.

„Aber das bin ich doch! Ich bin so glücklich mit dir! Ich bin stolz auf dich, weil du so sensibel bist und diese Dinge erkennst, darüber nachdenkst und etwas unternimmst. Wenn du nicht so wärst, dann wärst du ein unsensibler Dickschädel und ich wäre niemals so glücklich mit dir, wie ich jetzt bin.“


2 Kommentare zu “Raclette und Lebensplanung”

  1. shusl schreibt:

    Tu es! Ich sage es Dir aus eigener Erfahrung.
    Ich arbeite nur noch 50 % - immer abwechselnd eine Woche voll und eine Woche gar nicht. Du glaubst gar nicht, wie erfrischend das für mein Leben ist. In meiner Arbeitswoche bin ich voll motiviert, habe Spaß dran, kann den Stress viel besser wegstecken - weil ja die freie Woche danach lockt. Und meine freie Woche genieße ich einfach nur. Es ist herrlich, Zeit zu haben, Zeit für die Dinge, die sonst immer liegen bleiben, Zeit für ein Schwätzchen, natürlich Zeit für unser Kind und meinen Mann, Zeit für den Garten, Zeit für all die Dinge, die ich gern mache.
    Ich arbeite, um zu leben. Nicht umgekehrt. Je älter ich werde, desto wichtiger ist mir diese Version :-)
    lg
    shusl

  2. ma-buggs schreibt:

    Ja, da kann ich nur zustimmen, ich arbeite mittlerweile nur noch 25 statt 37 Stunden die Woche und kann nur sagen, daß der Gewinn an Lebensqualität den Verlust an Geld locker wettmacht.
    LG
    Ma-buggs

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