Mütter und Motorradfahrer
Dienstag, 26 August 2008Zurück aus dem Norden. Nach einer Woche wurde es uns dann doch zu kalt und wir beschließen, für ein paar Tage in die südlichen Zipfel der Republik zu fahren. Ich nutze den Aufenthalt dort für einen Besuch meiner ehemaligen Kollegin Nadine. Ich hab mit Nadine früher ein Büro geteilt, jetzt arbeitet sie in München, ist verheiratet und hat einen vier Monate alten Sohn.
Wir treffen uns auf dem Marienplatz unterm Glockenspiel um ein Uhr. Ich sehe sie Kinderwagen schiebend durch den Dauerregen auf mich zulaufen. Als erstes fällt mir auf, dass sie seit unserem letzen Treffen vor zwei Jahren ziemlich viele graue Haare bekommen hat. Bevor ich sie drauf ansprechen kann kommt sie mir zuvor.
„Wir müssen noch eine Weile spazieren gehen, der Kleine schläft noch nicht.“
Kein Problem, also gehen wir ein Stück.
Sie erzählt mir, dass er generell wenig schläft, weil er vermutlich Angst hat, was zu verpassen. Und im rollenden Kinderwagen schläft er nun mal am besten ein.
Wir ziehen zwischen Stachus und Viktualienmarkt unsere Kilometer durch den Regen hin und her und beobachten, wie die Augen des kleinen Mannes langsam zufallen bevor er sie ruckartig wieder weit aufreißt und uns anschaut, als wollte er sagen: „Boah, habt ihr gemerkt, beinahe wär ich eingeschlafen und hätte dann fast was verpasst!“
Für seine vier Monate ist ihr Sohnemann ein Hüne, ein echtes Riesenbaby. Was hinsichtlich der Körpergröße seiner Eltern nicht verwunderlich ist. „Im letzten Trimester sagte die Frauenärztin bei jeder Untersuchung zu mir: ‚Also ich sag Ihnen jetzt nicht mehr, wie groß er ist, ich möchte Ihnen ja nicht unnötig Angst machen.’“, meint Nadine lachend. „Trotzdem war die Geburt erstaunlich unspektakulär, vier Stunden und von den Schmerzen her ging’s eigentlich.“
Schließlich gewinnt Morpheus das Ringen um den Schlaf und wir gehen in ein Restaurant. „Ich hab heut noch nichts gegessen.“, sagt Nadine.
Wir nehmen Platz neben Mutter und Oma, die ebenfalls besäuglingt unterwegs sind und grüßen einander herzlich.
„Mütter sind wie Motorradfahrer,“, weiß Nadine zu berichten, „eine verschworene Gemeinschaft. Man grüßt sich, man setzt sich zueinander, man fachsimpelt miteinander. Man hilft sich sofort bei Pannen und leiht sich ohne Bedenken gegenseitig das Werkzeug aus, weil man weiß, dass es der andere niemals mitgehen lassen würde.“
Wir holen die letzten beiden Jahre nach. Ihre Hochzeit, Schwangerschaft, Geburt, wo ich bei dem Thema „Kinder“ im Moment stehe, die Firma, Karriere, gemeinsame Bekannte. Nebenher wechseln wir uns beim Wackeln des Kinderwagens ab, damit der Kleine ja nicht auf die Idee kommt, er würde gerade etwas verpassen.
„Wie sind denn so deine Nächte?“, frage ich.
Nadine deutet mit der Gabel zu ihrem Kopf.
„Siehst du diese Haare?“
„Ja.“
„Noch Fragen?“
„Wie oft kommt er pro Nacht?“
„Heute um zwei und um vier.“
„Und seit wann ist er wach?“
„Seit sechs.“
„Keine weiteren Fragen, Euer mütterlichen Ehren.“
„Zweimal pro Nacht raus ist Standard seit vier Monaten. Manchmal geb ich ihm morgens um vier die Brust und denke mir: ‚Wenn du jetzt noch mal vor sieben aufwachst, dann wachst du nie mehr auf!’“