Archiv für Juni, 2008

Der kleine Unterschied zwischen Rechtswissenschaft und Medizin

Donnerstag, 5 Juni 2008

Ungefähr zwei Wochen später.

„Ja, ich habe Ihren Befund vorliegen“, sagt die Dame am Telefon. „Möchten Sie kurz Herrn Doktor sprechen?“

Ja, das möchte ich.

*düdeldüdeldüdeldü*

Die kleine Nachtmusik der Warteschleife schlängelt sich durch meinen Gehörgang. Mozart beim Urologen. Wolferl, wenn du wüsstest…

Jetzt ist Herr Doktor am anderen Ende dran. Er scheint etwas in Eile und aus einer anderen Situation herausgerissen worden zu sein, atmet schnell und spricht hektisch und verworren.

„Ja, hallo, Herr, äh, scheint fast alles okay zu sein. Wir haben da einen leichten bakteriellen Befund, aber der ist nicht schlimm. Den könnten wir behandeln, hm, sollten wir behandeln, kommen Sie doch einfach mal vorbei.“

„Und die Spermien?“

„Ach ja, Ihre Zeugungsfähigkeit…“

Ich höre ihn im Befund herumblättern.

„Hm, ja, also das ist nix. Sie brauchen mindestens zwanzig Millionen Spermien, um überhaupt ne Chance zu haben. Sie haben vierkommazwei und selbst die sehen nicht gut aus. Richtig vom Fleck bewegen wollen die sich auch nicht, die sitzen da so rum. Also aus juristischer Sicht sind Sie zeugungsfähig, aber aus medizinischer kann ich nur sagen: Vergessen Sie’s!“

„Kann das von den Bakterien kommen?“

„Ne, die sind eher harmlos, die haben darauf vermutlich nur einen geringen Einfluss. Lassen Sie sich mal nen Termin geben zum Blut abnehmen, dann schauen wir nach Ihrem Hormonhaushalt und können das eventuell ein bisschen ankurbeln. Ich stell Sie mal nach vorne durch, auf Wiederhören.“

*düdeldüdeldüdeldü…*

Ich lasse mir einen Termin geben, lege den Hörer auf und laufe langsam zurück an meinen Arbeitsplatz. Das war wohl nix mit dem Gedanken „So, und jetzt machen wir Kinder!“

Ich versuche, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren, aber es gelingt mir nicht.

Sie macht früher Feierabend, wir treffen uns im Park und gehen ein Stück miteinander. Reden, analysieren die Situation, sprechen über unsere Gefühle. Wir sagten uns immer: „Wenn es nicht klappt, dann ist es nicht so schlimm.“

„Wat is – dat is!“, sagt der Sauerländer.

Trotzdem ist es jetzt schlimm. Was genau ist schlimm?

Der Gedanke, vielleicht doch kein Kind bekommen zu können, macht mich traurig, aber deswegen bricht für mich keine Welt zusammen. Für mich ist es nicht ultimativer Sinn und Zweck meines Lebens, Kinder zu zeugen. Zumal es „juristisch gesehen“ immer noch geht. Es ist ja nicht gar nichts da. Wer weiß, was für Möglichkeiten es noch gibt. Wenn wir es wirklich wirklich wollen, gibt es ja noch vieles, von dem wir heute weder eine Ahnung geschweige denn es ausprobiert haben. Die Frage ist: Wie sehr wollen ist „wirklich wirklich wollen“?

Ich fühle mich auch nicht durch die Diagnose in meiner Männlichkeit angekratzt. „Männlich“ ist für mich nicht, mehr als zwanzig Millionen Spermien zu produzieren. „Männlich“ ist zum Beispiel beim Umzug von Franziska letzten Samstag einen voll beladenen Mercedes Sprinter in der großen Version mit Hochdach und knapp sieben Metern Länge ohne einmal rangieren zu müssen zweihundert Meter rückwärts in eine Sackgasse zu fahren und am Ende bergauf in eine Hofeinfahrt zu bugsieren, die so eng ist, dass beide Rückspiegel eingeklappt werden mussten und ich die Fahrerkabine nur durch die heruntergekurbelte Seitenscheibe über das Dach des Wagens verlassen konnte, während ich den dabei Bauklötze staunenden Anwesenden zurief: „Hundertachtzig PS – und nix gedrosselt!“

„Männlichkeit“ ist Verlässlichkeit, Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, Ritterlichkeit. „Männlich sein“ bedeutet für mich zuhören und verstehen zu können. Zupacken, „da sein“, breite Schultern und ein breites Kreuz haben, nicht nur im gegenständlichen, sondern auch im übertragenen Sinne. Nach achtundzwanzig Stunden Flugreise ihren Koffer mit einem Lächeln die Treppe hoch zu tragen. Eine Frau diesseits und jenseits der Bettkante glücklich zu machen.

Männlich ist, mit ihr im Park auf einem Stein zu sitzen und versuchen zu erklären, warum und wo mir eine medizinische Diagnose weh tut.

Als wir uns vor zweieinhalb Jahren an einem kalten winterlichen Samstagvormittag in der Stadt kennen lernten, sagte sie nach fünf Minuten (und ich hab bis heute keine Ahnung, wie wir eigentlich auf dieses Thema gekommen sind): „Ich will keine Kinder und mit fünfunddreißig lass ich mich sterilisieren. Früher ist es in diesem Land leider illegal.“

Seitdem hat sich bei uns beiden sehr viel verändert. Ich hatte mich drauf gefreut, gemeinsam mit ihr einen Weg zu beschreiten, den wir beide noch nicht gegangen sind. Es hat mich fasziniert, zu erleben, wie wir uns beide auf diese Reise begeben haben, wie wir uns nach und nach in diese Richtung entwickelt haben, ohne Zwang oder Druck, es ist einfach geschehen. Als wäre es das Natürlichste von der Welt. Wir haben uns aufgemacht, einen Kontinent zu durchqueren, dessen Durchquerung wir zuvor nicht gewagt haben. Eine lange Reise ins Unbekannte. Die Gestaltung dieser Zukunft lag in unserer Hand.

Jetzt steht da ein Zöllner am Grenzübergang dieses Kontinents und sagt: „Du kommst hier net rein!“

Wir stehen an dieser Grenze, top vorbereitet und perfekt ausgestattet für die Jahrzehnte dauernde Durchquerung der Wildnis. Was tun? Andere Klamotten kaufen? Neue Ausrüstung besorgen? Den Zöllner bestechen? Oder umkehren und wieder nach Hause segeln in die Alte Welt, wo wir herkamen? So schlecht war es da ja nicht. Dort waren wir doch auch glücklich.

Ich bin das Kind einer Wohlstandsgesellschaft. Ich bin es gewohnt, Optionen zu haben. Ich erwarte, dass ich mich im Supermarkt für eines von zwanzig verschiedenen Waschmitteln entscheiden kann. Für genau dieses eine, das ich gerne haben möchte. Dass ich nicht das nehmen muss, was grade noch da ist.

Unser Weg der Entscheidung für diese eine Option, die Art und Weise, wie wir unser gemeinsames Leben gestalten möchten, war lang und er war schön – so schön, dass ich alles, was geschah, aufgeschrieben hab, um es nicht zu vergessen. Niemals hätte ich vor zweieinhalb Jahren gedacht, dass wir uns so entscheiden würden.

Nun stehe ich vor dem leeren Supermarktregal. Das Waschmittel, das ich wollte, ist weg, ebenso alle anderen Optionen, die mit Wäsche waschen zu tun haben. Hinten in der Ecke steht noch eins. Der Ladenhüter. Das, von dem es sehr fraglich ist, ob es überhaupt Wäsche sauber bekommt. Das, was niemand wollte. Das, über das die Leute tuscheln, wenn sie es in deinem Wagen sehen und hinter deinem Rücken sagen: „Guck dir mal die arme Sau an, die sich kein ordentliches Waschmittel leisten kann.“

Das, was sich „juristisch gesehen“ Waschmittel nennen darf, weil man bei einer Laboruntersuchung tatsächlich ein paar Phosphate und Tenside darin nachweisen kann. Damit Wäsche waschen? „Vergessen Sie’s!“

So hab ich mir das nicht vorgestellt. So möchte ich das nicht. Ich mag es nicht, wenn mir Optionen genommen werden.

Will ich dann überhaupt noch ein Waschmittel? Warum bin ich fixiert auf Waschmittel, ich könnte einfach in den Supermarkt gehen und sagen: „Mal schauen, was es heute gibt, ich lass mich überraschen.“? Wenn ich nur auf Waschmittel schaue, sehe ich doch gar nicht die anderen Waren, die mir auch gefallen könnten. Aber wo bleibt dann die Leidenschaft und Hingabe für ein Thema? Was ist mit meinen Zielen, meinen Hoffnungen, meinen Träumen, wenn es mir gleichgültig ist, ob ich mit Waschmittel oder Putensalami nach Hause komme? Ist Waschmittel überhaupt ein gutes Ziel für mich und mein Leben? Ist Waschmittel nicht völlig egal, solange ich gesund und glücklich bin? Warum freue ich mich nicht, dass es überhaupt Waschmittel gibt, warum will ich unter zwanzig Waschmitteln auswählen können? Ist es so schlimm, wenn mal ein Leben lang die Wäsche nicht richtig sauber wird? Ist es nicht viel besser, einfach das zu nehmen, was da ist, anstatt fünf Minuten lang zu überlegen, welches ich gern hätte? Fünf Minuten, die ich besser darauf verwendet hätte, ihr einen Strauß Blumen zu kaufen, weil ich sie so sehr liebe? Ist das nicht viel viel wichtiger als über fehlende Waschmittelauswahl zu lamentieren? Ist das Leben nicht viel mehr als Wäsche waschen?

Wat is – dat is…

So viele Fragen, über die ich nachdenken muss. Fragen, die nur mit mir zu tun haben. Nicht mit dem ungeborenen Nachwuchs. Baby-Alarm ist jetzt vorbei. Jetzt ist erst mal ich-selbst-Alarm.

Aber zuallererst möchte ich noch einen Moment trauern.

Labor-ieren

Mittwoch, 4 Juni 2008

Es ist Freitagfrüh und ich bin nervös.

Heute Abend ist der Gig auf dem Stadtfest. Bassist ist krank, hatte heute Morgen noch über achtunddreißig Grad Fieber, will aber trotzdem spielen. Kann wegen allgemeinem Schwächezustand logischerweise seine Bassanlage nicht selbst aus dem Proberaum holen, muss ich vorher noch machen. Die passt aber nicht mehr in mein Auto rein, ich brauch dazu den Firmenbus. Der ist aber reserviert bis fünfzehn Uhr, zu diesem Zeitpunkt sollte ich aber schon Bassanlage inklusive meinem Kram drin haben, mit zwei Fahrzeugen gleichzeitig fahren kann ich nicht und unsere Sängerin muss ich auch noch vorher abholen.

Ich kurve durch die engen Gässchen der Weststadt, die linke Hand am Steuer, die rechte hält die beiden Keyboards fest, die auf dem Beifahrersitz liegen. Ich suche dieses blöde Labor, um halb hab ich dort Termin, kaum zu finden in diesem Straßenwirrwarr. Äußerst gering ebenso die Chance, irgendwo einen Parkplatz zu finden für knappe fünf Meter schwäbisches Stahlblech. Und irgendwas arbeiten sollte ich heute natürlich auch noch. Heute ist Freitag, da muss alles gemacht werden, was die Woche über nicht fertig oder vor mir her geschoben wurde. Und das ist, wie immer, nicht gerade wenig.

Hauptsache, dieser Bus ist bis um drei da.

Endlich finde ich Labor und Parkplatz und betrete das Gebäude. Das Labor ist Teil eines großen Ärztehauses. Der zentrale Empfang befindet sich im Erdgeschoss und steht in Puncto Betriebsamkeit dem Parkett des New York Stock Exchange nur wenig nach. Vier Arzthelferinnen schwirren hinter der Theke hin und her, versorgen Patienten persönlich oder am Telefon, der Lautstärkepegel ist enorm, Ärzte kommen angerannt, knallen Unterlagen auf den Tisch und blaffen lateinische Wortfetzen durch die Gegend, andere Ärzte springen aus versteckten Ecken an, klemmen sich Patientenkarteien unter den Arm und verschwinden hinter irgendwelchen Türen, nachdem sie akrobatisch einem Postboten ausgewichen sind, der lustlos eine Karre mit Paketen über den Flur zieht.

„Wo issn hier das Klo?“, fragt mich ein UPS-Mann.

„Keine Ahnung, ich muss auch nur kurz hier reinspritzen und gleich wieder los“, antworte ich.

Nach fünf Minuten warten bin ich an der Reihe. Ich zeige meine Überweisung und muss als erstes einen in deutsch und türkisch gehaltenen zweisprachigen Fragebogen ausfüllen. Alkohol, Kippen, Erbkrankheiten, letzter Orgasmus und solche Sachen. Noch bevor ich in Ruhe herausfinden kann, was „Orgasmus“ auf türkisch heißt, reißt man mir das Blatt wieder aus der Hand und schickt mich ins Wartezimmer um die Ecke.

Das Getöse des Empfangsraumes ist von hier aus kaum weniger hörbar. Vom Wartezimmer geht es direkt in ein kleines Zimmer. Die Tür ist angelehnt. „Bitte nicht stören!!!“ steht auf einem selbst gebastelten Schild, das an der Tür hängt.

Aha, das ist also das berüchtigte Zimmer mit der nüchternen Atmosphäre.

Außer mir sitzt noch ein anderer Mann im Wartezimmer. Graue Haare, flott und lässig gekleidet, allerdings verraten seine Hände, dass er die Mitte fünfzig schon hinter sich gelassen haben muss. „Respekt, Kollege“, denke ich mir, „wenn ich in deinem Alter noch mal ans Kinder machen gehe, dann hab ich mich ordentlich gehalten.“ Ich erinnere mich an Captain Kirks Hafenrundfahrt und mir fällt wieder ein, dass er vielleicht aus ganz anderen Gründen hier ist.

Eine Arzthelferin kommt und nimmt ihn mit in das berüchtigte Zimmer mit der nüchternen Atmosphäre. Ich schaue auf die Uhr. Woll’n mal sehen, was der Kollege für ne Zeit vorlegt. Die Tür bleibt etliche Minuten verschlossen, ohne dass die Arzthelferin wieder auftaucht.

Hm.

Was machen die da drin?

Inwiefern definiert sich die Arzthelferin als „Helferin“?

Bekomm ich denn auch eine?

Kann ich auch ihre dunkelhaarige Kollegin haben?

Die Tür fliegt auf und die junge Dame kommt rausgeschossen. Ein paar Sekunden später taumelt der Kollege hinterher. Die Farbe ist aus seinem Gesicht gewichen und er presst sich ein Stück Mull-verband in die Armbeuge.

Ach so – war nur Blut abnehmen.

Er wankt weiter zum Ausgang und ich bin allein. Jetzt muss es gleich losgehen.

Mit einem „Kommen Sie bitte mit!“ rast die Arzthelferin erneut an mir vorbei. Ich trotte hinter ihr her ins Zimmer mit der nüchternen Atmosphäre. Drinnen steht ein Tischchen, ein grauer Behandlungs-stuhl der mit einer Art Einweg-Küchenkrepp bedeckt ist und eine Pflanze, die vermutlich die Aufgabe hat, für eine heimelige Wohlfühl-Atmosphäre zu sorgen.

Die Dame drückt mir einen kleinen gefüllten Kunststoff-Briefkorb in die Hand. „Hier sind Ihre Unterlagen und Ihr Becher. In der Tüte sind ein paar Zeitschriften. Bitte schließen Sie die Tür von innen ab.“

Rrrrummmmms!

Tür zu und sie ist draußen.

Ich lege den Hebel des Schlosses um.

Endlich Stille! Was ist das hier bloß für ein Narrenhaus? Geht ja zu wie im Taubenschlag. Ich werfe den Kunstoff-Briefkorb mit den notwendigen Utensilien für dieses Unternehmen auf das Tischchen.

Und nun?

Okay, dann werde ich mal loslegen. Am Besten mach ich mal genau so, wie mir geheißen. Ich öffne meine Hose und setzte mich auf den Behandlungsstuhl. Beinahe falle ich sofort wieder herunter, weil das blöde Küchenkrepp wegrutscht.

Hoppla!

Also gut, noch mal.

Vorsichtig hinsetzen!

Ich sitze.

Unbequem.

Hoffentlich bringen die den Bus rechtzeitig zurück, sonst gibt das ein Riesenchaos heute!

Oh Mann, jetzt nicht an den Bus denken, sondern loslegen. Ich bin ja nicht zum Vergnügen hier. Obwohl – irgendwie schon. Ich mach jetzt mal ganz entspannt. Ich hab ja alle Zeit der Welt. Na ja, wie man’s nimmt. Ich weiß nicht, wann der Nächste eingeplant ist. Wie lange geben die hier einem Zeit? Eine Viertelstunde? Eine halbe? Mich würde die durchschnittliche Verweildauer im Zimmer mit der nüchternen Atmosphäre interessieren. Wenn ich jetzt langsam mache und genieße, vielleicht nach zwanzig Minuten rauskomme, ist das dann lang? Denkt dann die Arzthelferin, ich wäre ein Schlappschwanz und hätte ewig keinen hoch bekommen? Sollte ich nicht lieber schnell machen? Oder denkt sie dann: „Typisch Mann, rein-raus-fertig!“?

Egal was sie denkt – los jetzt. Wie soll ich es machen? Ich mach jetzt so, wie das wohl am Einfachsten geht. Vorsichtig drehe ich mich mit geöffneter Hose auf dem unbequemen Stuhl zur Seite, damit ich nicht samt Küchenkrepp runter rutsche und angle mir die Tüte mit den Zeitschriften vom Tischchen. Ich greife rein, ziehe eine beliebige heraus und werfe den Rest zurück. Das Druckerzeugnis ist total abgegriffen, zerfleddert und fühlt sich unglaublich ekelig an. Eigentlich könnten die sich doch ein paar Abos zulegen und immer die neusten Illustrierten am Start haben. Bei einem Labor, das die Qualität von Samenzellen untersucht, kann das sicher steuerlich berücksichtigt werden, da schöpft kein Prüfer der Welt Verdacht. Ob das der Lesezirkel mit im Programm hat?

Ich drohe erneut abzuschweifen. Lauter interessante Fragen, doch in meiner Hose hat sich noch nichts Interessantes getan und darauf kommt’s ja jetzt schließlich an. In der Zeitschrift, die ich mir ausgesucht habe, wird ein Ausschnitt aus dem Leben eines blonden Mädchens namens „Nikki“ in großen bunten Bildern wieder-gegeben. Zuerst Nikki alleine, dann Nikki mit ihrer Freundin beim Campen, dann Nikki mit dem Typen aus dem Zelt neben ihr, dann Nikki und ihre Freundin gemeinsam mit dem Typen aus dem Zelt neben ihr und schließlich Nikki mit Freundin und ihrem neuen Bekannten und dessen Kumpel beim Billard spielen, wo es augenscheinlich vorrangig ums Einlochen geht.

So, welches Bild macht mich denn nun am meisten an?

Hektisch blättere ich hin und her. So viel Fleisch, ich weiß gar nicht wo ich hinschauen soll. Ich bin völlig reizüberflutet, in der Hose bewegt sich nichts, ein erster leichter Schweißausbruch auf meiner Stirn. Was, wenn es jetzt tatsächlich nicht funktionieren sollte im Zimmer mit der nüchternen Atmosphäre?

Oh, da blitzt etwas auf! Was war das? Das war doch ein… tatsächlich! In Episode zwei „Nikki mit Freundin beim Campen“ liegt unsere Heldin breitbeinig auf der Motorhaube eines neunundsechziger Camaros. Ist es ein neunundsechziger? Ich schaue genau hin. Ja, es ist ein neunundsechziger! Unglaublich, dieses Teil! Hier noch mal von der Seite; wunderschön die gedrungene Frontpartie, die weite Haube und die leicht ausgestellten Kotflügel. Meine Herrn, was für ein geiles Gerät…

Gedankenverloren betrachte ich die sanften Rundungen des wunderschönen Camaros.

Alles Blödsinn.

Ich werfe die Zeitschrift in die Ecke. Stuhl, Pflanze, Tittenmagazine, was für ein Nonsens! Ich schäle mich aus dem harten Sitzmöbel, zerreiße dabei den letzten Rest Küchenkrepp und laufe ein paar Schritte auf die gegenüber liegende Seite. Dort angekommen lehne mich mit dem Rücken an die Tür, lege den Kopf in den Nacken und schließe die Augen.

Bus, Auftritt, Bass-Anlage, nachher noch ins Büro, Arbeit, Zimmer mit der nüchternen Atmosphäre, Nikki, Camaro, der ganze Mist muss jetzt erst mal aus dem Kopf. Sonst wird das hier wirklich nichts.

Heute Nacht wird alles vorbei sein und dann hab ich Wochenende. Was wollen wir am Wochenende unternehmen? Samstagabend haben wir Karten für einen Ball. Das wird schön. Schon letztes Wochenende hat sie nach passenden Outfits gesucht. Das dunkelgrüne trägerlose Abendkleid war ihr zu heftig für einen Sommernachtsball. Ich lag faul auf dem Bett und sie stand vor ihrem Kleiderschrank, breitbeinig, den Rücken zu mir gedreht, nichts an außer einem schwarzen String und hochhackigen schwarzen Schuhen. Die Hände in die Hüften gestützt musterte sie kritisch ihre Garderobe. Die blonden langen Haare waren flugs zu einem wirren Knoten hochgesteckt, etliche Strähnchen fielen auf ihre nackten Schultern.

Die Erinnerung an diese Situation bewirkt ein eigenartiges Kribbeln in meinem Unterleib.

Sie überlegte einen Augenblick und griff nach einer schwarzen gerade geschnittenen Hose und schlüpfte schnell hinein. Die Hose saß eng über ihrem Po und der Schnitt machte ihre Beine noch länger, als sie ohnehin schon sind.

Ich merke, dass sich in meiner Hose etwas regt.

Sie beugte sich nach vorn und suchte nach einer passenden Bluse. Unbewusst drückte sie dabei ein Bein durch und winkelte das andere ab, was ihre Hüfte etwas zur Seite schob. Mit sanftem Schimmer fiel das Sonnenlicht auf ihre Rundungen und hinterließ einen feinen Glanz auf dem schwarzen Stoff.

Meine Hand schiebt sich langsam in meinen geöffneten Hosenbund.

Sie warf sich eine leichte rosafarbene Bluse über und knöpfte sie zu. Dann drehte sie sich um und fragte:

„Und?“

Meine Blicke musterten sie von unten nach oben. Mit leicht gespreizten Beinen stand sie fest in den sehr hohen Schuhen, die sie zum Tanzen tragen wollte, einen Fuß leicht nach außen gedreht. Meine Augen wanderten an den langen schwarzen Hosenbeinen entlang. Ihre Hände lagen lässig auf ihren Oberschenkeln, die frisch lackierten langen Nägel ließen ihre schlanken Finger noch länger erscheinen. Unter der transparenten Bluse blitzte ihr Bauchnabel-Piercing hervor und der durchsichtige Stoff gab den Blick frei auf ihre vollen runden Brüste.

„Ich zieh natürlich noch was drunter an.“

Sie führte eine Hand zum Hinterkopf, zog das schwarze Samtband aus ihren Haaren, schüttelte ihre blonde Mähne, drehte sich ein wenig zur Seite und schaute in den Spiegel.

„Was meinst du, die Haare offen oder lieber hochgesteckt?“

„Hochgesteckt“, sagte ich mit kehliger Stimme und hatte beträchtliche Mühe, das Wort über den Kloß in meinem Hals zu hieven.

Morgen Abend werden wir tanzen. Sie wird diese Hose und diese Bluse tragen und auch wenn sie „etwas drunter“ an hat werde ich nicht vergessen, wie sie vor mir stand. Wir werden uns amüsieren, die Musik und die Bewegungen unserer Körper genießen, sie wird in meinen Armen liegen und ich werde den Duft ihrer Haut die ganze Zeit um mich haben. Wir werden reden, lachen, uns küssen, festhalten und mit unseren Augen und Händen den Kontakt des Anderen suchen und uns rund um gut fühlen. Irgendwann nachts werden wir nach Hause fahren und diesmal wird das Mondlicht auf dem schwarzen Stoff glänzen, wenn sie vor mir die Treppen zur Wohnung hoch läuft. Ich werde ihre Bluse abstreifen und ihre Hose öffnen, während sie mir unter Küssen mein Jackett auszieht, meinen Krawattenknoten löst und mit ihren sanften Händen unter mein Hemd fasst und mit ihren Fingernägeln über meine Brust und meinen Rücken fährt. Wir werden Richtung Bett oder Sofa stolpern und dann…

Verdammte Scheiße, wo ist dieser Becher??

Ich reiße die Augen auf und schaue mit flackerndem Blick hektisch im Zimmer mit der nüchternen Atmosphäre hin und her. Der Becher steht noch auf dem Tischchen auf der anderen Seite des Raumes, ich vergaß, ihn mitzunehmen, als ich vorhin zur Tür gegangen bin. Jetzt aber schnell, bevor alles daneben geht! Ich möchte einen großen Schritt in die Tiefe des Raumes machen, hab jedoch total vergessen, dass mir während meiner mentalen Beschäftigung mit dem vor mir liegenden Wochenende die Hose bis zu den Knöcheln runtergerutscht ist. Das einzige, was mich davor rettet, im Zimmer mit der nüchternen Atmosphäre ejakulierend auf die Fresse zu fallen, ist ein monströser Sprung aus dem Stand Richtung Tischchen ähnlich wie beim Sackhüpfen auf einem Kindergeburtstag.

Sackhüpfen!

Ich glaub, ich bin in meinem ganzen Leben noch nie so weit aus dem Stand gesprungen.

Blitzschnell schnappe ich den Becker mit der linken Hand und…

…puuuuuuuuhhhhhh! Grade noch mal gut gegangen! Ich atme ein paar mal tief durch.

Alter Schalter, das war knapp! Wenn das daneben gegangen wäre, hätte ich noch mal von vorn anfangen müssen.

Das Ergebnis im Becher beeindruckt mich nicht sonderlich. Ich muss mir eingestehen, dass ich mein selbst gestecktes Ziel, einen ganzen Putzeimer zu füllen, doch mehr als deutlich verfehlt habe. Egal, hauptsache es ist was rausgekommen. Ich schaue auf die Uhr – acht Minuten nach halb. Kam mir länger vor. Aber das ist ja ein bekanntes Problem, dass uns Männern viele Dinge länger vorkommen, als sie tatsächlich sind.

Ich ziehe mich wieder an, packe meine Sachen sorgfältig zusammen und verlasse das Zimmer mit der nüchternen Atmosphäre. Draußen schlägt mir die Hektik wieder voll ins Gesicht. Menschen rennen schreiend durcheinander, die Arzthelferin telefoniert während sie mein Kunststoff-Briefkorb in Empfang nimmt. Achtlos stößt sie dabei das gefüllte Becherchen um.

„Vorsicht, denen wird doch schwindelig!“, denke ich mir.

Sie reicht mir zum Abschied nicht die Hand. Na ja – kann ich verstehen.

Ich gehe zurück auf die Straße. Die zwitschernden Vögel begrüßen mich und die warmen Sommermorgensonnenstrahlen tanzen um mich herum.

So, das wäre erst mal geschafft!

Ich klappe mein Handy auf und schicke ihr eine SMS:

„Bin fertig! :-)

Jetzt müssen nur noch die Typen den Bus rechtzeitig zurückbringen.

Anruf(e) beim Labor

Dienstag, 3 Juni 2008

*tüüüüüt*

*tüüüüüt*

„Labor Professor *irgendwas* mein Name ist *wieauchimmer*?“

„Hallo, ich hab ne Überweisung von Herrn Doktor für ein Spermiogramm, wann könnte ich denn da vorbeikommen? Geht bei Ihnen nächste Woche Freitag?“

„Moment… Tut mir leid, Freitag ist alles voll. Der nächste Freitagstermin wäre eine Woche später. Dienstag in zwei Wochen halb neun wäre der frühestmögliche Termin.“

„Okay, dann nehm ich den Dienstag.“

„Alles klar. Über die fünf Tage Abstinenz wissen Sie bescheid?“

„Ja.“

„Dann bis übernächsten Dienstag. Auf Wiederhören!“

*klick*

Ich lege das Telefon auf den Küchentisch, schnappe meinen Rucksack und mache mich auf zur Arbeit. Kollege Stefan holt mich an der Bushaltestelle ab. Während ich die Straße entlanglaufe zähle ich fünf Tage an den Fingern meiner Hand ab.
Übernächster Dienstag.

Übernächster Dienstag bedeutet: kein Sex am Montag, Sonntag, Samstag, Freitag, Donnerstag davor. Also Mittwoch zum letzten mal. Da liegt ein ganzes Wochenende dazwischen. Hm – blöd. Hab ich an diesem Wochenende etwas vor? Wenn ich drüber nachdenke – es ist das erste Wochenende seit Monaten, an dem wir wirklich gar nichts am Start haben. Kein Besuch, kein Sport, keine Probe, keine Aktionen. Wir hätten mal wieder zwei Tage am Stück ganz für uns allein.

Stefan holt mich ab und wir machen den üblichen Kollegen-Smalltalk am Morgen. Nacht zu kurz, Arbeit zu viel, was bei wem grade ansteht. In meinem Kopf hämmert es: „Montag, Sonntag, Samstag, Freitag, Donnerstag, Montag, Sonntag, Samstag, Freitag, Donnerstag, Montag, Sonntag, Samstag, Freitag, Donnerstag….“

Keine Frage, der Termin am Dienstag ist echt scheiße!

Wir fahren auf den Firmenparkplatz und betreten das Gebäude. Stefan biegt in sein Büro ab, ich zücke mein Handy und steuere das nächste freie Zimmer an.

„Hallo, ich hab vorhin schon mal angerufen und hab einen Termin für übernächsten Dienstag ausgemacht. Jetzt bin ich grade im Büro angekommen und hab gesehen, dass ich für Dienstag früh einen wichtigen Termin reingedrückt bekommen hab. Geht bei ihnen auch der Freitag danach?“