Der kleine Unterschied zwischen Rechtswissenschaft und Medizin
Donnerstag, 5 Juni 2008Ungefähr zwei Wochen später.
„Ja, ich habe Ihren Befund vorliegen“, sagt die Dame am Telefon. „Möchten Sie kurz Herrn Doktor sprechen?“
Ja, das möchte ich.
*düdeldüdeldüdeldü*
Die kleine Nachtmusik der Warteschleife schlängelt sich durch meinen Gehörgang. Mozart beim Urologen. Wolferl, wenn du wüsstest…
Jetzt ist Herr Doktor am anderen Ende dran. Er scheint etwas in Eile und aus einer anderen Situation herausgerissen worden zu sein, atmet schnell und spricht hektisch und verworren.
„Ja, hallo, Herr, äh, scheint fast alles okay zu sein. Wir haben da einen leichten bakteriellen Befund, aber der ist nicht schlimm. Den könnten wir behandeln, hm, sollten wir behandeln, kommen Sie doch einfach mal vorbei.“
„Und die Spermien?“
„Ach ja, Ihre Zeugungsfähigkeit…“
Ich höre ihn im Befund herumblättern.
„Hm, ja, also das ist nix. Sie brauchen mindestens zwanzig Millionen Spermien, um überhaupt ne Chance zu haben. Sie haben vierkommazwei und selbst die sehen nicht gut aus. Richtig vom Fleck bewegen wollen die sich auch nicht, die sitzen da so rum. Also aus juristischer Sicht sind Sie zeugungsfähig, aber aus medizinischer kann ich nur sagen: Vergessen Sie’s!“
„Kann das von den Bakterien kommen?“
„Ne, die sind eher harmlos, die haben darauf vermutlich nur einen geringen Einfluss. Lassen Sie sich mal nen Termin geben zum Blut abnehmen, dann schauen wir nach Ihrem Hormonhaushalt und können das eventuell ein bisschen ankurbeln. Ich stell Sie mal nach vorne durch, auf Wiederhören.“
*düdeldüdeldüdeldü…*
Ich lasse mir einen Termin geben, lege den Hörer auf und laufe langsam zurück an meinen Arbeitsplatz. Das war wohl nix mit dem Gedanken „So, und jetzt machen wir Kinder!“
Ich versuche, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren, aber es gelingt mir nicht.
Sie macht früher Feierabend, wir treffen uns im Park und gehen ein Stück miteinander. Reden, analysieren die Situation, sprechen über unsere Gefühle. Wir sagten uns immer: „Wenn es nicht klappt, dann ist es nicht so schlimm.“
„Wat is – dat is!“, sagt der Sauerländer.
Trotzdem ist es jetzt schlimm. Was genau ist schlimm?
Der Gedanke, vielleicht doch kein Kind bekommen zu können, macht mich traurig, aber deswegen bricht für mich keine Welt zusammen. Für mich ist es nicht ultimativer Sinn und Zweck meines Lebens, Kinder zu zeugen. Zumal es „juristisch gesehen“ immer noch geht. Es ist ja nicht gar nichts da. Wer weiß, was für Möglichkeiten es noch gibt. Wenn wir es wirklich wirklich wollen, gibt es ja noch vieles, von dem wir heute weder eine Ahnung geschweige denn es ausprobiert haben. Die Frage ist: Wie sehr wollen ist „wirklich wirklich wollen“?
Ich fühle mich auch nicht durch die Diagnose in meiner Männlichkeit angekratzt. „Männlich“ ist für mich nicht, mehr als zwanzig Millionen Spermien zu produzieren. „Männlich“ ist zum Beispiel beim Umzug von Franziska letzten Samstag einen voll beladenen Mercedes Sprinter in der großen Version mit Hochdach und knapp sieben Metern Länge ohne einmal rangieren zu müssen zweihundert Meter rückwärts in eine Sackgasse zu fahren und am Ende bergauf in eine Hofeinfahrt zu bugsieren, die so eng ist, dass beide Rückspiegel eingeklappt werden mussten und ich die Fahrerkabine nur durch die heruntergekurbelte Seitenscheibe über das Dach des Wagens verlassen konnte, während ich den dabei Bauklötze staunenden Anwesenden zurief: „Hundertachtzig PS – und nix gedrosselt!“
„Männlichkeit“ ist Verlässlichkeit, Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, Ritterlichkeit. „Männlich sein“ bedeutet für mich zuhören und verstehen zu können. Zupacken, „da sein“, breite Schultern und ein breites Kreuz haben, nicht nur im gegenständlichen, sondern auch im übertragenen Sinne. Nach achtundzwanzig Stunden Flugreise ihren Koffer mit einem Lächeln die Treppe hoch zu tragen. Eine Frau diesseits und jenseits der Bettkante glücklich zu machen.
Männlich ist, mit ihr im Park auf einem Stein zu sitzen und versuchen zu erklären, warum und wo mir eine medizinische Diagnose weh tut.
Als wir uns vor zweieinhalb Jahren an einem kalten winterlichen Samstagvormittag in der Stadt kennen lernten, sagte sie nach fünf Minuten (und ich hab bis heute keine Ahnung, wie wir eigentlich auf dieses Thema gekommen sind): „Ich will keine Kinder und mit fünfunddreißig lass ich mich sterilisieren. Früher ist es in diesem Land leider illegal.“
Seitdem hat sich bei uns beiden sehr viel verändert. Ich hatte mich drauf gefreut, gemeinsam mit ihr einen Weg zu beschreiten, den wir beide noch nicht gegangen sind. Es hat mich fasziniert, zu erleben, wie wir uns beide auf diese Reise begeben haben, wie wir uns nach und nach in diese Richtung entwickelt haben, ohne Zwang oder Druck, es ist einfach geschehen. Als wäre es das Natürlichste von der Welt. Wir haben uns aufgemacht, einen Kontinent zu durchqueren, dessen Durchquerung wir zuvor nicht gewagt haben. Eine lange Reise ins Unbekannte. Die Gestaltung dieser Zukunft lag in unserer Hand.
Jetzt steht da ein Zöllner am Grenzübergang dieses Kontinents und sagt: „Du kommst hier net rein!“
Wir stehen an dieser Grenze, top vorbereitet und perfekt ausgestattet für die Jahrzehnte dauernde Durchquerung der Wildnis. Was tun? Andere Klamotten kaufen? Neue Ausrüstung besorgen? Den Zöllner bestechen? Oder umkehren und wieder nach Hause segeln in die Alte Welt, wo wir herkamen? So schlecht war es da ja nicht. Dort waren wir doch auch glücklich.
Ich bin das Kind einer Wohlstandsgesellschaft. Ich bin es gewohnt, Optionen zu haben. Ich erwarte, dass ich mich im Supermarkt für eines von zwanzig verschiedenen Waschmitteln entscheiden kann. Für genau dieses eine, das ich gerne haben möchte. Dass ich nicht das nehmen muss, was grade noch da ist.
Unser Weg der Entscheidung für diese eine Option, die Art und Weise, wie wir unser gemeinsames Leben gestalten möchten, war lang und er war schön – so schön, dass ich alles, was geschah, aufgeschrieben hab, um es nicht zu vergessen. Niemals hätte ich vor zweieinhalb Jahren gedacht, dass wir uns so entscheiden würden.
Nun stehe ich vor dem leeren Supermarktregal. Das Waschmittel, das ich wollte, ist weg, ebenso alle anderen Optionen, die mit Wäsche waschen zu tun haben. Hinten in der Ecke steht noch eins. Der Ladenhüter. Das, von dem es sehr fraglich ist, ob es überhaupt Wäsche sauber bekommt. Das, was niemand wollte. Das, über das die Leute tuscheln, wenn sie es in deinem Wagen sehen und hinter deinem Rücken sagen: „Guck dir mal die arme Sau an, die sich kein ordentliches Waschmittel leisten kann.“
Das, was sich „juristisch gesehen“ Waschmittel nennen darf, weil man bei einer Laboruntersuchung tatsächlich ein paar Phosphate und Tenside darin nachweisen kann. Damit Wäsche waschen? „Vergessen Sie’s!“
So hab ich mir das nicht vorgestellt. So möchte ich das nicht. Ich mag es nicht, wenn mir Optionen genommen werden.
Will ich dann überhaupt noch ein Waschmittel? Warum bin ich fixiert auf Waschmittel, ich könnte einfach in den Supermarkt gehen und sagen: „Mal schauen, was es heute gibt, ich lass mich überraschen.“? Wenn ich nur auf Waschmittel schaue, sehe ich doch gar nicht die anderen Waren, die mir auch gefallen könnten. Aber wo bleibt dann die Leidenschaft und Hingabe für ein Thema? Was ist mit meinen Zielen, meinen Hoffnungen, meinen Träumen, wenn es mir gleichgültig ist, ob ich mit Waschmittel oder Putensalami nach Hause komme? Ist Waschmittel überhaupt ein gutes Ziel für mich und mein Leben? Ist Waschmittel nicht völlig egal, solange ich gesund und glücklich bin? Warum freue ich mich nicht, dass es überhaupt Waschmittel gibt, warum will ich unter zwanzig Waschmitteln auswählen können? Ist es so schlimm, wenn mal ein Leben lang die Wäsche nicht richtig sauber wird? Ist es nicht viel besser, einfach das zu nehmen, was da ist, anstatt fünf Minuten lang zu überlegen, welches ich gern hätte? Fünf Minuten, die ich besser darauf verwendet hätte, ihr einen Strauß Blumen zu kaufen, weil ich sie so sehr liebe? Ist das nicht viel viel wichtiger als über fehlende Waschmittelauswahl zu lamentieren? Ist das Leben nicht viel mehr als Wäsche waschen?
Wat is – dat is…
So viele Fragen, über die ich nachdenken muss. Fragen, die nur mit mir zu tun haben. Nicht mit dem ungeborenen Nachwuchs. Baby-Alarm ist jetzt vorbei. Jetzt ist erst mal ich-selbst-Alarm.
Aber zuallererst möchte ich noch einen Moment trauern.
“