Es regnet in Strömen. Der Verkehr in der Stadt ist der pure Wahnsinn, anscheinend macht die ganze Welt gleichzeitig Feierabend. Ich rufe an, dass wir uns verspäten, während sie sich geschickt über Nebensträßchen und Dreißigerzonen Richtung Ziel schlängelt. Die Verspätung und der prasselnde Regen machen mich noch nervöser als ich schon bin. Der quietschende Scheibenwischer ist bemüht, den letzten Rest meines Nervenkostüms wegzunagen.
uiiiihk…uiiiihk…
Mit einer halben Stunde Verspätung sind wir endlich da. Die Hektik war unbegründet, das Wartezimmer ist noch proppevoll, anscheinend ist das Zeitmanagement heute etwas in Schieflage geraten. Herr Doktor, schätzungsweise Anfang sechzig und in Witterungsdistanz zur Pensionsgrenze, hat die Ruhe weg, begrüßt uns beide mit Handschlag und nimmt höchstpersönlich meine Daten auf. Ich rufe die Jungs von der Band an, dass es mir heute wahrscheinlich nicht mehr zur Probe reichen wird. Danach lasse ich mich in einen bequemen Sessel im Wartezimmer plumpsen.
Erst mal runterkommen.
Das Wartezimmer ist voll mit alten Männern. Klar – wer sonst geht schon zum Urologen?
„Kann es sein, dass es hier irgendwie nach Urin riecht?“, flüstert sie mir ins Ohr.
„Was glaubst du, wo wir hier sind?“, flüstere ich zurück. „Douglas?“
Alles in allem warten wir zwei Stunden, bis wir an der Reihe sind. Herr Doktor verliert die Ruhe nicht, bleibt freundlich und fröhlich, fragt, ob er noch eine Dame vorziehen darf, die grade kam und dringend auf ihre Ergebnisse wartet. Klar, warum nicht, wir haben Feierabend und die mitgebrachte Lektüre ist zu gut, als dass ich sie aus der Hand legen möchte. Zwar grummelt ihr Magen neben mir, dass die Scheiben zittern, aber der muss sich jetzt eben noch ein bisschen gedulden.
Endlich sind wir dran.
Herr Doktor führt uns in ein kleines Behandlungszimmer und entschuldigt sich dafür, dass er uns nicht in sein Büro bitten kann, da es dort zu chaotisch aussieht. Das kenne ich, der Mann ist mir sympathisch! Danach fragt er uns, wie lange wir es schon versuchen (sechs Monate), wie lange sie keine Pille mehr nimmt (fast zwei Jahre), wie es mit der Periode so läuft (früher regelmäßig wie ein Uhrwerk, jetzt so verlässlich wie Aprilwetter), ob ich rauche (nein) und wie ich es mit dem Alkohol halte (selten). Danach erklärt er uns, wie alles ablaufen wird. Heute wird er mich kurz äußerlich untersuchen und die Prostata abtasten. Dann bekomme ich eine Überweisung in ein Labor, wo mein Sperma untersucht wird.
„Um vergleichbare Ergebnisse zu bekommen ist es wichtig, dass Sie fünf Tage vorher keine Ejakulation mehr haben“, sagt er.
Ich schlucke. Fünf Tage? Ich kann mich nicht erinnern, ob es in den letzten zwanzig Jahren fünf solcher Tage in konsekutiver Folge gab. Aber was macht man nicht alles für den Nachwuchs.
„Machen Sie sich klar, dass das dort in einem kleinen Zimmer in sehr nüchterner Atmosphäre stattfindet“, sagt er weiter. „Erst heute rief mich wieder jemand an, der fragte, ob er das nicht auch zu Hause machen könnte, weil es ihm dort nicht gelungen ist.“
Ich glaube, wenn ich fünf Tage in Folge nicht hätte, könnte man mich unter freiem Himmel auf einen Misthaufen stellen und um mich rum fünfzig nackte Omas platzieren, die „Oh, du schöner Westerwald“ singen und es wäre kein Problem. Aber ich will den Mund nicht zu weit aufreißen, wer weiß, wie es mir dort ergehen wird.
Nach ungefähr vierzehn Tagen läge dann das Ergebnis vor, meint Herr Doktor, dann könnte ich es abholen und zu ihm zur Besprechung kommen. Noch Fragen?
„Wird die Untersuchung, die sie jetzt durchführen, ihm weh tun?“, fragt sie besorgt.
Wie süß! Wie sollte es auf dieser Welt nur möglich sein, einen Menschen wie sie nicht zu lieben?
„Nein nein“, beschwichtigt er sie. „Ich taste nur ab. Dazu muss ich zwar in den Darmausgang und die so genannte ‚Hafenrundfahrt’ machen, aber das haben bisher alle Männer überstanden. Heute allein schon drei.“
„Hafenrundfahrt“ klingt schön. Ich assoziiere damit ein gemütliches Umherschippern auf sanften Wellen im Hamburger Hafen, während der Kapitän einen mit Seemannsgarn vollschnackt. Herr Doktor wird mir immer sympathischer.
„Dann ziehen Sie mal ihre Hose und Unterhose aus und legen sich auf den Rücken!“
„Soll ich lieber rausgehen?“, fragt sie.
„Nun, wenn sie Kinder haben möchten, gehe ich davon aus, dass Sie ihn schon einmal untenrum nackt gesehen haben, oder?“ antwortet Herr Doktor.
Ich lege mich hin und er legt los. Niere, Magen, Blase, Leiste. „Alles in Ordnung, keine Operationen außer Blinddarm“, murmelt er. „Sie sind kitzelig, nicht wahr?“
Na und? Ist das jetzt ein Symptom für Unfruchtbarkeit oder was?
Er zieht sich einen Latexhandschuh an und konzentriert sich auf die mehr mittleren Organe. „Hm… hm… Hoden normale Größe“, murmelt er weiter.
Normale Größe! Ey Doc, zieh mal deine Brille auf! Also im Vergleich zu dem, was ich in der Umkleidekabine des Schwimmbads immer sehe – normale Größe, pah!
„So, jetzt machen wir die Hafenrundfahrt“, sagt er und schmiert sich den Zeigefinger mit Vaseline ein. „Drehen Sie sich mal auf die rechte Seite!“
Okay, nun kommt der heikle Part. Da ich zu den Zeitgenossen gehöre, denen sich die analen Freuden bisher noch nicht so richtig offenbart haben, bin ich trotz zahlreicher Sympathiepunkte gegenüber Herrn Doktor etwas skeptisch. Aber was nimmt man nicht alles auf sich für seine noch nicht gezeugten Kinder.
Was jetzt folgt hat schätzungsweise nur drei Sekunden gedauert. Er fährt mit seinem Finger rein, piekt ein wenig im Hafenbecken rum und zieht ihn wieder raus, fertig. Drei Sekunden, die mir im Nachhinein betrachtet wie drei Stunden vorkommen. Aber der Reihe nach.
Ich dreh mich also auf meine rechte Seite und denke an eine lustige kleine Barkasse, die munter auf der Elbe zwischen großen Containerschiffen hin- und herschippert und „Fump!“ ist auf einmal der Finger drin. Ohne Vorwarnung werde ich komplett überrumpelt und aus meinem Gedanken gerissen. Ich finde das ziemlich unhöflich. Auch wenn er den Hintereingang benutzt, könnte er wenigstens anklopfen oder „Hallo, ist da wer?“ rufen, anstatt gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Zumindest ein „Achtung!“ oder von mir aus auch ein „Leinen los!“ wäre angebracht gewesen.
Das Gefühl, das mit „Fump!“ verbunden ist, hat nichts mit einer kleinen Barkasse zu tun, die in den Weiten des Hamburger Hafens einsam und verloren ihre bescheidenen Kreise zieht. Es fühlt sich eher so an wie der Versuch, mit der Exxon Valdez am Tretbootverleih eines Baggersees anzulanden.
Mit seinem Finger fummelt er an irgendeinem Organ in mir rum, das wohl die Prostata sein muss. Fühlt sich sehr merkwürdig an. Noch nie zuvor wurde diese Gegend von einem Menschen berührt. „…dringt dabei in Galaxien vor, die nie zuvor ein Mensch gesehen hat“, muss ich dabei denken und für einen Moment meine ich, Captain Kirk hätte seine Griffel in meinem Popo stecken.
Schlimmer jedoch als die von Captain Kirk kommandierte Exxon Valdez in meinem Heck ist das, was Herr Doktor mit seiner Fingerspitze anstellt: Er drückt sie von hinten gegen meine Blase. Hätte er nur eine Sekunde länger dagegen gedrückt, ich schwöre, ich hätte ihm die Liege vollgepinkelt.
Was Blasendruck angeht bin ich wirklich nicht zimperlich und ziemlich hart im Nehmen. Ich erinnere mich an Situationen wie zum Beispiel Krisengespräch beim Kunden vor Ort, abends angereist, schlecht im Hotel geschlafen, um acht Uhr morgens todmüde in den Konferenzraum eingelaufen und dann muss schlagartig auf Showtime umgeschaltet werden. Es geht um einen Haufen Kohle, man könnte passenderweise auch sagen: um einen ganzen Arsch voll Kohle, und du musst jetzt hellwach sein und keinen Fehler machen, sonst kommt das die Firma teuer zu stehen. Also schnell während der Shake-Hands-und-Small-Talk-Phase vierzehn Tassen Kaffee in dreiundzwanzig Minuten druckbetankt und los geht’s. Solche Verhandlungen können sich ziehen, sechs Stunden, acht Stunden ohne Pause. Wenn alles vorbei ist, humpelst du dann gekrümmt in Schlangenlinien auf die nächste Toilette, Männlein oder Weiblein ist egal, jetzt zählt nur noch, die Schleusentore öffnen zu können.
Das Gefühl, das Herr Doktor gerade an meiner Blase mit seiner Fingerspitze auslöst, ist verglichen mit der gerade beschriebenen Situation ungefähr so, als wollte man Hannibal Lecter mit Schweinchen Babe vergleichen.
Nach drei Sekunden verlässt Kirk mit seiner Crew meinen rückwärtigen Quadranten und hinterlässt in meinem Wurmloch ein brennendes Gefühl, als hätte er zum Abschied noch ein paar Photonentorpedos reingefeuert.
„Sie können sich wieder hinsetzen.“
HA HA – Scherzkeks!
Ich beiße die Zähne zusammen und ziehe mich wieder an.
„Was haben Sie denn da grade mit meiner Blase gemacht?“, frage ich ihn, während ich meine Gürtelschnalle schließe. „Das war ja kaum auszuhalten!“
Herr Doktor wischt seinen Finger ab. „Och, nur von innen abgetastet. Aber machen Sie sich keine Gedanken, es kommt häufig vor, dass sich dabei Patienten vorne oder auch hinten entleeren.“
Tja – Scheißjob, Herr Doktor!
Er streift sich den Latexhandschuh ab. „Ihre Prostata ist etwas vergrößert. Das ist zunächst erst mal harmlos. Das kann bakterielle Ursachen haben, kann aber auch an ganz andere Gründe haben. Treiben Sie Sportarten wie Schwimmen, Reiten oder Radfahren?“
„Ja, alle drei, regelmäßig.“
„Sehen Sie, darin könnte die Ursache liegen. Und wenn es bakteriell ist, dann sehen wir das im Spermiogramm und können es mit einem Antibiotikum behandeln.“
Na toll, wenn ich auf eins echt keine Lust habe, dann auf Antibiotika.
„Ich schreibe Ihnen jetzt eine Überweisung fürs Labor und wenn die Ergebnisse vorliegen, dann melden Sie sich bei mir. Haben Sie noch Fragen?“
Ich verkneife mir die Frage, wann ich wieder schmerzfrei sitzen kann, dafür darf er einen Blick in unsere Impfpässe werfen.
Er geleitet uns zur Tür und verabschiedet uns mit den Worten: „Fahren Sie doch mal in Urlaub! Im Urlaub sind die Menschen generell entspannter und da hat es schon bei so manchem geklappt.“
Toller Tipp.
Während wir das Treppenhaus hinunter zum Ausgang laufen ruft er uns noch hinterher: „Übrigens – die meisten Reiserücktrittsversicherungen zahlen auch bei plötzlicher Schwangerschaft!“