Archiv für April, 2008

Lebensmittelkrise

Mittwoch, 23 April 2008

Prostatavergrößerung (Prostatahypertrophie)

Körperebene:

Prostata (Hüter zur Schwelle der zweiten Lebenshälfte, Spermienversorgung), Geschlechtsorgane (Sexualität, Polarität, Fortpflanzung).

Symptomebene:

Lebensmittelkrise, die zur Umkehr und zum Loslassen mahnt: männliche Ausstrahlung verliert an Kraft, wird zu kläglichem Rinnsal; nicht loslassen können: durch dauernden Loslaßdrang zu entsprechendem Üben gezwungen und dadurch am Leben gehindert werden; an Abwasserstau leiden: nicht mehr alles losbekommen (Restharnbildung) und dadurch belastet sein. Angst vor dem Älterwerden, dem Loslassen und Übergeben; sich unter Druck setzen (besonders seelisch, sexuell usw.): den Fluß der seelischen Energie behindern; Altes, Überlebtes nicht mehr angemessen loslassen können.

Bearbeitung:

Annäherung an den eigenen weiblichen Pol; Umkehr im Lebensmandala; Rücknahme männlicher Größenphantasien; sich freiwillig mit dem Loslassen beschäftigen und entsprechende Übungen ins Leben integrieren; was im sexuellen Bereich offengebleiben ist, bewußt und mit Hingabe leben; eine Erotik lieben und leben lernen, die den Kontakt zur eigenen weiblichen Seite einschließt; Bilanz machen am Umkehrpunkt des Lebens in den Wechseljahren: sind die Forderungen des Hinwegs, die Vorbereitungen für den Rückweg erfüllt?; neue, bewußte Männlichkeit integrieren (Vertrauen auf die jugendlich-vitale Männlichkeit des Hinwegs reicht nicht mehr).

Einlösung:

Anerkennung und Bearbeitung des Themas Polarität; loslassen, was für den Heimweg der Seele überflüssig ist.

Urprinzipieller Bezug:

Pluto.

(aus: Ruediger Dahlke: Krankheit als Symbol. Handbuch der Psychosomatik. Symptome, Be-Deutung, Bearbeitung, Einlösung. 14. überarbeitete und erweiterte Auflage. München: C. Bertelsmann Verlag)

Ich klappe den Dahlke zu und lege ihn zurück auf den Küchentisch.

Samstagfrüh, sie schläft noch. Ich sitze am Küchentisch. Links Kaffee, dampfend und schwarz, rechts Dahlke, dick und gebunden.

Wow.

Das hat gesessen! Jedes Wort fuhr wie ein flammendes Schwert durch meine Seele.

Lebensmittelkrise.

Nicht loslassen können.

Tja, das mit dem Loslassen können ist so ein Problem – nicht nur bei mir persönlich, auch in unserer materialistischen Gesellschaft, in der Besitztümer für Wohlstand stehen und Habenichtse Hartz IV-Empfänger sind. Loslassen bedeutet Aufgeben und Aufgeben bedeutet Schwäche. Für die Schwachen ist kein Platz, deswegen kämpfen wir alle wie verbohrt, jeder tagtäglich seinen kleinen Kampf. Wie auch immer der bei jedem aussehen mag. Schneller, höher, weiter. Und ich bin ganz vorne mit dabei. So wie viele andere auch.

Bilanz machen am Umkehrpunkt des Lebens.

Ich werde dieses Jahr fünfunddreißig. Noch mal so lang und ich bin siebzig. Väterlicherseits hat bisher kein männliches Wesen diese Hürde genommen, alle sind gestorben, als sie noch eine sechs vorne stehen hatten. Ich bin jetzt am Wendepunkt. Was mache ich? Wie gehe ich damit um?

Ich ramme gerade die Pflöcke für die kommenden fünfunddreißig Jahre ein: Kinder zeugen, Wohnung kaufen. Beides sind Unterfangen, die mich die zweite Lebenshälfte ausfüllen werden. Ich treffe die Vorbereitungen für den Rückweg.

Rücknahme männlicher Größenphantasien.

Bisher hab ich mein Leben so hingelebt. Immer gut Gas gegeben, viel gemacht, viel erlebt. Noch nie hab ich so langfristig geplant wie im Moment. Kinder zeugen und Wohnung kaufen sind definitiv langfristige Planungen. Die zweite Lebenshälfte soll anders laufen. Ich muss nicht mehr die Welt gewinnen. Allein das Vertrauen auf die jugendlich-vitale Männlichkeit des Hinwegs reicht nicht mehr. Die brauch ich eigentlich nicht mehr. Jugendlich-vital war lange genug.

Logisch, dass meine Prostata im Moment vergrößert ist.

Ich höre tapsende Schritte auf dem Flur. Sie kommt noch ein wenig schlaftrunken in die Küche gewankt, beugt sich von hinten über mich und umarmt mich.

„Guten Morgen!“, nuschelt sie unausgeschlafen. Ihre von der Nacht verwuschelten Haare kitzeln mich in meinem Gesicht.

„Guten Morgen! Wo sind deine Hausschuhe?“

„Die schlafen noch. Liest du schon wieder in dem komischen Buch?“

„Ja.“

„Und? Was sagt es?“

„Ich habe eine Lebensmittelkrise.“

„Ach so!“, sagt sie gelangweilt, lässt mich los und läuft Richtung Tür. „Bub, du wirst alt, das sag ich ja schon lang. Ich geh mal aufs Klo. Kochst du mir dann zwei Eier, wenn du deine Lebensmittelkrise überwunden hast? Danke.“

Sie entfernt sich mit tapsenden Schritten.

Freche Göre!

Pizza & Po.

Dienstag, 22 April 2008

„Und?“, fragt sie mit einem besorgten Unterton, als die Tür hinter uns zufällt und wir nach draußen gehen. „Magst du noch was essen gehen? Sollen wir nach Hause fahren? Kann ich dir etwas Gutes tun?“

„Ich möchte jetzt erst mal nach Hause“, antworte ich. „Die halbe Vaseline hängt in meiner Unterhose. Das letzte Mal hatte ich so ein Gefühl, als ich in der Grundschule Durchfall hatte und es mir während des Deutschunterrichts nicht mehr zum Klo gereicht hat. Sehr unangenehme Assoziation an meine Kindheit.“

„Fünf Tage hat er gesagt, das hast du gehört, gelle?“

„Mein Hintern ist grade mit einer Mischung aus Schmiere und Blut einbalsamiert, mir geht’s mies genug, erinnere mich bitte nicht auch noch daran!“

„Ist ja schon gut – also, was möchtest du jetzt machen?“

„Hm – Pizza holen und daheim essen.“

Zwanzig Minuten und eine frische Unterhose später sitzen wir in der Küche und genießen unser Nachtmahl. „Fünf Tage“ ist das beherrschende Thema.

„Ich glaub, ich werde mich in den fünf Tagen besonders sexy anziehen“, feixt sie. „Das wird eine spaßige Zeit!“

„Das wirst du nicht tun!“, antworte ich. „Am Besten fünf Tage nicht duschen, keine Haare waschen und in alten Säcken rumlaufen.“

Sie grinst. „Ich werde alles tun, um dich richtig scharf zu machen!“

„Du bist gemein!“

„Bin ich nicht! Ich denke nur an deine Untersuchung! Da muss doch auch ordentlich was rauskommen nach den fünf Tagen! Wir wollen doch nicht, dass irgendwas die Untersuchung verfälscht, oder?“

„WIR wollen das nicht, was DU darüber hinaus willst, ist ein billiges Vergnügen auf meine Kosten!“

„Du hast den Doktor gehört – nachher stehst du da drin und es klappt nicht. Und dann will ich dich nicht jammern hören!“

„Was soll da schon nicht klappen – also mal ehrlich: Wenn einer fünf Tage am Stück nicht hat und es dann nicht klappt, da könnte es doch möglich sein, dass die Ursachen für eine vermutete Infertilität auch wo anders liegen.“

„Wart ab, bis du mit deinem Becherchen im Kämmerchen stehst!“

„Ein Becherchen wird da nicht reichen!“

„Dann frag doch, ob du zwei haben kannst!“

„Weißt du was? Ich werd fragen: ‚Junge Frau, haben sie auch Putzeimer?’“

Das Klingeln des Telefons wendet eine drohende Eskalation der Situation gerade noch rechtzeitig ab. Es ist ihre Mutter. Das kann dauern. Ich ziehe mich mit einem Stück Pizza aufs Sofa zurück.

Fünf Tage…

Ich überlege, wann ich das letzte Mal fünf Tage „ohne“ war. Da gab’s mal ein Zeltlager, als ich sechzehn war. Acht Nächte nur im Zelt schlafen, den ganze Zeit unter freiem Himmel, Toilette war ein selbst gebauter Donnerbalken im Wald, gewaschen haben wir uns nicht. Wenn jemand eine gewisse Schwelle bezüglich Körpergeruch überschritten hatte, welche von der Gruppe als „gerade noch akzeptabel“ festgelegt wurde, schmissen wir ihn kurzerhand in den angrenzenden Fluss.

Letztes Jahr hatte ich dieses ruinöse Projekt am Hals. Da gab es auch Wochen, in denen von Montag bis Samstag nichts lief, weil ich bis zu achtzehn Stunden am Tag schuften musste.

Je länger ich drüber nachdenke, desto mehr begreife ich, dass der Kern der Sache ganz wo anders liegt. Es geht gar nicht um „die Sache“ an sich. Ich möchte mir nicht vorschreiben lassen, wann ich „darf“ und wann nicht. Ich möchte mich nicht einschränken. Möchte Optionen haben. Möchte selber entscheiden, was ich wann tun will.

Ich sollte mich langsam daran gewöhnen, dass ich diese Freiheit in meinen Entscheidungen nicht immer haben werde. Spätestens dann, wenn ein Baby im Haus ist und maßgeblich mitbestimmen wird, wie die Entscheidungen auszufallen haben, die mein Leben betreffen.

Ich beiße herzhaft in meine Pizza.

Prostata hin oder her, ich werd einfach in den fünf Tagen so viel schwimmen wie sonst in fünf Wochen.

Besuch beim Urologen

Donnerstag, 17 April 2008

Es regnet in Strömen. Der Verkehr in der Stadt ist der pure Wahnsinn, anscheinend macht die ganze Welt gleichzeitig Feierabend. Ich rufe an, dass wir uns verspäten, während sie sich geschickt über Nebensträßchen und Dreißigerzonen Richtung Ziel schlängelt. Die Verspätung und der prasselnde Regen machen mich noch nervöser als ich schon bin. Der quietschende Scheibenwischer ist bemüht, den letzten Rest meines Nervenkostüms wegzunagen.

uiiiihk…uiiiihk…

Mit einer halben Stunde Verspätung sind wir endlich da. Die Hektik war unbegründet, das Wartezimmer ist noch proppevoll, anscheinend ist das Zeitmanagement heute etwas in Schieflage geraten. Herr Doktor, schätzungsweise Anfang sechzig und in Witterungsdistanz zur Pensionsgrenze, hat die Ruhe weg, begrüßt uns beide mit Handschlag und nimmt höchstpersönlich meine Daten auf. Ich rufe die Jungs von der Band an, dass es mir heute wahrscheinlich nicht mehr zur Probe reichen wird. Danach lasse ich mich in einen bequemen Sessel im Wartezimmer plumpsen.

Erst mal runterkommen.

Das Wartezimmer ist voll mit alten Männern. Klar – wer sonst geht schon zum Urologen?

„Kann es sein, dass es hier irgendwie nach Urin riecht?“, flüstert sie mir ins Ohr.

„Was glaubst du, wo wir hier sind?“, flüstere ich zurück. „Douglas?“

Alles in allem warten wir zwei Stunden, bis wir an der Reihe sind. Herr Doktor verliert die Ruhe nicht, bleibt freundlich und fröhlich, fragt, ob er noch eine Dame vorziehen darf, die grade kam und dringend auf ihre Ergebnisse wartet. Klar, warum nicht, wir haben Feierabend und die mitgebrachte Lektüre ist zu gut, als dass ich sie aus der Hand legen möchte. Zwar grummelt ihr Magen neben mir, dass die Scheiben zittern, aber der muss sich jetzt eben noch ein bisschen gedulden.

Endlich sind wir dran.

Herr Doktor führt uns in ein kleines Behandlungszimmer und entschuldigt sich dafür, dass er uns nicht in sein Büro bitten kann, da es dort zu chaotisch aussieht. Das kenne ich, der Mann ist mir sympathisch! Danach fragt er uns, wie lange wir es schon versuchen (sechs Monate), wie lange sie keine Pille mehr nimmt (fast zwei Jahre), wie es mit der Periode so läuft (früher regelmäßig wie ein Uhrwerk, jetzt so verlässlich wie Aprilwetter), ob ich rauche (nein) und wie ich es mit dem Alkohol halte (selten). Danach erklärt er uns, wie alles ablaufen wird. Heute wird er mich kurz äußerlich untersuchen und die Prostata abtasten. Dann bekomme ich eine Überweisung in ein Labor, wo mein Sperma untersucht wird.

„Um vergleichbare Ergebnisse zu bekommen ist es wichtig, dass Sie fünf Tage vorher keine Ejakulation mehr haben“, sagt er.

Ich schlucke. Fünf Tage? Ich kann mich nicht erinnern, ob es in den letzten zwanzig Jahren fünf solcher Tage in konsekutiver Folge gab. Aber was macht man nicht alles für den Nachwuchs.

„Machen Sie sich klar, dass das dort in einem kleinen Zimmer in sehr nüchterner Atmosphäre stattfindet“, sagt er weiter. „Erst heute rief mich wieder jemand an, der fragte, ob er das nicht auch zu Hause machen könnte, weil es ihm dort nicht gelungen ist.“

Ich glaube, wenn ich fünf Tage in Folge nicht hätte, könnte man mich unter freiem Himmel auf einen Misthaufen stellen und um mich rum fünfzig nackte Omas platzieren, die „Oh, du schöner Westerwald“ singen und es wäre kein Problem. Aber ich will den Mund nicht zu weit aufreißen, wer weiß, wie es mir dort ergehen wird.

Nach ungefähr vierzehn Tagen läge dann das Ergebnis vor, meint Herr Doktor, dann könnte ich es abholen und zu ihm zur Besprechung kommen. Noch Fragen?

„Wird die Untersuchung, die sie jetzt durchführen, ihm weh tun?“, fragt sie besorgt.

Wie süß! Wie sollte es auf dieser Welt nur möglich sein, einen Menschen wie sie nicht zu lieben?

„Nein nein“, beschwichtigt er sie. „Ich taste nur ab. Dazu muss ich zwar in den Darmausgang und die so genannte ‚Hafenrundfahrt’ machen, aber das haben bisher alle Männer überstanden. Heute allein schon drei.“

„Hafenrundfahrt“ klingt schön. Ich assoziiere damit ein gemütliches Umherschippern auf sanften Wellen im Hamburger Hafen, während der Kapitän einen mit Seemannsgarn vollschnackt. Herr Doktor wird mir immer sympathischer.

„Dann ziehen Sie mal ihre Hose und Unterhose aus und legen sich auf den Rücken!“

„Soll ich lieber rausgehen?“, fragt sie.

„Nun, wenn sie Kinder haben möchten, gehe ich davon aus, dass Sie ihn schon einmal untenrum nackt gesehen haben, oder?“ antwortet Herr Doktor.

Ich lege mich hin und er legt los. Niere, Magen, Blase, Leiste. „Alles in Ordnung, keine Operationen außer Blinddarm“, murmelt er. „Sie sind kitzelig, nicht wahr?“

Na und? Ist das jetzt ein Symptom für Unfruchtbarkeit oder was?

Er zieht sich einen Latexhandschuh an und konzentriert sich auf die mehr mittleren Organe. „Hm… hm… Hoden normale Größe“, murmelt er weiter.

Normale Größe! Ey Doc, zieh mal deine Brille auf! Also im Vergleich zu dem, was ich in der Umkleidekabine des Schwimmbads immer sehe – normale Größe, pah!

„So, jetzt machen wir die Hafenrundfahrt“, sagt er und schmiert sich den Zeigefinger mit Vaseline ein. „Drehen Sie sich mal auf die rechte Seite!“

Okay, nun kommt der heikle Part. Da ich zu den Zeitgenossen gehöre, denen sich die analen Freuden bisher noch nicht so richtig offenbart haben, bin ich trotz zahlreicher Sympathiepunkte gegenüber Herrn Doktor etwas skeptisch. Aber was nimmt man nicht alles auf sich für seine noch nicht gezeugten Kinder.

Was jetzt folgt hat schätzungsweise nur drei Sekunden gedauert. Er fährt mit seinem Finger rein, piekt ein wenig im Hafenbecken rum und zieht ihn wieder raus, fertig. Drei Sekunden, die mir im Nachhinein betrachtet wie drei Stunden vorkommen. Aber der Reihe nach.

Ich dreh mich also auf meine rechte Seite und denke an eine lustige kleine Barkasse, die munter auf der Elbe zwischen großen Containerschiffen hin- und herschippert und „Fump!“ ist auf einmal der Finger drin. Ohne Vorwarnung werde ich komplett überrumpelt und aus meinem Gedanken gerissen. Ich finde das ziemlich unhöflich. Auch wenn er den Hintereingang benutzt, könnte er wenigstens anklopfen oder „Hallo, ist da wer?“ rufen, anstatt gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Zumindest ein „Achtung!“ oder von mir aus auch ein „Leinen los!“ wäre angebracht gewesen.

Das Gefühl, das mit „Fump!“ verbunden ist, hat nichts mit einer kleinen Barkasse zu tun, die in den Weiten des Hamburger Hafens einsam und verloren ihre bescheidenen Kreise zieht. Es fühlt sich eher so an wie der Versuch, mit der Exxon Valdez am Tretbootverleih eines Baggersees anzulanden.

Mit seinem Finger fummelt er an irgendeinem Organ in mir rum, das wohl die Prostata sein muss. Fühlt sich sehr merkwürdig an. Noch nie zuvor wurde diese Gegend von einem Menschen berührt. „…dringt dabei in Galaxien vor, die nie zuvor ein Mensch gesehen hat“, muss ich dabei denken und für einen Moment meine ich, Captain Kirk hätte seine Griffel in meinem Popo stecken.

Schlimmer jedoch als die von Captain Kirk kommandierte Exxon Valdez in meinem Heck ist das, was Herr Doktor mit seiner Fingerspitze anstellt: Er drückt sie von hinten gegen meine Blase. Hätte er nur eine Sekunde länger dagegen gedrückt, ich schwöre, ich hätte ihm die Liege vollgepinkelt.

Was Blasendruck angeht bin ich wirklich nicht zimperlich und ziemlich hart im Nehmen. Ich erinnere mich an Situationen wie zum Beispiel Krisengespräch beim Kunden vor Ort, abends angereist, schlecht im Hotel geschlafen, um acht Uhr morgens todmüde in den Konferenzraum eingelaufen und dann muss schlagartig auf Showtime umgeschaltet werden. Es geht um einen Haufen Kohle, man könnte passenderweise auch sagen: um einen ganzen Arsch voll Kohle, und du musst jetzt hellwach sein und keinen Fehler machen, sonst kommt das die Firma teuer zu stehen. Also schnell während der Shake-Hands-und-Small-Talk-Phase vierzehn Tassen Kaffee in dreiundzwanzig Minuten druckbetankt und los geht’s. Solche Verhandlungen können sich ziehen, sechs Stunden, acht Stunden ohne Pause. Wenn alles vorbei ist, humpelst du dann gekrümmt in Schlangenlinien auf die nächste Toilette, Männlein oder Weiblein ist egal, jetzt zählt nur noch, die Schleusentore öffnen zu können.

Das Gefühl, das Herr Doktor gerade an meiner Blase mit seiner Fingerspitze auslöst, ist verglichen mit der gerade beschriebenen Situation ungefähr so, als wollte man Hannibal Lecter mit Schweinchen Babe vergleichen.

Nach drei Sekunden verlässt Kirk mit seiner Crew meinen rückwärtigen Quadranten und hinterlässt in meinem Wurmloch ein brennendes Gefühl, als hätte er zum Abschied noch ein paar Photonentorpedos reingefeuert.

„Sie können sich wieder hinsetzen.“

HA HA – Scherzkeks!

Ich beiße die Zähne zusammen und ziehe mich wieder an.

„Was haben Sie denn da grade mit meiner Blase gemacht?“, frage ich ihn, während ich meine Gürtelschnalle schließe. „Das war ja kaum auszuhalten!“

Herr Doktor wischt seinen Finger ab. „Och, nur von innen abgetastet. Aber machen Sie sich keine Gedanken, es kommt häufig vor, dass sich dabei Patienten vorne oder auch hinten entleeren.“

Tja – Scheißjob, Herr Doktor!

Er streift sich den Latexhandschuh ab. „Ihre Prostata ist etwas vergrößert. Das ist zunächst erst mal harmlos. Das kann bakterielle Ursachen haben, kann aber auch an ganz andere Gründe haben. Treiben Sie Sportarten wie Schwimmen, Reiten oder Radfahren?“

„Ja, alle drei, regelmäßig.“

„Sehen Sie, darin könnte die Ursache liegen. Und wenn es bakteriell ist, dann sehen wir das im Spermiogramm und können es mit einem Antibiotikum behandeln.“

Na toll, wenn ich auf eins echt keine Lust habe, dann auf Antibiotika.

„Ich schreibe Ihnen jetzt eine Überweisung fürs Labor und wenn die Ergebnisse vorliegen, dann melden Sie sich bei mir. Haben Sie noch Fragen?“

Ich verkneife mir die Frage, wann ich wieder schmerzfrei sitzen kann, dafür darf er einen Blick in unsere Impfpässe werfen.

Er geleitet uns zur Tür und verabschiedet uns mit den Worten: „Fahren Sie doch mal in Urlaub! Im Urlaub sind die Menschen generell entspannter und da hat es schon bei so manchem geklappt.“

Toller Tipp.

Während wir das Treppenhaus hinunter zum Ausgang laufen ruft er uns noch hinterher: „Übrigens – die meisten Reiserücktrittsversicherungen zahlen auch bei plötzlicher Schwangerschaft!“

Der Zettel im Briefkasten

Mittwoch, 16 April 2008

„Duhuuuuu, können wir uns das mal anschauen?“, fragt sie mich am Samstagmorgen.

Wir bereiten gerade das Frühstück zu. In der Hand hält sie einen Zettel, der vor ein paar Tagen im Briefkasten lag. „Wohnung zu verkaufen“ steht drauf. Darunter zwei Bilder, eins vom Haus und eins vom Garten. Ich hatte den Zettel schon gesehen, aber nicht weiter beachtet. Ständig liegen solche Angebote im Briefkasten mit Wohnungen aus der Umgebung.

Ich nehme ihr das Stück Papier aus der Hand und betrachte die Abbildungen darauf.

Schönes Haus.

Schöner Garten.

Wieso zeigt sie mir diesen Zettel? Bisher war Wohnung kaufen kein Thema. Wir beide wollten nie etwas kaufen. Dazu hat uns das Schicksal schon zu oft von einem Ufer der Erde an ein anderes gespült, Flexibilität ist heutzutage wichtig, wir leben in einer globalisierten Welt. Dazu kommt ein riesiger Batzen Geld und einen Haufen Schulden, den man sich aufbürdet. Von den Verpflichtungen, die Eigentum mit sich bringt, ganz zu schweigen. Wir wollten das beide nie.

Mit einem aufmunternden „Na?“ reißt sie mich aus meinen Gedanken.

„Äh – öhm – ja… das sieht echt schön aus. Lass uns dort doch mal anrufen“, höre ich mich sagen.

„Ich mach schnell!“

Sie reißt mir das Zettelchen aus der Hand und sprintet zum Telefon.

Was hab ich da gesagt?

Hab ich gesagt, ich möchte mir eine Wohnung anschauen, die zum Verkauf steht?

Ich setze mich hin und gieße mir eine viertel Tasse halb durchgelaufenen Kaffee ein. Situationsanalyse. Was geht hier eigentlich ab? Also – wir haben:

SIE

- wollte nie Kinder, will auf einmal welche
- wollte nie heiraten, träumt auf einmal davon
- wollte nie eine Wohnung kaufen, will sich jetzt eine ansehen, die zum Verkauf steht

ICH

Ich stimme so einfach zu, diese Wohnung anzuschauen. Die Wohnung, die wir dann kaufen müssten. Und das Merkwürdige daran: Die Zustimmung hat sich gar nicht komisch angefühlt. Vergessen all die Bedenken bezüglich Flexibilität, Geld, Schulden. Die Wohnung ist toll, es wäre klasse, darin zu wohnen. Direkt am Park, fünf Minuten zum Bahnhof, große Zimmer, hohe Decken, Parkett, Balkon, Wohnküche, zwei Keller, Haus mit vier Parteien, ideal für eine Familie mit Kindern und Katze. Ein Heim für die nächsten zwanzig Jahre. Mindestens.

Ich flute meine Mundhöhle gedankenverloren mit einem Schwall dampfenden Kaffee – argh, Zunge verbrannt, verdammte Scheiße!

Was ist auf einmal los mit mir?

Vor vier Jahren war ich in einer Beziehung gefangen, aus der ich mich nicht zu befreien traute. Drei-Zimmer-Appartement im verkehrsberuhigten Wohngebiet eines Dorfes im Speckgürtel der Stadt. Ich dachte, mein Leben würde ewig so weiter gehen.

Vor zwei Jahren wohnte ich in einem Loft in der Stadt, riesengroße Dachterrasse mit Wahnsinnsausblick zur nächtlichen Verführung der Damen im Sommer, einen offenen Kamin mit flauschigem Teppich davor zur Verführung der Damen im Winter. Ich dachte, mein Leben würde ewig so weiter gehen.

Und jetzt überlege ich mir, eine familientaugliche Wohnung zu kaufen.

Zu kaufen!

Was ist das für ein Film, dieses Leben, welches das meinige ist? Was passiert hier mit mir innerhalb von vier Jahren? Und was passiert grade mit ihr? Was auch immer in den letzten Monaten bei ihr alles abläuft, ich versteh es ja nicht mal bei mir, wie soll ich dann um Himmels Willen sie verstehen?

Sie kommt zurück in die Küche geschossen und reißt mich aus meinen Gedanken.

„Bub, nächsten Samstag, elf Uhr! Oh - was guckst du denn so komisch?“

Ich schaue sie mit großen Augen an.

„Zunge verbrannt.“

„Schussel!“

Der Fahrradanhänger

Dienstag, 15 April 2008

Einmal pro Woche versuchen Klaus und ich gemeinsam Mittagessen zu gehen, was terminlich leider nicht immer klappt. Klaus ist zwei Jahre jünger als ich, arbeitet in derselben Firma und war schon zweimal mein Nachfolger auf verschiedenen Positionen. Zuerst erbte er meinen Kundenstamm, später meine Abteilung. Dies hat ein besonderes Band zwischen uns geknüpft und macht es für beide interessant zu erfahren, „was gerade so beim Anderen geht“.

Klaus hat eine kleine Tochter. Es gibt Spiegeleier mit Spinat für ihn, Auflauf für mich.

„Hab ich dir schon erzählt? Von meiner Prämie hab ich mir ein neues Rad rausgelassen“, erzählt er mampfend.

„Hast du jetzt echt gekauft?“, frage ich nach. „Vor zwei Wochen warst du noch in der Phase der Entscheidungsfindung.“

„Ja, gekauft. Und einen Fahrradanhänger für die Kleine auch. Schweineteuer die Dinger, das sag ich dir.“

„Und bei ebay?“

„Kannste vergessen. Das ist vom Fachhandel dominiert. Da kannst du gleich einen im Laden kaufen.“

„Gibt’s da nur Markenteile? Nichts günstiges?“

„Na ja, schon, aber die sind dann eben auch billig in jeder Hinsicht. Und was willst du noch groß sagen, wenn der Verkäufer ankommt und meint: ‚Überlegen Sie sich, was Ihnen die Sicherheit Ihres Kindes wert ist!’“

„Da würde ich einfach sagen: ‚Verehrter Herr Verkäufer, die Frage, die zur Entscheidung ansteht, lautet: Welchen Anhänger kaufe ich? und nicht: Was ist mir die Sicherheit meines Kindes wert? Sie benutzen hier eine leicht durchschaubare Persuasionstechnik in Gestalt der Verlagerung des Entscheidungsgegenstandes auf ein anderes Niveau und versuchen mich damit zu bewegen, mehr Geld auszugeben, was zur Folge hat, dass ihre Glaubwürdigkeit in meinen Augen soeben ins Bodenlose gefallen ist und sie darüber hinaus als Menschen mit moralisch fragwürdigen Prinzipien entlarvt.’“

„Ja ja, reden konntest du schon immer gut“, brummt Klaus.

„Und? Welchen Anhänger hast du nun gekauft?“

„Den teuren natürlich.“

„Hast dich über’n Tisch ziehen lassen.“

„Nee, denk doch mal an Vatertag! Ich will schließlich nicht, dass die Schweißnähte schon bei zwei vollen Bierkästen die Schwindsucht bekommen.“

Ein Anruf beim Arzt

Freitag, 11 April 2008

Date and Time: 05/22/2007 11:04 AM
You have received a message
denk an deinen urologen-termin :-)

Date and Time: 05/22/2007 11:05 AM
You have sent a message
wollte grade aus dem zimmer raus und telefonieren…

*tüüüüt*

So, und was sag ich dem jetzt?

*tüüüüt*

Tach Herr Doktor, mein Premiumsperma scheint bisweilen etwas fußlahm zu sein, können sie da mal reingucken?

*tüüüüt*

Können sie meinen Samen untersuchen?

*tüüüüt*

Das klingt nach Infotheke im Pflanzencenter.

*tüüüüt*

Ich sag: „Wir wollen Kinder.“ Kinder ist immer gut, Kinder gehen ans Herz, das nimmt dem Anliegen gleich von Anfang an die spermizide Note.

*tüüüüt*

Wie – heute keiner da?

*tüüüüt*

Scheiße.

Date and Time: 05/22/2007 11:08 AM
You have sent a message
da geht keiner ans telefon :-(

Date and Time: 05/22/2007 01:46 PM
You have received a message
warum geht da keiner ans telefon ???

Date and Time: 05/22/2007 01:47 PM
You have sent a message
keine ahnung, ich ruf nachher nochmal an.

Date and Time: 05/22/2007 02:47 PM
You have sent a message
ich ruf da nochmal an…

Date and Time: 05/22/2007 02:55 PM
You have received a message
bin ja gespannt …

Date and Time: 05/22/2007 03:05 PM
You have received a message
und ???

Date and Time: 05/22/2007 03:06 PM
You have sent a message
da geht keiner ran! ich ruf jetzt bei nem anderen an

Date and Time: 05/22/2007 03:10 PM
You have received a message
okidoki :-)

Date and Time: 05/22/2007 03:10 PM
You have sent a message
aber keiner liegt so geschickt. die sind alle irgendwie ab vom schuss…

Date and Time: 05/22/2007 03:11 PM
You have received a message
dann versuchs weiter !

Date and Time: 05/22/2007 03:17 PM
You have received a message
in der Kreuzstraße ist auch einer … ist das nicht in bei dir um die Ecke?

Date and Time: 05/22/2007 03:18 PM
You have sent a message
ja. aber da könnt ich nicht so geschickt zwischen daheim und arbeit vorbeifahren

Date and Time: 05/22/2007 03:18 PM
You have received a message
Stephanstraße 107 im Süden.

Date and Time: 05/22/2007 03:18 PM
You have sent a message
umwegig.

Date and Time: 05/22/2007 03:20 PM
You have sent a message
doof, dass man das nicht einfach irgendwie einschicken kann

Date and Time: 05/22/2007 03:21 PM
You have received a message
ich glaube deine spermchen gehen sonst unterwegs kaputt

Date and Time: 05/22/2007 03:23 PM
You have received a message
der in der stephanstraße ist doch auch geschickt, du würdest doch dann eh mit dem auto fahren !

Date and Time: 05/22/2007 03:25 PM
You have sent a message
hmmm…stimmt auch wieder. aber muss ich da nicht über die adenauerstraße morgens?

Date and Time: 05/22/2007 03:27 PM
You have received a message
neee das ist da wo der marktkauf ist

Date and Time: 05/22/2007 03:31 PM
You have received a message
ruf da mal an !

Date and Time: 05/22/2007 03:31 PM
You have received a message
warte ich geb dir die nummer …

Date and Time: 05/22/2007 03:31 PM
You have received a message
(0***) ********

Date and Time: 05/22/2007 03:32 PM
You have received a message
ich warte …

Date and Time: 05/22/2007 03:32 PM
You have sent a message
du setzt mich unter druck, so kann ich nicht arbeiten! ;-)

Date and Time: 05/22/2007 03:33 PM
You have received a message
du musst nicht arbeiten, sondern nur dort anrufen …

Date and Time: 05/22/2007 03:38 PM
You have received a message
haste schon angerufen ?

Date and Time: 05/22/2007 03:44 PM
You have sent a message
ja, hab angerufen.

Date and Time: 05/22/2007 03:44 PM
You have received a message
bub, spann mich jetzt nicht auf die folter

Date and Time: 05/22/2007 03:44 PM
You have sent a message
och, nix besonderes.

Date and Time: 05/22/2007 03:44 PM
You have received a message
WANN!!!!

Date and Time: 05/22/2007 03:45 PM
You have sent a message
hättest du zufällig am 20. um 17.30 uhr zeit?

Date and Time: 05/22/2007 03:46 PM
You have received a message
so spät ???? äh warum muss ich zeit haben ??? soll ich für dich “rubbeln” ;-) … das ist ein freitag, würde bei mir auf jeden fall gehen

Date and Time: 05/22/2007 03:49 PM
You have sent a message
aaaalso, das ist alles nicht so einfach. an dem termin ist ein vorgespräch. du bist ebenfalls sehr herzlich eingeladen. ich vermute, da wird geguckt, ob ich überhaupt ein pimpermann mit eierchen habe. wenn dem so ist, bekomme ich eine überweisung für ein labor im westen. da muss ich dann hin und “meinen samen gewinnen“, damit meinte er wohl: abspritzen. die analysieren das dann sofort vor ort und dann gibt es ein nachgespräch, wo der doktor mir sagt, wie’s denn jetzt so bestellt ist um meine lendenkraft.

Date and Time: 05/22/2007 03:52 PM
You have received a message
das hört sich ziemlich langwierig an … aber ich komme gerne mit …aber der guckt nur nach deinen „anlagen“, nicht auch nach meinen, gelle!

Date and Time: 05/22/2007 03:53 PM
You have sent a message
nee, das ist ja ein männerarzt. frauen hat der ja nicht studiert. also höchstens außerhalb der vorlesungen, meine ich.

Date and Time: 05/22/2007 03:54 PM
You have received a message
*g* …. also dann komm ich auf jeden fall mit :-) … und was kostet der spaß ? … wir machen halbe halbe!

Date and Time: 05/22/2007 03:55 PM
You have sent a message
das wusste er gar nicht, aber das zahlt die krankenkasse. er denkt aber so die untersuchung ungefähr 80-100 euro und dann halt noch seine beratung. das werden vielleicht noch zweimal 30 - 50 euro sein, schätze ich.

Date and Time: 05/22/2007 04:00 PM
You have received a message
wow .. ich werde jetzt auch urologe … fünf pimperle am tag anschauen bringt 500,00 EUR … da werde ich ja reich ;-)

Date and Time: 05/22/2007 04:01 PM
You have received a message
neee im ernst, ist ok :-)

Date and Time: 05/22/2007 04:01 PM
You have sent a message
also wenn wir uns das nicht leisten wollen dann sollten wir auch keine kinderchen kriegen!

Date and Time: 05/22/2007 04:02 PM
You have received a message
:-)

Date and Time: 05/22/2007 04:02 PM
You have received a message
aber der wird dir doch nicht weh tun,oder ????

Date and Time: 05/22/2007 04:03 PM
You have sent a message
ich nehme an, er wird mit eine rostige kanüle in meine hoden rammen und sie leersaugen.

Date and Time: 05/22/2007 04:04 PM
You have received a message
neee das kann ich nicht mit anschauen !!!

Date and Time: 05/22/2007 04:10 PM
You have sent a message
ach, das geht schon!

Date and Time: 05/22/2007 04:10 PM
You have received a message
gehst du nachher mit mir zum mcdonald’s ???

Date and Time: 05/22/2007 04:10 PM
You have received a message
aber bitte nicht zu sehr wimmern dabei ! das kann ich nämlich gar nicht brauchen, wenn männer wehleidig sind !

Date and Time: 05/22/2007 04:10 PM
You have sent a message
mit dir geh ich bis ans ende der welt!

Date and Time: 05/22/2007 04:10 PM
You have sent a message
der mc chicken soll dir im hals stecken bleiben!