Ein durchschnittlich langweiliger Vormittag im Büro an einem Monatsende erhält für einen kurzen Moment einen hoffnungsvollen Schimmer, wenn der Gehaltszettel auf die Tastatur flattert. Dieses Mal ist der Schimmer besonders hell, denn einmal im Jahr gibt es eine Prämienausschüttung. Wie ausgehungerte Hyänen stürzen sich mein Kollege Matthias und ich auf die Briefumschläge und zerfleischen die Kuverts. Die zusätzliche Summe ist in meinem Fall respektabel und steht in ihrer Höhe im Verhältnis zur Größe meines Darmausgangs, den ich im vergangenen Jahr für dieses geliebte Unternehmen stark überdehnen musste.
Noch schmerzhafter als diese Vorstellung ist das, was rechts unten in der Ecke unter allen Strichen steht. Die Geldmenge, die sich die Organisation unseres Gemeinwesens von meiner sauer verdienten Prämie einverleibt, treibt mir die Tränen in die Augen. Fassungslos sehe ich Matthias, seines Zeichens zweifacher Familienvater, dem ich zuvor über meinen Kinderwagenkauf vom Wochenende Bericht erstattet habe, an.
„Was ist los?“, fragt er.
Ich reiche ihm die Gehaltsabrechnung rüber.
„Schau dir mal die Abzüge an. Ist das bei dir auch so viel?“
Er studiert meinen Zettel sorgfältig, danach den seinigen.
„Sind bei mir ungefähr achthundert Euro weniger an Steuern und Abgaben als bei dir.“
Er gibt mir das Stück Papier zurück.
„Musst halt mal schauen, dass du deinen Kinderwagen voll bekommst!“
Während Matthias und ich uns die Tränen aus den Augen wischen, betritt Britta das Büro, eine weitere Kollegin. Sie hat nur das Wort „Kinderwagen“ aufgeschnappt und schaut mich mit große Augen an.
„Du hast einen Kinderwagen gekauft? Aber du hast doch gar keine Kinder!“
„Na ja,“, druckse ich herum, „noch keine, aber die Nachbarn wollten ihn verkaufen und wir dachten, das wäre eine günstige Gelegenheit weil man weiß ja nie, was kommt,… also ‚allzeit bereit!’, du verstehst, was ich sagen möchte…“
Britta schaut mich lange und streng an. Dann macht sie auf dem Absatz kehrt und sagt im hinaus gehen:
„Damit hat sie dich in der Hand!“
Der nächste Morgen. Es ist halb neun. Noch etwas schlaftrunken wühle ich mich durch meine E-Mails, während mir die Geräusche, die Matthias am Schreibtisch gegenüber mit den Fingerkuppen auf seiner Tastatur erzeugt signalisieren, dass der Zeiger seiner Betriebstemperaturanzeige bereits in den roten Bereich eingetaucht ist.
„Hast du dir die Sache mit dem Kinderwagen übers Wochenende noch mal durch den Kopf gehen lassen?“
Mit dieser Frage im Mund und der Kaffeetasse in der Hand betritt Britta das Büro.
„Ich hab am Wochenende gelesen…“, sie beugt sich unter den Tisch und schaltet ihren Rechner an, „…das Großziehen eines Kindes kostet dich durchschnittlich hundertachtzigtausend Euro. Bis es achtzehn ist. Studium, Auslandsaufenthalte etcetera noch gar nicht mit eingerechnet.“
„Ganz zu schweigen von den Nerven“, brummt Matthias, der anscheinend doch nicht so tief in seine Arbeit versunken ist, wie ich dachte. „Nerven sind unbezahlbar, für alles Andere gibt es Visa.“
„Dann bist du mit deinen zwei Jungs ja echt ein armer Schlucker“, antworte ich. „Ich wundere mich schon seit geraumer Zeit, ob du deine Klamotten aus Altkleidersäcken klaust, so wie du rumläufst. Jetzt wird mir so manches klar.“
„Die sind nicht aus Altkleidersäcken. Die stammen alle noch aus einer Zeit, in der ich keine Kinder hatte und mir Klamotten leisten konnte. So wie du jetzt. Also pass gut auf dein lustiges Hemdchen auf, das du grade an hast. Das muss noch zwanzig Jahre halten. Ich leb ja praktisch nur noch vom Kindergeld“, kontert Matthias.
„Hör’s dir gut an!“, ereifert sich Britta.
„Ach, ihr seht das alles viel zu eingeschränkt. Ihr müsst mal diese Investition unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit betrachten.“
Ich greife zum Taschenrechner.
„Also, was sagtest du? Hundertachtzigtausend Euro… bei zwei Kindern… sagen wir mal, ein Pflegeheimplatz kostet, hm, viertausend im Monat… durch zwölf… na bitte, siebeneinhalb Jahre. Jedes Kind hat eine moralische Verpflichtung, dich drei Jahre und neun Monate zu pflegen. Bei zwei Kindern sind das schon sieben Jahre und sechs Monate! Das sollte doch für ein komfortables Siechtum bis zum letzen Atemzug reichen, ohne dass Häuschen und Ersparnisse angetastet werden müssen.“
Stille im Büro.
Britta schaut mich entsetzt an.
„Da hast du nur eins vergessen bei deiner tollen Rechnung“, meint Matthias cool. „Was machst du, wenn die Blagen von ihrem sabbernden Alten nix mehr wissen wollen?“