Archiv für März, 2008

Künstlich

Samstag, 15 März 2008

Abends beim Zappen bleiben wir an einer Reportage über künstliche Befruchtung hängen. Paare, die schon seit Jahren versuchen, Kinder zu bekommen oder es auf natürlichem Wege keine Kinder zeugen können, nehmen große Anstrengungen auf sich, um schwanger zu werden. Bei manchen mit Erfolg. Bei manchen ohne.

„Würdest du so was auch machen?“, fragt sie mich.

„Ich weiß es nicht“, gebe ich zur Antwort. „Spontan würde ich sagen: Nein. Aber ich sehe, wie ernst es diesen Menschen ist und wie verzweifelt sie sind. Vielleicht sind wir in ein paar Jahren auch so. Vielleicht erscheinen uns dann die Möglichkeiten, die ich heute ablehne, als ein Segen.“

„Ich hab gelesen, dass in fünfzig Prozent aller Schwangerschaften es ein halbes bis ein Jahr dauert, bis es klappt“, sagt sie. „Schon verrückt. Da trichtert man uns jahrelang ein, sich bloß zu schützen, weil es bei einem Mal ‚ohne’ schon passieren kann. Und dann willst du, dass es passiert und dann passiert erst mal – nix.“

„Na ja, sechs bis zwölf Monate, da liegen wir ja noch ganz gut in der Zeit. Aber ich kann mich trotzdem jetzt endlich mal untersuchen lassen. Dann wissen wir wenigstens, wie rein statistisch unsere Chancen stehen.“

Sie grinst.

„Au ja, mach mal! Das wird sicher ein Spaß!“

„Ja, das wird noch spaßig.“, denke ich mir.

Noch mehr Träume

Donnerstag, 13 März 2008

Ich komme am Samstag von der Probe nach Hause, wir hatten uns zum Essen verabredet. Verschlafen steht sie in der Küche.

„Deine SMS hat mich geweckt, ich bin auf dem Sofa eingeschlafen.“

„Oh, das tut mir leid! Wir müssen auch nicht essen, wenn du müde bist. Wir können auch einfach schlafen gehen.“

„Nee nee, ich bin jetzt ja wach.“

„Was hast du geträumt?“

„Scheiße.“

„Möchtest du es mir erzählen?“

„Nein.“

Klare Frage – klare Antwort. Ich hake nicht weiter nach.

Sonntagvormittag steht Radfahren auf dem Programm. Ich ziehe mich an, sie verkrümelt sich ins Wohnzimmer. Als ich sie dort abhole, blättert sie im Traumdeutungsbuch.

„Nach was schaust du denn?“

„Nix, lass uns gehen.“

Wir fahren eine Weile durch den Wald, machen unterwegs Pause auf einer Bank.

„Du, wie ernst kann man eigentlich die Erklärungen im Traumdeutungsbuch nehmen?“, fragt sie mich.

Wir kommen ins Gespräch. Sie erzählt von ihrem Traum. Ein Traum, in dem ich nicht gut wegkomme. Sie sieht, wie ich sie mit einer anderen Frau betrüge und kann nicht einschreiten. Harter Stoff.

Wir sitzen auf der Bank und reden. Reden über eine Stunde. Über den Traum, was er alles bedeuten könnte, mein Verhalten ihr gegenüber, ihre Ängste, meine Ängste, ihre männlichen Freunde, meine weiblichen Freundinnen, unsere Zukunft, was alles passieren könnte, worauf wir Einfluss haben und worauf nicht. Warum sie in derselben Woche vom Heiraten und vom Betrogen werden träumt, dem kompletten Spektrum zwischen absoluter Liebe und absolutem Vertrauensbruch.

So sitzen wir da, mit Fahrradhelm und Fahrradhandschuhen. Es gibt keine befriedigende Erklärung für den Traum. Keine verlässliche Antwort auf die Frage: „Warum?“. Die kann es nicht geben und es ist auch nicht wichtig, ob es sie gibt. Wichtig ist, dass wir miteinander reden. Dass sie den Mut aufbringt, mir darüber zu erzählen und ich den Mut aufbringe, mich ernsthaft diesem Gespräch zu stellen.

Wir radeln nach Hause. Sport treiben ist heute nicht mehr so wichtig. Wir räumen die Fahrräder auf und gehen in die Wohnung. Umarmen uns, halten uns fest, küssen uns. Ziehen uns dabei gegenseitig nach und nach die verschwitzen Klamotten aus und stolpern eng umschlungen ins Schlafzimmer.

Liebe ist schön!

Träume

Mittwoch, 12 März 2008

Sonnenstrahlen kriechen durch die Rolladenschlitze und kitzeln meine Augen wach. Ich drehe mich zur Seite und schaue auf die Uhr. In drei Minuten klingelt der Wecker. Ich mach ihn aus und rolle mich zurück auf den Rücken. Lustig tanzen die noch jungen Strahlen auf meiner Nasenspitze herum und singen: „Guten Morgen, guten Morgen, aufstehen!“

Ich hatte einen merkwürdigen Traum. Nein, einen wunderschönen Traum! Ich träumte von meinem Kind. Ein Junge. Er war ungefähr vier und hatte dunkle Haare. Wir saßen zusammen am schwarzen Flügel meines Großvaters und spielten Klavier. Vierhändig. Aus dem Diabelli-Album. So wie ich mit meiner Mutter vierhändig aus dem Diabelli-Album gespielt habe, als ich klein war.

Ich fühlte mich so glücklich und so stolz wie ich mich noch nie gefühlt hab.

Plötzlich fällt mir ein: Diese Woche ist eine fruchtbare.

Oh Mann…

Ich drehe mich zu ihr und ziehe sie sanft an mich heran.

„Guten Morgen“, flüstere ich ihr leise ins Ohr.

Sie holt tief Luft, streckt ihre Glieder im Zeitlupentempo unter der Decke hervor und untermalt die Body-Performance mit schnurrend-grunzenden Röchel-Lauten. Nach ausgiebigem Strecken und Röcheln dreht sie sich zu mir.

„Weißt du, was ich geträumt habe?“, sagt sie. „Wir waren in irgend einem Haus, sind umgezogen. Mitten im Umzug hab ich dich beiläufig gefragt, ob du mich heiraten willst. ‚Da musst du schon richtig fragen!’, hast du gesagt. Dann hab ich richtig gefragt und du hast ‚Ja’ gesagt. Schon komisch, oder? Heiraten war doch bisher nie ein Thema für uns.“

„Weißt du, was ICH geträumt habe?“

Ich erzähle ihr meinen Traum.

Wir schauen uns an und sagen gar nichts.

Mit „du weißt schon, dass diese Woche eine fruchtbare ist“ durchbreche ich die Stille.

Sie schlägt sich mit der Hand vor die Stirn.

„Oh Mann…“

Warum wir, warum jetzt?

Montag, 10 März 2008

Ein warmer Frühlingsnachmittag. Wir sind mit den Rädern in den Park gefahren. Ich sitze auf einer Bank, ihr Kopf liegt in meinem Schoß, wir schauen in den blauen Himmel und spielen „Die Wolke sieht aus wie…“.

„Warum ausgerechnet ich?“, fragt sie mich plötzlich. „Warum ich, warum möchtest du mit mir ein Kind haben? Warum mochtest du das nicht mit deinen Freundinnen, die du vor mir hattest? Was macht dich so sicher, dass ich die Richtige bin, warum soll das mit uns klappen, warum glaubst du, dass wir das schaffen? Was macht dich so sicher, dass ausgerechnet wir beide es schaffen, ein Kind groß zu ziehen?“

Das sind gute Fragen. Kann man solche Fragen überhaupt zufriedenstellend beantworten? Kann man ein Gefühl in Worte fassen? Gibt es überhaupt Worte dafür? Ich überlege lange und horche in mich hinein.

„Weil du mir die Zeit für mich gibst, die ich brauche, die mir in meinen vorherigen Beziehungen keine Freundin gegeben hat und ich dir die Liebe gebe, die du brauchst, die dir in deinen vorherigen Beziehungen kein Freund gegeben hat“, antworte ich.

Je länger ich im Nachhinein über diesen Satz nachdenke, den ich aus einem ersten Gefühl heraus gesagt habe, desto mehr glaube ich, dass er die richtige Antwort ist.

Deshalb wir, deshalb jetzt.

Kollegiale Ratschläge

Samstag, 8 März 2008

Ein durchschnittlich langweiliger Vormittag im Büro an einem Monatsende erhält für einen kurzen Moment einen hoffnungsvollen Schimmer, wenn der Gehaltszettel auf die Tastatur flattert. Dieses Mal ist der Schimmer besonders hell, denn einmal im Jahr gibt es eine Prämienausschüttung. Wie ausgehungerte Hyänen stürzen sich mein Kollege Matthias und ich auf die Briefumschläge und zerfleischen die Kuverts. Die zusätzliche Summe ist in meinem Fall respektabel und steht in ihrer Höhe im Verhältnis zur Größe meines Darmausgangs, den ich im vergangenen Jahr für dieses geliebte Unternehmen stark überdehnen musste.

Noch schmerzhafter als diese Vorstellung ist das, was rechts unten in der Ecke unter allen Strichen steht. Die Geldmenge, die sich die Organisation unseres Gemeinwesens von meiner sauer verdienten Prämie einverleibt, treibt mir die Tränen in die Augen. Fassungslos sehe ich Matthias, seines Zeichens zweifacher Familienvater, dem ich zuvor über meinen Kinderwagenkauf vom Wochenende Bericht erstattet habe, an.

„Was ist los?“, fragt er.

Ich reiche ihm die Gehaltsabrechnung rüber.

„Schau dir mal die Abzüge an. Ist das bei dir auch so viel?“

Er studiert meinen Zettel sorgfältig, danach den seinigen.

„Sind bei mir ungefähr achthundert Euro weniger an Steuern und Abgaben als bei dir.“

Er gibt mir das Stück Papier zurück.

„Musst halt mal schauen, dass du deinen Kinderwagen voll bekommst!“

Während Matthias und ich uns die Tränen aus den Augen wischen, betritt Britta das Büro, eine weitere Kollegin. Sie hat nur das Wort „Kinderwagen“ aufgeschnappt und schaut mich mit große Augen an.

„Du hast einen Kinderwagen gekauft? Aber du hast doch gar keine Kinder!“

„Na ja,“, druckse ich herum, „noch keine, aber die Nachbarn wollten ihn verkaufen und wir dachten, das wäre eine günstige Gelegenheit weil man weiß ja nie, was kommt,… also ‚allzeit bereit!’, du verstehst, was ich sagen möchte…“

Britta schaut mich lange und streng an. Dann macht sie auf dem Absatz kehrt und sagt im hinaus gehen:

„Damit hat sie dich in der Hand!“

Der nächste Morgen. Es ist halb neun. Noch etwas schlaftrunken wühle ich mich durch meine E-Mails, während mir die Geräusche, die Matthias am Schreibtisch gegenüber mit den Fingerkuppen auf seiner Tastatur erzeugt signalisieren, dass der Zeiger seiner Betriebstemperaturanzeige bereits in den roten Bereich eingetaucht ist.
„Hast du dir die Sache mit dem Kinderwagen übers Wochenende noch mal durch den Kopf gehen lassen?“

Mit dieser Frage im Mund und der Kaffeetasse in der Hand betritt Britta das Büro.

„Ich hab am Wochenende gelesen…“, sie beugt sich unter den Tisch und schaltet ihren Rechner an, „…das Großziehen eines Kindes kostet dich durchschnittlich hundertachtzigtausend Euro. Bis es achtzehn ist. Studium, Auslandsaufenthalte etcetera noch gar nicht mit eingerechnet.“

„Ganz zu schweigen von den Nerven“, brummt Matthias, der anscheinend doch nicht so tief in seine Arbeit versunken ist, wie ich dachte. „Nerven sind unbezahlbar, für alles Andere gibt es Visa.“

„Dann bist du mit deinen zwei Jungs ja echt ein armer Schlucker“, antworte ich. „Ich wundere mich schon seit geraumer Zeit, ob du deine Klamotten aus Altkleidersäcken klaust, so wie du rumläufst. Jetzt wird mir so manches klar.“

„Die sind nicht aus Altkleidersäcken. Die stammen alle noch aus einer Zeit, in der ich keine Kinder hatte und mir Klamotten leisten konnte. So wie du jetzt. Also pass gut auf dein lustiges Hemdchen auf, das du grade an hast. Das muss noch zwanzig Jahre halten. Ich leb ja praktisch nur noch vom Kindergeld“, kontert Matthias.

„Hör’s dir gut an!“, ereifert sich Britta.

„Ach, ihr seht das alles viel zu eingeschränkt. Ihr müsst mal diese Investition unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit betrachten.“

Ich greife zum Taschenrechner.

„Also, was sagtest du? Hundertachtzigtausend Euro… bei zwei Kindern… sagen wir mal, ein Pflegeheimplatz kostet, hm, viertausend im Monat… durch zwölf… na bitte, siebeneinhalb Jahre. Jedes Kind hat eine moralische Verpflichtung, dich drei Jahre und neun Monate zu pflegen. Bei zwei Kindern sind das schon sieben Jahre und sechs Monate! Das sollte doch für ein komfortables Siechtum bis zum letzen Atemzug reichen, ohne dass Häuschen und Ersparnisse angetastet werden müssen.“

Stille im Büro.

Britta schaut mich entsetzt an.

„Da hast du nur eins vergessen bei deiner tollen Rechnung“, meint Matthias cool. „Was machst du, wenn die Blagen von ihrem sabbernden Alten nix mehr wissen wollen?“

Männer regeln das

Dienstag, 4 März 2008

Wieder zurück zu Hause, eine Woche ist seit Prag vergangen. Es ist ein wunderschöner Sonntagmittag. Die Sonne steht strahlend am stahlblauen Himmel. Die Cumuluswölkchen tummeln sich heute wo anders. Sie räkelt sich wie eine zufriedene Katze auf dem Balkon und lässt Seele und Teint vom warmen Licht verwöhnen. Sieht nicht danach aus, als würden wir heute noch Fahrrad fahren oder spazieren gehen.

Was tun?

Keine Frage.

Runter auf den Hof, Garagentor auf, Karre zwei Meter vorfahren und dran rumfummeln.

Wenn echte Kerle (wie ich natürlich einer bin) echte Autos fahren (was ich natürlich mache), gibt es immer was zu basteln. Und wenn es wirklich einmal nichts mehr zu basteln gäbe, könnte man sich immer noch vor den Schlitten stellen, ein Bier aufreißen und zuschauen, wie sich die Sonnenstrahlen im frisch gewachsten Lack der Motorhaube spiegeln.

Ich ziehe mir eine alte löchrige Jeans und ein verwaschenes weißes T-Shirt an, schnappe mit ein paar Putzmittel, Eimer, Steckschlüsselsatz, Gary-Moore-CD und Kaltgetränk, „ich bin mal ne Weile unten, warte nicht auf mich!“ und lasse die Wohnungstür hinter mir ins Schloss fallen.

Runter auf den Hof, Garagentor auf, Karre zwei Meter vorfahren und dran rumfummeln.

Während ich, mittlerweile schweißbedeckt, mit bis zu den Ellenbogen mit Öl verschmierten Armen unter dem linken Schweller liege, dem Klappern der Fahrertür auf den Grund zu gehen versuche und Mister Moore mir den neunten Song über Einsamkeit und unerfüllter Liebe in permutativen Blues-Schemata in die Ohren pfrötet, fährt mein Nachbar auf den Hof und parkt gegenüber. „Das wäre jetzt keine schlechte Gelegenheit, mit ihm über den Kinderwagen zu verhandeln“, denke ich mir. Im Moment der Vollendung dieses Denkvorgangs macht es „Plopp“ und die Türverkleidung fällt mir in die Hände. Ich weiß nicht, warum sie das auf einmal tut. Ich bin jedoch froh, dass sie es tut, da ich seit der Mitte des siebten Gary-Moore-Songs versuche, sie zunächst mit sanfter, dann mit roher, schließlich mit verzweifelter Gewalt dazu zu bewegen, genau dies zu tun. Da ich zur grundlegenden Reinigung dieses Teils in den Keller muss, kreuzen sich unsere Pfade auf dem Weg zur Haustür.

Ich möchte ein Gespräch anbahnen, doch er kommt mir zuvor.

„Das ist ja wirklich ein schönes altes Auto, was Sie da haben, da muss man ja wahrscheinlich ganz schön viel Geld reinstecken, oder? Mein erstes Auto war ein NSU Prinz…“.

Er erzählt mir die Geschichte seines „kleinen Prinzen“ („Jetzt bloß keinen anzüglichen Gag reißen, sonst hast du den Kinderwagen ein- für allemal gesehen!“, denke ich mir) und ist von dieser Schiene nicht mehr runter zu bekommen, bis wir im Treppenhaus stehen. Ich höre ihm freundlich und geduldig zu, lächle ihn an. Schließlich will ich ja was von ihm.
Mit einem „Also gut, dann noch ein schönes Wochenende…“ leitet er das Ende des Gesprächs ein, das eigentlich ein Monolog über den kleinen Prinzen war.

„Was ich Sie noch fragen wollte“, hebe ich an zu sagen und drücke mich galant in seine Kunstpause nach „Wochenende“ hinein wie ein kalter Luftzug durch einen etwas zu großen Türspalt an einem ekeligen Wintertag, „meine Freundin trug mir auf, mit Ihnen noch wegen des Kinderwagens zu verhandeln.“

„Ach so!“ Er schaut mich ein wenig verwirrt an. „Ich habe ihr ja schon gesagt, wenn sie ihn will, kann sie ihn haben.“

„Wir wollen. Was soll er denn kosten?“

„Oh, das kann ich Ihnen nicht sagen, das müssen Sie mit der Chefin ausmachen. Kommen Sie doch am Besten mal kurz mit rein.“

Ich betrete die Wohnung und bekomme von seiner Chefin, die ich bisher für die Mutter seines Sohnes gehalten habe, sämtliches Zubehör präsentiert und erhalte anschließend im Keller eine Einführung in „Wie falte ich ein Zweite-Hand-Deluxe-Kinderwagen-Ungetüm auf die Größe einer halb abgerollten Klopapierrolle zusammen?“. Dies ist sehr eindrucksvoll für jemanden wie mich, bei dem sich das „Zusammenfalten“ bisher auf Briefbögen und Mitarbeiter beschränkt hat. Noch eindrucksvoller ist jedoch der kleine Sohn und eigentliche Vorbesitzer des Wagens, mit dem ich während der gesamten Vorstellung Grimassen um die Wette schneide. Ich bin so vertieft in diese Beschäftigung, dass ich einfach „Ja!“ sage, als irgendwann ein furchtbar langes Wort fällt, das mit „Euro“ aufhört. Rückblickend betrachtet glaube ich, dass mich der Kleine ganz schön übern Tisch gezogen hat.

In einem nach gelagerten Verhandlungsschritt werden letzte Details diskutiert (Welche Decke wird noch mal wie von welcher Vertragspartei gewaschen? Wo liegt die Bedienungsanleitung? „Soll ich Ihnen noch zeigen, wie man die Räder abmacht?“), danach laufe ich mit meiner Türverkleidung in der Hand hoch in unsere Wohnung.

Sie ist mittlerweile vom Balkon aufs Sofa umgezogen und liest.

„Na, wie läuft’s?“, fragt sie. Ich setze mich zu ihr.

„Ich hab was gekauft.“

„Was hast du denn gekauft an einem Sonntag?“

„Den Kinderwagen.“

Sie schaut auf und lächelt mich an. Mit einem Lächeln, das mehr wert ist als alles Geld der Welt, nimmt sie mich fest in den Arm. Ich lasse die dreckige Türverkleidung auf den Boden plumpsen und drücke sie mit meinen Öl verschmierten Armen an mich, so dass sie die Flecken wahrscheinlich nie mehr aus ihrem Top rausbekommen werden wird.

Aber das ist in diesem Moment egal.

Prager Geschichten: Der Polizist

Montag, 3 März 2008

Der Prager Polizist steht seinem Dienstfahrzeug an Skurrilität nur wenig nach. Der Prager Polizist

- tritt immer nur paarweise auf,
- hat, vermutlich als Reminiszenz an seine kommunistische Vergangenheit, ein behämmert aussehendes Schiffchen am Kopf festgetackert,
- kommt in blauer oder grüner Uniform daher (vermutlich sind die „Grünen“ keine richtigen Polizisten, ich konnte das leider in der Kürze der Zeit nicht überprüfen),
- sieht aus wie Lolek und Bolek zwanzig Jahre später.

Der Prager Polizist ist generell ein sehr freundliches Wesen, wie ich als Zeuge einer Amtshandlung persönlich bestätigen kann. Im Burgbezirk wurde ein parkendes Auto mit Darmstädter Kennzeichen im Halteverbot ausfindig gemacht. Mit ruhiger Hand steuern die beiden Vertreter der tschechischen Staatsmacht ihren verbeulten Lada auf das Corpus Delicti zu, halten an und nehmen die Lage in Augenschein. Danach füllen sie gemeinsam mit gebotener Sorgfalt einen Strafzettel auf dem Handschuhfach aus. Während Lolek bei laufendem Motor fluchtbereit im Dienstfahr-zeug wartet, steigt Bolek aus und heftet den Strafzettel an die dafür vorgesehenen Stelle zwischen Scheibenwischerblatt und Windschutzscheibe, vergewissert sich nochmals, ob das Dokument auch ordnungsgemäß befestigt ist und kehrt zurück in den Wagen. Mit zufriedenen Gesichtern fahren die beiden davon, ruhigen Gewissens, der Gerechtigkeit genüge getan zu haben.

Ich persönlich würde mich um einen tschechischen Strafzettel wegen Parken im Halteverbot einen Scheißdreck kümmern. So was kostet bei uns um die fünfunddreißig Euro und selbst wenn es in Prag doppelt so viel kosten sollte, glaube ich nicht, dass sich ein tschechischer Staatsanwalt bemühen würde, die paar Kröten im Ausland einzutreiben. Sogar nur um genau das herauszufinden würde ich erst mal nicht zahlen. Vielleicht sind ja die Dienststellen mittlerweile auch bei Ordnungswidrigkeiten international vernetzt, dieser kleine Test im Geiste fortschreitender Globalisierung der Verbrechensbekämpfung wäre mir jeden Säumniszuschlag wert.

Während der Prager Polizist bei einem derartigen Vergehen noch auf die Einsicht des Verkehrssünders setzt, hat sich bei seinen europäischen Kollegen schon längst ein weitgehender Abstum-pfungsprozess eingestellt. Sein deutsches Pendant würde gleich den Abschleppdienst holen. Vermutlich würde sogar der Abschlepper den ausländischen Wagen ausfindig machen und die Polizei anrufen, um schnelle vierhundert Euro zu verdienen. Der britische Ordnungshüter kommt ganz ohne Fremdhilfe aus und klatscht einfach ne Parkkralle ans Vorderrad. Die muss erst mal auf irgendeinem Revier ausgelöst werden und wird dann innerhalb der nächsten drei Tage wieder entfernt. Sollte der zugereiste Gast seinen Wagen früher benötigen ist dies gegen Zahlung eines kleines Geschwindigkeitszuschlags in Höhe von dreihundert Prozent der Geldbuße natürlich gar kein Problem. In Russland schließlich würde jemand einfach die Karre knacken und klauen und die Polizei würde mit den Schultern zucken und sagen: „Selber schuld, wenn du nicht gucken kannst, wo du parken darfst.“

Es gibt jedoch Momente im Leben eines Prager Polizisten, in denen ihm die zufriedene Freundlichkeit eines böhmischen Blasmusikanten abhanden kommt. Nämlich dann, wenn es gilt, auf den Straßen seiner Stadt Verbrecher zu jagen. Plötzlich verhärtet sich das weiche Gesicht zur steinernen Maske eines Crockett und Tubbs, der amerikanische Christbaum auf dem Dach wird angeschmissen und Lolek und Bolek schlittern mit allem, was das tschechische Blech hergibt, also ungefähr hundertundfünf Sachen, auf original 145er Pneumant Spalttablettenformatbereifung über das Prager Kopfsteinpflaster.

„Wieuhwieuhwieuhwieuh…“

Das Verbrechen fest im Blick der zu scharfen Sehschlitzen zusammengekniffenen Augen, das Gaspedal fest ins Bodenblech getreten, geben sie alles, um Bürger und Touristen vor Fettwurstdieben und Sitzbadewannenterroristen zu schützen. So long, unbekannter Prager Polizist, gib Gas und Kick Ass! Deine Volksgenossen und du, ihr seid wirklich liebenswerte Menschen und eine Bereicherung in unserem wohlstandsverlullten EU-Club! Dass ihr damals jemand aus dem Fenster geschmissen habt und dadurch Europa dreißig Jahre Tod und Verwüstung beschert habt, find ich zwar nicht so toll, aber wir waren auch nicht immer nett zu euch. Da passt das schon, dass ihr nach dem Krieg meine Oma aus ihrer Wohnung geworfen habt, bei ihrem Sprachtalent hätte sie sowieso nie einen vernünftigen Stich in Tschechisch gemacht. Lassen wir die alten Geschichten ruhen, essen wir eine Fettwurst, kippen ein paar Slibovitz und dann bauen wir ein paar Sprudeldüsen in deine Sitzbadewanne. Na, wie klingt das?