Einige Hochzeitsgäste kannte ich schon vorher. Gemeinsame Freunde von Olli und mir, Kollegen und Ex-Kollegen, die Familie von Ollis Frau und die Kumpels von Ollis Schwiegervater aus dem lokalen Automobilclub, mit denen er und ich seinerzeit eine Oldtimerrallye durch Polen gefahren sind. Zunächst irritierte mich, dass sich Klaus und Daniel nur mit „Christian“ und „Walter“ ansprachen. Beim Nachtisch lüftete sich jedoch das Geheimnis.
„Boah, ich bin jetzt echt müde!“, meint Klaus mit dem letzten Bissen Kuchen im Mund. „Wann seit ihr denn hier angekommen?“
„Um halb eins heute Nacht“, antworte ich. „Und ihr?“
„Wir waren um halb zwei am Hotel, aber der Walter und ich haben uns noch in einer Spelunke am Wenzelsplatz einen Absacker gegönnt und irgendwann nach halb drei war ich dann im Bett.“
„Ich bin auch total geflashed“, sagt Daniel und leert sein drittes Krusovice. „Fünfhundert Kilometer und nur U2 im CD-Wechsler.“
„Der Walter ist das meiste gefahren“, erklärt mir Klaus. „Und Radio hören kannst du hier nicht, die spammen dir die Gehörgänge permanent mit diesem Tschechenpop zu. Aus Böhmen kommt die Musik? Mag ja sein, aber was für welche!“
„Aber ohne die Navigation von Christian würden wir jetzt noch in diesem Einbahnstraßenchaos unsere Kreise ziehen“, sagt Daniel. „Und im Radio lief ‚Where the streets have no name’ als wir durch die Altstadt gekurvt sind, passender geht’s echt nicht.“
Langsam dämmert es mir. Walter Röhrl und Christian Geistdörfer, das erfolgreichste deutsche Rallye-Team der siebziger Jahre. Helden unserer Kindheit.
Wir hatten uns in besagter Nacht eine Stunde vor Walter und Christian durch die Prager Mausefalle geschmuggelt und ich kann bestätigen: Autofahren in Prag hat seine Tücken. Durch die weitgehende Instandsetzung des Fahrbahnbelags über die letzten Jahre hat man zwar eine Sorge weniger, da man nicht auch noch permanent Slalom zwischen sitzbadewannentiefen Schlaglöchern fahren muss. Jedoch birgt das Lesen von gut versteckt angebrachten Straßenschildern und innovative Fahrbahnführungen von abknickenden Vorfahrtsstraßen, die von abknickenden Vorfahrtsstraßen durchkreuzt werden, genügend Herausforderungen für den ambitionierten innerstädtischen Hobbyrennfahrer.
Dazu kommt der, vermutlich im nationalen Erbgut fest verankerte, Drang des tschechischen Autofahrers, überholen zu müssen. Überholen ist für den Tschechen kein notwendiges Fahrmanöver aufgrund eines langsameren Verkehrsteilnehmers vor ihm. Überholt werden muss. Immer. Es ist keine Frage des Könnens oder Wollens. Autofahren bedeutet: Überholen. Wahrscheinlich stammt dieses Verhalten noch aus kommunistischen Zeiten. Überholen als Ausdruck des inneren Wunsches nach grenzenloser Freiheit bei gleichzeitigem Signalisieren nach außen: „Stillstand ist Rückschritt!“ Überholen quasi als staatlich geduldete Ausdrucksform eines persönlichen Freiheitsstrebens durch metaphorisches Ummünzen in ureigenstes leninistisches Gedankengut. Wie auch immer, als guter Gast des Landes ließ ich mich gerne überholen und gönnte meinen postkommunistischen Freunden den Anblick eines verchromten Sterns im Rückspiegel von Herzen.
Straßennamen in Prag haben einen großen Vorteil: Sie stehen auf roten Schildern und stechen deshalb ins Auge. Ansonsten haben sie nur Nachteile. Nicht an jeder Kreuzung gibt es Straßenschilder, sondern nur immer mal wieder. Gerne hinter irgendwelchen Büschen oder Baumästen. Manchmal gibt es kleine rote Schilder mit Nummern drauf. Das ist dann nicht die Hausnummern der Straße, sondern die Nummer des Stadtbezirks. Logischerweise sind die Straßennamen auf Tschechisch. Tschechisch ist eine lustige Sprache, in der jedes Wort zu ungefähr neunzig Prozent aus Konsonanten besteht, davon ungefähr sechzig Prozent „k“ oder „c“ sind und in der mindestens jeder zweite Buchstabe eines Wortes irgendeinen merkwürdigen Akzent drübergekritzelt bekommt. Ich weiß nicht, ob man über einen Buchstaben auch zwei oder drei Akzente stapeln kann, wundern würde es mich jedenfalls nicht. Es gibt zumindest Wörter, die dem ersten Augenschein nach zu schließen mehr aus Akzenten als aus Buchstaben bestehen. Wer solche Ungetüme fehlerfrei auszusprechen vermag ist mit Sicherheit ein Gott des Zungenknotens. Derartige Alphabetkonstrukte nachts in einem fahrenden Auto aus einem Straßenplan abzulesen, mit Straßennamen in der Dunkelheit zu vergleichen und dann der Fahrerin zu sagen, sie solle nach drei Kreuzungen rechts in die „Celakovského Sady“ einbiegen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Schon gar nicht, wenn die Fahrerin um Mitternacht mit neunzig Sachen am Moldauufer entlangbrettert, gebannt in den Rückspiegel starrt und aus den geschlossenen Zahnreihen hervor presst: „Ich lass mich doch nicht von so einer rostigen Russenschleuder überholen!“
Schnell bin ich dazu übergegangen, die Straßennamen nicht mehr entziffern zu wollen, sondern sie fotografisch anhand der unterschiedlichen Stellungen der „k“s und „c“s im Wort zueinander zu unterscheiden und dann rechtzeitig „Jetzt rechts!“ zu brüllen. Das hat ganz gut geklappt, nur erschwert es die Kommunikation mit der Pilotin.
„Wie heißt die Straße, auf der wir grade sind?“
„Das ist die ‚tsch’-Straße.“
„Aha. Und in welche müssen wir abbiegen?“
„In die ‚kzs’-Straße. Sind noch drei oder vier Kreuzungen.“
„Da vorne kommt was Größeres. Ist es das?“
„Nee, das muss die ‚rksch’-Straße sein, die ‚kzs’ kommt irgendwann danach.“
„Ich dachte, wir sind schon auf der ‚kzs’-Straße.“
„Nein, das hier ist die ‚tsch’. Die ‚kzs’ kommt noch.“
„Hmmmm. Bist du dir sicher, dass wir richtig sind?“
„Also laut Plan ist es relativ einfach. Wir biegen gleich von ‚tsch’ in ‚kzs’, danach über die ‚schtschrz’ in die ‚czrk’, dann lange gradeaus und irgendwann scharf links in die ‚rfts’. Dann die zweite links und wir sind am Hotel.“
Im Geschichtsunterricht hab ich gelernt, Prager Widerstandskämpfer hätten während der Besatzung die Straßenschilder abgeschraubt, damit sich die Deutschen in der Stadt nicht mehr zurechtfinden. Diesen Aufwand hätten sie sich sparen können.