Archiv für Februar, 2008

Prager Geschichten: Die Polizeisirene

Freitag, 29 Februar 2008

Bevor ich irgend etwas von der Prager Polizei gesehen habe, hörte ich sie. Nach unserer Ankunft nachts um halb eins öffnete ich das Fenster im Hotelzimmer und hörte von Weitem eine Polizeisirene. Es war jedoch weder das gewohnte deutsche „Tatü-Tata“ noch das klassische osteuropäische „Duliii-Duliii“, sondern ein amerikanisches „Wieuh-Wieuh“.

„Sind wir hier im Film?“ fragt sie mich.

Ich fühle mich zurückversetzt an meine Studentenzeit in New York, in der dieses Sirenengeheul zu auditiven Untermalung des Alltags gehörte.

Am nächsten Tag rast in der Innenstadt ein Prager Polizeiauto in „Beleuchtungsfahrt“ an mir vorbei. Es ist ein klappriger, vom Rost angenagter Skoda Favorit. Auf dem Dach – man glaubt es kaum – ein originaler US-amerikanischer Law-Enfocement-Christbaum in voller Leuchtkraft. Als hätte man ihn frisch vom Dach eines fetten Ford Crown Victoria mit getrennter Fahrgastzelle und dashboard-gunrack runtergesäbelt und mit Hilfe von Blumendraht und Kabelbinder auf dieses armselige Zweitwinterauto getüdelt.

„Wieuhwieuhwieuh…“

Sprachlos schaue ich dem Dienstfahrzeug hinterher. „Eurohotdog“ ist das einzige, was mir in diesem Moment einfällt. Echt eisenhart, die Tschechen. Meinem vom Kalten Krieg geprägten Kinderhirn fällt es schwer, „amerikanische Polizeisirene“ und „rostiger Skoda Favorit“ auf ein gemeinsames Autodach zu bringen. Da hilft auch kein Blumendraht und kein Kabelbinder. Mag sein, dass für die Menschen hier dieser Anblick völlig normal ist. Mich führt er jedoch an die Grenzen meiner geistigen Flexibilität.

Gedankenversunken trotte ich weiter durch die Gassen der Altstadt. Warum um alles in der Welt „Wieuh-Wieuh“? War „Duliii-Duliii“ nicht gut genug? Gelten in Fachkreisen amerikanische Polizei-sirenen als das Nonplusultra? Wenn ich „Wieuh-Wieuh“ höre, denke ich an Kojak, Starsky & Hutch, Colt Seavers, NYPD Blue, Crockett & Tubbs, die Verfolgungsjagd durch Chicago aus „Blues Brothers“ und blauweiße Crown Victorias gefolgt von funkelnden Feuerwehr-Trucks, die die Fifth Avenue entlang donnern, während ich auf den Treppen der Public Library mit einem Becher Dunkin’-Donuts-Kaffee in der Sonne sitze und ihnen hinterher schaue. „Rostiger Skoda Favorit“, „kopfsteinbepflasterte Altstadtgassen“ und „Eurohotdog“ wollen da so gar nicht reinpassen. Warum haben die das bloß gemacht?

Vielleicht haben sie es ja genau deswegen gemacht.

Wegen Kojak, Starsky & Hutch, Colt Seavers, NYPD Blue und Crockett & Tubbs.

Würde mich nicht wundern, wenn allein aufgrund der Einführung der amerikanischen Polizeisirene achtzig Prozent der tschechischen Erstklässer auf die Frage, was sie denn später einmal werden wollen, mit leuchtenden Augen „Polizist“ antworten.

Prager Geschichten: Der Eurohotdog

Donnerstag, 28 Februar 2008

Der Wenzelsplatz ist grandios. Hier atmet jeder Stein Geschichte, hier pulsiert das Leben, immer Action auf dem Wenzelsplatz. Klaus brachte es auf dem Punkt:

„Als ich heute früh den Walter in seinem Hotel abholte, bin ich über den Wenzelsplatz gelaufen. Das hat sich einfach super angefühlt. Hinter mir ging die Sonne auf, der Blick den Platz hinauf, früh am Morgen, es war ruhig, ich war eins mit mir und der Geschichte dieser tollen Stadt. Okay, überall lagen Penner in ihrer Kotze rum und überall waren Polizisten und haben Ausweise kontrolliert, aber darüber musst du halt hinweg sehen. Also, ich heute früh auf dem Wenzelsplatz, das war so schön…“

Auf dem Wenzelsplatz gibt es eine ganz besondere Prager Spezialität: den Eurohotdog. Den gibt’s auch an anderen Stellen der Stadt, aber nur auf dem Wenzelsplatz gibt es den originalen, wie mir mehrere einheimische Gourmets versicherten. Nun hört sich „Eurohotdog“ nicht sonderlich spektakulär an, ist halt ´n Hotdog, möchte man denken. Ein Würstchen im Brötchen, gibt’s sogar bei Ikea.

Dem aufmerksamen Sprachjongleur wird jedoch dämmern, dass bei „Eurohotdog“ etwas mitschwingt, das bei „Hotdog“ ohne „Euro“ nicht der Fall ist. „Eurohotdog“, das hat etwas von „Ja!-Cola“ oder „Bel-Ray“-Sonnenbrille. „Eurohotdog“ bedeutet: „Ich bin so etwas wie ein Hotdog!“ oder: „Wenn ich einmal groß bin, möchte ich ein Hotdog werden!“ Wenn ich „Eurohotdog“ lese, muss ich an Produktpiraterie denken.

Ich muss auch an „Altes Europa“ denken. Der Eurohotdog als echter Mittelaltersnack für Fast-Food-Touristen-Bäuche aus Übersee. Tschechiens Antwort auf den geplanten amerikanischen Raketenschild in Osteuropa. Make Wurst, not War!

Aber was genau ist nun ein Eurohotdog?

Im Prinzip ist es auch nur eine Wurst im Brötchen. Allerdings die tschechische Variante. Die Tschechen sind nicht dafür bekannt, die leichte Küche perfektioniert zu haben. Eher das Gegenteil ist der Fall. Die Wurst im Eurohotdog ist für mich die fleischgewordene Manifestation dieser Berühmtheit. Die Eurohotdog-Wurst ist kein feines Wienerwürstel, sondern eine ungefähr vierzig Zentimeter lange Fettwurst mit extra Fettklumpen drin. Die wird in ein Labberbrötchen gestopft, das im Verhältnis zur Wurstlänge noch kürzer ausfällt als bei einem normalen Hotdog, obwohl es im Vergleich zur herkömmlichen Hotdog-Garage von enormer Größe ist. Als Belag gibt es dann fast alles, was man sich vorstellen kann. Hier legt der einheimische Eurohotdogproduzent eine atemberaubende Kreativität an den Tag. Das in kommunistischer Zeit geförderte Talent zur Improvisation erlebt im Eurohotdog-Belag noch mal eine späte Blüte.

Einzig und allein ist enttäuschend, dass es noch keine Biersoße für den Eurohotdog gibt. In einem Land, das das Bier quasi erfunden hat, dessen Volksseele auf einer sanften Bierwelle zu schwimmen scheint, ein Land, in dem Bier wahrscheinlich schon in Apotheken als Heiltrunk und Lebenselixier verkauft wird, gibt es keine Biersoße zum Eurohotdog. Schade. Das wäre wirklich „extremely lovely“.

Wie schmeckt nun ein Eurohotdog?

Da Fett als hervorragender Geschmacksträger bekannt ist, schmeckt der Eurohotdog richtig lecker. Viel drauf für wenig Geld, in der Tat ein Erlebnis der besonderen Art. Dass sich hinterher ein Gefühl im Bauch breit macht, als hätte man den Inhalt eines Betonmischers hinuntergeschluckt, ist klar. Daher empfehle ich für den Verzehr:

- nicht mehr als drei Eurohotdogs pro Woche,
- vor Genuss eines Eurohotdogs zwei Slibovitz kippen, um die Magenschleimhäute auszukleiden,
- nach Verzehr eines Eurohotdogs noch mal zwei Slibovitz kippen, um die Speiseröhre von der Fettschicht zu reinigen.

Bei Bedarf:

- zwei weitere Slibovitz reduzieren die Abbinde-geschwindigkeit des im Magen befindlichen Baustoffverbindungsmittel drastisch.

Prager Geschichten: Autofahren in Prag

Mittwoch, 27 Februar 2008

Einige Hochzeitsgäste kannte ich schon vorher. Gemeinsame Freunde von Olli und mir, Kollegen und Ex-Kollegen, die Familie von Ollis Frau und die Kumpels von Ollis Schwiegervater aus dem lokalen Automobilclub, mit denen er und ich seinerzeit eine Oldtimerrallye durch Polen gefahren sind. Zunächst irritierte mich, dass sich Klaus und Daniel nur mit „Christian“ und „Walter“ ansprachen. Beim Nachtisch lüftete sich jedoch das Geheimnis.

„Boah, ich bin jetzt echt müde!“, meint Klaus mit dem letzten Bissen Kuchen im Mund. „Wann seit ihr denn hier angekommen?“

„Um halb eins heute Nacht“, antworte ich. „Und ihr?“

„Wir waren um halb zwei am Hotel, aber der Walter und ich haben uns noch in einer Spelunke am Wenzelsplatz einen Absacker gegönnt und irgendwann nach halb drei war ich dann im Bett.“

„Ich bin auch total geflashed“, sagt Daniel und leert sein drittes Krusovice. „Fünfhundert Kilometer und nur U2 im CD-Wechsler.“

„Der Walter ist das meiste gefahren“, erklärt mir Klaus. „Und Radio hören kannst du hier nicht, die spammen dir die Gehörgänge permanent mit diesem Tschechenpop zu. Aus Böhmen kommt die Musik? Mag ja sein, aber was für welche!“

„Aber ohne die Navigation von Christian würden wir jetzt noch in diesem Einbahnstraßenchaos unsere Kreise ziehen“, sagt Daniel. „Und im Radio lief ‚Where the streets have no name’ als wir durch die Altstadt gekurvt sind, passender geht’s echt nicht.“
Langsam dämmert es mir. Walter Röhrl und Christian Geistdörfer, das erfolgreichste deutsche Rallye-Team der siebziger Jahre. Helden unserer Kindheit.

Wir hatten uns in besagter Nacht eine Stunde vor Walter und Christian durch die Prager Mausefalle geschmuggelt und ich kann bestätigen: Autofahren in Prag hat seine Tücken. Durch die weitgehende Instandsetzung des Fahrbahnbelags über die letzten Jahre hat man zwar eine Sorge weniger, da man nicht auch noch permanent Slalom zwischen sitzbadewannentiefen Schlaglöchern fahren muss. Jedoch birgt das Lesen von gut versteckt angebrachten Straßenschildern und innovative Fahrbahnführungen von abknickenden Vorfahrtsstraßen, die von abknickenden Vorfahrtsstraßen durchkreuzt werden, genügend Herausforderungen für den ambitionierten innerstädtischen Hobbyrennfahrer.

Dazu kommt der, vermutlich im nationalen Erbgut fest verankerte, Drang des tschechischen Autofahrers, überholen zu müssen. Überholen ist für den Tschechen kein notwendiges Fahrmanöver aufgrund eines langsameren Verkehrsteilnehmers vor ihm. Überholt werden muss. Immer. Es ist keine Frage des Könnens oder Wollens. Autofahren bedeutet: Überholen. Wahrscheinlich stammt dieses Verhalten noch aus kommunistischen Zeiten. Überholen als Ausdruck des inneren Wunsches nach grenzenloser Freiheit bei gleichzeitigem Signalisieren nach außen: „Stillstand ist Rückschritt!“ Überholen quasi als staatlich geduldete Ausdrucksform eines persönlichen Freiheitsstrebens durch metaphorisches Ummünzen in ureigenstes leninistisches Gedankengut. Wie auch immer, als guter Gast des Landes ließ ich mich gerne überholen und gönnte meinen postkommunistischen Freunden den Anblick eines verchromten Sterns im Rückspiegel von Herzen.

Straßennamen in Prag haben einen großen Vorteil: Sie stehen auf roten Schildern und stechen deshalb ins Auge. Ansonsten haben sie nur Nachteile. Nicht an jeder Kreuzung gibt es Straßenschilder, sondern nur immer mal wieder. Gerne hinter irgendwelchen Büschen oder Baumästen. Manchmal gibt es kleine rote Schilder mit Nummern drauf. Das ist dann nicht die Hausnummern der Straße, sondern die Nummer des Stadtbezirks. Logischerweise sind die Straßennamen auf Tschechisch. Tschechisch ist eine lustige Sprache, in der jedes Wort zu ungefähr neunzig Prozent aus Konsonanten besteht, davon ungefähr sechzig Prozent „k“ oder „c“ sind und in der mindestens jeder zweite Buchstabe eines Wortes irgendeinen merkwürdigen Akzent drübergekritzelt bekommt. Ich weiß nicht, ob man über einen Buchstaben auch zwei oder drei Akzente stapeln kann, wundern würde es mich jedenfalls nicht. Es gibt zumindest Wörter, die dem ersten Augenschein nach zu schließen mehr aus Akzenten als aus Buchstaben bestehen. Wer solche Ungetüme fehlerfrei auszusprechen vermag ist mit Sicherheit ein Gott des Zungenknotens. Derartige Alphabetkonstrukte nachts in einem fahrenden Auto aus einem Straßenplan abzulesen, mit Straßennamen in der Dunkelheit zu vergleichen und dann der Fahrerin zu sagen, sie solle nach drei Kreuzungen rechts in die „Celakovského Sady“ einbiegen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Schon gar nicht, wenn die Fahrerin um Mitternacht mit neunzig Sachen am Moldauufer entlangbrettert, gebannt in den Rückspiegel starrt und aus den geschlossenen Zahnreihen hervor presst: „Ich lass mich doch nicht von so einer rostigen Russenschleuder überholen!“

Schnell bin ich dazu übergegangen, die Straßennamen nicht mehr entziffern zu wollen, sondern sie fotografisch anhand der unterschiedlichen Stellungen der „k“s und „c“s im Wort zueinander zu unterscheiden und dann rechtzeitig „Jetzt rechts!“ zu brüllen. Das hat ganz gut geklappt, nur erschwert es die Kommunikation mit der Pilotin.

„Wie heißt die Straße, auf der wir grade sind?“

„Das ist die ‚tsch’-Straße.“

„Aha. Und in welche müssen wir abbiegen?“

„In die ‚kzs’-Straße. Sind noch drei oder vier Kreuzungen.“

„Da vorne kommt was Größeres. Ist es das?“

„Nee, das muss die ‚rksch’-Straße sein, die ‚kzs’ kommt irgendwann danach.“

„Ich dachte, wir sind schon auf der ‚kzs’-Straße.“

„Nein, das hier ist die ‚tsch’. Die ‚kzs’ kommt noch.“

„Hmmmm. Bist du dir sicher, dass wir richtig sind?“

„Also laut Plan ist es relativ einfach. Wir biegen gleich von ‚tsch’ in ‚kzs’, danach über die ‚schtschrz’ in die ‚czrk’, dann lange gradeaus und irgendwann scharf links in die ‚rfts’. Dann die zweite links und wir sind am Hotel.“

Im Geschichtsunterricht hab ich gelernt, Prager Widerstandskämpfer hätten während der Besatzung die Straßenschilder abgeschraubt, damit sich die Deutschen in der Stadt nicht mehr zurechtfinden. Diesen Aufwand hätten sie sich sparen können.

Prager Geschichten: Die Sitzbadewanne

Dienstag, 26 Februar 2008

Unser Hotelzimmer war richtig schnuckelig. Groß und geräumig, dunkler Holzboden, helle Holzmöbel ohne die sonst übliche kratz- und lutschfeste Resopalbeschichtung. Kleiner Balkon, alles neu. Das Bad war weiß gekachelt und in der Mitte prangte – eine Sitzbadewanne.

Eine Sitzbadewanne – aha.

Wie kann man in ein neues Badezimmer nur eine Sitzbadewanne einbauen? Wenn das Bad nicht genug Platz für eine normale Badewanne hergibt, dann baue ich doch lieber eine komfortabel große Dusche ein. Oder, wenn ich denn unbedingt eine Badewanne haben will, dann dimensioniere ich das Badezimmer etwas größer. Aber niemals baue ich doch so eine sanitärtechnische Missgeburt ein!

Jeden Morgen habe ich versucht, meinen Körper in diesen Keramiktrog zu pressen. Ganz egal, wie ich mich gewunden habe, irgendeine Hälfte ragte immer heraus. Während ein Teil im warmen Wasser lag, hing der andere an der frischen Luft und fror. Ich kam mir vor wie ein Brokkoli beim Dünsten. An Duschen war nicht zu denken, mangels Vorhang hätte dies das gesamte Bad in ein Kneippbecken verwandelt.

Während ich also eines Morgens in halb frierender Brokkolistellung verharre und mich meiner Körperhygiene hingebe, sinniere ich über Sinn und Zweck der gemeinen Sitzbadewanne. Auffallend ist für mich die Häufung dieses Sanitärmöbels in alten Häusern. Früher hatten die Leute wenig Platz für Sauberkeit (in jeder Hinsicht) und die Segnungen der gemeinen Dusche waren anscheinend noch nicht bekannt oder vielleicht mangels Leitungsdruck (so es überhaupt Wasserleitungen gab) technisch schwer zu realisieren. Deswegen lieber mal so einen Trog in die Küche stellen statt permanent stinken.

Ich beende das Einseifen meines Oberkörpers, gleite unter Wasser und hänge die Beine über den Wannenrand.

Vielleicht machte auch die wenig regelmäßige Reinigung der Körperoberfläche ein gründliches Einweichen des Schmutzfilms notwendig, da ein Abspritzen der Haut mittels eines Wasserstrahls nicht den gewünschten Entkeimungseffekt erzielte. Mangels Platz im Haus reichte es dann nicht für eine Badewanne normaler Größe.

Ich schwinge meine Beine zurück und begebe mich wieder auf Sehrohrtiefe.

Auffallend ist die zunehmende Sichtung der Sitzbadewanne in freier Wildbahn je weiter man sich Richtung Osten bewegt. Spätestens jenseits des dreißigsten Längengrades macht die Duschkabine, meiner bescheidenen Globetrotter-Erfahrung nach, gegenüber dem Zinktrog keinen Stich mehr, welcher multifunktional zur Körperreinigung, als Pferdetränke oder zum Schweinewaschen benutzt wird – natürlich alles nur mit kaltem Wasser, ist klar. Die Segnungen einer ordentlich installierten Brause haben sich noch nicht bis Hinterindien durchgesprochen. Vielleicht wird ein tägliches Duschen im Vergleich zum wöchentlichen Baden als Wasserverschwendung erachtet, wobei durch geistesgegenwärtiges Hantieren mit dem Wasserhahn fünfmal Duschen sicherlich genauso viel Wasser verbraucht wie einmal Sitzbaden. Möglicherweise hat das im eigenen Dreckwasser schwimmen rituelle Hintergründe, was eine ganz neue Couleur in die Diskussion bringen würde. Schließlich hat schon Johannes der Täufer unseren Herrn Jesus Christus getunkt und nicht mit einer Hansgrohe abgespritzt. Mit selbiger wüssten sicher auch gläubige Hindus bei ihrer ritueller Waschung im Ganges nichts anzufangen, Escherichia Coli hin oder her.

Sie hämmert mit der Faust gegen die Badezimmertür.

„Kommst du irgendwann auch mal raus oder was findest du an dieser scheiß Wanne so geil?“

„Wenn einer eine Reise tut…“: Prager Geschichten

Montag, 25 Februar 2008

„…dann kann er was erleben.“

Tja. Isso.

Mein Kumpel Olli hat am Wochenende in Prag geheiratet. Seine Angetraute kommt aus einem kleinen Örtchen in Mähren (für Abkömmlinge nicht-spätvertriebener Personen deutschen Blutes: Ost-Tschechien), da war Prag mit etwas gutem Willen die Hälfte der Wegstrecke für alle.

Also Prag. Für mich eine willkommene Abwechslung, um von dem ganzen Baby-Alarm eine Pause einzulegen. Den Kopf frei bekommen, mal an was Anderes denken. Freitagabend packen (ich: zwei Unterhosen, Anzug, Hemd, Krawatte, einen Liter Motoröl SAE 15W40; sie: viermal Unterwäsche zum Wechseln, zwei Jeans, vier T-Shirts, Strumpfhosen, zwei leichte Pullis, falls es abends kalt wird, Abendkleid, Impfpass, Auslandskrankenschein, Schminkbombe) und im Feierabendverkehr Richtung Osten getuckert. Ganze sechzig Kilometer in den ersten drei Stunden, wären wir Fahrrad gefahren würde ich sagen: „Guter Schnitt!“. Danach gings flüssiger und sie segelte mit gut zweihundert Sachen durch die windstille Nacht („Dieses Auto ist eine Waffe! Wo ist noch mal die Lichthupe?“). Langstrecke fährt grundsätzlich sie und ich lasse mich chauffieren. Sie genießt die hundertfünfundachtzig Pferdestärken und ich den ohrensesselartigen Beifahrersitz.

Die Hochzeit war traumhaft. Olli, dessen Name sich „Perfektionismus“ buchstabiert, hat nicht nur ins absolut oberste Regal gegriffen, sondern überzeugte auch mit einer beeindruckenden Präsentation seiner größten Leidenschaft. Zweisprachige Trauung in einer Barockkirche im Prager Burgbezirk mit Streichquartett, Brautpaar fährt im offenen Oldtimer von 1928 vor. Danach Spaziergang der Gesellschaft bei strahlendem Frühlingswetter zum Restaurant im angrenzenden Park an den Hängen der Burg. Wahnsinnsblick von der Restaurant-Terrasse hinunter zur Moldau und über die gesamte Altstadt. Leckeres Essen, Live-Musik und Tanz bis in die Nacht, abends noch Barbeque und Cocktails. Wenn Hochzeit, dann so.

Ich war jetzt zum dritten Mal in Prag und irgendwie werde ich mit der Stadt nicht warm. Keine Ahnung, warum. Irgendwas muss zwischen Prag und mir stehen, dass es nicht funkt. Paris, London, Berlin, Rom, New York, Oslo, Stockholm, Helsinki, Wien, Budapest, überall funkt es, nur in Prag nicht. Ich kann es mir nicht erklären. Die Stadt ist wunderschön mit ihren zahllosen Gässchen und Winkeln. Kopfsteinbepflasterte Wege schlängeln sich kilometerlang durch historisches Gemäuer. Das Essen ist köstlich und das Leben billig. Die Stadt ist international und doch überschaubar, sehr sehr alt und gleichzeitig sehr sehr modern. Sie hat alles, was eine perfekte Stadt braucht.

Trotzdem bleibt Prag für mich ein zweites Heidelberg; ne alte Stadt am Fluss, auf der einen Seite geht’s den Berg hoch auf dem ne Burg steht. Über den Fluss gehen ein paar mehr oder weniger alte Brücken rüber und überall rennen Amerikaner und Japaner rum und finden es „so lovely!“. Tut mir leid, Prag! Es ist, als müsste ich einem wunderschönen Mädchen erklären, warum ich sie nicht liebe, weil es einfach im Herzen nicht stimmt und ich es nicht mir Worten zu erklären vermag.

Selbst an den Menschen kann es nicht liegen. Wie sagte einer der deutschen Hochzeitgäste zu mir, als wir abends vor dem 28er Tatra standen und darüber sinnierten, ob die Rahmenkonstruktion des Fahrzeugs den Rückstoß einer von Partisanen draufgeschraubten Flugabwehrkanone aushalten würde:

„Hätte nicht gedacht, dass die gegenüber ihren Ex-Vermietern so freundlich sind.“

Die neue Lässigkeit

Freitag, 22 Februar 2008

Ich war bei Freunden zu Besuch und komme spät abends nach Hause. Sie ist noch wach, liegt im Bett und liest.

„Hallo!“, begrüßt sie mich. „Ich hab auf dich gewartet. Wie war dein Abend?“

„Der Abend war sehr schön. Du musst doch nicht wach bleiben, bis ich komme, hättest ruhig schon schlafen können!“

„Ich wollte aber nicht alleine einschlafen. Erzähl, wie war dein Tag, wie war es heute Abend?“

Ich setze mich auf die Bettkante und wir sprechen über unseren Tag. Am Ende sagt sie: „Schau mal auf den Küchentisch!“

Ich gehe in die Küche. Auf dem Tisch liegt ein Ovu-Teststreifen mit zwei roten Strichen. Ich gehe zurück ins Schlafzimmer.

„Also deswegen wolltest du auf mich warten und noch nicht einschlafen!“, sage ich grinsend.

„Nee, nicht was du denkst. Ich bin viel zu müde dazu. Morgen ist auch noch ein Tag. Ich wollte mich einfach nur an dich rankuscheln, bevor ich einschlafe.“

Just checking

Donnerstag, 21 Februar 2008

Wir sitzen abends auf den Sofa, unserem häuslichen Wellnesszentrum. In der Glotze läuft irgendwas. Auf einmal dreht sie sich zu mir und frag mich:

„Du, angenommen, ich könnte keine Kinder bekommen – würdest du mich verlassen?“

Ich bin so verdattert, dass ich gar nicht weiß, was ich auf die Schnelle antworten soll. Wie kommt sie auf so eine Frage? Als wir uns kennenlernten war nie von Kindern die Rede. Auch nicht, als wir zusammenzogen. Im Gegenteil: In unserem allerersten Gespräch sagte sie damals, dass sie keine Kinder haben möchte. Kinder waren nie die Bedingung für eine Beziehung, ein Zusammenziehen oder ein gemeinsames Zusammenleben. Vielleicht bin ja auch ich derjenige, der keine Kinder zeugen kann. Warum auf einmal diese Frage? Ich habe mich doch zu einem Leben mit ihr entschlossen und nicht zu einem Leben mit meinen Kindern und sie ist als Lieferantin eben irgendwie auch mit dabei. Ob sie, ob wir, Kinder bekommen können ist doch keine Grundbedingung für ein Zusammensein. Potenzielle Unfruchtbarkeit macht sie doch nicht weniger attraktiv, liebevoll, interessant, begehrenswert, humorvoll, liebenswert, zärtlich, sexy, aufreizend, fürsorglich. Die positive Paarungsbescheinigung als Eintrittskarte in eine gemeinsame Zukunft – so weit kommt es noch!

„Nein, natürlich würde ich dich nicht verlassen! Warum sollte ich das denn tun? Warum fragst du?“

„Och, wollte nur kurz checken. Jetzt aber Ruhe, der Film geht weiter!“

Jubel, Trubel, Übelkeit

Mittwoch, 20 Februar 2008

Beschissenes Wetter am Sonntag. Wir schlüpfen nachmittags in die Badewanne. Wärmen uns auf. Ruhen uns aus.

„Glaubst du, ich könnte jetzt schwanger sein?“, fragt sie mich.

„Keine Ahnung. Trotz allen Fortschritts der Technik kannst du es erst nach einer Weile mit Sicherheit sagen. Das ist das Schöne daran.“

„Das ist das Doofe daran! Ich möchte wenigstens, dass mir ein bisschen übel ist.“

„Trink doch ein Glas Salzwasser, dann ist dir ein ganz schönes bisschen übel.“

„Nicht SO übel, Mensch!“ Sie schaut an sich runter. „Guck mal, meine Brustwarzen. Sind die nicht schon ein kleines bisschen dunkler?“

„Das ist nur wegen des Lichts hier im Bad.“

„Nee, guck mal genau hin. Die könnten doch schon ein kleines bisschen dunkler sein als heute morgen.“

„Also ich persönlich war ja noch nie schwanger und bin deswegen weit davon entfernt, mich als Experte auf diesem Gebiet zu bezeichnen, aber ich glaube, das dauert nach der Empfängnis noch ein Weilchen, bis sich die Brustwarzen verändern.“
„Menno, ich möchte aber schwanger sein. Ich möchte nur ein bisschen Schwangerschaftsanzeichen haben!“

„Ich werd dich bei Gelegenheit daran erinnern.“

„Alle haben einen kleinen Schreihals, nur ich nicht!“

„Und ich glaube, das wird auch noch eine ganze Weile so bleiben.“

„Wieso?“

„Ich glaube, erst wenn du deine Ungeduld abgelegt hast und bereit bist, bedingungslos zu empfangen, dann wird auch das Baby kommen. Das Schicksal mischt die Karten, wir sind nur die Spieler.“

Mit einem lauten PLATSCH ergießt sich ein Schwall eiskalten Wassers aus der Handbrause über mein Gesicht.

Türsteher-Spermien

Dienstag, 19 Februar 2008

Es ist halb elf geworden. Ich komme von meinem Vortrag nach Hause. Schließe die Tür auf. Sie liegt schon im Bett und liest.

„Und, wie war es?“, fragt sie.

Ich lasse mich aufs Bett fallen.

„Bizarr.“

Ich erzähle ihr die Geschichte des schlechten alten Films, Unterstufen-Mathestunden, Hochsprungmatten, die Hürden meiner Schulzeit auf der Aschebahn und im Schulgebäude. Sie hört geduldig zu. Irgendwann bin ich fertig.

„Wie war dein Tag?“, frage ich sie.

„Hast du meine SMS bekommen?“

„Klar, ich hab dir auch geantwortet.“

„Ach ja, genau… also, wie denkst du darüber?“

Ich muss lächeln. „Da gibt es nicht viel zu denken, eher viel zu machen.“

„Also, ich hab mir das so überlegt…“

„Jetzt bin ich gespannt!“

„Streng dich gefälligst an, dass ich ein Mädchen bekomme.“

„Ich glaube, da hat unser Wille leider ziemlich wenig dran auszurichten.“

„Ich will nur die guten Spermien bekommen, also die weiblichen – das ist ja klar, oder? Sag den anderen, sie sollen draußen bleiben. Am liebsten wären mir so Türsteher-Spermien, die nur die weiblichen reinlassen und die männlichen gleich wieder wegschicken.“

„So hast du dir das also überlegt, ja?“

„Genau!“

Ich stehe vom Bett auf.

„Also gut, ich geh jetzt ins Bad Zähneputzen und rede mit ihnen. Mal sehen, ob sie sich drauf einlassen.“

„Wehe ich kriege einen Jungen, den kannst du behalten!“, ruft sie mir hinterher.

Ich drehe mich in der Tür um und grinse sie an.

„Du – das mach ich sogar!“

Ovu-Test: Doch nicht kaputt!

Montag, 18 Februar 2008

Freitagabend.

Ich wurde von meiner alten Schule eingeladen, einen Vortrag zu halten. Vor Oberstufenschülern. Berufsorientierung. Ich soll erzählen, was ich studiert habe und was ich den ganzen Tag so mache.

Ich fahre auf den Parkplatz und laufe durch den Nieselregen Richtung Hauptgebäude. Schemenhaft zeichnet sich der dunkle Betonbau hinter der grauen Nebelwand ab. Komisches Gefühl. Das letzte Mal bin ich vor ungefähr fünfzehn Jahren hier entlang gelaufen. War immer ganz froh, nicht mehr hier entlang laufen zu müssen. Es hat sich kaum was verändert. Als wäre die Zeit stehen geblieben. Die Bäume sind etwas größer. Ein paar mehr „Abi irgendwas“-Denkmäler wurden aufgestellt.

Ich bin früh dran und darf mich in einem Raum vorbereiten, der einmal mein Klassenzimmer in der Elften war. Dieselben Stühle, dieselben Tische. Nur verratzter als früher. Selbst eine Gemeinde, die so viel Geld hat, dass sie mit Fünfhundert-Euro-Scheinen die Einkaufspassage asphaltieren könnte, verfügt anscheinend nicht über genügend Mittel, um ihre Schulen in Schuss zu halten. Es ist beschämend. Ich schaue hinaus auf die Aschebahn, auf der ich mir beim Hürdenlauf die Knie blutig geschlagen habe. Dahinter die Turnhalle, in der ich die Nacht vor unserem Abi-Scherz auf einer Hochsprungmatte geschlafen habe. Ich habe mir damit einen Traum erfüllt, den ich neun Jahre lang träumte. Ich weiß nicht, wie oft ich an kalten Wintertagen morgens um acht auf dieser Matte lag, neben mir die gerissene Hochsprunglatte, vor mir ein brüllender Sportpädagoge und ich nur einen Gedanken im Kopf hatte: „Jetzt auf dieser weichen Matte liegen bleiben und einschlafen dürfen!“

Statt der gerissenen Hochsprunglatte lag in besagter Nacht Caroline neben mir. Wir waren ein Paar für eine Woche, wären es vielleicht für die halbe Schulzeit gewesen, wenn wir uns nur früher getraut hätten. Stattdessen waren wir „gute Freunde“ und konnten das Kribbeln nicht einordnen, das wir fühlten, wenn wir uns sahen. Und wir sahen uns jahrelang jeden Tag in der Schule. In der letzten Schulwoche hatte sich endlich genug Druck aufgebaut, damit wir kapierten, was eigentlich Sache war.

Von der Turnhalle schweift mein Blick zu den anderen Flügeln des Hauptgebäudes. Situationen, die sich in mein junges Gehirn eingebrannt haben, ziehen vor meinem inneren Auge vorüber wie ein schlechter alter Film. Mein Mathelehrer aus der Fünften, der uns prophezeite, ohne auswendige Kenntnis des großen Einmaleins würden wir es nie zu etwas bringen. Deswegen hat er mich wochenlang täglich vor versammelter Klasse abgefragt, weil ich im Kopfrechnen der Schlechteste war. Mein Geschichtslehrer aus der Neunten, der behauptete, Geschichte wäre das wichtigste Fach überhaupt und ohne Kenntnis der Geschichte hätten wir „da draußen“ keine Chance. An den musste ich neulich denken, als mir ein Kunde, wütend wie eine Wespe, in einem Meeting vorwarf, die angebliche Unfähigkeit meines Programmiererteams würde ihn jeden Tag nachweislich achtzigtausend Euro Umsatz kosten und das schon seit zwei Wochen. Gebrüllt und geschimpft hat der in einem fort, fünf volle Minuten lang ohne hörbar Luft zu holen, hat mich vor zwölf Leuten nach allen Regeln der Kunst so richtig zusammengefaltet. „Was wäre,“, dachte ich mir, während Worte wie ‚Skandal’, ‚Regresspflicht’ und ‚sowashabeichinmeinemganzenlebennochnie-erlebt’ aus seinem Mund quollen, „wenn ich jetzt einfach nur sagen würde: ‚Der Dreißigjährige Krieg ging von 1618 bis 1648.’ Würde er sich wieder hinsetzen und sagen: ‚Oh – okay.’?“

Ich hab gesehen, dass diese beiden Typen noch heute an der Schule unterrichten. Und ausgerechnet ich soll heute Abend erzählen, was ich beruflich mache? Darf ich auch was dazu sagen, wie mich die Schule auf das Leben „da draußen“ vorbereitet hat? Ich hoffe, die jungen Lehrer machen es heutzutage besser.

Handy piept.

Eine SMS reißt mich aus meinen Träumen.

Von ihr.

Es ist achtzehn Uhr zweiundzwanzig und dreiundvierzig Sekunden.

„Ovu-Test ist positiv :-)

Ich muss lächeln und drücke auf „Textantwort“.

„Würde mal sagen: Unser Wochenende ist ausgebucht!“