Archiv für Januar, 2008

Wir versuchen, ein Baby zu machen

Donnerstag, 31 Januar 2008

Es ist Samstagvormittag.

Nach dem obligatorischen Samstagvormittagbombastfrühstück hängen wir auf dem Sofa rum wie eine Herde voll gefressener Hyänen in der Savanne zur Mittagszeit und lesen.

Auf einmal sagt sie: „Meine Brüste spannen.“

Ich schaue sie an.

Sie schaut mich an.

Unsere Blicke treffen sich.

Es knistert.

„Du meinst, ich soll dir jetzt ein Baby machen?“, sage ich und versuche, betont lässig und selbstsicher dabei zu wirken.

Wir schauen uns weiter in die Augen.

*knisterknisterknisterknisterknister*

„Nein“ sagt sie und lächelt. „Ich hab einfach nur Lust auf dich.“

Eins zu null für sie!

Wir blicken uns noch tiefer in die Augen. Ein Gefühl, als würde jeder von uns versuchen, kleine spannungsgeladene Blitze in der Pupille des Anderen zu versenken. Jeder Treffer wird durch ein leichtes imaginäres Knistern im Kopf dokumentiert. Die Entladungen der vielen kleinen Blitzschläge ziehen sich als sanfte Impulse quer durch den Körper bis tief in den Unterleib hinein.

„Ich muss noch aufs Klo.“

„Das war klar. Ich muss noch schnell Zähne putzen.“

„Das war klar.“

Wir springen beide vom Sofa auf. Sie rennt Richtung Bad, ich renne Richtung Toilette.

„Rummmms!“ Die Badezimmertür fällt zu.

„Rummmms!“ Die Toilettentür fällt zu.

Hektische Betriebsamkeit aller Orten.

Mein Weg von der Toilette zum Schlafzimmer führt am Bad vorbei. Ich höre das Surren einer elektrischen Zahnbürste. Ein kleines Liedchen breitet sich auf einmal in meinem Kopf aus:

„Wir machen jetzt ein Baby,
ein wunderschönes Baby,
ein Ei, es springt,
ein Spermchen dringt
hinein und singt:
‚Wir machen jetzt ein Baby…’“

Beschwingt-erregt gehe ich ins Schlafzimmer und lege mich aufs Bett.

Sie kommt aus dem Bad um die Ecke gerannt und wirft sich auf mich. Wir schauen uns an und kommen aus dem Grinsen nicht mehr raus. Ich streiche ihr mit meiner Hand ein paar blonde Strähnchen aus dem Gesicht und schaue ihr in die grünen Augen.

„Du hast noch so viel an!“, flüstert sie und beginnt, die Knöpfe meines Hemds zu öffnen.

Eine nähere Detaillierung der weiteren Vorgänge ist an dieser Stelle nicht von Belang, der geneigte Leser möge sich bitte selbst über den Fortgang der Geschehnisse ein Bild machen. Sollte die eigene Fantasie dafür nicht ausreichen, gibt es ja an allen Ecken und Enden in unserer Gesellschaft hinreichend Stimulanzien.

Glücklich und verschwitzt liegen wir eine halbe Stunde später nebeneinander. Das Bett und alles andere ist total zerwühlt.

„So, jetzt machen wir einen Schwangerschaftstest!“, sagt sie.

Ich schaue sie an wie ein Auto.

„Reg dich ab – war nur’n Scherz!“

Dancing Queen, only seventeen

Mittwoch, 30 Januar 2008

Freitagabend, früher Feierabend.

Ich treffe mich heute Abend mit Tanja. Tanja hat ein halbes Jahr in Frankreich studiert, ist jetzt kurz da und gleich wieder weg. Sie ist immer nur kurz da und gleich wieder weg, es kommt mir vor, als wäre sie ständig auf Achse. Wir machen das, was wir meistens machen, wenn wir uns treffen: Wir gehen tanzen.

Leider war es etwas schwierig, innerhalb des kurzen Zeitfensters, in dem sie hier ist, eine einigermaßen anständige Tanzveranstaltung auszumachen. Da blieb nur noch der Abschlussball der Tanzschule übrig, bei der wir vor Jahren mal einen Kurs gemacht haben. Wir dachten damals, es wäre eine gute Idee, verloren gegangen geglaubte Tanzschritte wieder zu finden. Das war es auch.

Ich hole sie an der Bibliothek ab. Ich bin etwas früher dran und fahre auf den gegenüberliegenden Parkplatz des Landgerichts. Cooles Gefühl, so ultra-lässig vorm Landgericht im anthrazitgrauen Anzug mit Sonnenbrille am fetten frisch geputzten Schlitten zu lehnen, während die untergehende Sonne die Szenerie von hinten in ein warmes ziegelrotes Licht taucht. Ich komme mir vor wie einer der Typen aus L.A. Law, mindestens jedoch wie Sonny Crockett. Souverän ziehe ich eine Bäckertüte aus meiner Jacketttasche und krümel mir mit meinem Nusshörnchen langsam den Anzug voll, während immer mehr Brösel in meinem Drei-Tage-Bart hängen bleiben. Das sieht sicher ziemlich scheiße aus.

Tanja kommt aus der Bibliothek. Erst freut sie sich, mich zu sehen. Dann entdeckt sie die Krümel und ist stocksauer, dass ich ihr nichts übrig gelassen habe, weil sie seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hat. Wir behandeln den gastro-medizinischen Notfall mit zweimal Lasagne beim Italiener um die Ecke. Die mediterrane Nudelspezialität dichtet hervorragend ab.

Bauchdecken und Erwartungen sind gespannt, als wir die Stadthalle betreten und unsere Platzkarten holen. Ich gebe zu: Ich liebe Abschlussbälle! Abschlussball, das bedeutet: Väter, die nervös zum fünften Mal die Akkus der Videokamera überprüfen. Mütter, die mit verheulten Augen den Saal betreten, obwohl der Ball noch gar nicht begonnen hat. Pickelgesichtige Jungs, die vor den Toiletten rumlungern und einander zuraunen: „Guck mal, ich hab ne Dose Becks reingeschmuggelt, bin ich nicht saucool?“ Mit Erdbeerge-schmacklippenstift bewaffnete Teenie-Mädchen, die sich vor dem Garderobenspiegel drängeln und gackern: „Wie kann er es wagen, mir ausgerechnet heute Abend zu sagen, dass er nichts von mir will, wo er mich doch noch vor sechs Wochen gefragt hat, ob ich mit ihm Abschlussball machen möchte?“

Wir beide sind mittendrin und live dabei in diesem Meer menschlicher Emotionen. Es ist grandios.

Wir wärmen uns mit den ersten Tanzrunden etwas auf, danach erreicht der Abend seinen Höhepunkt: Der Einmarsch der Anfängerkurse.

Die Spannung im Saal ist am Siedepunkt angelangt. In der Luft liegt eine Mischung aus CK One und Clerasil. Draußen steht der Lindwurm der Debütanten und scharrt nervös mit den Hufen wie eine Horde dreijähriger Rennpferde, die auf das Öffnen der Tore wartet. Der Schlagzeuger zählt ein und die Band intoniert „Brasil“ in Endlosschleife. Der Tross vor der Tür setzt sich in Bewegung. Väter springen auf und richten ihre Kameras mit professioneller Präzision zielgenau aus, die auf eine Erfahrung von hunderten auf Cassette gebannter Familienfeste schließen lässt. Das Rascheln von Papiertaschentüchern ist unüberhörbar gefolgt vom unterdrückten Schluchzen zahlreicher Mittfünfzigerinnen. Halbwüchsige Burschen, die erst noch in ihre Abendgarderobe hineinwachsen müssen, schlurfen gegen den Takt der Sambamusik auf das Parkett und wissen nicht, was sie mit ihrer linken Hand machen sollen, während die aufgebrezelten Mädchen, die sie mit ihrer rechten Hand führen, peinlich berührt auf den Boden oder an die Decke schielen.

Es ist mit Worten fast nicht zu beschreiben. Ich erinnere mich genau, wie es damals bei mir war.

Nach dem ersten Vortanzen kommt die eigentliche Feuertaufe der jungen Mitglieder der Gesellschaft: Der Tanz mit dem Elternteil. Wer das übersteht, den kann im Prinzip sein Leben lang nichts mehr schocken.

Ich schaue mit Tanja von der Empore auf die Tanzfläche herab, die gerade eher an Autoscooter erinnert und stelle mir vor, dass vielleicht irgendwann auch mal meine eigene Tochter Abschlussball haben könnte. Dann würde ich mit ihr dort unten sein und wir würden gemeinsam Wiener Walzer tanzen.

Das wäre mit Sicherheit einer der glücklichsten Augenblicke meines Lebens.

Grandiose männliche Selbstüberschätzung

Dienstag, 29 Januar 2008

Der Morgen nach ihrer Untersuchung beim Frauenarzt. Ich hänge über meiner Tastatur im Büro und inhaliere Kaffee. Alles bäh außer Kaffee, Kopf schmerzt, Hals zwickt, Gelenke tun weh. Scheiß Winter, scheiß Kälte, ich will Frühling und zwar sofort! Blöde Viren, warum immer ich? Sucht euch jemand gefälligst jemand anders!

ICQ blinkt.

„Wie geht es dir? Bist du gut angekommen?“

„Ja, gut angekommen. Hab noch Vitamine beim Schlecker geholt. Es geht mir besser.“

„Geht es dir sicher besser??“

„Langsam ein wenig, ja. Ich fühl mich wohler in meiner Haut als heute früh.“

„Das ist sehr gut!! Hab mir schon Sorgen gemacht, dass du wieder krank wirst. :-(

„Nein, das geht jetzt nicht, muss nächste Woche fit sein. Wir haben ein Kind zu zeugen!“

*g* Nächste Woche ist zu spät…“

„Am Wochenende dann?“

„Sicherheitshalber schon morgen?“

„Heute, morgen, übermorgen und Samstag/Sonntag sowieso?“

„Immer nur dann, wenn wir fit sind und Lust haben! Wenn es diesen Monat nicht ‚reinpasst’, dann halt nächsten oder übernächsten Monat! :-)

„Der da unten passt immer rein.“

„Aber nicht unter Druck!! Wir müssen auch ‚wollen’!!!“

„Der will immer.“

„Ich werde dich dran erinnern! ;-)

Los geht’s!

Montag, 28 Januar 2008

SMS piept.

„Bin draußen.“

Ihr Guthaben ist fast alle. „Ich schick dir ne SMS, wenn ich beim Frauenarzt fertig bin, dann kannst du mich anrufen“, hat sie gesagt.

Ich rufe ihre Nummer aus dem Telefonbuch meines Handys auf.

Es wählt.

Es klingelt.

„Und?“

„Alles okay, wir können loslegen!“ Sie läuft irgendwo durch die Stadt und ist ganz außer Atem.

„Ich brauche mehr Details.“

„Was?“

„Mehr Details! Wie war die Röteln-Impfung - müssen wir nicht warten?“

„Nee. Also normalerweise kommt man nach drei Monaten noch mal, um zu überprüfen, ob sie angeschlagen hat. Aber er meinte, wenn wir schon am Planen wären, könnten wir gleich loslegen. Das Risiko wär relativ gering, dass da noch was passiert.“

„Und wann hast du die generelle Untersuchung?“

„Hat er gleich mitgemacht, er hatte grade Zeit. Alles in Ordnung. Ich hab alles gesehen auf dem Monitor, sogar die Eier! Nur den rechten Eierstock hat er nicht gleich gefunden, da war eine Darmschlinge drüber.“

„Aha, ich sehe schon: Ein echter Profi! Und es ist wirklich alles okay, können wir wirklich starten?“

„Das hab ich ihn ganz am Schluss auch noch mal eindringlich gefragt. Daraufhin meinte er: ‚Nee, also jetzt doch noch nicht!’ und ich: ‚Aber sie haben doch gesagt, wir könnten loslegen?’. Darauf er: ‚Na schauen sie sich doch Mal die Eier an! Das bringt doch noch gar nix, warten sie mal noch so drei bis fünf Tage.’“

Das Kik-Kind

Montag, 28 Januar 2008

Montagabend im Subway. Wieder auf dem Weg zum Pferd, wieder Hunger, diesmal nicht McDonald’s, sondern die vermeintlich gesündere Variante.

Es ist ein typischer Montagabend. Den ganzen Tag nicht richtig in die Hufe gekommen, das Wochenende war zu lang und zu schön, müde mümmeln wir an unseren Baguettes rum, sie Chicken Breast, ich BBQ, beides als Menü mit Chips, jeweils eine Tüte Salt&Vinegar.

„Vorletzten Samstag hab ich drüben im Kik Badetücher gesehen“, sagt sie. „Groß und flauschig, nur fünf Euro das Stück.“

Jeder nur einigermaßen in gegengeschlechtlichen Beziehungen versierter Mann wird sofort merken, wohin das Ziel dieser Diskussion führen wird, aber ich gebe mich ahnungslos.

„Warum hast du sie nicht gleich mitgenommen?“

„Ich wusste nicht, ob sie dir gefallen werden.“

Aha – auch sie beherrscht dieses Spiel perfekt.

„Dann lass uns doch nachher kurz noch rüber gehen und sie holen.“

Sie strahlt mich an.

„Oh jaaa, auch nur ganz kurz, nur rein, Handtücher holen, zahlen, gehen.“

„Ich werd dich dann dran erinnern.“

Sie liebt Kik. Ihre Augen beginnen zu strahlen, wenn sie in einem Kik steht. Kik, das bedeutet: tonnenweise Zeug raustragen und trotzdem immer im zweistelligen Eurobereich bleiben. Dagegen ist selbst Aldi das reinste KaDeWe. Wenn es so etwas wie ein Schnäppchenerlebnis gibt, dann bei Kik. Es ist mehr als ein Schnäppchenerlebnis. Kik gibt einem das Gefühl, den Laden übers Ohr gehauen zu haben, weil soviel bunter Kram niemals so günstig sein kann. Man ist erfüllt von vermeintlich geistiger Überlegenheit, weil man glaubt, sie hätten sich vor lauter Dummheit beim Auszeichnen der Preise um eine Kommastelle vertan und es nicht gemerkt. Kik, das ist die Macht des Konsumenten über das Preisdiktat des Kapitalismus. Kik ist Antwort der arbeitnehmenden Volksfront auf die Shopping-Arkaden der merkantilistischen Bourgeoisie.

Das ist natürlich alles Quatsch. Kik bedeutet: von bemitleidenswerten Chinesenhänden im Akkord für einen Hungerlohn zusammengedengeltes Zeug, was einer wohlwollenden Materialprüfung nicht einmal von Ferne standhält.

Aber auch diese Aussage wird der Sache nicht gerecht. Ich will fair sein: Ich hab keine Ahnung, ob Kik in Backnang, Tettnang, Hongkong oder anderswo produzieren lässt. Der Laden hat immer wieder gute Sachen zu einem Hammerpreis. Er hat auch Schrott, der selbst den Hammerpreis nicht im geringsten Wert ist. Es kommt eben drauf an, was man möchte, und mit ein bisschen Glück findet man das, was man braucht. Wie eben diese Handtücher.

Nach Beendigung unseres Nachtmahls betreten wir aus der Eiseskälte heraus das Geschäft. Instinktsicher rennt sie auf den Wühltisch mit den Handtüchern zu.

Ich bin immer wieder erstaunt, mit welcher traumwandlerischen Sicherheit sie in den verschiedenen Kiks der Umgebung jeden Warenstandort sofort findet. Selbst während Umräumungsaktionen. Wenn es heißt, Frauen hätten keinen Orientierungssinn, so gilt für sie und Kik das absolute Gegenteil. Ich hätte ihr die Augen verbinden können, sie hätte die Handtücher sofort gefunden.

Ich sollte damit zu „Wetten, dass…?“ gehen.

Ihre vorübergehende Nichtansprechbarkeit während der Handtuchrecherche im Wühltisch nutze ich, um original herkunftsechtes Chinesenwerkzeug zu begutachten. Genauer gesagt handelt es sich dabei um drei Gripp-Zangen unterschiedlicher Größe. Der Herkunftsnachweis kann dadurch erbracht werden, indem ein ambitionierter Hobbyschrauber wie ich bei genauerem Hinsehen die Stellen ausmachen kann, an denen a) das Werkzeug beim ersten fachgerechten Einsatz auseinander brechen wird und b) man sich beim darauf folgenden Abrutschen die Finger an den scharfen Kanten aufschlitzen wird.

„Crom Vanadium“ steht drauf.

Schreibt man „Chrom Vanadium“ nicht mit „h“? Aha…

Ich erinnere mich an ihre Aussage „…nur ganz kurz, nur rein, Handtücher holen, zahlen, gehen“ und drehe mich um. Der Wühltisch ist noch da. Sie nicht.

Verdammt!

Ich laufe durch den Laden und finde sie am Regal mit den Babystramplern.

„Was machst du da?“, frage ich sie.

Sie dreht sich um. Ihr Gesicht leuchtet. In der Hand hält sie fünf rosa Strampler.

„Guck mal, sind die nicht süüüüüß?“

„Okay“, sage ich mit ruhiger Stimme, „pass auf. Wir haben schon zwei rosa Strampler gekauft. Du bist noch nicht schwanger. Wir wissen noch gar nicht, ob du schwanger werden kannst. Wenn du schwanger wärst, wüssten wir nicht, ob du ein Mädchen bekämst. Also bitte, leg die Sachen wieder zurück. Wenn du schwanger bist und wenn wir wissen, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird, dann kaufen wir auch wieder Kinderklamotten ein. Können wir das gemeinsam so vereinbaren?“

Sie zieht ihre Mundwinkel nach unten und schaut mich völlig enttäuscht an wie ein kleines Kind, zu dem die Mutter gesagt hat: „Hör auf zu spielen und komm rein, es wird dunkel und es gibt Abendessen!“. Lustlos hängt sie die Strampler zurück, nimmt die Handtücher und geht mit mir zur Kasse.

„Eins sag ich dir“, raunt sie mir auf dem Weg dorthin zu, „wenn ich ein Kind habe und ich weiß, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird, dann gehe ich zu Kik einkaufen. Mein Kind wird ein Kik-Kind!“

Alles nur eine Frage der Kleidung

Sonntag, 27 Januar 2008

Sonntagabend. Ich stehe vor meinem Kleiderschrank und schaue meine Hemden an, noch völlig ratlos, was ich morgen anziehen soll.

Vor zwei Jahren gab mir ein Kollege bei der Weihnachtsfeier folgenden Rat:

„Wenn die Wehen anfangen“, sagte er, „wenn die Wehen anfangen gibt es zwei Dinge für einen Mann, die die wichtigsten überhaupt sind.“

Die Menge des konsumierten Alkohols verursachte bereits eine deutliche Friktion der Zunge in seiner Mundhöhle.

„Wenn deine Frau im Krankenhaus liegt und die Wehen hat, kümmert sich kein Schwein um dich. Du bist einfach Luft für die. Nicht existent. Sie bekommt alles, jeden Wunsch lesen sie ihr von den Lippen ab. Du kriegst höchstens nen Rüffel, weil du blöd im Weg rum stehst. So liegt sie dann da rum und brüllt, sechs, zwölf, achtzehn, vierundzwanzig Stunden lang. Und du, du bekommst langsam Hunger. Aber glaubst du, irgendjemand gibt dir was zu essen? Du kannst auch nicht mal schnell raus zur Tanke, sonst sagen sie: ‚Guckt euch mal den Rabenvater an, nicht mal in der schwersten Stunde kann er für seine Frau da sein.’ Ich kann dir sagen, boah ey, hatte ich einen Kohldampf!

Und das zweite, was wichtig ist: Zieh dir dein ältestes Hemd an. Wenn das Baby draußen ist, halten sie dir garantiert dieses schleimige blutende sabbernde brüllende Bündel unter die Nase und fragen dich erwartungsvoll: ‚Möchten Sie es nicht auch mal halten?’ Und ich sag dir, Mann, in diesem Moment möchtest du nicht sagen: ‚Tut mir leid, ich hab mein gutes Boss-Hemd an, das hat siebzig Euro gekostet und ist grade neu, das möchte ich mir nicht ruinieren.’

Als meine Frau beim zweiten Kind sagte: ‚Du, ich glaube, die Wehen setzen jetzt ein, wir müssen ins Krankenhaus.’ hab ich gesagt: ‚Keine Panik, geh du schon mal in die Küche und setz Nudelwasser auf, ich zieh mir schnell ein anderes Hemd an.’“

Pionier-Sperma

Sonntag, 27 Januar 2008

Der Sonntagnachmittag ist verregnet. Wir liegen in der Badewanne und erholen uns von dem vormittäglichen Babyschock.

„Wann hast du denn eine generelle Untersuchung?“, frage ich.

„Am Dienstag nach der Röteln-Impfung mache ich einen Termin aus.“

„Kann der Arzt mich da gleich mit untersuchen?“

„Warum?“

„Na, ich will schon wissen, ob bei mir alles in Ordnung ist. Nachher rödeln wir da drei Jahre erfolglos rum, bevor irgendwer mal auf die Idee kommt, mich zu untersuchen und dann heißt es: ‚Tja, also bei Ihren Spermien, meine Güte, ich bitte Sie, ich meine, also, na, wie soll ich mich ausdrücken, also was ich sagen möchte ist: Vergessen Sie’s!’ Ich würde das dann schon ganz gerne vorher wissen, bevor ich mir jahrelang falsche Hoffnungen mache.“

„Ich glaube, so was machen nur Urologen und du musst es selbst zahlen. Erst wenn bei der Frau alles in Ordnung ist und es klappt nicht, übernimmt das die Krankenkasse. Glaube ich.“

„Ich ruf morgen mal nen Urologen an.“

„Außerdem glaube ich sowieso nicht, dass das auf Anhieb klappt.“

„Warum nicht?“

„Na ja, musst du dich da nicht erst mal so ein bisschen, wie soll ich sagen, ‚einschießen’?“

„Ich hab mich über fünfzehn Jahre lang eingeschossen, ich glaube, das sollte genügen.“

„Aber ob die das dann alles auch gleich so finden? Vielleicht brauchen die erst mal welche, die den Weg vorbereiten. Brücken bauen, Schilder aufstellen, Autobahnen teeren.“

„Du meinst so Pionier-Spermien, ein Stoßtrupp, eine Speerspitze, die erst mal das feindliche Gebiet auskundschaftet?“

„Genau.“

„Die dann zu erschöpft sind und sich nicht auch noch um die Erstürmung der Eizelle kümmern können?“

„Genau.“

Ich muss lachen.

„Wie auch immer, wir werden es erleben.“

Baby-Brunch

Samstag, 26 Januar 2008

Das Café an der Hauptstraße wurde neu renoviert und umgebaut. Es gibt ein neues Angebot: Sonntagsbrunch. All you can eat für neunfünfundneunzig. Müssen wir ausprobieren. Wir taumeln noch etwas schlaftrunken durch die nebelschwangeren Gassen an diesem jungfräulichen Sonntagmorgen. Es ist ganz still. Die klare Kälte des Winters legt sich auf unsere Wangen. Wie durch eine Milchglasscheibe nehme ich die sanften Konturen der Häuser und Bäume wahr. Kein Mensch ist auf der Straße, kein Laut ist zu hören, nur das Atmen unserer Lungen und das Stapfen unserer Füße. Angenehm angefroren öffnen wir nach zehnminütigem Spaziergang die Tür zum Café.

BLAAAAAAAAAAAAAMMMM!

Grelles Licht, lautes Stimmengewirr, Bedienungen schießen umher wie Querschläger einer Maschinengewehrsalve, der versammelten Menschen heißer Dampf setzt sich als undurchdringlicher weißer Schleier auf meiner Brille ab. Ich sehe nichts mehr, meine Ohren gellen, wo bin ich, was ist das hier, die Waschküche der Hölle? Warum bin ich nicht im Bett geblieben?

Wir ziehen uns in einen taktischen Unterstand zwischen Garderobe und Zigarettenautomat zurück. Verluste werden ermittelt (ich bin noch da, sie ist noch da – gut), Ausrüstung überprüft (Brille putzen), Lagebericht. Wie es aussieht sind wir mitten in den sonntagmorgendlichen Baby-Brunch des Stadtviertels geraten. Junge Familien so weit das Auge reicht, teilweise mit Großeltern und Tanten, Kinderwagen, Maxi-Cosy, Bollerwagen, Bobbycars. Die gebärfreudige Generation zeigt der überalterten Gesellschaft die lange Nase. Wie konnte ich mir je Gedanken über die Sicherheit meiner Rente machen? Tobender Wahnsinn, ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so etwas gesehen habe.

Wir haben reserviert und versuchen, einen der herumflitzenden Kellner abzufangen. Ich komme mir dabei vor wie jemand, der verzweifelt einem Luftballon hinterher rennt, dem grade die Luft entweicht. Schließlich werfen wir uns einer Bedienung gleichzeitig in den Weg und sie zeigt uns unsere Plätze.

Wir sind umzingelt von Menschen unseren Alters mit kleinen Kindern. Stumm nehmen wir unser Frühstück zu uns, eine Unterhaltung ist bei diesem Geräuschpegel unmöglich. Außerdem ist zuhören viel interessanter. Die junge Mutter hinter uns hat die junge Mutter neben uns heute zum ersten Mal hier getroffen und sie unterhalten sich miteinander. Na ja, unterhalten ist was anderes, die eine textet die andere zwei Stunden lang über ihr Baby voll.

Zwei g e s c h l a g e n e Stunden!

Wann er sich wo zum letzten Mal in die Hose geschissen hat, wie es klingt, wenn er rülpst undsoweiterundsoweiter. Die textbeschwallte Mutter hört mit großen Augen zu. Die jeweiligen Partner sitzen tonlos daneben, ebenfalls zwei geschlagene Stunden, in ihrem Antlitz hat sich der Ausdruck in Granit gemeißelter Langeweile manifestiert. Ich bin sprachlos fasziniert. Meine sprachlose Faszination erweitert sich zu einer gedankenlosen Bewunderung der Gesamtsituation. Ich bin mental so erstarrt, ich weiß gar nicht, worüber ich zuerst nachdenken soll.

Ich versuche, die Eindrücke in meinem Kopf zu sortieren.

Zutiefst beeindruckt bin ich von der Kondition der Wort führenden Frau. Ich weiß, dass Frauen ohne Probleme zwei Stunden am Telefon miteinander reden können. Aber diese Vertreterin ihrer Spezies schafft dies a) ohne technische Hilfsmittel und b) bei einem Umgebungsgeräusch, dessen Schallpegel in Dezibel ungefähr dem Lärm eines im Elbtunnel startendem Airbus A 380 entspricht. Im Vergleich zu ihren Stimmbändern sind Eisenbahnschwellen morsche Zahnstocher.

Weiter kann ich die absolute Ignoranz der beiden Damen gegenüber ihren Partnern nicht fassen. Merken sie nicht, dass sich diese gerade zu Tode langweilen? Spüren sie nicht, dass sie die Männer völlig abkoppeln und sie wie Luft behandeln? Als wären sie nicht existent? Sie sind doch gemeinsam ins Café gegangen, warum gestalten sie dann auch nicht den Vormittag gemeinsam? Warum haben sie sie überhaupt mitgenommen? Wäre es nicht für alle besser gewesen, wenn jeder an diesem Sonntagvormittag das gemacht hätte, was ihm am Besten gefällt? Wissen die beiden Damen, dass sie unter diesen Voraussetzungen ihren beiden Partnern gar keine andere Möglichkeit geben, als sich mittelfristig in Dosenbier und Bundesliga zu flüchten?

Mein Ansinnen, Nachwuchs in die Welt zu setzen, erhält einen gehörigen Dämpfer. Werden Menschen so, wenn sie Kinder haben? Ist auf einmal alles, was war, null und nichtig? Werden alle anderen Interessen erstickt unter der Bürde des Babys? Gibt es wirklich nichts anderes mehr, über das man sich unterhalten mag oder unterhalten kann? Baby-Brainwashing? Ich glaube ja, dass ein Kind einen gewaltigen Einschnitt im Leben darstellt. Aber so gewaltig? Werde ich auch so? Ich will so nicht werden! Ich habe Interessen, Hobbys, Freunde, Begabungen. Einschränkungen nehme ich gerne in Kauf, ich bekomme ja auch etwas ganz neues, unschätzbar Wertvolles, anvertraut. Aber wird dieses Neue alles andere platt machen? Sogar die eigene Wahrnehmung der Bedürfnisse meiner Partnerin?

Mir tun die armen Männer leid. Wenn ich nicht in Begleitung wäre würde ich aufstehen, zu ihnen gehen und sagen: „Jungs – geh’ m’r Tittenbar?“

Schlag zwölf Uhr beginnt sich das Café zu leeren. Als würde eine universelle innere Babyuhr, welche in den Kleinen schlummert, das Signal zum Aufbruch geben. Auch die nervige Frau verschwindet.

Endlich.

„Ich muss jetzt erst mal aufs Klo“, sagt sie.

Kaum ist sie weg, sehe ich eine andere Frau ihren Alters auf mich zusteuern. Ohne unbescheiden zu wirken möchte ich an dieser Stelle einflechten, dass es hin und wieder vorkommt, dass mich Damen in öffentlichen Gaststätten oder auch anderswo in oberflächliche Konversationen verwickeln. Das geht dann meistens los mit „Hast du Feuer?“ (Antwort: „Ja, aber mit diesem Feuer kannst du dir nicht deine Zigarette anzünden.“) oder „Hey du, ich hab dich draußen in deinem tollen Wagen gesehen!“ (Antwort: „Ich auch! Stell dir vor, ich bin sogar drin gefahren.“) oder „Entschuldigung – ich glaube, wir kennen uns irgendwo her.“ (Antwort: „Ganz sicher. Ich hab schon so viele Inkarnationen hinter mir, es wäre unwahrscheinlich, wenn wir uns nicht kennen würden.“).

Ich bin also bestens gewappnet und sehe der Sache gelassen entgegen. Doch es kommt ganz anders, als ich es erwartet habe.

„Entschuldigung – haben Sie vielleicht eine Windel dabei?“

Äh – hm. Weder ist mir dieser Spruch schon mal untergekommen, noch war ich auf so etwas vorbereitet.

Bevor ich es schaffe, aus meinem verwirrten Gehirn ein „Nein“ rauszuquetschen, passiert etwas, mit dem ich noch weniger gerechnet hätte. Eine weitere Mami am Nebentisch öffnet ihre Handtasche, zieht eine Windel raus und fragt: „Größe fünf okay?“

„Ja, ganz prima, danke!“

Aha, Windeln kommen in verschiedenen Größen. Wusste ich gar nicht. Richtet sich die Größe nach dem Alter oder der Ausscheidungsmenge?

Sie kommt von der Toilette zurück.

„Puh, jetzt ist es zum Glück ruhiger hier. Was guckst du so komisch?“

„Lass uns Windeln kaufen gehen. Am Besten auch gleich eine Palette Hipp-Gläser. Die Leute hier würden dir in ihrer Not alles für einen Haufen Geld abkaufen. Wir könnten ein Vermögen machen!“

Über Stiere, Löwen, Strampler und Inliner

Freitag, 25 Januar 2008

Allwöchentliches Samstagmorgenbombastschlemmerfrühstück.

„Barbara hat mir noch keine Bücher mitbringen können“, sage ich und puhle die letzen Drei-Minuten-Ei-Reste aus der Eierschale. „Da steht überall noch was von der Geburt drin, deswegen möchte sie die Bücher noch behalten.“

„Wann ist ihr Termin?“

„Heute in sechs Wochen, wenn der Bub die Planung einhält. Widder. Ganz knapp, aber Widder. Feuerzeichen. Gutes Zeichen.“

„Dann gehen wir heute in die Stadt und kaufen ein Baby-Buch.“

Meine Eierschale zerbricht. Ich hasse es, wenn beim letzen-Drei-Minuten-Ei-Reste-aus-der-Eierschale-Puhlen die Eierschale zerbricht. Und ich hasse es, Samstags in die Stadt zu gehen. Fünf Millionen Leute trampeln einen zu Tode, darunter drei Millionen Landeier, die weder kapiert haben, dass es zwecklos ist, sich außerhalb der zahlreichen Parkhäuser eine Abstellmöglichkeit für ihre schrecklich verspoilerten Produkte aus dem Hause Volkswagen zu suchen (schon gar nicht, wenn man die richtigen Ecken dafür nicht kennt), noch kapieren wollen, dass die Anzeige „Parkhaus belegt“ tatsächlich bedeutet, dass ein Parkhaus belegt ist.

„Aber wir müssen natürlich nicht“, fügt sie schnell hinzu.

„Nein, lass uns gehen. Wir haben dieses Wochenende sonst nichts geplant, ich glaube, da kann ich es verkraften.“

Ihre Miene hellt sich schlagartig auf.

„Au ja, und dann kaufen wir einen Strampler, okay? Am Besten gleich drei, einen für Barbara, einen für Kathrin und einen für uns.“

Kathrin ist eine weitere Bekannte, die vor wenigen Wochen schwanger wurde. Ich muss grinsen.

„Du scheinst es ja kaum abwarten zu können - sollen wir nicht zunächst einmal schauen, ob das bei uns überhaupt klappt mit dem Kinder kriegen?“

„So bin ich eben. Ich denke lange über etwas nach, aber wenn ich einen Entschluss gefasst habe, dann will ich es auch sofort und gleich durchziehen.“

Wir beenden unser Frühstück und ich schlurfe Richtung Bad, in der Hand die Tasse mit dem letzten Schluck Kaffee. Mich beschleicht so eine Ahnung, dass das Kinderprojekt für mich ganz schön stressig werden wird. Erst mal Tür zu, Klodeckel hoch, Hose runter, hinsetzen, nachdenken.

Diese Art von Stresssituation kenne ich aus unserer Beziehung. Es ist kein Stress im Sinne von „unter einer angespannten Situation leiden“. Es ist vielmehr die unterschiedliche Herangehensweise von zwei Menschen an ein- und dieselbe Situation.

Ich nippe etwas lauwarmen Kaffee.

Ihr Sternzeichen ist Stier. Stiere haben zwei Hörner, einen dicken Schädel und nicht zu bändigende Kraft und Temperament. Wenn ein Stier einen Entschluss gefasst hat, donnert er los und reißt mit dem Kopf die Wand ein, um sein Ziel zu erreichen. Kann er die Wand beim ersten Mal nicht einreißen, rennt er wieder und wieder mit immer längerem Anlauf auf sie zu, bis er sie irgendwann eingerissen hat. Und wenn er mal eine Wand partout nicht zum Zerbröseln bringt, sucht er sich eine neue Wand, die etwas dünner ist, und sagt: „Ach, die alte Wand hat mich im Grunde sowieso nicht sonderlich interessiert.“

Mein Sternzeichen ist Löwe. Löwen rennen niemals einfach los, nur weil sie eine tolle Idee haben. Löwen legen sich hinter ein Gebüsch auf die Lauer und warten, bis die Beute vorbei kommt. Erst, wenn sie sich sicher sind, dass ein Losrennen zum Erfolg führen wird, schlagen sie zu. Dann aber richtig. Wenn es zwei Tage dauert, bis eine Gazelle oder ein Zebra vorbei kommt, dann warten sie zwei Tage. Und wenn es fünf Tage dauert, dann warten sie eben fünf Tage. Selbst wenn es an der zwei Kilometer entfernten Wasserstelle allerlei schmackhaftes Wild gibt, stehen sie erst dann auf, wenn sich das Hungergefühl nicht mehr aushalten lässt. Als Löwe verlässt man nicht einfach so das Gebüsch, für das man sich einmal entschieden hat. So was nennt man Verlässlichkeit und Edelmut. Nur Rindviecher würden das als Trägheit und Unflexibilität bezeichnen, pah!

So ähnlich läuft das auch bei uns. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann zieht sie es durch. Mit allen Konsequenzen. Sie steht voller Leidenschaft und Inbrunst dahinter. Ich bin in meinem Vorgehen vorsichtiger, abwartender, distanzierter. Dadurch kommt es vor, dass ich manchmal in meinem Handeln zögernd und zaudernd bin. Ich sehe den Zug erst, wenn er bereits abgefahren ist, während sie sich bereits eine halbe Stunde vor Einfahrt des Zuges beim Stationsvorsteher beschwert, wo dieser denn eigentlich bleibt.

Keine der beiden Verhaltensweisen ist besser; sie sind nur unterschiedlich. Vielleicht klappt es genau deswegen so gut zwischen uns, weil wir uns ergänzen und jeder das mitbringt, was dem Anderen fehlt.

„Du musst lernen, geduldig zu sein!“, sage ich immer zu ihr.

„Wenn ich mich nicht immer um alles kümmern würde, dann würde hier gar nix gehen!“, sagt sie immer zu mir.

Ich leere meinen Kaffee und mir dämmert, dass dies verdammt lange neun Monate für mich werden.

Die Horden in der Stadt halten sich glücklicherweise in Grenzen. Wir betreten die Erste Buchhandlung am Platze. Das, was wir suchen, wird vermutlich unter „Medizin“ zu finden sein, viertes Obergeschoss. Wir sehen es schon von Weitem, als wir die Treppe hochkommen. Eine ganze Wand ist zugepflastert mit ungefähr siebenhundertzweiundachtzig Büchern zum Thema „Eltern und Kind“. Siebenhundertzweiundachtzig Titelbilder von grinsenden blonden Schnecken mit dickem Bauch, die Babyschuhe über ihre Finger gestülpt haben. Null Bilder von aufgedunsenen Wöchnerinnen und blutverschmierten, mit Fruchtblasenresten übersäten Babygesichtern. Wie immer verschließt die Welt vor der nackten Wahrheit die Augen.

Wenn man die Auswahl zwischen ungefähr siebenhundertzweiundachtzig Dingen zum selben Thema hat, sollte man sich von seinem Gefühl leiten lassen und das nehmen, zu dem man sich im ersten Impuls hingezogen fühlt. Ich laufe auf die Regalwand zu und lasse meinen Blick schweifen.

„Wir nehmen das da!“, sage ich, greife ein Buch heraus und drücke es ihr in die Hand. Sie schaut mich an.

„Ich guck mal, was es hier sonst noch so gibt“, sagt sie in festem Tonfall.

Während sie sich ganz in Eltern-und-Kind-Büchern verliert, schaue ich mir Bücher zum Thema „Vornamen“ an. War mal wieder klar, dass alle Namen, die mir gefallen, nicht in solchen Büchern stehen. Stattdessen gibt’s so komische Namen wie „Rixa“. Als Kind hatte ich mal ein rostiges Fahrrad, das hieß so ähnlich. Wer, bitteschön, benennt sein Kind nach einem rostigen Fahrrad? Warum nicht gleich „Kettcar“ oder „Pucky“? Sehr interessant ist auch „Hildur“. Da soll sich bloß keiner wundern, wenn die grade achtzehn gewordene Hildur ihren Erzeuger auf Schmerzensgeld verklagt.

Zwanzig Minuten sind verstrichen. „Ich glaube auch, dass wir das da nehmen“, sagt sie. Na also – die zwanzig Minuten hätten wir uns sparen können. Wir stellen uns an der Kasse an und ich schlage eine beliebige Seite auf. „Sexualität in der Schwangerschaft“. Schon wieder eine eindrucksvolle Demonstration der Macht des ersten Impulses. „Viele schwangere Frauen empfinden es als angenehm, wenn sie im Vierfüßerstand, also auf Knie und Händen, im Bett kauern, und ihr Partner von hinten in sie eindringt. Zu empfehlen ist auch die sog. ‚Löffelchenstellung’, in der beide Partner auf der Seite liegen und der Mann die Frau von hinten penetriert (s. Abb. 2).“

Aha.

Gibt’s auch ein Buch für Fortgeschrittene?

Nach erfolgreichem Kauf eines Buches über Schwangerschaft steht als nächster Punkt die Strampler auf der Einkaufsliste. Also rein in den nächsten Klamottenladen und abtauchen in eine neue Welt, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Da Barbara die erste Person sein wird, die Bedarf an derartiger Ware hat, begebe ich mich an die Ständer für Jungen, während sie zielstrebig in Richtung Mädchen läuft. Ich vertraue wieder der Macht des ersten Impulses. Hellblaue Jogginghose, ungefähr zwanzig Zentimeter lang, dazu passende Jacke mit Kapuze, zwölffünfundneunzig. Sieht cool aus, die Kapuze hat was von Gangstarapper, Widder, Feuerzeichen, das passt, Preis ist auch okay.

Ich laufe rüber zu den Mädchen.

„Guck mal!“

Stolz präsentiere ich ihr meine Wahl.

„Das ist zu groß.“

„Woher willst du das wissen?“

„Steht doch hier, Größe sechsundfünfzig.“

„Ja und?“

„Größe sechsundfünfzig, zweiter bis vierter Monat, das ist zu groß. Außerdem ist doch dann schon Sommer, wenn es ihm passen könnte, und dann ist das viel zu warm.“

„Aha.“

„Schau nach Größe fünfzig.“

„Okay.“

Ich laufe zurück und bemerke, wie mich zwei junge Mütter mit ihren Kinderwagen anschauen, miteinander tuscheln und kichern.

Blöde Ziegen!

In Größe fünfzig gibt es leider keine coolen Gangstarapper-Klamotten. Nur irgendwelches altbackenes Zeug, das aussieht wie die Stofffetzen, mit denen mein Vater unseren roten Audi achtzig nach dem Waschen trocken gerieben hat, als ich im Vorschulalter war. Ich laufe zurück zu ihr.

„In Größe fünfzig gibt’s nix.“

Sie schaut mich mit einem Leuchten in den Augen an und strahlt über das ganze Gesicht.

„Guck mal, sind die nicht süüüüüß?“

Sie hält mir zwei rosa Sets mit Höschen und Jäckchen unter die Augen. Wenn bei Frauen etwas süß ist, dann kann man mit ihnen in eine vernünftige Diskussion bezüglich des von ihnen als solchen bezeichneten Gegenstands einsteigen. Ich habe jedoch gelernt, dass wenn etwas „süüüüüß“ ist, eine solche Diskussion absolut sinnlos ist, es sei denn, der Warenwert beläuft sich über einhundertfünfzig Euro.

„Ja, die sind wirklich schön!“, sage ich lächelnd.

„Welches gefällt dir besser?“

Achtung! Jeder Mann weiß: Jetzt bloß keinen Fehler machen! Jede falsche Antwort könnte der Auslöser einer mehrtägigen Beziehungskrise sein.

„Ich glaube, mir gefällt das Hellere besser, weil es etwas schlichter ist. Aber das Dunklere mit dieser Bordüre hat so etwas wunderschön Verspieltes.“

„Ich denke auch, dass wir beide nehmen sollten“, sagt sie und stapft zur Kasse.

„Diese Woche 50% Rabatt auf alle ausgezeichneten Waren“ steht auf großen Schildern. Puh, da hab ich ja noch mal Glück gehabt!

Soweit – so gut, aber den Strampler für Barbara haben wir immer noch nicht. Rein in den nächsten Laden. Auch hier verheißen die Nachgeburten des Winterschlussverkaufs ein billiges Vergnügen. Wir streifen durch die Jungen-Regale. Ein dunkelblauer Strampler mit Pulli erregt unser Interesse. Ein kleiner Löwenkopf ist draufgestickt. „Löwe, Widder, Feuerzeichen“ schießt es mir durch den Kopf. Außerdem ist ein lustiger Knopf mit Grinsegesicht drauf genäht. „Liegelind – Kids, Fun, Fashion“ steht drauf. Die Qualität scheint gut zu sein. Größe fünfzig passt. Ich drehe das Preisschild um. Fünfundzwanzigneunundneunzig. Hier haben wir also so was wie den Bugatti Veyron unter den Babystramplern.

Fünfzig Mark für ein Kleidungsstück in Puppengröße, dessen Bestimmung es ist, vollgekotzt und vollgeschissen zu werden! Fünfzig Mark… den trägt er doch grade mal acht Wochen!

Respekt.

Was für ein Glück, dass gerade Super-Schnäppchen-alles-muss-raus-Platz-für-Neuware-wir-bauen-um-Tage sind. Der Originalpreis ist schon mehrfach reduziert und am Ende legen wir für die S-Klasse unter den Babyklamotten einen schlappen Fünfer auf die Ladentheke. Und da soll noch einer sagen, Babykleidung wäre teuer! Es ist wahrscheinlich wie bei allem: Wer einen Haufen Geld ausgeben will, kann das sicherlich ohne Probleme machen. Es geht aber auch anders.

Bevor wir gehen möchte ich nur noch ganz schnell durch die Sportartikelabteilung. Kurz gucken, ob es Neuheiten bei Inlinern gibt. Auch hier werde ich Opfer des Schnäppchenwahnsinns. Aus „kurz gucken“ wird „nur noch in ein paar Kartons reinschauen“. Dann kommt ein Verkäufer.

Sie setzt sich mit den Stramplertüten auf einen Hocker und seufzt: „Das kostet dich nachher eine große Tasse Kaffee mit Kuchen!“.

Ich fahre vier Modelle Probe und verlasse den Laden mit ein paar neuen original Rollerblades, Neupreis: hundertneunundsiebzig Euro, mein Preis: fünfzig Euro.

Wir fragen uns, wie solche Rabatte sein können. Wie die Margen aussehen. Ob man das nicht alles ein bisschen anders gestalten könnte. Konsumentenfreundlicher. Generell und auf Dauer günstiger, nicht diese enormen Preissprünge. Dann hätten mehr Menschen was davon.

Und ich frage mich, ob meine Neuanschaffung, auf die ich so stolz bin, in diesem Sommer zum ersten und gleichzeitig auch zum letzten Mal zum Einsatz kommen wird. Aber ich hab schon gesehen, wie jemand auf Inlineskates einen Kinderwagen geschoben hat.

Geht alles.

Wie alles begann…

Donnerstag, 24 Januar 2008

„Was hältst du davon, wenn wir ab jetzt nicht mehr verhüten?“

Zack! Das hat eingeschlagen wie ein Blitz!

Nein, sie hat nicht unbedingt das Gespür für die richtige Situation für so eine Frage. Es ist der 6. Februar 2007 gegen neunzehn Uhr. Wir waren auf dem Weg zum Pferd, hatten Hunger, sind bei McDonald’s auf den Parkplatz gefahren. Der Parkplatz ist klein und eng, es schüttet in Strömen.

„Ja fährt die jetzt mal aus dieser Parkbucht raus? Ach so, die muss noch ihre Kinder anschnallen.“

Autofahren ist immer ein Erlebnis mit ihr, Geduld ist ihre Sache nicht. Sie zirkelt ihren blauen Kleinwagen in die Lücke und stellt den Motor ab.

„Was hältst du davon, wenn wir ab jetzt nicht mehr verhüten?“

Die Frage saß, die Umstände und die mangelnde Ankündigung des Sujets taten ihr Übriges. Nicht, dass ich mich nicht schon vorher damit beschäftigt hätte. Ich stehe in meinen Dreißigern. Nach meiner letzten Beziehung dämmerte es mir schon in der Zeit des Single-Daseins, dass die nächste feste Partnerschaft höchstwahrscheinlich die erste sein würde, wo dieses Thema auf den Tisch kommt. Und es dann auch angegangen werden sollte. Meine Freundinnen werden schließlich nicht bis an mein Lebensende Mitte zwanzig bleiben (ich gebe zu, damals herrschte bei mir über diesen Punkt noch größere Unsicherheit als heute). Fakt jedoch ist, dass ich spürte, dass der Zeitpunkt des Erwachsenseins irgendwann mal kommt. Wie auch immer sich das anfühlen wird, das „Erwachsensein“.

Als wir im August letzten Jahres zusammenzogen, war das natürlich Bezug nehmend auf die oben genannte Frage schon eine Zuspitzung. Die Wohnung umfasst vier Zimmer, weil jeder sein „eigenes Reich“ brauchte - klar. Nach ein paar Monaten fiel uns auf, dass mein Reich unser Computerzimmer war und ihr Reich unser Wäschetrockenzimmer. „Unser Reich“ waren Küche, Schlaf- und Wohnzimmer.

Im November sagte sie dann: „Ich möchte nach fünfunddreißig keine Kinder mehr bekommen. Und ich möchte auf jeden Fall zwei haben.“ „Prima, das heißt, wir müssen spätestens in sechs Wochen loslegen“, sagte ich. Daraufhin entwich ihr die Gesichtsfarbe. Seitdem haben wir beide uns unabhängig von einander mit dem Gedanken beschäftigt. Ich habe es ihr angemerkt und sie hat es auch gesagt. Aber es war nie wirklich ein „gemeinsames“ Thema, über das wir uns unterhalten haben.

„Das fände ich wunderschön!“

Sie schaut mich an.

„Wie - das kannst du doch jetzt nicht einfach so sagen!“

„Warum nicht? Muss ich erst ein bisschen rumjammern, drei Tage bedröppelt rumlaufen, über den Verlust meiner Freiheit lamentieren? Dir kann man es echt nicht recht machen, wenn ich dir widerspreche passt es dir nicht und wenn ich mich deiner Meinung anschließe auch nicht.“

„Hast du denn darüber nachgedacht?“

„Ja, du hast ja auch sehr viel in letzter Zeit darüber nachgedacht.“

„Du auch? Wieso hab ich das nicht gemerkt?“

„Vielleicht hast du so sehr drüber nachgedacht, dass du nicht bemerkt hast, wie sehr ich drüber nachgedacht hab.“

„Hm.“

„Hm.“

„Ich hab Hunger.“

„Ich auch.“

Fünfzehn Minuten später sitzen wir am Tisch und erörtern das Baby-Business. Es gibt ein McChicken-Maxi-Menü, ein Big-Tasty-Menü normal und zweimal Cola-Light ohne Eis mit jeweils einmal Gratis-Refill.

Wie wäre das jetzt, wenn so ein Schreihals dabei wäre? Im Maxi-Cosy oder im Ronald-McDonald-Kinderhochstuhl? Wer erfindet so einen bescheuerten Namen wie Maxi-Cosy? Können wir uns ein Baby überhaupt leisten? Wie ist das mit dem Arbeiten? Wie ist das mit dem Kindergeld? Könnte ich einen Tag pro Woche von zu Hause aus arbeiten? Wir brauchen ein größeres Auto. Kann sie als nächsten Geschäftswagen bei ihrem Chef einen Kombi rausschlagen? Passt ein Kinderwagen in den Kofferraum des alten SL? „Hat der SL überhaupt schon Sicherheitsgurte hinten?“ „Ja, hat er.“ Was, wenn das Baby ein halbes Jahr lang nur brüllt? Was, wenn es ein Junge wird? Wir wollen ein Mädchen! Können wir überhaupt Kinder bekommen? Wir müssen uns untersuchen lassen. Wo gibt es Anträge auf Kindergeld? Wie lange ist ein Erziehungsurlaub? Wo beantragt man das? Besteht eine Schwangerschaft zu fünfzig Prozent aus Formulare ausfüllen? Typisch Staat, er will unbedingt deine Kinder, aber erzählt dir einen Scheißdreck darüber, was damit alles zusammenhängt und wie man durch diese Phase durchkommt. Warum lernt man das nicht in der Schule? Warum gibt es keine Postwurfsendungen zu diesem Thema? Warum kriegt nicht jeder Deutsche im Alter von sechzehn bis fünfundvierzig alle zwei Jahre automatisch einen Newsletter mit den wichtigsten Facts? Noch besser eine Powerpoint-Präsentation, das liest sich leichter und hat bunte Bilder. Manager entscheiden über Milliardeninvestitionen anhand bunter Bilder in Powerpoint-Präsentationen, wie soll ich denn ernsthaft die Entscheidung über meinen eigenen Nachwuchs treffen können, wenn ich nicht einmal eine ordentliche Entscheidungsvorlage bekomme? Wo gehen sie denn bloß hin, die ganzen Steuern, die ich zahle?

Das ist genau wie damals bei meiner Hochzeit. Irgendwann in jungen Jahren beschloss ich, mich Hals über Kopf in eine Osteuropäerin zu verlieben und sie zu ehelichen. Alle waren glücklich, alle waren froh, kein Problem von irgendeiner Seite. Aber als es wir uns scheiden lassen wollten, dann ging’s los! Auf einmal war nichts mehr einfach, nur noch Hürden und Hemmnisse. In einem Gerichtsprozess würde man so ein Verhalten, unschuldige junge Menschen in eine derartige Falle zu locken, mit den Worten „Vorsatz“ und „mutwillig“ titulieren. Verhält sich der Staat genauso gegenüber jungen Eltern? Tappen wir in eine Baby-Falle?

Wir müssen jetzt ganz dringend zum Pferd, wir sind spät dran.

Der Tag danach. Ich sitze im Büro. Ich bin müde. Ich habe Halsschmerzen. Es war kalt im Stall gestern Abend, es war spät, es hat geschneit. Ich hatte keinen Bock, er hatte keinen Bock, wir sind eine halbe Stunde gemeinsam über den Reitplatz gezockelt.

Mein ICQ blinkt.

Ich klick drauf.

„Bist du dir ganz sicher?“

Gute Frage.

„Es gibt nie eine hundertprozentige Sicherheit im Leben. Aber ich hab da ganz tief unten ein Gefühl im Bauch, das sagt, dass es gut ist.“

Der Arbeitstag geht rum, der Feierabend kommt. Wir sitzen in der Küche, es ist der einzige Tag in dieser Woche, an dem wir beide abends zu Hause sind. Es gibt klassisches deutsches Abendbrot, Aufschnitt, Milch, Brot, saure Gurken.

„Ich hab heute mal das mit dem Kindergeld gegoogelt“ sagt sie. „Ich hab’s aber nicht so ganz gecheckt. Also, es gibt da siebenundsechzig Prozent des Nettogehalts für ein Jahr nach der Geburt. Dazu Kindergeld, zweihundertfünfzig Euro. Und dann zahlt die Krankenkasse noch dreizehn Euro pro Tag für irgendwas, das weiß ich aber noch nicht genau, was das ist.“

„Immer gut, wenn jemand anders zahlt“ sage ich.

„Der Hammer ist, dass wenn ich in diesem Jahr arbeiten sollte, mir der Verdienst auf das Geld angerechnet wird. Das heißt, ich bekomme dann anteilig weniger Kindergeld.“

„Das ist ja echt Quatsch! Warum solltest du dann in diesem Jahr überhaupt arbeiten? Dann besteht ja gar kein Anreiz, früher wieder in den Job zurückzukehren. Sie wollen die Arbeitslosigkeit mit allen Mitteln bekämpfen und dann machen sie solche Gesetze. Oder wollen sie dich zwingen, nicht zu arbeiten, damit ein Arbeitsloser für ein Jahr deinen Job machen kann? Das verstehe, wer will.“

„Nach den Röteln hab ich auch geguckt. Mein Frauenarzt hat das letzte Mal gesagt, ich muss mich noch mal impfen lassen, sollte ich planen, schwanger zu werden. Man soll nach der Impfung noch einen Monat warten, bevor man loslegt. Sonst liegt das Risiko bei über einem Prozent, dass dem Kind was passiert, wenn man die Röteln bekommt.“

„Einen Monat warten - dann wird es frühestens Schütze.“

„Ist das gut?“

„Schütze ist gut, Schütze ist Feuerzeichen. Ich bin ein Feuerzeichen, mein Bruder auch, Feuerzeichen sind Super-Typen, finde ich. Wie hoch ist das Risiko nach dem einen Monat?“

„Unter ein Prozent.“

„Wie hoch ist das Risiko, dass du überhaupt die Röteln bekommst?“

„Herrgott, du wirst doch wohl noch den einen Monat abwarten können!“

„Wann möchtest du dich denn impfen lassen?“

„Ich hab einen Termin auf kommenden Dienstag vereinbart.“

Ich lege mir eine weitere Scheibe Schinken aufs Brot. „Übrigens – ich treff mich morgen mit Barbara zum Frühstück. Sie hat morgen ihren letzten Tag.“

Barbara ist eine Kollegin von mir. Sie ist im siebten Monat schwanger. Die Augen meines Gegenübers beginnen zu leuchten.

„Oh, oh, kannst du sie Fragen, ob sie Bücher hat? Und wie das mit dem Kindergeld und diesen dreizehn Euro ist. Und wie sie das macht im Jahr nach der Geburt. Können wir einen Termin mit ihr ausmachen? Hat sie Schwangerschaftsstreifen bekommen?“

Ich mümmle an meinem Schinkenbrot. „Also eins weiß ich genau, ich werde Barbara auf keinen Fall fragen, ob sie Schwangerschaftsstreifen hat. Ich möchte es auch gar nicht wissen. Aber ich frag sie nach Büchern und dem Kindergeld. Dann machen wir einen Baby-Info-Abend.“

Wir räumen den Tisch ab und ich gehe mit Schinkenbrotgeschmack im Mund in den Flur zu meinem Handy. Ich tippe eine SMS an Barbara.

„Kannst du mir morgen Bücher mitbringen? So was wie ‚Schwanger für Dummies’. Sie meint es ernst.“