Allwöchentliches Samstagmorgenbombastschlemmerfrühstück.
„Barbara hat mir noch keine Bücher mitbringen können“, sage ich und puhle die letzen Drei-Minuten-Ei-Reste aus der Eierschale. „Da steht überall noch was von der Geburt drin, deswegen möchte sie die Bücher noch behalten.“
„Wann ist ihr Termin?“
„Heute in sechs Wochen, wenn der Bub die Planung einhält. Widder. Ganz knapp, aber Widder. Feuerzeichen. Gutes Zeichen.“
„Dann gehen wir heute in die Stadt und kaufen ein Baby-Buch.“
Meine Eierschale zerbricht. Ich hasse es, wenn beim letzen-Drei-Minuten-Ei-Reste-aus-der-Eierschale-Puhlen die Eierschale zerbricht. Und ich hasse es, Samstags in die Stadt zu gehen. Fünf Millionen Leute trampeln einen zu Tode, darunter drei Millionen Landeier, die weder kapiert haben, dass es zwecklos ist, sich außerhalb der zahlreichen Parkhäuser eine Abstellmöglichkeit für ihre schrecklich verspoilerten Produkte aus dem Hause Volkswagen zu suchen (schon gar nicht, wenn man die richtigen Ecken dafür nicht kennt), noch kapieren wollen, dass die Anzeige „Parkhaus belegt“ tatsächlich bedeutet, dass ein Parkhaus belegt ist.
„Aber wir müssen natürlich nicht“, fügt sie schnell hinzu.
„Nein, lass uns gehen. Wir haben dieses Wochenende sonst nichts geplant, ich glaube, da kann ich es verkraften.“
Ihre Miene hellt sich schlagartig auf.
„Au ja, und dann kaufen wir einen Strampler, okay? Am Besten gleich drei, einen für Barbara, einen für Kathrin und einen für uns.“
Kathrin ist eine weitere Bekannte, die vor wenigen Wochen schwanger wurde. Ich muss grinsen.
„Du scheinst es ja kaum abwarten zu können - sollen wir nicht zunächst einmal schauen, ob das bei uns überhaupt klappt mit dem Kinder kriegen?“
„So bin ich eben. Ich denke lange über etwas nach, aber wenn ich einen Entschluss gefasst habe, dann will ich es auch sofort und gleich durchziehen.“
Wir beenden unser Frühstück und ich schlurfe Richtung Bad, in der Hand die Tasse mit dem letzten Schluck Kaffee. Mich beschleicht so eine Ahnung, dass das Kinderprojekt für mich ganz schön stressig werden wird. Erst mal Tür zu, Klodeckel hoch, Hose runter, hinsetzen, nachdenken.
Diese Art von Stresssituation kenne ich aus unserer Beziehung. Es ist kein Stress im Sinne von „unter einer angespannten Situation leiden“. Es ist vielmehr die unterschiedliche Herangehensweise von zwei Menschen an ein- und dieselbe Situation.
Ich nippe etwas lauwarmen Kaffee.
Ihr Sternzeichen ist Stier. Stiere haben zwei Hörner, einen dicken Schädel und nicht zu bändigende Kraft und Temperament. Wenn ein Stier einen Entschluss gefasst hat, donnert er los und reißt mit dem Kopf die Wand ein, um sein Ziel zu erreichen. Kann er die Wand beim ersten Mal nicht einreißen, rennt er wieder und wieder mit immer längerem Anlauf auf sie zu, bis er sie irgendwann eingerissen hat. Und wenn er mal eine Wand partout nicht zum Zerbröseln bringt, sucht er sich eine neue Wand, die etwas dünner ist, und sagt: „Ach, die alte Wand hat mich im Grunde sowieso nicht sonderlich interessiert.“
Mein Sternzeichen ist Löwe. Löwen rennen niemals einfach los, nur weil sie eine tolle Idee haben. Löwen legen sich hinter ein Gebüsch auf die Lauer und warten, bis die Beute vorbei kommt. Erst, wenn sie sich sicher sind, dass ein Losrennen zum Erfolg führen wird, schlagen sie zu. Dann aber richtig. Wenn es zwei Tage dauert, bis eine Gazelle oder ein Zebra vorbei kommt, dann warten sie zwei Tage. Und wenn es fünf Tage dauert, dann warten sie eben fünf Tage. Selbst wenn es an der zwei Kilometer entfernten Wasserstelle allerlei schmackhaftes Wild gibt, stehen sie erst dann auf, wenn sich das Hungergefühl nicht mehr aushalten lässt. Als Löwe verlässt man nicht einfach so das Gebüsch, für das man sich einmal entschieden hat. So was nennt man Verlässlichkeit und Edelmut. Nur Rindviecher würden das als Trägheit und Unflexibilität bezeichnen, pah!
So ähnlich läuft das auch bei uns. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann zieht sie es durch. Mit allen Konsequenzen. Sie steht voller Leidenschaft und Inbrunst dahinter. Ich bin in meinem Vorgehen vorsichtiger, abwartender, distanzierter. Dadurch kommt es vor, dass ich manchmal in meinem Handeln zögernd und zaudernd bin. Ich sehe den Zug erst, wenn er bereits abgefahren ist, während sie sich bereits eine halbe Stunde vor Einfahrt des Zuges beim Stationsvorsteher beschwert, wo dieser denn eigentlich bleibt.
Keine der beiden Verhaltensweisen ist besser; sie sind nur unterschiedlich. Vielleicht klappt es genau deswegen so gut zwischen uns, weil wir uns ergänzen und jeder das mitbringt, was dem Anderen fehlt.
„Du musst lernen, geduldig zu sein!“, sage ich immer zu ihr.
„Wenn ich mich nicht immer um alles kümmern würde, dann würde hier gar nix gehen!“, sagt sie immer zu mir.
Ich leere meinen Kaffee und mir dämmert, dass dies verdammt lange neun Monate für mich werden.
Die Horden in der Stadt halten sich glücklicherweise in Grenzen. Wir betreten die Erste Buchhandlung am Platze. Das, was wir suchen, wird vermutlich unter „Medizin“ zu finden sein, viertes Obergeschoss. Wir sehen es schon von Weitem, als wir die Treppe hochkommen. Eine ganze Wand ist zugepflastert mit ungefähr siebenhundertzweiundachtzig Büchern zum Thema „Eltern und Kind“. Siebenhundertzweiundachtzig Titelbilder von grinsenden blonden Schnecken mit dickem Bauch, die Babyschuhe über ihre Finger gestülpt haben. Null Bilder von aufgedunsenen Wöchnerinnen und blutverschmierten, mit Fruchtblasenresten übersäten Babygesichtern. Wie immer verschließt die Welt vor der nackten Wahrheit die Augen.
Wenn man die Auswahl zwischen ungefähr siebenhundertzweiundachtzig Dingen zum selben Thema hat, sollte man sich von seinem Gefühl leiten lassen und das nehmen, zu dem man sich im ersten Impuls hingezogen fühlt. Ich laufe auf die Regalwand zu und lasse meinen Blick schweifen.
„Wir nehmen das da!“, sage ich, greife ein Buch heraus und drücke es ihr in die Hand. Sie schaut mich an.
„Ich guck mal, was es hier sonst noch so gibt“, sagt sie in festem Tonfall.
Während sie sich ganz in Eltern-und-Kind-Büchern verliert, schaue ich mir Bücher zum Thema „Vornamen“ an. War mal wieder klar, dass alle Namen, die mir gefallen, nicht in solchen Büchern stehen. Stattdessen gibt’s so komische Namen wie „Rixa“. Als Kind hatte ich mal ein rostiges Fahrrad, das hieß so ähnlich. Wer, bitteschön, benennt sein Kind nach einem rostigen Fahrrad? Warum nicht gleich „Kettcar“ oder „Pucky“? Sehr interessant ist auch „Hildur“. Da soll sich bloß keiner wundern, wenn die grade achtzehn gewordene Hildur ihren Erzeuger auf Schmerzensgeld verklagt.
Zwanzig Minuten sind verstrichen. „Ich glaube auch, dass wir das da nehmen“, sagt sie. Na also – die zwanzig Minuten hätten wir uns sparen können. Wir stellen uns an der Kasse an und ich schlage eine beliebige Seite auf. „Sexualität in der Schwangerschaft“. Schon wieder eine eindrucksvolle Demonstration der Macht des ersten Impulses. „Viele schwangere Frauen empfinden es als angenehm, wenn sie im Vierfüßerstand, also auf Knie und Händen, im Bett kauern, und ihr Partner von hinten in sie eindringt. Zu empfehlen ist auch die sog. ‚Löffelchenstellung’, in der beide Partner auf der Seite liegen und der Mann die Frau von hinten penetriert (s. Abb. 2).“
Aha.
Gibt’s auch ein Buch für Fortgeschrittene?
Nach erfolgreichem Kauf eines Buches über Schwangerschaft steht als nächster Punkt die Strampler auf der Einkaufsliste. Also rein in den nächsten Klamottenladen und abtauchen in eine neue Welt, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Da Barbara die erste Person sein wird, die Bedarf an derartiger Ware hat, begebe ich mich an die Ständer für Jungen, während sie zielstrebig in Richtung Mädchen läuft. Ich vertraue wieder der Macht des ersten Impulses. Hellblaue Jogginghose, ungefähr zwanzig Zentimeter lang, dazu passende Jacke mit Kapuze, zwölffünfundneunzig. Sieht cool aus, die Kapuze hat was von Gangstarapper, Widder, Feuerzeichen, das passt, Preis ist auch okay.
Ich laufe rüber zu den Mädchen.
„Guck mal!“
Stolz präsentiere ich ihr meine Wahl.
„Das ist zu groß.“
„Woher willst du das wissen?“
„Steht doch hier, Größe sechsundfünfzig.“
„Ja und?“
„Größe sechsundfünfzig, zweiter bis vierter Monat, das ist zu groß. Außerdem ist doch dann schon Sommer, wenn es ihm passen könnte, und dann ist das viel zu warm.“
„Aha.“
„Schau nach Größe fünfzig.“
„Okay.“
Ich laufe zurück und bemerke, wie mich zwei junge Mütter mit ihren Kinderwagen anschauen, miteinander tuscheln und kichern.
Blöde Ziegen!
In Größe fünfzig gibt es leider keine coolen Gangstarapper-Klamotten. Nur irgendwelches altbackenes Zeug, das aussieht wie die Stofffetzen, mit denen mein Vater unseren roten Audi achtzig nach dem Waschen trocken gerieben hat, als ich im Vorschulalter war. Ich laufe zurück zu ihr.
„In Größe fünfzig gibt’s nix.“
Sie schaut mich mit einem Leuchten in den Augen an und strahlt über das ganze Gesicht.
„Guck mal, sind die nicht süüüüüß?“
Sie hält mir zwei rosa Sets mit Höschen und Jäckchen unter die Augen. Wenn bei Frauen etwas süß ist, dann kann man mit ihnen in eine vernünftige Diskussion bezüglich des von ihnen als solchen bezeichneten Gegenstands einsteigen. Ich habe jedoch gelernt, dass wenn etwas „süüüüüß“ ist, eine solche Diskussion absolut sinnlos ist, es sei denn, der Warenwert beläuft sich über einhundertfünfzig Euro.
„Ja, die sind wirklich schön!“, sage ich lächelnd.
„Welches gefällt dir besser?“
Achtung! Jeder Mann weiß: Jetzt bloß keinen Fehler machen! Jede falsche Antwort könnte der Auslöser einer mehrtägigen Beziehungskrise sein.
„Ich glaube, mir gefällt das Hellere besser, weil es etwas schlichter ist. Aber das Dunklere mit dieser Bordüre hat so etwas wunderschön Verspieltes.“
„Ich denke auch, dass wir beide nehmen sollten“, sagt sie und stapft zur Kasse.
„Diese Woche 50% Rabatt auf alle ausgezeichneten Waren“ steht auf großen Schildern. Puh, da hab ich ja noch mal Glück gehabt!
Soweit – so gut, aber den Strampler für Barbara haben wir immer noch nicht. Rein in den nächsten Laden. Auch hier verheißen die Nachgeburten des Winterschlussverkaufs ein billiges Vergnügen. Wir streifen durch die Jungen-Regale. Ein dunkelblauer Strampler mit Pulli erregt unser Interesse. Ein kleiner Löwenkopf ist draufgestickt. „Löwe, Widder, Feuerzeichen“ schießt es mir durch den Kopf. Außerdem ist ein lustiger Knopf mit Grinsegesicht drauf genäht. „Liegelind – Kids, Fun, Fashion“ steht drauf. Die Qualität scheint gut zu sein. Größe fünfzig passt. Ich drehe das Preisschild um. Fünfundzwanzigneunundneunzig. Hier haben wir also so was wie den Bugatti Veyron unter den Babystramplern.
Fünfzig Mark für ein Kleidungsstück in Puppengröße, dessen Bestimmung es ist, vollgekotzt und vollgeschissen zu werden! Fünfzig Mark… den trägt er doch grade mal acht Wochen!
Respekt.
Was für ein Glück, dass gerade Super-Schnäppchen-alles-muss-raus-Platz-für-Neuware-wir-bauen-um-Tage sind. Der Originalpreis ist schon mehrfach reduziert und am Ende legen wir für die S-Klasse unter den Babyklamotten einen schlappen Fünfer auf die Ladentheke. Und da soll noch einer sagen, Babykleidung wäre teuer! Es ist wahrscheinlich wie bei allem: Wer einen Haufen Geld ausgeben will, kann das sicherlich ohne Probleme machen. Es geht aber auch anders.
Bevor wir gehen möchte ich nur noch ganz schnell durch die Sportartikelabteilung. Kurz gucken, ob es Neuheiten bei Inlinern gibt. Auch hier werde ich Opfer des Schnäppchenwahnsinns. Aus „kurz gucken“ wird „nur noch in ein paar Kartons reinschauen“. Dann kommt ein Verkäufer.
Sie setzt sich mit den Stramplertüten auf einen Hocker und seufzt: „Das kostet dich nachher eine große Tasse Kaffee mit Kuchen!“.
Ich fahre vier Modelle Probe und verlasse den Laden mit ein paar neuen original Rollerblades, Neupreis: hundertneunundsiebzig Euro, mein Preis: fünfzig Euro.
Wir fragen uns, wie solche Rabatte sein können. Wie die Margen aussehen. Ob man das nicht alles ein bisschen anders gestalten könnte. Konsumentenfreundlicher. Generell und auf Dauer günstiger, nicht diese enormen Preissprünge. Dann hätten mehr Menschen was davon.
Und ich frage mich, ob meine Neuanschaffung, auf die ich so stolz bin, in diesem Sommer zum ersten und gleichzeitig auch zum letzten Mal zum Einsatz kommen wird. Aber ich hab schon gesehen, wie jemand auf Inlineskates einen Kinderwagen geschoben hat.
Geht alles.