Lizzi
Ich liege gerade allein auf dem Bett. Und wie ich so durch die Weiten des WWW surfe, entdecke ich, dass Gilly ihr Tagebuch aktualisiert hat. Und das zu einem Thema, das mich selbst bewegt.
Multiple Sclerose.
Ich kann leider nicht genau sagen, wie meine Mutter Lizzi kennengelernt hat. Aber ich kann sicher sagen, dass es über die Katzenzucht lief. DDR- Züchter schrieb Briefe mit Dänischen Züchtern der selben Rasse. So lernte man sich kennen. Über Jahre. Und nicht nur das: man brannte darauf sich zu treffen und als schließlich die Mauer fiel, saß ich in Dänemark und stellte fest, dass ich nun “ein kleines Bundesbürgerkind” bin.
Seit meiner Kindheit kenne ich Tante Lizzi und Onkel Erwin. Er ist ein 2m großer Mann, den mittlerweile das Alter beugt. Er hat eine künstliche Hüfte und auch Herzprobleme, übernimmt aber nach wie vor den größten Teil von Lizzis Pflege. Früher sorgte er allein für sie aber mit dem Alter wird das schwieriger.
Lizzi hat MS. Sie ist nun über 60 Jahre alt und lebt mit der Krankheit seit sie 18 ist. Sie kann nicht mehr gehen seit Anfang ihrer 20er. Und in den letzten Jahren sackt sie immer mehr in ihrem Rollstuhl zusammen, weil ihr die Kraft fehlt ihren eigenen Körper zu halten. Sie ist vom Rheuma gezeichnet und nach einem Unfall im letzten Jahr, bei dem sie sich beide Beine brach, geht es ihr zusehens schlechter. Bitte bedenkt: Sie lebt mit dieser Krankheit seit über 40- fast 50 Jahren! Und sie hat nie aufgegeben. Nie aufgehört zu hoffen, dass es eine Heilung geben könnte und sie wieder laufen wird. Nie. Ihre Hände sind vom Rheuma so verkrüppelt (es gibt kein anderes Wort dafür), aber sie malt Bilder damit, die unvorstellbar schön sind. Die so viel Lebenslust ausstrahlen, dass es unglaublich ist, dass Lizzi selbst so krank ist.
Sie war auf der chinesischen Mauer. Sie liebt China und die dortige Malerei und eine zeitlang war es ihr möglich dieses Land jedes Jahr zu besuchen. Und immerhin hat sie Katzen. Ich meine nicht nur eine. “La Douce” ist der Zwingername und nach wie vor hat sie ihre Perserchen. Sie liest gern, spricht mehrere Sprachen und ist unheimlich gebildet.
So oft sie können (vor allem gesundheitlich) kommen sie uns hier in Deutschland besuchen. Und es ist wunderbar, wenn sie da sind. Man hat sich immer so wahnsinnig viel zu erzählen und beim Abschied fließen Tränen, weil man zwar dankbar für den Besuch ist, aber auch immer die Angst hat, sie nicht wieder zu sehen. Sie sind so etwas wie Familie für mich und meine Schwester. Und ihnen im letzten Jahr Andy vorstellen zu können, war mir sehr sehr wichtig. Genauso ist es mir wichtig, dass ich ihnen meinen Sohn vorstellen kann. Es wird dadurch erst komplett.
Doch auch meine Gedanken an so viel Lebensmut haben einen bitteren Nachgeschmack. Jeder von uns hat mal eine schlechte Zeit. Oder eine Sorge, die einfach nicht abreißen will. Aber verglichen mit dem, was Lizzi als Last trägt, ist es lächerlich, dass ich mich über meine Rückenschmerzen beschwere. Es ist alles irgendwie lächerlich, wenn man an das Ausmaß einer solchen Krankheit denkt. So wie es auch bei Gillys Kundin der Fall ist. Und seltsamer Weise sind es genau diese Menschen, die es bestens verstehen einen aufzuheitern. Es reicht ein Lächeln, ein kleines Wort und die Welt scheint besser. Und das wäre sie dauerhaft, wenn man sich öfter vor Augen hält, wie gut es einem geht.
LG Schäfchen
Eingeordnet in Aus dem Nähkästchen
Sonntag, 28. Oktober 2007 at 09:44
Schäfchen - das hast du ganz wunderschön geschrieben! Und recht hast du damit! Über allem Ärger und allen Problemen, die man hat, sollte man nicht vergessen, daß das Leben lebenswert und vieler Kummer hausgemacht ist. (Puh - ich bin doch so nah am Wasser gebaut im Moment…
Trotzdem - über Rückenschmerzen darfst du immer schimpfen! Schon besser?
LG Kerstin