Selig.
Kaum ist der Zwerg auf der Welt, mutieren Eltern. Wir nehmen uns da gar nicht aus.
Beispiel Kirmes, Jahrmarkt, Rummel oder wie auch immer man das Ereignis nennen möchte.
Vor der Geburt des ersten Kindes schlurft man über den Platz, schaut hier mal, kauft da was, schlabbert einen Schoppen oder ein Bierchen, futtert sich einmal quer durch die Fastfoodpalette, testet die Neuheiten unter den Fahrgeschäften und schlendert irgendwann spät nachts wieder heim.
Nach der Geburt des ersten Kindes ist alles anders. Im ersten Jahr packte ich Junior - der damals gerade sieben Monate alt war - nach dem Mittagsschlaf in unseren Glückskäfer-Tragesack und schlenderte mit ihm über den Platz, schaute hier mal, kaufte dort was, aß etwas Nichtblähendes, um mein Stillkind nicht zu belasten, rannte zwischendurch mit meinem Stillkind zum Auto, um es zu stillen, ging noch einmal im großen Bogen um die lauten Karussells herum zu den Marktständen, kaufte pädagogisch wertvolles Holzspielzeug und schlich nach insgesamt zwei Stunden heim. Zwei Stunden! Dafür hätte ich früher nicht mal den Weg dorthin auf mich genommen. Aber Zwergi war’s sicher etwas laut.
Im zweiten Jahr verlief es ähnlich, nur saß Junior (inzwischen 1,5 Jahre alt) da in Papas Rückentrage und fand den Krach und die bunten Lichter toll. Ansonsten: siehe oben. Zumindest weitgehend. Nur ein einziges Mal ist er im Kinderkarussell gefahren, da musste Papa mit, damit er nicht aus dem Feuerwehrauto fiel. Nach zwei Stunden sank Knirpschens Kopf nach vorn aufs Polster der Rückentrage, er ratzte mitten im größten Kirmesgetöse selig ein.
Im dritten Jahr wurde alles anders. Er wollte mitmschen. Vorher haben wir klare Regeln vereinbart: Einmal darf er fahren im Karussell, danach ist Schluss, ohne Geschrei und Theater, sonst geht’s sofort heim. Hat gut geklappt. Wir hatten nur die Anzahl der Kinderfahrgeschäfte etwas unterschätzt. So standen wir denn einträchtig Seit’ an Seit’ vor dem Karussell, winkten jedes Mal, wenn Junior im Gabelstapler, im Feuerwehrauto oder in der Lok vorbeisauste, strahlend unserem Goldschatz zu. Und um uns herum standen Eltern, grinsten breit und winkten voller Stolz ihren Gören zu. Irgendwie sahen sie ein wenig debil aus. Es hat einen Moment gedauert, bis wir bemerkten, dass wir nicht minder dämlich grinsten. Aber gut. Junior winkte begeistert zurück, strahlte wie ein Honigkuchenpferd von einem Ohr zum anderen. Vier Stunden hat er ausgehalten, danach ist er wieder in der Rückentrage eingeschlummert.
Jetzt ist er 7,5 Jahre alt. Kinderkarussells findet er peinlich. Stattdessen muss mein Mann mit ihm jetzt in jede Höllenmaschine, die Kinder unter 8 Jahren und kleiner als 1,29 Meter nicht ausdrücklich ausschließt. Und wer steht am Rand und winkt wie eine Grinsekatze brav bei jeder Runde? Ich natürlich. Und ich bin froh, dass es anderen Müttern ganz genauso geht. Noch winkt der Kleine tapfer zurück - meistens jedenfalls. Und wenn nicht, ist da ja immer noch mein Mann, der wacker grinst und winkt. Die alte Regel gilt immer noch: Einmal Fahren, danach ist Schluss ohne Gemeuter. Ins Geld geht das auch - nicht nur wegen der Karussells, die für zwei Leute auch nicht gerade kostenlos sind. Nein, auch das Catering haut rein: Der Kleine futtert auch inzwischen lieber auswärts als Butterbrote von daheim. Chinesisch, Italienisch, Mexikanisch, Elsässisch, Pfälzisch, Polnisch - er mampft sich einmal quer durch. Wir haben uns angewöhnt, immer eine Portion für uns alle zu kaufen, da kann man mehr probieren. Auch zeitlich dehnen sich unsere Aufenthalte immer mehr aus. Vier Stunden? Dafür lohnt sich die Anreise doch gar nicht.
Ein paar Jahre noch, dann wird es ihm peinlich sein, uns auf der Kirmes auch nur zufällig zu treffen. Aber bis dahin genießen wir es noch.
Freitag, 19 September 2008 at 19:30
Phase 2: Karusellfahren mit Mama hat Zwacki-Baby schon über sich ergehen lassen. Aber das war auf dem Herbstfest Anfang September.
Morgen fängt die Wies´n an und ein Besuch steht schon fest in unserem Kalender. Mal sehen wo ich diesesmal meinen Kleinen reinzwinge weil ich es für eine sehr wertvolle pädagogische Erfahrung halte
Lg
suessesiex
Sonntag, 5 Oktober 2008 at 20:07
Kommt mir sehr bekannt vor - hab auch schon manchmal gedacht, was für ein dämliches Bild man doch abgibt als Winke-Mama, zumal, wenn sich der Sohn viel lieber mit Hupe, Glocke oder Lenkrad beschäftigt als der Mama zu winken
Ich hoffe immer noch, daß uns die Höllenmaschinen erspart bleiben - dann wäre ich nämlich dran
Mori