Matt.

Das war ein aufregender Tag. Juniors erstes Schachturnier. Ich hatte an ein paar Kinder gedacht, die ein paar Runden Schach spielen. Weit gefehlt! Ein Riesensaal. Voll gestellt mit langen Tischen. Und 300 Jungen und Mädchen zwischen 5 und 18 Jahren. Junior war schier erschlagen von diesem Auftrieb. Ganz klein und zusammengesunken hockte er an dem ihm zugeteilten Brett und wartete auf seinen Gegner. Mir brach es das Herz, als ich ihn so bibbern sah. Eltern durften während der Runden nicht im Spielbereich rumschwirren, so musste ich von einer Empore aus hilflos zuschauen.

Die Aufregung schlug auch gleich auf die Konzentration durch. Junior schaute interessiert, was an den anderen Brettern der U8 so passierte, während sein eigenes Spiel langsam, aber sicher in die Wicken ging. Völlig entsetzt schaute er seinen Gegner an, als der plötzlich “Schach matt” quiekte.

In der Pause dann ein wenig Trostkuscheln. Er war ganz aufgeregt, wollte bloß die nächste Runde nicht verpassen. Hurtig rannte Junior in den Saal, um nachzuschauen, ob die Liste der Begegnungen in Runde 2 schon hing. Schnauzte ihn ein Schiedsrichter an: “Der Aufenthalt im Spielbereich ist nach Ende des eigenen Spiels nicht erlaubt. Das gibt fünf Minuten Zeitabzug für dich!” Kreidebleich wankte der kleine Mann nach draußen. In meinen Armen brachen die Tränen aus ihm heraus. Er schluchzte und schluchzte, war gar nicht zu beruhigen. Ich wieder mit ihm rein. Die Liste hing dann, Sohn fand seinen Platz am neuen Brett und seinen neuen Gegner. Er heulte unverändert voller Verzweiflung weiter. Dann habe ich mir den nächstbesten Schiedsrichter zwecks Klärung der Situation gepackt. Der schaute mich irritiert an und kicherte: “Das war doch nur ein Scherz!” Haha. Mit einem Siebenjährigen bei seinem allerersten Schachturnier sollte man nicht scherzen. Niemals. Ich habe mir den Schiri am Kragen gepackt und ihn zu meinem Häuflein Elend geschleift. Der hat ihm dann zähneknirschend geschworen, dass das nicht ernst gemeint war und er die volle Zeit spielen darf.

Mit der Konzentration war’s dann natürlich dahin. Logisch, Spiel 2 ging auch daneben. Und in der Pause flossen wieder dicke Tränen. “Ich hab keine Lust mehr, ich verliere ja doch immer”, wimmerte er in meinen Armen. Eine Bekannte aus dem Schachverein sah uns und kam herbei. “Weißt du, mein Sohn hat in seinem ersten Schachturnier keinen einzigen Punkt geholt. Da dachten wir schon, das wär’s mit dem Schachspielen, so traurig war er”, erzählte sie. Sohn straffte die Schultern. Deren Sohn ist sein Schach-Idol, er spielt mittlerweile in einem großen Verein auswärts, trainiert täglich mehrere Stunden. Und der hatte in seinem ersten Turnier auch nicht mehr Glück. Ich konnte zusehen, wie mein kleiner Junge wuchs.

Runde 3 ging schon wieder ganz schlecht los. Sohn hatte vor lauter Heulen vergessen, aufs Klo zu gehen. Und er musste ganz nötig. Mitten im Spiel hampelte er auf seinem Stuhl herum, sodass ich dem Schiedsrichter zuraunte, er solle ihm kurz erklären, dass er auch während des Spiels zur Toilette gehen dürfe. Doch Junior wollte nicht. Er sah seine Felle davonschwimmen, fing mitten im Spiel zu weinen an, schlug sich verzweifelt mit der Hand vor den Kopf. Dabei stand er gar nicht schlecht mit einem Turm und einem König, während der Gegner nur noch einen König hatte. Aber er war so verkrampft und nervös, dass er die Chance gar nicht sah. Am Freitag noch hat er im Training Matt mit einem Turm geübt - und nun das. Ein flehender Blick traf mich auf der Balustrade. Dann machte es plötzlich “klick” - und er spielte den trainierten Zug perfekt. Eine kleine Faust reckte sich empor und ein “Ja!” erklang. Eher unüblich beim Schach. Aber ich gestehe, ich habe in bester Fußballfanmanier ein kleines Tänzchen aufgeführt. Was für eine Erleichterung!

Sohn rannte zur Turnierleitung, meldete - strahlend wie ein Honigkuchenpferd - seinen Sieg und flitzte zum Brett zurück, um die Figuren wieder aufzustellen. Das macht man nämlich beim Turnier so. Erst danach flog er in meine Arme - und dann wie der Blitz zur Toilette. Gerade noch rechtzeitig.

Überglücklich hopste er über das Außengelände. Hochmotiviert stürzte er sich ins nächste Spiel - und gewann erneut. Dann riss die Glückssträhne. Aber da war’s ihm egal. Er hatte schon 2 Punkte! Und sein Idol hatte keinen einzigen. Dazu gesellte sich im Turnierverlauf noch ein dritter Punkt in einer spielfreien Runde.

Junior war selig. Er hatte 3 Punkte. Und: Er wurde nicht Letzter. Davor hatte er große Angst. Das Schönste: Er hat eine Medaille bekommen. Die gab’s für jeden Teilnehmer, aber das ist einem Siebenjährigen wurscht. Die Medaille ist im Moment sein liebster Schatz, den er hütet wie seinen Augapfel.


2 Kommentare zu “Matt.”

  1. Tante Heinz schreibt:

    Ach Du liebe Güte, was für eine Aufregung. Ich wäre auf der Balustrade tausend Tode gestorben und hätte einige Tränchen mitgeweint.
    Wie schön, dass die drei Punkte sein Selbstbewusstsein wieder pimpen konnten - dann war das sicherlich nicht euer letztes Schachturnier, was?

    Lieben Gruß,
    Tante Heinz

  2. suessesiex schreibt:

    *heul* So viel Aufregung für den kleinen Junior!

    Ich bin, auch wenn ich ihn nicht kenne, sehr stolz auf ihn und seine erste Medaillie.

    LG
    suessesiex

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