Geflaggt.

Ja, ich geb’s zu. Auch wir sind im Deutschlandfieber. Ich muss mich erst noch dran gewöhnen. Wer über 40 ist, hat wohl sein Leben lang ein Problem mit der nationalen Identität. Dazu kommt noch unsere politisch alles andere als rechte Gesinnung. Da tut man sich schwer. Aber wie erkläre ich meinem siebenjährigen Sohn, dass er, der von all den düsteren Stunden deutscher Geschichte nichts weiß, nicht stolz darauf sein darf, in diesem Land zu leben?

Wir finden Toleranz wichtig. Und wir versuchen, es ihm vorzuleben: “Lieber bunt als braun” stand auf einem Plakat, das wir mal zu einer Antinazi-Demo mitgenommen haben. Und so versuchen wir zu leben. Wir haben aus dem Ausland stammende Freunde - wer denn heute nicht? Wir reisen gern in andere Länder. Wir erzählen ihm viel von unseren Reisen nach Gambia, nach Mexiko, von den Menschen dort. Wir schauen zusammen Fotos an. Wir hatten auch schon Besuch aus Gambia. All das tun wir gern.

In unserer Straße herrscht Multikulti pur. Wohlgemerkt: Kleinstadt, kein sozialer Brennpunkt, Neubaugebiet. Alles ganz normale Familien. Die Straße ist relativ kurz. 29 Häuser. Eine mazedonische, eine türkische, vier portugiesische, eine polnische, sechs deutsch-russische, 15 deutsche Familien und ein Kindergarten. Außer den Deutsch-Russen (die zum großen Teil aus Kasachstan kommen) haben alle Familien ihre Nationalflaggen aufgehängt. Das sieht hübsch bunt aus.

Ich habe mich halbherzig überwunden: Unsere Deutschlandfahne (natürlich an  meinem fast acht Meter hohen Fahnenmast) hat neben den deutschen Farben noch einen riesigen Fußball in der Mitte. Nur damit klar ist, dass sich meine nationale Gesinnung ausschließlich auf dieses Feld bezieht. Und ja, wir haben auch so ein albernes Deutschland-Fähnchen am Auto. Ich schäme mich nur noch manchmal dafür. Nein, stimmt nicht. Eigentlich ist es mir immer noch irgendwie unangenehm. Aber ich halte es tapfer aus. 

Junior trägt sein Deutschland-Trikot mit Begeisterung. Er hat eine Deutschland-Kappe, eine kleine Fahne zum Schwenken, eine Klatschhand im Deutschland-Look, zwei Deutschland-Klebe-Tattoos, eine schwarz-rot-gelbe Hawaii-Blumenkette. Liegt alles schon parat fürs Spiel heute. Denn ich Rabenmutter, die beim Spiel gegen Polen noch unerbittlich darauf bestand, dass der Junge um 20 Uhr ins Bett muss, habe mich erweichen lassen. Morgen bekommen die Grundschüler ihre Zeugnisse, den Rest des Schuljahres bis zum kommenden Mittwoch läuft ohnehin nichts mehr. Also darf er heute Fußballgucken. Ausnahmsweise. Und ich bin froh, dass ich  nicht wieder das Gezeter im Haus habe….

Nachtrag: Nach der ersten Halbzeit ist er brav und kommentarlos ins Bett gegangen. Liebes Kind. Und ich habe nicht weiter geschaut, weil ich sonst unter extremem Bluthochdruck leiden dürfte. Ich halte soviel Spannung nicht aus.


Ein Kommentar zu “Geflaggt.”

  1. Schweden schreibt:

    Liebe shusl,

    ich kann das sehr gut nachvollziehen, ich habe bei den Spielen auch immer Nervenflattern..furchtbar. Ich zappe meistens immer alle paar Minuten um.

    Lg
    Schweden

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