Archiv für April, 2008

Getroffen.

Mittwoch, 30 April 2008

Murphy ist wieder mit uns heute. Eigentlich begann es gestern schon. Ich war beim Hausarzt. Der kennt mich schon länger und zückte gleich die kleine Spritzen, mit denen er meinen Nacken alle paar Wochen wieder ins Lot bringt. Nach 13 Stunden Sonntagsdienst am Rechner mit einer Menge Technik-Ärger war das auch bitter nötig. Und weil ich grad dort war, habe ich mein Fußleid geklagt. Bingo. Wieder ein Fersensporn. Nur diesmal links. Also wieder neue Einlagen, die in keinen vernünftigen Schuh passen. Super. Und es ging nahtlos so weiter.

Junior wurde von einer Wespe in den linken Daumen gestochen. Das tut höllisch weh, weiß ich noch aus eigener leidvoller Erfahrung. Der beste Vater von allen rannte gleich los, um Spitzwegerich auf dem verwilderten Grundstück nebenan zu pflücken. Ja, das funktioniert wirklich. Altes Hausmittel aus der Familie von meinem Onkel Karl-Heinz. Wir haben ein paar Blätter Spitzwegerich zwischen den Fingern gerieben und das Ganze auf die Einstichstelle gedrückt. Nach etwa zehn Minuten waren die Schmerzen weg und von einer Schwellung nichts mehr zu sehen.

So weit, so gut. Bis heute. Da schwoll der Daumen plötzlich wieder an, wurde ganz heiß. Der Stachel ist nicht mehr drin, soweit man das sehen kann. Ich habe ihm nochmal Arnica-Kügelchen gegeben. Wir beobachten das weiter. Für eine allergische Reaktion ist es eigentlich zu spät. Hoffentlich wird das keine Blutvergiftung. Hatte ich als Kind mal. Sehr unangenehm.

Dann rief mittags der Mann unserer Putzfee an. Die wollte eigentlich heute arbeiten - aber sie hat die Nacht und den Vormittag über der Kloschüssel verbracht. Magen-Darm-Virus. Nichts ist mit Putzen. Nächste Woche kann sie auch nicht kommen, da muss sie mit ihrer Tochter ins Krankenhaus. Verstehe ich alles, tut mir aufrichtig leid für sie. Aber für uns ist es auch wenig erfreulich. Drei Wochen ohne Putzfee, das wird hart.

Ich habe mir dann heldenhaft das Wohnzimmer vorgeknöpft und sogar in den Schränken gewienert und deren Inhalt gereinigt. Das macht sie nämlich nicht, die Fee - wie denn auch, wenn sie nur drei Stunden pro Woche kommt. Wir  haben sogar das Aquarium auf Hochglanz gebracht und den Ofen sommerfertig gemacht. Was für eine Plackerei. Frühjahrsputz nennt meine Mutter sowas. Richtig schön sieht’s jetzt wieder aus.

Und als ich gerade aufhören wollte, hat sich mein geliebter Mann einen kostspieligen Ausrutscher erlaubt. Er wollte die Zeitung zusammenfalten und langte aus unerfindlichen Gründen mit seinen Fingern gegen die Esstischlampe. Ein sündig teures Designer-Teil aus unseren kinderlosen Doppeleinkommen-Zeiten. Und mit großem Getöse landete die Lampe auf dem geölten Vollholztisch aus eben jenen Zeiten. Lampe in tausend Stücke, Tisch mit fetten Macken. Volltreffer. Ob das wohl die Hausratversicherung zahlt? Wir haben extra eine zusätzliche Glasbruchversicherung. Aber ob darunter auch die noble Leuchte fällt? Natürlich ist es erst nach 17 Uhr passiert, unser Versicherungsfritze hatte schon Wochenende. Aber egal. Immerhin ist niemand verletzt.

Da wir grad dabei waren, wuselte ich wie ein Derwisch  mit Lappen und Staubtuch durch die Küche, bevor mein Gemahl den Staubsauger anwarf. Und den Mal- und Bastel-Krimskrams in Juniors Papp-Schubladen-Schränken habe ich auch noch gleich sortiert. Danach sah nun auch die Küche blitzblank aus. Vorbildlich. Und weil ich grad so im Schwung war, ging’s auch noch dem Gäste-WC an den Kragen. Endlich habe ich all die Ecken gewienert, für die die Putzfee keine Zeit hat. Also blinkt und blitzt es auch dort.

Eigentlich wollte ich heute im Garten rumwühlen. Bügeln. Einkaufen. Eigentlich. Aber Murphy wollte es anders. Jetzt hocke ich hier, betüddele mein Kind, dem der geschwollene Daumen weh tut. Mein Nacken schmerzt dank der Plackerei mehr denn je. Der Effekt der Spritzen ist verflogen. Ich werde mir ein Körnerkissen warm machen. Wird schon.

Wir haben ein sehr langes, freies Wochenende vor uns. Und wir wollen das verdammt nochmal genießen. Murphy, hau ab!

Gewonnen.

Dienstag, 29 April 2008

Hauptgewinn! Einfach so und völlig unerwartet! Heute rief der Mann vom Schalke-Fanclub an. Er hat noch vier Karten fürs Samstagsspiel auf Schalke. Der Haken: Es sind lausig teure Karten. Eigentlich kosten sie 46 Euro plus Busfahrt. Aber weil eine Menge Leute mit dem Bus mitfahren, die keine Fanclubkarten brauchen, aber eben den Bus zahlen, bietet er sie uns für 35 Euro inklusive Busfahrt an. Hurraaaaaa! Junior hat schon die Fahne rausgekramt, das Trikot bereitgelegt und das Lied geübt, das wir immer singen, wenn Schalke ein Tor schießt: “Ein Leben laaaaaang, blau und weiß ein Leben laaaaaang”

Schalke gegen Hannover 96 - und wir sind dabei. Auf der Gegengeraden, auf teuren Plätzen in Höhe der Mittellinie. Besser geht’s grad nicht. Und obendrein ist schönes Wetter mit 21 Grad angesagt. Da werden wir nicht so grauslich frieren müssen wie beim Nürnberg-Spiel in der Hinrunde kurz vor Weihnachten.

So. Das musste jetzt mal raus. Wir freuen uns wie die Schnitzel!

Gerannt.

Montag, 28 April 2008

Schülerlauf. 489 Grundschüler am Start. Junior mittendrin. Pro Runde sind’s 450 Meter. Und pro Runde bekommt Junior von jedem Sponsor 1 Euro. Sieben Sponsoren hat er sich gesichert. Sieben Leute  haben auf seiner Liste unterschrieben. “Naja”, meinte er siegesgewiss, “so vier Runden werde ich wohl schaffen.” Ich hatte da so meine Zweifel. 1800 Meter laufen? Das schafft der nie, dachte ich.

Falsch gedacht. Die Atmosphäre, der Jubel der vielen Zuschauer, die Musik - das alles habe ihn mitgerissen, sagt er. Und unser Laufwunder hat zwölf Runden geschafft. Zwölf! In Worten: Zwölf! 5400 Meter ist der kleine Mann gerannt. Und hinterher hatte er zwar rote Wangen, aber er hätte durchaus noch weiter laufen können.

Wir sind mächtig stolz auf unser sportliches Kind. Aber ein bisschen weniger Ehrgeiz hätte es in diesem Fall auch getan. Denn so schleppt er morgen stolze 84 Euro (7x 12) in die Schule. Schön für die Schule. Denn es soll etwas für die Ausstattung des Pausenhofs getan werden. Junior hofft, dass auch noch ein Klassenball drin ist.

Nur gut, dass wir vorgewarnt waren von anderen Eltern. Die Kinder würde über sich hinauswachsen, hieß es von vielen Seiten. Eine Oma soll mal - so wird erzählt - 5 Euro pro Runde geboten haben - und der Enkel schaffte 10 Runden. 50 Euro von einer einzigen Oma, das ist schon happig. Und wir wollten ja den Schulhof nicht allein bezahlen. Meine Mutter, ganz brave Oma, wollte dem Kind 10 Euro pro Runde geben. In der Gewissheit, dass 450 Meter für einen Siebenjährigen ja auch ganz schön weit ist. Gut, dass wir sie gebremst haben.

5400 Meter. Wer hätte das gedacht. Wenn Junior 5,4 Kilometer mit uns spazieren gehen sollte, wäre die Stimmungslage etwas anders. Nach dem Schülerlauf war er überglücklich.

Geklärt.

Sonntag, 27 April 2008

Neulich im Naturkundemuseum bekam eine Kindergruppe eine spezielle Führung. Da gab’s auch einen Bienenstock. Ein kleiner Junge fragte besonders interessiert. Vielleicht 5 Jahre alt. Höchstens. Wie die sich denn vermehren würden, wollte er wissen. Die Museumspädagogin schilderte wortreich das Leben der Bienenkönigin, das Legen der Eier, die Tätigkeit der Arbeiterinnen und so weiter und so fort. Der Knirps antwortete: “Ach, ich dachte die hätten auch Sex.” Atemlose Stille im Raum. Leises Glucksen kam von der Betreuerin. Die Museumsführerin schaute reichlich irritiert, fing sich aber rasch wieder und redete einfach weiter über Waben, Honig und Co.. Mehrere Mütter schlichen eilig mit ihren Kindern weiter zu den Mineralien. Keine schlechte Idee, fand ich. Die kopulieren wenigstens nicht.

Aber nun hat uns das Thema doch daheim eingeholt.  Ein heikles Thema. Denn unsere Kaninchen entwickeln gewisse sexuelle Aktivitäten. Man könnte auch sagen, sie berammeln sich gegenseitig (ja, so heißt das wirklich unter Experten *lol* ). Nun ist Junior auch nicht entgangen, was da vor sich geht. Er schaut mich an. Ein Mensch gewordenes Fragezeichen. “Mama, was machen die da?” Öhm. Ja.

Also mit der Aufklärung sind wir  noch nicht sooo weit fortgeschritten. Es kamen einfach bisher keine Fragen zu Details. Also haben wir’s dabei belassen, dass man für die Zeugung eines Babys ein Ei von der Mama und Samen vom Papa braucht.

Nun sind unsere Kaninchen aber beide Jungs. Die Herren versuchen es dennoch wacker. Ich erkläre meinem Kind also tapfer: “Tja, so machen das die Hasen, wenn sie Babys machen wollen.” Sohn schaut es sich interessiert an. Wenig später nimmt er die Herren nacheinander aus dem Käfig und hält sie vor sein Gesicht. Ich höre seine Worte, aber kann sie nicht glauben. “Also, ich erklär’s dir jetzt mal. Ihr könnt keine Babys  machen, weil ihr beide Männer seid. Das geht nicht. Kapiert?” redet er erst Flöckchen und dann Wölkchen ins Gewissen. Wo er nur den Tonfall her hat? *lol* Als sie wenig später wieder loslegen, huscht Junior vor den Käfig und mahnt: “Hey, ihr könnte aufhören. Das funktioniert  nicht bei zwei Männern! Ist das so schwierig zu verstehen?”

Wir lassen das Thema erst mal auf sich beruhen. Gestern traf ich seine Klassenlehrerin. Die grinst von einem Ohr zum anderen. “Wissen Sie, was mir Ihr Sohn erzählt hat? Er kam ganz aufgeregt in die Schule und rief: Frau X., Frau X. meine Kaninchen hätten heute beinahe Babys gemacht!” Ich schlucke. Genau. Er hat den Rest auch erzählt. Klar. Er erzählt ja quasi alles aus unserem Leben. Also verkündete er: “Aber die wissen noch  nicht, dass sie beide Männer sind. Da funktioniert das doch gar nicht!” Sie hat sehr gelacht. Ich auch.

Gekracht.

Donnerstag, 24 April 2008

Rumms machte es im Schlafzimmer. Nein, nicht das Bett ist gekracht. Ein Regalboden mit Kleiderstange dran ist runtergedonnert. Und natürlich in meiner Hälfte des Kleiderschranks. War ja klar. Da habe ich wohl zu wenig aufs Regal gepackt und an die Stange gehängt. Ich bin bedient. Meine gesamten Klamotten liegen auf dem Bett. Und ich muss alles sortieren - denn sonst wird der Ärger mit dem Regalboden leider nicht weniger werden. Also ist Ausmisten ohne Ende angesagt. Und dazu habe ich heute zufällig überhaupt keine Lust. Ich wollte mir einen gemütlichen Abend machen. Und nun das.

Ich habe mir schon mal zwei Säcke für die Altkleidersammlung hervorgekramt. Alles, was ich mehr als ein Jahr nicht getragen habe - aus welchen Gründen auch immer - wird gnadenlos in den Sack gestopft. Da sind ein paar richtig alte Schätzchen ans Licht gekommen. Mein T-Shirt aus Barbados zum Beispiel. Das passt Junior inzwischen schon fast. Ich kann mich nicht davon trennen, aber ich vererbe es ihm. Und ich muss zugeben, dass so einige Klamöttchen nun ja, ein wenig knapp geworden sind mit der Zeit. Einige Teile sind im Laufe der Jahre im Trockner eingelaufen. Und aus dem einen oder anderen Stück bin ich irgendwie rausgewachsen. Ich weiß auch nicht…

Jetzt trinke ich noch in Ruhe meine Bionade zu Ende, mampfe ein klitzekleines Schokolädchen - und dann werde ich innerlich gestählt ans Werk gehen. Nicht gerade frisch, aber tapfer ans Werk.

Es gibt Dinge, die müssen am Ende eines schönen Tages eigentlich nicht sein. Aber wer fragt mich schon?

Nachtrag: Ich hab’s tatsächlich geschafft. Und weil ich grad so schön im Schwung war, habe ich auch  noch die andere Hälfte meiner Kleiderschrankhälfte durchforstet. Zumal auch dort die Kleiderstange schon bedrohlich durchgebogen war. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: ein komplett aufgeräumter, superordentlicher Kleiderschrank, zwei große Altkleidersäcke prallgefüllt mit Klamotten, von denen ich mich relativ schmerzfrei trennen konnte. Aber ein paar Schätzchen habe ich dann doch wieder in den Schrank gehängt. Den Blazer zum Beispiel, den ich vor 14 Jahren bei der standesamtlichen Trauung getragen habe. Mein Brautkleid. Einen sündig teuren grauen Gehrock, der todschick ist, aber leider derzeit ein wenig stramm sitzt. Und meine uralten Lieblingsstücke, die im Grunde nur noch für die Gartenarbeit taugen, aber immer noch Lieblingsstücke sind, bis sie ganz auseinander fallen.

Sogar meine sämtlichen Nachthemden und Schlafanzüge habe ich ausgemistet. Dabei ist mir etwas aufgefallen: Ich glaube, ich habe einen Schlafanzugtick. Kein normaler Mensch braucht derartig viele Schlafanzüge. Ich habe großzügig aussortiert - und es sind immer noch mindestens 20 Schlafanzüge in allen möglichen Farben, Formen, Längen und Mustern übrig. Dazu noch bestimmt 15 Nachthemden. Dabei trage ich eher ungern Nachthemden. Unfassbar, diese Mengen. Ich sollte darüber einmal mit meinem Therapeuten sprechen, wenn ich einen hätte. Ob das etwas zu bedeuten hat? Tiefenpsychologisch, meine ich.  

Gelöscht.

Mittwoch, 23 April 2008

Auweia. Manchmal glaubt man nicht, was so passieren kann. Vorhin rief mein Chef an. Ich war grad ein paar Minuten zu Hause. Ein Kollege hat das gesamte Bildregister gelöscht. Versehentlich. Mr. Ungeschickt. Hauptgewinn. Und nun hatten die Herren das zweifelhafte Vergnügen, sämtliche noch nicht veröffentlichten Fotos aus den Tiefen der Mail-Ordner herauszusuchen. Schade, ich konnte gar nicht hinfahren und mithelfen. So ein Pech. Aber wir haben hier fliegenden Wechsel gemacht, weil mein Mann zur Arbeit musste. Wirklich schade. Ich hätte den Kollegen zu gern dabei gesehen, wie er verzweifelt Hunderte von Mails durchforstet…

Getarnt.

Dienstag, 22 April 2008

Wir waren in der verbotenen Stadt. Inkognito. Das blaue Auto mit den Schalke-Aufklebern und dem Schalke-Schal blieb zu Hause, die diversen Schalke-Klamotten auch. Unser Sohn - eingetragenes S04-Mitglied - bekam die strikte Anweisung, jeglichen Würgereflex zu unterdrücken, keine offenen Unmutsäußerungen von sich zu geben.

Denn wir waren am Samstag in Lüdenscheid-Nord. Am Pokalendspieltag. Die Innenstadt war schwarz-gelb vor Menschen. Bierselige Glückseligkeit pur. Das ist für ein blau-weißes Herz nur schwer zu ertragen. Zumal unsere Schalker ja schon in Wolfsburg mit wehenden Fahnen im Pokal untergegangen sind. Wir sind dennoch tapfer durch die Geschäfte gezogen (nachdem wir auf besonderen Wunsch eines kleinen Mannes das Naturkundemuseum mit seiner üppigen Mineralienausstellung besichtigt hatten). Sogar in den Läden war schwarz-gelb dekoriert. Das war schon hart. Aber wir haben weder herumgepöbelt, noch unflätige Kommentare abgelassen.

Ein Verkäufer im Sportgeschäft hat uns dennoch enttarnt. Welche Farbe denn seine neuen Inliner haben sollten, fragte er den Knirps. „Blau-weiß natürlich”, strahlte der von einem Ohr zum anderen. Der Mann schluckte: „Sind Sie etwa…?” Ich nickte verstohlen: “Aber heute haben wir uns getarnt”, raunte ich ihm zu. Er grinste verständnisvoll: “Eine sehr weise Entscheidung.” Die Inliner im Schalke-Look hat er Junior trotzdem verkauft.

Geheilt.

Freitag, 18 April 2008

Heute vor einem Jahr hatte Junior seinen  Unfall im Kindergarten. Nie in meinem Leben werde ich diesen Tag vergessen. Kurz vor Mittag rief der Kindergarten an, der Junge habe sich geklemmt. Ich dachte mir nichts Böses, ging kurz rüber. Schon an der Tür empfing mich eine Erzieherin mit den Worten: “Kriegen Sie keinen Schrecken, da fehlt ein Stück vom Finger!” Mein Kleiner saß kreidebleich in der Kindergartenküche. Kein Wort, keine Träne. Ein Häuflein Elend. “Mamaaaa”, war alles, was er hervorbrachte. Er war über und über voller Blut. Sein linker Ringfinger war in einen dicken Verband gepackt. “Sie müssen sofort ins Krankenhaus mit ihm”, sagte eine Erzieherin. Was passiert ist, konnte er mir nicht sagen. Er habe sich auf einen Liegestuhl gesetzt, erzählte eine Erzieherin. So ein unseliges Ding aus Holz mit einem eingespannten Tuch. Der Stuhl sei zusammengeklappt. Beide Ringfinger steckten fest. Der linke Ringfinger wurde wie mit einem Hackebeil in der Hälfte des Fingernagels abgetrennt. Die Hälfte des oberen Fingergliedes fehlte völlig, da war nichts mehr übrig, das man annähen könnte. Der rechte Ringfinger hatte nur ein paar Schrammen abbekommen.

Voller Panik bin ich die paar Meter heimgerannt, habe mein Auto geholt. Mein Kleiner saß neben mir auf seinem Lieblingsplatz im Kindersitz, eine Erzieherin hinter ihm, sie hielt seinen linken Arm hoch. In der Ambulanz kamen wir sofort dran. Der Knochen war vorn abgesplittert, der Nagel teilweise abgetrennt, der Rest zermatscht. Junior bekam eine Packung Schmerzsaft. Und seine Mutter fiel erst mal in Ohnmacht, als der Finger fertig verbunden war. Typisch. Ich kam mir vor wie der letzte Depp.

Geweint hat er auch in der chirurgischen Ambulanz nicht. Erst zu Hause, als die Tür zu war und wir im Wohnzimmer auf der Couch saßen, flossen Tränen ohne Ende. Der kleine Kerl zitterte am ganzen Körper. Stunden haben wir da verbracht. Arm in Arm.

24 Termine hatten wir in den nächsten Monaten in der Ambulanz. Erst heilte es ganz gut. Dann bildete sich plötzlich wildes Fleisch auf dem alten Nagelbett. Nach einigen Versuchen, es wegzuätzen, wurde es weggeschnitten. Bei örtlicher Betäubung. Mein Kleiner war so tapfer.

Die Wunde auf seiner kleinen Seele hat sich lange gehalten. Vor ein paar Monaten, lange nach dem Unfall, fing er abends plötzlich zu weinen an. Der Unfall sei allein seine Schuld gewesen. Er habe den Stuhl bestimmt nicht richtig aufgebaut. Und deshalb sei der zusammengeklappt. Nun hätten wir es der Versicherung des Kindergartens gemeldet, obwohl es doch seine Schuld gewesen sei. Jetzt kämen wir bestimmt alle ins Gefängnis, schluchzte er. Es war ihm bitter ernst. All die Monate hat er diesen Gedanken mit sich herumgeschleppt, nie ein Wort darüber gesagt. An diese Abend haben wir lange miteinander geweint. Es tat mir so weh, dass er mit dieser Sorge allein gekämpft hat, all die vielen Wochen lang. Und er war so erleichtert, dass ich ihn einfach nur in den Arm genommen habe, ihm immer und immer wieder gesagt  habe, dass ihn nicht die geringste Schuld trifft.

Heute, nach einem Jahr, sieht es richtig gut aus mit seinem Finger. Der Knochen hat sich wieder neu gebildet. Die Fingerkuppe ist nachgewachsen. Breiter als vorher. Auch ein wenig unförmig. Und der Fingernagel ist auch wieder gewachsen. Krumm zwar, aber er ist da. Wenn man’s nicht weiß, fällt die Veränderung fast nicht auf. Er hat kaum noch Schmerzen. Nur beim Fingernagelschneiden, sagt er. Und auch die kleine Kinderseele ist wieder geheilt.

Es war ein heißer Tag heute vor einem Jahr. Um die 30 Grad. Ein dramatischer Tag für uns. Nie werde ich diesen Tag vergessen. Niemals den Anblick meines stummen, zutiefst unter Schock stehenden Kindes. Alles hätte ich gegeben dafür, ihm diese Schmerzen zu ersparen.

Wir werden heute einen Familienausflug machen. Junior liebt Steine. Im Naturkundemuseum gibt’s eine ganze Etage voller Steine. Es wird ihm sicher riesig Spaß machen. Und seine sentimentale Mutter wird ihn immer mal wieder feste drücken, weil er so ist, wie er ist. Auch mit verformtem Ringfinger an der linken Hand.

Genossen.

Donnerstag, 17 April 2008

Was für ein herrlicher Tag. Endlich Sonne. Ein wenig Wärme. Und viel Zeit. Wunderbar.

Heute Morgen war ich in der Nachbarschaft zu einem leckeren Frühstück mit zwei sehr netten Frauen eingeladen, die ich noch aus Kindergartenzeiten kenne. Es war ein sehr entspannter Vormittag. Wir haben uns angeregt unterhalten - nicht nur über Kinder. Auch das ist mal wohltuend. Kurz vor 12 bin ich heimgeflitzt, Junior hatte nur vier Stunden. Wir kamen gleichzeitig an der Haustür an. Da staunte der kleine Mann aber, dass auch seine Mutter mal unterwegs war.

Sein Mittagessen hatte ich trotzdem ratzfatz auf dem Tisch. War noch was übrig von den Tacos von gestern, die er so liebt. Ab in die Mikrowelle mit der Füllung, Taco-Fladen in der Pfanne aufgebacken - und rein damit in den kleinen Mann. Nach dem feisten Frühstück habe ich heldenhaft aufs Mittagessen verzichtet. Hausaufgaben durfte er ausnahmsweise auf der Terrasse machen. Es hat erstaunlich gut geklappt. Wohl auch, weil wir die Kaninchen vorher schon ins Freigehege gebracht hatten. Vom Terrassentisch aus konnte er sie prima beobachten. Die rannten wie angestochen durch die Gegend, schlugen Haken, hüpften hoch, sprangen über Häuschen und Tunnel. Da waren noch Zwei überglücklich übers Wetter.

Ich habe mich aufgerafft und schon mal mit der Wildkräuterbekämpfung begonnen. Rund um die Terrasse und unter der Hecke bin ich sogar fertig geworden heute. Unfassbar, wieviel Zeug ich da rausgerupft habe. Dann noch schnell ein paar Büsche gestutzt. Junior hat derweil mit diversen Kindern das Viertel unsicher gemacht. Sie haben fast die komplette Straße mit Straßenmalkreide verschönert, Fußball gespielt, unsere Kaninchen bestaunt, Nachbars Katze geärgert, literweise Saft und Wasser getrunken, Schokoriegel gefuttert. Als die anderen Kinder verschwunden waren, hat sich unser Kleiner einen großen Stock gesucht und Angeln gespielt. Er war offenbar sehr müde.

Da hatte er was mit den Kaninchen gemeinsam. Kaum hatten wir sie in den Stall zurückgetragen - noch müssen sie wegen der eisigen Kälte nachts im Haus bleiben - rasten sie ins Schlafhäuschen und ratzten erst mal. So platt waren sie lange nicht mehr. Ich auch nicht. An die Gartenarbeit bin ich wohl nicht mehr so gewöhnt. Wenigstens muss ich das riesige Staudenbeet nicht mehr umgraben und jäten - denn das kommt bald weg! Ich freu  mich wie eine Schneekönigin, denn das hat bisher irre viel Arbeit gemacht. Nächste Woche kommt der Gartenplaner und will uns Vorschläge machen, wie wir den Garten möglichst pflegeleicht umgestalten können. Und meine Vorgabe war, dass das Riesenbeet wegkommt.

Eine gute Nachricht gab’s auch noch: Mein Liebster muss künftig 5 Stunden pro Woche weniger arbeiten, dafür gibt’s aber mehr Geld. Kein Scherz. Wir können’s selbst kaum fassen.

Junior war so kaputt, dass er vorm Einschlafen superalbern wurde. In seinem Kindergebetbuch gibt’s ein Gebet mit der Zeile “Er (Gott) lässt die Winde wehn”. Wir haben uns gemeinsam kaputt gelacht darüber. Sein trockener Kommentar: “Pfröööööt - man, ist das heute wieder ein Wind auf der Erde!” Ja, über sowas kann man nur lachen, wenn man sehr müde, aber auch sehr glücklich und zufrieden ist.

Das Leben kann so schön sein. Von solchen Tagen hätte ich gern mehr.

Geirrt.

Dienstag, 15 April 2008

Unsere Zwergkaninchen machen sich wunderbar. Sie sind wirklich goldig. Aber sie gehen ganz schön ins Geld. Ich war ja vorgewarnt. Da kommen noch so allerhand Kosten zum Preis der Kleinen dazu. 150 Euro für den Stall im Garten. Plus 125 Euro für das Außengehege. Plus etwa 100 Euro für Krimskrams von Heu bis Häuschen, von Transportbox bis Trinkflasche. 20 Euro pro Kaninchen hat das Tierheim genommen. Ein Geschwisterpaar hatte man uns gesagt. Ein Männchen und ein Weibchen. Ohne Garantie natürlich. Sie waren einach noch zu klein, um das Geschlecht mit Sicherheit zu bestimmen.

Gestern hatten wir unseren ersten Termin beim Tierarzt. Impfung und kurzer Check. Das Wartezimmer war zunächst leer. Dann kam ein riesiger schwarzer Hund mit einem forschen Herrchen herein. Junior warf sich über die Transportbox und forderte den Mann auf: “Halten Sie bitte Ihren Hund fest. Die Kaninchen bekommen sonst Angst.” Der Mann starrte ihn empört an: “Ich glaube, hier hat nur einer Angst - mein Hund!” Junior schwieg. Seine kleine Hand suchte meine Hand, die andere umklammerte die Transportbox. Er ließ den Hund - irgendeine Boxermischung, jedenfalls größer und kräftiger als ein Labrador - nicht aus den Augen. Der Mann kümmerte sich nicht weiter um sein Tier. Die Leine lag lose auf dem Fußboden. Er begann zu lesen. Junior nicht. Nach ein paar Minuten bat er erneut, diesmal schon energischer: “Halten Sie bitte Ihren Hund fest!” Man sah es ihm deutlich an - der Mann holte gerade Luft, um etwas Freches zu antworten, da ging die Tür zum Behandlungszimmer auf. Und mit einem Riesensatz sprang der Hund in Richtung Tür. Die pure Aggression. Hinter der Tür, die die Tierärztin geistesgegenwärtig fast zuschlagen konnte, hockte ein soeben behandelter Schäferhund, sichtlich verstört. Der Besitzer des schwarzen Riesenhundes schaute empört. Nein, war ja nicht seine Schuld, dass sein Hund sich losgerissen hatte. Nein. Was macht die Tussi auch die Tür auf? Menno. Manchmal könnte ich…

Wir kamen als Nächste dran. Flöckchen wurde zuerst untersucht. Da gab’s eine faustdicke Überraschung: Flöckchen ist gar kein Weibchen. Sie ist ein Er. Aber ansonsten gesund und munter. Dann kam Wölkchen an die Reihe. Da bestätigte sich: Er ist ein Böckchen. Nun haben wir also zwei Böckchen. Wenigstens können wir sicher sein, dass sich die Zwei nicht vermehren werden bei uns. Kastrieren lassen müssen wir sie trotzdem, sonst könnte es massiven Ärger geben, sobald sie geschlechtsreif sind. Mit einer Kastration hatten wir ja schon gerechnet. Nun kommt noch eine dazu - macht allein für die Kastrationen insgesamt 100 Euro.

Geimpft werden mussten die Beiden auch gestern noch. Macht 42 Euro zusammen. Was wir sonst noch so ausgeben für die Kaninchen, möchte ich lieber gar nicht ausrechnen.

Nachtrag: Gerade liegen sie eng zusammengekuschelt auf ihrem Häuschen und halten Siesta. Mittagsschlaf. Köpfchen an Köpfchen. Das sieht so putzig aus. Und was ist schon Geld im Vergleich zum Glück eines kleinen Jungen, der von einem Ohr bis zum anderen strahlt…