Archiv für Dezember, 2007

Gewappnet.

Montag, 31 Dezember 2007

Wir haben es getan. Wir haben Silvesterknaller gekauft. Haben wir früher nie gemacht. Uns war das Geld für so etwas zu schade. Aber der Junge hat so lange gequengelt, bis wir nachgegeben haben. Letztes Jahr gab’s ein etwa zehnsekündiges Aldi-Feuerwerk. Diesmal haben wir aufgerüstet. Zwei Packungen Kinder-Feuerwerk und eine neumodische Batterie mit zig Raketen, die  man nur ein einziges Mal anzünden muss. Junior schleicht seit Freitag um die Böller herum. Da ich ihn gut kenne, habe ich sie oben auf dem Trockner in etwa zwei Metern Höhe deponiert.

Mein Mann, das alte Lästermaul, johlt schon wieder beim Gedanken an unseren betagten Nachbarn, der sich alle Jahre wieder für die Aktion “Brot statt Böller” engagiert. Wir stellen uns ebenso jedes Jahr vor, dass er im Garten steht und Brot in die Luft wirft. Ist so eine Art running gag gewoden. 

Diesmal hat sich Junior mit dem Thema länger befasst. Man konnte sehen, wie es mit ihm dachte.  Denn er hatte sich das ganz genau überlegt: Der Nachbar zündet das Brot an, wirft es in die Luft, dann brennt es. Und am nächsten Tag kommen arme Leute vorbei und holen sich das verbrannte Brot, damit sie etwas zu essen haben. Keine schlechte Theorie. Doch da gab es noch brennende Fragen: “Mama, wo ist denn an dem Brot die Zündschnur? Wird die da eingebacken?”

Wir haben ihm wortreich erklärt, wie die Aktion “Brot statt Böller” wirklich funktioniert. Aber ich glaube, er wird um Mitternacht doch mal in Nachbars Garten linsen. Man weiß ja nie.

Getrübt.

Samstag, 29 Dezember 2007

Was für ein grauer Tag. Es wird gar nicht richtig hell heute. Der Himmel ist grau. Nebel wabert überm Wald. Es ist unerfreulich kalt. Stellenweise gibt’s sogar Glatteis. Wir gammeln ein wenig vor uns hin. Und ich verbringe Stunden mit Telefonaten mit meiner Mutter, die zu nichts führen außer zu weiterer Konfusion.

Meine Mama zermartert sich ihr Hirn, wie sie ihren 75. Geburtstag im Februar feiern soll. An Rosenmontag! Da wird sie kein Lokal finden, in dem sich keine Jecken herumtreiben. Meinen Vorschlag, von Samstag bis Montag zu ihrer Schwester zu fahren, hat sie weit von sich gewiesen. Empört geradezu. Ein großes Fest will sie aber auch nicht feiern. Eher so einen ganztägigen Krampf nach dem Motto “Wer kommt, der kommt” - wobei sie dazu ein paar schwierige Verwandte natürlich einladen würde, weil die sonst beleidigt wären. Dann wären aber doch wieder die anderen Leute beleidigt, die nicht eingeladen wurden. Örx.

Also doch ein großes Fest mit Einladungen? Nein, das will sie auch nicht. Mehr so einen Topf Suppe, Frikadellen, Salate & Co bestellen - und dann kommt halt, wer kommt. Bis auf…. Irgendwie drehen wir uns im Kreis. Und nur zum Kaffeeklatsch einzuladen, nein, das ist dann doch zu kleinlich. Abendessen müsste dann schon auch noch sein.

Also doch ein großes Fest mit Einladungen? Nein, das ist ihr zuviel Aufwand. Dann schon lieber - wer kommt, der kommt. Bis auf…. Ich werde bekloppt bis Rosenmontag.

Gepudert.

Freitag, 28 Dezember 2007

Was hat mich nur geritten, als ich dem Kind die Steinschleifmaschine bestellt habe? Unterm Christbaum machte sich der Karton ausgezeichnet. Der Junge war begeistert. Steine schleifen! Das wollte er doch schon immer! Dennoch verschoben wir die Premiere auf später. Später sollte heute sein. Ich packe also mit meinem Filius gemeinsam das Steinschleifmonstrum aus. Allerhand Zubehör purzelt uns entgegen. Eine Tüte ungeschliffener Steine in verschiedenen Farben, Steinschleifpulver, ein Ersatzkeilriemen (oder was auch immer das sein soll), eine Tüte silberfarbener Schmuckstücke, in die man später die geschliffenen Steine hineinkleben kann, und ein Fläschchen Steinglanz. Sehr hübsch. Ach ja. Und die Anleitung. Leider ausschließlich in englischer Sprache abgefasst.

Nun gut, mein Englisch langt dafür. Ich verstehe zwar nicht jedes Wort. Aber die entscheidenden Begriffe krame ich aus den Windungen meines Hirns hervor. Von Zeile zu Zeile steigt mein Entsetzen. Stufe 1 des Steinschleifens dauert 2 bis 4 Tage. Tage! Nicht Stunden. Tage! Die Stufen 2 bis 4 sind auch nicht wirklich kurzfristig. Insgesamt zieht sich das Procedere zwischen 2 und 4 Wochen hin. Und während all dieser Zeit muss das Maschinchen durchgehend laufen. Nicht nur das. Es macht laut Bedienungsanleitung dabei auch  noch einen Höllenlärm. Ich fasse es nicht! Ich muss mit dem Hammer gepudert sein, dass ich so ein Teufelswerk ins Haus geholt habe!

Die Premiere ist auf unbestimmte Zeit verschoben. Vielleicht kann man’s im Sommer in der Garage laufen lassen. Dann ziehen die blöden Nachbarn von gegenüber, die sich schon über das Klimpern meines Fahnenmastes (das sich inzwischen dank eines kleinen Holzstückchens unterbinden ließ) furchtbar aufgeregt haben, dann nach 2 Wochen entnervt aus. Das wäre doch immerhin was.

Gewundert.

Donnerstag, 27 Dezember 2007

Ach, war das schön. Heiligabend in trauter Dreisamkeit. Erst ein leider freudloser Kindergottesdienst mit Krippenspiel. Können die Menschen eigentlich keine Weihnachtslieder mehr singen? Wir waren fast die einzigen textsicheren Menschen in der Kirche. Da hab ich mich schon sehr gewundert.

Auf Wunsch eines einzelnen Herrn gab’s Spaghetti mit Garnelen an mediterranem Sößchen. In zehn Minuten gekocht, noch schneller vertilgt. Als das Glöckchen bimmelte, stellte Junior einen neuen Geschwindigkeitsrekord für die Strecke vom Esstisch ins Wohnzimmer auf. Er hatte natürlich - wie jedes Jahr - schon den ganzen Tag vor der Wohnzimmertür verbracht. Durchs Schlüsselloch gelinst, unter der Tür hergelinst, durch die Terrassentür gespäht. Aber ganz vorsichtig - damit ihn das Christkind nicht sehen konnte. Am Ende hätte es vor Zorn, entdeckt worden zu sein, die ganzen Pakete wieder mitgenommen!

Er strahlte übers ganze Gesicht, als er die vielen Päckchen sah. “Ein goldenes Päckchen!” jubelte er. Welch ein Glück, dass es im Baumarkt goldenes Geschenkpapier gab. Das hat er natürlich zuerst ausgepackt, ganz vorsichtig, damit er bloß das Papier aufheben konnte. “Das ist bestimmt aus Sternenstaub gemacht”, vermutete er mit glänzenden Augen.

Die anderen Pakete wurden ritschratsch aufgerissen. Und dann ging’s rund. Buchstäblich. Buch, Mathe-Rätsel-Heft, “Happy-feet”-DVD und Co. blieben erst mal liegen. Deren große Zeit kommt noch. Ebenso die Steinschleifmaschine, da konnten wir ihn überzeugen, dass man sich dafür mal viel Zeit nehmen müsse. Erst mal ging’s ans Karaoke-Set. Irgendwie hatte ich den Eindruck, sämtliche restlichen Geschenke hätten wir uns sparen können. Nur das Mikrofon hätte gereicht. So war er schon immer - sieht er irgendwo ein Mikro, ist der Junge nicht mehr zu halten. So haben wir erst “New York” von Sinatra gemeinsam gegröhlt. Mehr Lieder gab’s zunächst leider nicht, denn die Fernbedienung des DVD-Players gab den Geist auf, somit konnten wir immer nur das erste Lied auf der Karaoke-CD spielen. Sehr spaßig.

Dann ging’s wirklich rund. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Profi-Carrera-Bahn war ratzfatz aufgebaut, mit Looping und ein paar Zusatzteilen. Nach geschätzten 137 Runden, die Junior abwechselnd mit mir oder meinem Gemahl voller Begeisterung absolvierte, waren wir schon ganz ermattet. Für mehrere Runden “Ubongo” reichte es dann aber doch noch. Herrlich, das Spiel!

Mir hat meine gesamte Familie lauter zauberhafte Überraschungen bereitet. Gewundert habe ich mich allerdings - und gefreut schon auch. Ich scheine allerdings in letzter Zeit arg gestunken zu haben. Denn ich habe 4 große Flaschen Duschgel, 2 Badebomben (welch ein martialisches Wort für etwas so genüssliches), 2 Packungen Badesterne und 1 Packung Badekaviar bekommen. Das hätten sie mir doch auch früher sagen können…

Jedenfalls gehe ich jetzt baden. Und ich weiß auch schon, wer garantiert wie ein geölter Blitz mit ins Wasser hopst, weil er sooo neugierig auf die Badebombe ist.

Nachtrag: Die Bombe war mehr eine Art Brause. Eigentlich sollte sie sprudeln. Aber, O-Ton Junior, “davon konnte ja nun gar nicht die Rede sein”. Recht hat er. Es blubberte ein wenig, eben wie Brause. Aber schöne weiche Haut hat’s gemacht. Und herrlich entspannend war’s.

Genug.

Mittwoch, 19 Dezember 2007

So. Feierabend. Urlaub. Fertiggeworden. Schluss. Aus. Pause. Auszeit. Sense. Finito. Die Tretmühle sieht mich erst am 31. Dezember wieder. Ich freu mich wie ein Schnitzel auf die freie Zeit.

Und nun zünde ich noch zwei Kerzen an für zwei Menschen, die es, glaube ich, wirklich gebrauchen können: Sylvie aus dem Kindergarten-Forum ist an Krebs erkrankt. Schilddrüse. Am Montag wurde sie operiert. wenn alles gut geht, kommt sie noch vor Weihnachten heim zu ihrer Familie. Ich bete für sie, dass alles gut wird. Und ich bin sicher, dass sie es schaffen wird.

Für Ina ist die zweite Kerze. Für sie und ihr Baby, das noch einige Wochen in ihrem Bauch bleiben sollte. Auch für sie bete ich, dass alles gut wird. Wir wollen das Kunstkoma-Baby einfach noch nicht sehen :-)

Wenn das meine Mutter wüsste, dass ich mich als Betende oute… Vor allem Sylvies Erkrankung hat mich sehr nachdenklich gemacht. Man vertrödelt soviel kostbare Lebenszeit mit unnützem Krempel - und verliert dabei so oft die wertvollen Momente aus den Augen. Ich werde mich bemühen, mich mehr auf das für mich Wichtige zu konzentrieren. Das ist mein Weihnachts- und Neujahrswunsch: Ich wünsche mich von Herzen, dass ich es schaffe, die kostbaren Momente zu genießen, den unnützen Ballast wegzuschieben. Und dass wir - meine Familie, meine Freunde - viele wertvolle Phasen miteinander erleben dürfen.

Geschwelgt.

Dienstag, 18 Dezember 2007

Ein Tag noch und den Rest von heute. Ich schwelge schon in Vorfreude. Urlaub. Erst an Silvester muss ich wieder arbeiten. Und Junior hat Ferien. Dann wird’s endlich richtig vorweihnachtlich. Wir kuscheln vor dem Ofen, in dem ein schönes Feuer knistert. Wir lesen zusammen Weihnachtsbücher - und davon haben wir verflixt viele… Wir futtern Omas selbst gebackene Plätzchen, davon haben wir nicht minder viele. Junior liebt die Räucherlok, also werden wir die auch in Betrieb nehmen. Weihnachtsduft mag er besonders gern.

Unsere Vorbereitungen für Heiligabend sind so gut wie abgeschlossen. Die Garnelen schlummern im Gefrierschrank, die Spaghetti in der Vorratskammer. Bei uns gibt’s nämlich diesmal auf besonderen Wunsch eines einzelnen kleinen Mannes keinen Nudelsalat mit Bockwurst. Der Knirps wünscht sich Spaghetti mit Garnelen. Lecker. Und ruckzuck fertig. Da muss man nicht lange wirbeln. So haben wir doch alles etwas davon. Für große Menüs hat in unserer Familie sowieso niemand an Heiligabend einen Sinn. Da wird schnell runtergeschlungen. Und dann nichts wie ab zur Bescherung. Seltsamerweise klingelt nämlich immer das Glöckchen im Weihnachtszimmer, wenn der Letzte satt ist…

Der Weihnachtsbaum in der Diele ist schon geschmückt. Junior ließ sich nicht mehr bremsen. Das ist nämlich traditionsgemäß sein Baum. Mit viel Fantasie hat er den Schmuck verteilt. Diesmal sogar nicht nur alles auf einer Seite unten, sondern überall am Bäumchen. Der Baum fürs Wohnzimmer steht bereits in der Garage.

Die Geschenke habe ich schon verpackt. Sie liegen im Kinderbad hinter verschlossener Tür, damit unser kleines Trüffelschweinchen sie nicht findet. Das Kinderbad wird ohnehin nur von Übernachtungsgästen benutzt - von daher käme er nicht auf die Idee, dort hinein zu gehen.

Nur für meine Mutter fällt mir einfach nichts ein. Mit 74 hat man wohl alles. Wünsche äußert sie nicht. So ist es alle Jahre wieder ziemlich schwierig. Aber ich werde schon noch etwas finden.

Einen Ausflug machen wir auch noch: Am Donnerstag besuchen wir den Weihnachtsmarkt in Köln. Auf der Domplatte und auf dem Alter Markt war’s früher immer besonders schön. Ob das noch stimmt? Da war ich ewig nicht mehr. Zuletzt in der Schwangerschaft, im neunten Monat. Da konnte ich kaum laufen. Schön war’s trotzdem. Ob der Stand mit den herrlichen Lebkuchen wieder da ist? Ich freu mich schon.

Ach, ich bin ein Weihnachtsfreak. Diese Düfte, diese Aufregung, diese Spannung - ich liebe das. Und seit wir ein Kind haben, kann ich es endlich wieder ausleben. Wunderbar.

Gefeiert.

Samstag, 15 Dezember 2007

Was für ein Tag! Der pure Wahnsinn. Schalke gegen Nürnberg. Und wir mittendrin dabei. Junior und ich waren im blau-weißen Himmel. Um 11 Uhr startete der Fanclub-Bus. Wir durften als Gäste mitfahren. Die Stimmung war bestens. Ist ja fast ein Freundschaftsspiel gegen den Glubb. Der Weg ins Stadion war wunderbar kurz. Überall johlende Menschen. Soviel Blau-Weiß auf einen Haufen haben wir nie zuvor gesehen.

Im Stadion hatten wir zwar die günstigsten Sitzplätze für schlappe 18 Euro. Hinterm Tor in der Südkurve aufm Oberrang. Aber wir konnten herrlich gut sehen. Es war rattenkalt. Wir waren dick angezogen, haben aber trotzdem geschnattert vor Kälte. Das Stadion war ausverkauft. Die Stimmung war genial. Gänsehaut beim Vereinslied. Geschätzte 50000 Menschen sangen ”Blau und weiß, wie lieb ich dich”. Das kann nur nachfühlen, wer ebenfalls infiziert ist.

Das 1:0 fiel erst, als der Fanclub-Vorsitzende die sanitären Einrichtungen aufsuchte. Der Mann zog bei seiner Rückkehr ein Gesicht - das spottete jeder Beschreibung. Asamoah hat getroffen. Die Arena bebte. Wir haben unsere Fahne geschwungen, aus Leibeskräften mitgesungen. Dann das 2:0 - Juniors geliebter Rafinha schoss es - naja, zumindest sah es für uns so aus von der Südtribune. Im Nachhinein stellte es sich als Eigentor der Nürnberger heraus. Aber egal. Da war die Welt in Ordnung. Nach der Halbzeitpause ließen die Knappen rapide nach. 2:1, zum Schluss wurde es noch verdammt knapp. Aber nach dem Abpfiff waren wir selig, dass es bei dem Sieg blieb. So konnte ich sogar beim Tippspiel des Fanclubs gewinnen :-) Sagenhafte 2 Euro haben wir gewonnen!

Auf der Heimfahrt wurde tapfer weiter gesungen - auch wenn ein großer Teil der Busbesatzung der Sprache nicht mehr wirklich mächtig war. Zwei Männer fanden erst gar nicht den Weg zurück zum Bus - die schlugen sich, so war per Handy zu erfahren, unter großem Geläster der übrigen Mitfahrer später per Taxi zum Bahnhof und von dort in die Heimat durch. Junior schlief in der ersten Kurve ein. Der war fertig. Als wir gegen 20 Uhr wieder  zu Hause ankamen, schlang er noch rasch ein Brötchen in sich hinein - und fiel dann komatös in sein Bett. Nicht ohne noch einmal “Blau und weiß” zu intonieren…

Mein Mann war übrigens auch dabei. Aber der hat mit Fußball nichts am Hut. Er bildet sich ein, das Fanwesen sei unter seiner Würde. Als ob seine Tauchkumpanen weniger saufen würden. Oder schlauere Dialoge absondern würden. Entsprechend lang war sein Gesicht den ganzen Tag. Unerfreulich. Wir haben es ausdiskutiert vorhin. Nun sind wir uns aber in einem Punkt einig: Junior und ich sind ab sofort Fanclub-Mitglieder. Und da wir dort heute ein paar nette Leute kennen gelernt haben, werden wir künftig häufiger mitfahren in die Arena. Ohne Mann. Aber mit jeder Menge Spaß.

Gehört.

Freitag, 14 Dezember 2007

Ich werde mir eine neu CD zulegen. Sie sozusagen weglegen. In sechs, sieben Jahren werde ich sie hervorkramen. Und dann werde ich sie täglich anhören. Immer und immer wieder.

Die neue CD von den Ärzten. Ich mag die Ärzte. Hab sie vor 20 Jahren mal live gesehen. War witzig. Aber diese Lied, das ich derzeit im Radio ständig höre, ist der Hammer. “Junge” heißt es, glaube ich. Da kommen so nette Zeilen vor wie “Und wie du wieder aussiehst, Löcher in der Hose und ständig dieser Lärm!”

Das erinnert mich fatal an meine eigene Pubertät. Ich war ein grauenvolles, heranwachsendes Kind. Ich habe nichts ausgelassen. Rebellisch bis zum Letzten. Alles musste kurz und klein diskutiert werden. Ich hatte lila Haare, mal ganz lang, urplötzlich raspelkurz. Meine Klamotten waren - sagen wir’s  mal diplomatisch - stets ungewöhnlich. Mit Mode hatte ich nichts am Hut. Je schräger, desto besser. Immerhin habe ich festgestellt, dass Drogen und Alkohol nichts für mich sind. Glück gehabt. Ich hatte mit 18 sofort ein Auto, musste ja als Schülerin/Studentin und Freiberuflerin nebenher mobil sein. Da ich auf dem hinterletzten Dorf wohnte, musste ich immer fahren. Nie fuhr jemand bis dorthin. Das prägt. Wir sind nächtelang um die Häuser gezogen - weit weg im Rheinland oder Ruhrgebiet. Meine Mutter saß immer voller Sorge in der Küche, bis ich heimkam. Ich habe sie in solchen Nächten aus ganzem Herzen gehasst. Heute weiß ich, warum sie dort saß.

Ich hatte Freunde, die aussahen wie langhaarige Bombenleger. Bevorzugt Rockmusiker. Ich hatte wechselnde männliche Begleitungen. Meine Mutter maulte irgendwann entnervt: “Jetzt hast du schon alles angeschleppt - nur ein Farbiger fehlt uns noch.” Dachte sie.

Wenn mein Sohn, der heute sechs Jahre alt ist, mit 14 genauso eine Bratze wird, wie ich eine war, dann können wir uns ganz warm anziehen. Wenn er dieses Schild “Wegen Umbau geschlossen” auf seiner Stirn trägt, geht’s hier rund. Okay. Der Spruch mit dem Schild ist geklaut. Aber er ist genial. Und so treffend.

In dieser Zeit werde ich mir immer wieder dieses Lied anhören - damit ich nicht so werde, wie diese Eltern, die die Ärzte besingen. Ich werde es oft hören müssen. Da bin ich mir sicher.

Gespannt.

Freitag, 14 Dezember 2007

Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren.  Meine Familie macht nie einen Ausflug ohne Proviant. Niemals. Da sind wir eigen. Und wenn’s nicht regelmäßig was zu kauen gibt, wird gezankt. Will ich nicht. Also wird vorgesorgt. Der Kuchen ist gebacken, bekommt gleich noch seine Schokoglasur. Die Bonbons sind gekauft. Die Getränke für unterwegs auch. Die Servietten liegen bereit. Die Fahne ist repariert, hat einen neuen Holzstiel bekommen. Die Pudelmütze, der Schal, das Stirnband und die beiden Kappen sind ebenso auf dem Stapel gelandet. Drei Taschenwärmer zum Knicken in Fußballform habe ich herausgekramt. Drei Sitzkissen von Ikea liegen auf der Spüle, die sind vom Garteneinsatz noch so schmutzig, die muss ich erst noch abschrubben. Der Rucksack steht in der Ecke. Die drei Handgelenkbänder mit Vereinsaufdruck habe ich Junior aus seiner Geheimschublade gemopst. Auch sein Mitgliedsausweis ist schon eingepackt.

Wir werden uns extrem warm einpacken müssen. Denn es wird - da sind sich die Wetterfrösche einig - rattenkalt morgen. Noch kälter als heute. Strumpfhose, lange Unterhose, Fleecepulli, darüber die jeweils dickste, längste Jacke, Handschuhe, Mütze, Ohrenwärmer, Schal - wir werden das ganz große Programm auffahren.

Wofür? Wir fahren morgen “auf Schalke”. Zum ersten Mal mit Mann und Maus. Ich war als Kind ganz oft dort. Mit meinem Papa. Da hieß die Veltins-Arena noch Parkstadion, war viel kleiner und niemand dachte an einen herausgleitenden Rasen. Da kostete die Schülerkarte für die Nordkurve, Block 5, da, wo die ganz Harten stehen, gerade mal fünf Mark. Morgen sind wir mit 18 Euro pro Nase dabei. Immerhin für drei Sitzplätze. Plus 10 Euro pro Nase für die Busfahrt. Was aber wiederum praktisch ist, müssen wir nicht selbst ins Getümmel, keinen Parkplatz suchen und bezahlen.

Wir marschieren brav zur Bushaltestelle beim nächstgelegenen Bierverleger und klettern in den Fanclub-Bus. Der hält nämlich dort, weil der Fanclub erst mal Getränke einladen will. Sagte mir der Vorsitzende, der uns ohne Busfahrt keine seiner kostbaren Dauerkarten für dieses Spiel überlassen hätte. Ich hoffe mal, die Bushaltestelle ist nicht Programm - denn mit einer Horde saufender Bratzen möchte ich nicht mehrere Stunden im Bus verbringen. Aber der Fanclub-Chef hat mir hoch und heilig versprochen, dass sich das in Grenzen hält und man auch mit Kind getrost mitfahren kann.

Schalke gegen Nürnberg. Das ist sowas wie ein Freundschaftsspiel. Denn die Fans beider Mannschaften sind seit Menschengedenken gut befreundet. Da hoffe ich mal auf ein friedliches Fußballfest. Aber bei aller Freundschaft hoffen wir natürlich inständig, dass die Schalker mindestens 3 Tore schießen und ordentlich gewinnen.

Gleich hissen Junior und ich noch die riesige Schalke-Fahne im Garten. Die Nachbarn werden uns für völlig verrückt halten. Macht aber nichts. Das ist bestimmt bloß Neid. Denn die dürfen morgen nicht mitfahren.

Geschuftet.

Freitag, 14 Dezember 2007

Kontrastprogramm. Nach dem Faulenzer-Tag gestern musste ich heute doch mal richtig reinhauen. Chronik eines erschöpfenden Tages.

6.30 Uhr: Wecker klingelt. Duschen. Kind wecken und in mein Bett schleifen. Kurz kuscheln. Kind waschen und anziehen. Frühstück machen. Zeitung reinholen. Pausenbrot schmieren. Kind antreiben. Turnbeutel suchen. Kind ins Auto packen. Kind ausnahmsweise zur Schule bringen. Einkaufen. Spurt durch Aldi und den Supermarkt meines Vertrauens. Zutaten fürs Mittagessen und fürs Kuchenbacken zusammenraffen. Rasant heimwärts. Wäsche sortieren. Waschmaschine anwerfen. Betten machen. Haus aufräumen. Zwischendurch immer mal wieder Menschen an Telefon und Haustür abwimmeln. Woher wissen die alle, dass ich zu Hause bin? Ob Missionare oder Versicherungsvertreter - sie riechen es förmlich. Aber heute nicht mit mir.

11 Uhr: Bügeln. Leiche aus dem Aquarium bergen. Der kleine Wels sah gestern schon nicht gut aus. Gottlob muss ich ihn nicht im Eiswasser abmurksen. Er starb über Nacht. Bei der Gelegenheit wechsele ich das Wasser. Neues Wasser einfüllen. Pflanzen im Becken neu sortieren und zurechtstutzen. Weiter bügeln.

12 Uhr: Kochen. Spaghetti mit Aldi-Garnelen in mediterranem Sud. Geht schön schnell. Ups. Kuchen vergessen. Also: Im Schnelldurchgang doppelte Menge Gewürzkuchen rühren, in vier kleine und eine große Form füllen. Ab in den Ofen. Zwischendurch hurtig die Spülmaschine ausräumen.

12.45 Uhr: Junior ist wieder da. Mit Bärenhunger nach fünf Schulstunden. Gemeinsam schlingen wir das köstliche Mahl in uns hinein. Hausaufgaben. Er macht sie, ich sitze dabei. Er will das so. Kuchen aus dem Ofen holen, Formen in die Spülmaschine stopfen.

13.30 Uhr: Putzfee im Anmarsch. Küche sieht noch aus wie ein Trümmerfeld. Sie startet oben, ich mache unten klar Schiff. Junior zischt ab zu seinem Kumpel. Klingelt nach zwei Minuten wieder. Kumpel quält sich noch mit den Hausaufgaben. Der Wäschetrockner ist fertig. Wäsche falten. Wegräumen. Rechnung bezahlen - geht gottlob online, muss ich nicht los in die Stadt. Drei Knöpfe annähen. Eine Hose reparieren. Einen Wilde-Kerle-Aufnäher von einer rettungslos zerstörten Hose abtrennen. Bloß nicht wegwerfen. Juniors Kumpel klingelt. Will drinnen spielen bei uns. Geht aber nicht wegen der Putzfee. Hüpfend ziehen die Zwei von dannen. Die Sonne scheint auf gruselig dreckige Fenster. Aber die nicht auch noch heute. Die müssen warten.

16.30 Uhr: Mein Liebster kommt von der Arbeit. Regt sich über dieselbe samt Kollegen auf. Cappuccino für ihn kochen. Weitere Waschmaschine anwerfen. Kochwäsche. Spülmaschine wieder ausräumen. Junior kommt heim, hat sich gezankt mit dem Kumpel. Drei dicke Kratzer zieren seine Wangen. Schachspielen lenkt ab. Macht er gern. Und leider immer besser. Ich kann so grad noch mithalten. Wäsche in den Trockner räumen.

18 Uhr: Abendessen vorbereiten. Spaghetti für Mann und Maus. Brote für mich. Nochmal Schach spielen.

20 Uhr: Junior geht ins Bett. Geschichte vorlesen. Allabendliche Sprechstunde - er erzählt nochmal, was ihm wichtig war an diesem Tag. Endspurt. Weihnachtsgeschenke für die diversen Patenkinder, Nichten und Neffen sowie Oma einpacken. Bloß nichts verwechseln, die Zwerge sind da eigen.

22.30 Uhr: Geschafft. Feierabend. Der Nächste, der mir erzählt, als Hausfrau habe man nichts zu tun, bekommt von mir eigenhändig eine geklebt. Mir langt’s. Vielleicht wär’s besser verteilt, wenn ich nicht jede zweite Woche Vollzeit arbeiten würde. Mit 14-Stunden-Tagen und mehr. Da muss ich in der freien Woche viel aufholen.

Ungerecht finde ich was anderes: Faulenzer-Tage werden doch irgendwie bestraft. Das ist nicht nett.