Vermisst.
Freitag, 2 November 2007Wir waren im Kino. Unspektakulär eigentlich. Für Junior war’s Premiere. “Ratatouille”. Ein sehr schöner Film. Wir mochten ihn. Juniors Augen leuchteten. Er strahlte von einem Ohr zum anderen. Vorsichtig, wie ich bin, hatte ich die Geschichte schon vorbereitet. Wir haben eine Hörspielkassette davon, die haben wir gemeinsam vor ein paar Tagen angehört. Die hat ihm auch schon gefallen. Da war klar: Wir müssen ins Kino.
Ja, ich geb’s zu. Wir waren ewig nicht im Kino. Zuletzt sah ich “Aimee und Jaguar”. Da war ich schwanger. War kein schöner Kinobesuch. Ich musste - gefühlte Zeiten - alle zehn Minuten die sanitären Einrichtungen heimsuchen. Die Sitze waren plüschig rot und höllisch unbequem. Wobei das auch an der Schwangerschaft gelegen haben könnte.
Jetzt mussten wir feststellen, dass alles anders ist. Es sieht nicht mehr aus wie früher. Sie müssen renoviert haben. Die Wände sind nett dunkelblau verkleidet. Der Fußboden hat etwas Sternenhimmelartiges. Die Sitze sind sehr bequem, schön gepolstert, dunkelblau. Und sogar Halterungen für Getränkeflaschen haben sie an die Sitzreihen geschraubt. Ich bin wirklich beeindruckt.
Der Film fing wie immer an - mit Werbung für andere Filme. War die Jugendvorstellung. 3,50 Euro pro Person fand ich in Ordnung. Es war ziemlich leer. Wir hatten Plätze in der letzten Reihe. Und waren auf dieser Seite der Treppe die einzigen Besucher. Auf der anderen Seite saßen vielleicht 15 Leutchen.
Was mir schon zu Beginn auffiel: Es ist höllisch laut im Kino. War das früher schon so? Zumindest habe ich es früher nicht bemerkt. Mich beruhigt, dass es auch meinen Mann störte. Also werde ich nicht allein alt. Nach den Vorfilmen kam früher immer Werbung. Diesmal nicht. Muss an der Jugendvorstellung liegen. Schlimmer noch: Die Frau mit dem großen Bauchladen gibt’s nicht mehr. Die kam sonst immer in der Pause zwischen Vorfilm und Hauptfilm. Und sie hatte das Köstlichste des ganzen Kinobesuchs in ihrem Korb: Eiskonfekt. Damit hatte ich nicht gerechnet. Also damit, dass das nicht mehr in der Pause verkauft wird. Gibt es eigentlich gar kein Eiskonfekt mehr? An sich ist das ein völlig überflüssiges Zeug. Viel zu teuer, mickrig, nicht sonderlich geschmackvoll, viel zu aufwändig verpackt. Ich würde es auch nirgends sonst freiwillig kaufen. Aber zum Kinogenuss gehört das Eiskonfekt ganz eindeutig dazu. Das war schon immer so. Das schmeckt nach Kindheit und Jugend.
Ich werde alt. Als ich klein war, gab’s Schwarzweißfernseher. Wir hatten - weil wir einen Betrieb hatten - das einzige Telefon im Viertel. Kein Handy. Nein, so ein graues Monstrum mit Wählscheibe. Die Nachbarn kamen, wenn sie beim Arzt anrufen wollten. Rief jemand für sie an, musste ich schnell hinrennen. Meiner Oma war das Telefon völlig suspekt. Noch Jahrzehnte später sagte sie am Telefon nur “Ja” und “Nein”. Sonst nichts.
Meine Mama holte die Milch mit der alten Kanne direkt beim Bauern ab. Bei der Fußball-WM 1974 hatten wir immer das Wohnzimmer voller Männer - denn wir hatten den einzigen Farbfernseher in der Straße. Unser Nachbar hatte Hände wie Bratpfannen. Wenn der Mann bei einem Tor klatschte, ging ich eilig in Deckung, um bloß nicht zwischen seine Pranken zu geraten. Neun Jahre alt war ich da.
Das klingt mindestens nach Mittelalter, wenn nicht nach Antike. Heute ist es mir zu laut im Kino. Und es gibt kein Eiskonfekt mehr. Was für eine Welt.