Archiv für November, 2007

Gezogen.

Dienstag, 27 November 2007

Er ist raus! Juniors erster Wackelzahn ist raus. Vom Zahnarzt gezogen. Der bleibende Zahn schaute schon dahinter heraus. Der Milchzahn war nicht wirklich wacklig. Aber Junior freute sich wie ein Schneekönig, dass es dem guten Stück heute an den Kragen gehen sollte. Endlich, endlich würde er auch eine Zahnlücke bekommen! Strahlend tobte er in die Zahnarztpraxis. Begeistert hüpfte er auf den Behandlungsstuhl. Lächelnd ließ er sich das Lätzchen umbinden. Freudestrahlend begrüßte er den Zahnarzt. Aber der war irgendwie wortkarg. Ohne ein Wort schaute er kurz in Juniors Mund, griff zur Zange und rupfte ohne Vorwarnung den Zahn raus. Junior zuckte, behauptete aber tapfer, es sei nicht schlimm gewesen. Die Zahnarzthelferin kam gerade mit der Kinderspritze für die Betäubung angerauscht - und auch die staunte nicht schlecht, als der Zahn schon auf dem Tablett lag.

Im Wartezimmer beim Jackeanziehen kamen meinem kleinen Helden dann doch noch die Tränen. Der Schreck - und weh tat’s wohl auch. Nach ein paar Minuten in Mamas Armen ging’s dann wieder. Schniefend stiefelte er durch die Fußgängerzone, tapfer auf seinen Wattebausch beißend. Nach einer Viertelstunde ließ er sich überreden, ausnahmsweise in die Eisdiele zu gehen. Manchmal muss man eben abwägen - was ist ein bisschen Bauchweh gegen eine gestreichelte Kinderseele? Also hat er wacker ein Eis gelöffelt. Die Kühlung tat der Zahnlücke sichtlich gut. Und Junior blühte wieder auf.

Jetzt liegt er schlafend im Bett. Eigentlich wollte er diese “magische Nacht” nicht verschlafen. Denn schließlich kommt heute die Zahnfee. Das klitzekleine Zähnchen liegt im Felix-Döschen unterm Kopfkissen. Er hat die Zahnfee fies ausgetrickst. Wochenlang redete er davon, er wolle unbedingt von ihr Band 14 des “Magischen Baumhauses” bekommen. Band 14 schlummerte somit schon länger im Schrank ganz hinten. Heute dann meinte er, die Zahnfee müsse Gold bringen! Wenn sie schon nicht den Zahn vergolde, solle sie wenigstens ein Goldstück dalassen. Ein Schock für die Zahnfee. Gottlob fand sie in ihrem Schmuckkästchen ein Goldnugget als Kettenanhänger, das es vor zig Jahren mal bei der Volksbank zu kaufen gab. Da brachte das Christkind das Goldklümpchen zu mir, ähm, ihr. Also zur Zahnfee. Nun liegt es eingepackt mit Band 14 unterm Kopfkissen. Ich bin gespannt, wann die Nacht um ist. Schon um 6?

Gekrümelt.

Donnerstag, 22 November 2007

Sonnenaufgang. Malerisch. Der Himmel färbt sich rötlich. Ich erzähle Junior: “Als ich klein war, hieß es immer, wenn der Himmel so aussieht, backt das Christkind Plätzchen.” Junior schaut mich an, als wäre ich ein Mondkalb. “Das Christkind?” fragt er. “Das Christkind soll Plätzchen backen? Das hat dafür doch gar keine Zeit. Das muss einkaufen.” Aha. Dann denkt es weiter mit ihm. “Am Himmel soll man das sehen können? Ist der Backofen kaputt?” fragt er kritisch nach. Und dann hat er mich überführt: “So ein Quatsch. Die Plätzchen backt doch die Oma. Gar nicht das Christkind!”

Damit war das Thema durch. Und ich kringele mich immer noch…

Einen habe ich noch: In meinem Lieblingsklamottenladen hat Junior mir einen Schal ausgesucht. Kaninchenfellstückchen wie Kugeln an ein Band genäht. Fragt der Schlingel an der Kasse ganz treuherzig: “Warum bekommen wir den Braten nicht dazu?”

Genervt.

Dienstag, 20 November 2007

Nein, ich habe mein Blog nicht vergessen. Ich kämpfe nur seit Tagen mit einem heftigen Nesselfieber-Schub. Am Rande des Wahnsinns schaffe ich es nicht, mich lange genug zu konzentrieren, um etwas Vernünftiges, Witziges oder Tiefschürfendes von mir zu geben. Aber es wird schon wieder werden…

Gelungen.

Donnerstag, 15 November 2007

Ich bin eine Heldin am Herd. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Rinderrouladen gemacht. Meine Männer waren begeistert. Vor allem der kleine, der konnte gar nicht genug bekommen. Sie werden sich noch lange an diesen Genuss erinnern, denn so schnell mache ich das nicht wieder.

Ich bin nicht so der Fleisch-Fan. Vor Juniors Geburt haben wir lange Zeit sechs Mal pro Woche vegetarisch gelebt. Nicht aus weltanschaulichen Gründen, sondern einfach so. Beim Campen waren wir meist die Könige, die Nachbarn krochen förmlich in unseren Grill rein. Unfassbar, wieviele leckere vegetarische Grillideen es gibt. Göttlich geradezu. Vieles hat sich aus jener Zeit auf unserem Speiseplan gehalten. Aber da Junior wegen seiner Lactoseintoleranz kaum Milchprodukte essen darf, sehen wir zu, dass zumindest der Junge täglich Fleisch zu essen bekommt. Meist beschränkt sich mein Fleischeinkauf beim Metzger unseres Vertrauens auf Mett, Hackfleisch, frische Bratwurst und Leberkäse.

Gestern gab’s Biorinderrouladen. Und da ritt mich ein kleines Teufelchen. Ich habe welche gekauft. Irgendwie verbinde ich Rouladen mit Kindheit. Da konnte ich nicht widerstehen. Und nun stand ich heute Morgen da mit riesigen Fleischstücken. Eine recht blutige Angelegenheit. Unerfreulich. Mit Zwiebeln gefüllt, mit Salz, Pfeffer und ordentlich Chili gewürzt, scharf angebraten und viel zu lange im Schnellkochtopf gegart - das Ergebnis war nicht zu verachten. Mann und Sohn haben reingehauen, als hätte es vier Jahre nichts mehr zu essen gegeben. Ich fand’s nicht unlecker. Aber der Akt der Zubereitung hat mir ein wenig den Appetit verdorben. Noch schlimmer fand ich, dass den ganzen Tag die Hütte nach Fleisch gestunken hat. Nö. Morgen gibt’s Linsensuppe. Die stinkt wenigstens nicht nach totem Rind.

Ach ja: Wir stellen gerade die Ernährung um. Zwangsweise. Da meine Histaminose sich deutlich verschlimmert hat, muss ich nun strikt auf Histaminbomben wie Tunfisch, Sauerkraut und Spinat verzichten. Täglich frisch mit frischen Zutaten kochen mussten wir ohnehin schon immer, weil in Fertiggerichten fast immer Lactose enthalten ist. Nun fallen auch noch die restlichen Fertiggerichte weg. Denn ich darf keinen Hefeextrakt mehr essen, der ist leider fast überall enthalten. Darum experimentieren wir gerade eifrig mit neuen Rezepten für unseren relativ überschaubaren Speiseplan.

Geplatzt.

Mittwoch, 14 November 2007

Sind eigentlich schon mal Eltern vor Stolz über ihren Nachwuchs geplatzt? Nein? Wir sind jedenfalls kurz davor. Ich sage nur ein Wort: Elternsprechtag. Das wird mein neuer Lieblingsfeiertag.

Eins habe ich in den letzten Wochen gelernt: Erzähle niemals etwas über die Begabungen deines Kindes. Erzähle am besten gar nichts darüber. Sonst rufen gute Freundinnen mit gleichaltrigen Kindern plötzlich gar nicht mehr an. Und wenn du sie anrufst, sind sie zufällig gerade auf dem Sprung. Also schweige ich und genieße still.  

Uns ist das immer noch unheimlich. Wir hatten mit einer “besonderen Begabung” nicht gerechnet. Ich drück meinen Kleinen ganz feste - und passe schön auf, dass er nicht abdreht, sondern auf dem Boden bleibt. Mein Standardsatz lautet: “Andere Kinder können auch was sehr gut - da brauchst du dir gar nichts drauf einzubilden.” Und ein Rotzlöffel ist er immer noch. Ein Streber wird aus diesem Kind niemals. Gott sei Dank.

Ffffffffffffffffffffffffff.

Samstag, 10 November 2007

Puh, bin ich froh, dass ich diese Woche überstanden habe. Meiner Hand geht’s endlich besser. Sie schmerzt zwar immer noch bei jeder Bewegung. Aber sie lässt sich immerhin wieder brav bewegen. Ab und an erinnert mich die eine oder andere falsche Bewegung daran, dass man mit den Atemübungen aus dem Geburtsvorbereitungskurs auch jede andere Art von Schmerz veratmen kann. Das übt. Wahrscheinlich werde ich das Veratmen nie mehr für seinen ursprünglichen Zweck benötigen, aber es hilft auch, wenn ich mit der Wunde am Handgelenk gegen die Stuhllehne donnere. F–f–f–ffffffffffffffffffffff. Das vergisst man nie.

Sogar mein Mann kann’s heute noch. Dabei hätte er beinahe den eigentlichen Augenblick der Geburt seines einzigen Sohnes nicht mehr erlebt. Bei der drittletzten Presswehe meinte er, mich motivieren zu müssen. Sagt der allen Ernstes zu mir: “Du musst in den Bauch atmen. Immer in den Bauch atmen.” Ffffffffffffffff. Beinahe hätte er den nächsten Schmerz veratmen müssen. Man stelle sich das vor: Ich war froh, dass ich überhaupt noch am Leben war und den einen oder anderen tiefen Japser tun konnte - und der faselt was von Indenbauchatmen! Ein Wort mehr noch, und ich hätte ihm eine verpasst, die er nie vergessen hätte. Aber er hat einmal in seinem Leben eine Erleuchtung bekommen und fortan die Klappe gehalten. Ffffffffffffffffffffffffffffff.

Ach, ist das schon lange her. Aber die Atemtechnik, die hab ich immer noch perfekt drauf.

Unvergessen.

Donnerstag, 8 November 2007

Ein schwerer Tag. Wie jedes Jahr am 8. November. Seit sieben Jahren. Heute vor sieben Jahren starb unser erstes Kind. Wir waren wie gelähmt in den Tagen und Wochen danach. So sehr hatten wir uns gefreut, dass endlich, endlich unser ersehntes Baby unterwegs war. Doch es durfte nie die Sonne sehen. Nie mit uns schmusen und lachen. In der neunten Woche der Schwangerschaft hörte das kleine Herzchen auf zu schlagen.

Den Tage werde ich niemals vergessen. Und gerade heute kommen wieder die Zweifel. War es richtig, die Behandlungen abzubrechen? Wartet da nicht doch noch eine kleine Seele darauf, zu uns zu kommen? Es wird nie aufhören, weh zu tun.

Heute brennt meine Glückskerze nur für mein Kind, das ich nie im Arm halten durfte. Und als Dank dafür, dass wir mit Junior so viel Glück erleben dürfen. Da werden die alltäglichen Sorgen ganz, ganz klein.

Aufgeregt.

Donnerstag, 8 November 2007

Eine der größten Prüfungen im Leben einer Mutter. Mein Sohn muss was vorführen. Was sie in der Projektwoche in der Schule gelernt haben, ist am Samstag beim Tag der offenen Tür in der Schule zu bestaunen. Die Bastelarbeiten werden ausgestellt. Auch Juniors Wandbehang mit Korkendruck, für den ich den Stock gestern noch eilig hinbringen musste.

Aber sie haben auch noch einen Tanz eingeübt. Mein Kind. Einen Tanz. Ich werde lieber ein Taschentuch mitnehmen. Für alle Fälle. Spätestens wenn sie dann auch noch ihr Lied singen, werde ich es brauchen. Bestimmt. Ich heule immer bei sowas.

Morgen wollen sie Perlen drehen. Keine Ahnung, wie das geht, was daraus wird. Aber eins weiß ich jetzt schon: Ich werde es kaufen. Das hat mir Junior schon untergejubelt. Mach ich doch glatt. Ist für arme Kinder in Brasilien. Und mein Junge wird platzen vor Stolz. Ich seh schon, da naht der nächste Pfadi-Orden für mich…

Professionell.

Mittwoch, 7 November 2007

Hier war mal wieder ein Profi am Werk. Mein Liebster ist ein begnadeter Heimwerker. Er repariert Elektroteile aller Art - von Omas Küchenmaschine bis zum Roboter. Er baut Rollcontainer aus Holzresten. Und er bekommt Autos wieder ans Laufen. Das Procedere ist stets ähnlich. Meistens läuft es so ab: Er werkelt und bastelt. Dann beginnt er plötzlich, zu fluchen wie ein Kesselflicker. Und wir wissen: Aha, es dauert noch zehn Minuten, bis er fertig ist und das Teil wieder funktioniert.

Diesmal sollte er nur ein wenig helfen: Junior und ich haben einen Adventskalender gebastelt. Wir haben eine alte Schranktür bemalt, Glitzer draufgepinselt, Keramik-Sterne und Nikoläuse darauf geklebt. Und R. sollte uns 24 Haken an das Brett schrauben, an die wir 24 Geschenke hängen können. Unser Teil der Arbeit war zwar langwierig, sieht aber genial aus, finde ich. R. kaufte brav die Haken. Warum er allerdings mit 32 Haken ankam, wird sein Geheimnis bleiben. Aber egal, bei 50 Cent für die ganze Tüte kommt’s nicht so drauf an. Er schaute sich unseren Adventskalender an - und holte den Bohrer. Spontan schoss mir der Spruch “Mit Kanonen auf Spatzen schießen” in den Kopf. Die Haken sind nicht sonderlich groß. Aber gut. Ich dachte, er kennt sich ja aus. Er wird wissen, was er tut.

Er setzte den Bohrer an. Ein Loch gebohrt. Zweites Loch gebohrt. Dann ein lauter Fluch! Ich dachte: Aha, noch zehn Minuten! Aber diesmal war das Fluchen anders. Es schwoll bedrohlich an. Die Lautstärke auch. Und Junior stimmte mit ein. Verdächtig. R. hatte es zu gut gemeint mit dem Bohren. Der Bohrer bahnte sich einen Weg durch unser Brett, durch das Wachstischtuch, das wir bei Bastelarbeiten immer auf den Tisch legen, und noch ein Stückchen weiter. Zwei zauberhafte Löcher zieren unseren Echtholz-Küchentisch seitdem.

Ich bin ganz leise wieder rausgeschlichen aus der Küche. Kein Wort dazu. Sonst wären 1. meine Haken nicht an den Kalender gekommen und 2. die nächsten Stunden nicht wirklich erfreulich geworden…

Getröstet.

Dienstag, 6 November 2007

Was für ein Morgen. Junior flitzt fröhlich pfeifend zur Schule. Zehn Minuten zu früh. Sie haben Projektwoche. Er freut sich riesig. Heute jedenfalls. Gestern hatte er noch schwere Bedenken, weil er in der Gruppe bestimmt niemanden kennt. Und weil er überhaupt lieber in einem anderen Projekt wäre. Drei Wünsche durfte er auf einem Zettel notieren. Aber statt - wie das jeder andere Mensch sicher tun würde - die Lieblingsprojekte nach Beliebtheit  aufzuschreiben, sortierte unser Klötzchen die Projektnamen nach dem Alphabet. Ordnung muss sein. Warum einfach, wenn’s auch umständlich geht. So landete er naturgemäß in dem Projekt, das mit A beginnt - dabei wäre er viel lieber zu T gegangen.

Da muss er nun durch. Gestern jedenfalls war er restlos begeistert von seinem Projekt. Eine Klassenkameradin, die er ganz besonders gern mag, ist auch mit dabei. Das ist ja schon mal die halbe Miete. Heute Morgen flog er förmlich zur Schule. Leider hatte ich vergessen, ihm vor dem Abflug seine Medizin einzuflößen. Antibiotikum gegen Scharlach. Damit ist nicht zu spaßen. Außerdem hätte er die Flasche mitnehmen müssen, damit er mittags in der Ganztagsbetreuung ebenfalls seine Ration Medizin bekommt. Ich also ins Auto und zur Schule gedüst.

Junior bot ein Bild des Jammers. Er lief hin und her wie ein Tiger im Käfig, Tränen strömten über sein Gesicht. “Ihich hahab meiheinen Stohock vehergehehessehen”, schluchzte er mir entgegen. Den Stock! Oh nein! Für sein Projekt sollte er heute als Hausaufgabe einen 20 Zentimeter langen Stock mitbringen. Gut, dass der Junge so früh dran war heute. Medizin verabreicht, Flasche in den Ranzen gestopft, zum Auto gerannt, heimgerast, Stock aus dem Garten gezerrt - und ab zurück zur Schule. Dort wartete Junior schon sehnsüchtig, immer noch leise schluchzend. Selig drückte er mich ganz fest an sich und hauchte noch rasch ein “Danke Mama!” in mein Öhrchen. Dann sauste er überglücklich von dannen.

Ob ich wohl lieb bin? Ich finde, für heute habe ich mir den Pfadfinderorden schon mal verdient.