Junior hat mir gerade eine Zeile im “Magischen Baumhaus” vorgelesen. Er kann es! Er kann lesen! Ich platze gleich vor Stolz.
Die Klassenlehrerin fragte mich vor zwei Wochen, als ich in ihrer Sprechstunde war: “Sie wissen, dass Ihr Sohn lesen kann?” Ich war ein menschgewordenes Fragezeichen. Nö, wusste ich nicht. Hat er vor mir geheim gehalten, der Schlingel. So recht wollte ich es auch nicht glauben. Buchstaben ja, aber Wörter? Nein, nicht mein Kind. In den letzten Tagen wurde es schon immer besser mit den Wörtern - und heute hat er zwei ganz Sätze ganz allein gelesen. Ich war sowas von geplättet! Mein Mann war dabei, ich habe einen Zeugen. Er kann es. Hurra!
Und auch mit Mathe klappt’s gut. Die Lehrerin fragte mich in besagter Sprechstunde - in der ich eigentlich war, weil ich wissen wollte, ob er in der Klasse auch heult so wie in der Ganztagsbetreuung, weil ihm alles zu laut, zu unübersichtlich und zu neu sei -, wie’s mit seiner “besonderen Begabung” in Mathematik sei. Ich ahnte nichts. Rein gar nichts. Das menschliche Fragezeichen, Teil 2. Ja, er rechne fünfstellig im Kopf, brauche mehr Futter fürs Hirn. Ich war wie vom Donner gerührt. Ja, dass er gut rechnen kann, weiß ich. Keine Frage. Aber so? Auf so etwas wäre ich im Traum nicht gekommen. Ich lache immer über die Eislaufmütter, die meinen, ihre Gören seien superschlau oder sonstwie herausragend. Meins ist normal, da war ich mir sicher.
Nun will die Lehrerin für Junior einen individuellen Förderplan erarbeiten. Und damit ihm nicht langweilig wird, soll er zur Mathe-Stunde in die 3. Klasse gehen, den Rest in der 1. Klasse fortsetzen. Und wenn er Lust hat, kann er die Arbeitshefte der 2. Klasse nebenher durcharbeiten. Ich entfärbte mich, musste erst mal schlucken. Ich meine, wer rechnet mit sowas?
Nun geht er seit einer Woche täglich für eine Mathe-Stunde in die 3. Klasse. Als ich’s ihm ankündigte, reagierte er wie immer: Angst, Bauchweh, tausend Sorgen, Befürchtungen wegen der großen Kinder dort. Aber die Lehrerin hat ihn ohne größere Vorwarnung einfach in die 3. Klasse gebracht - da saß er dann. Und hatte Spaß. Die Kinder waren supernett zu ihm, haben sich förmlich drum gerissen, den Kleinen zu betütteln und mitmachen zu lassen. Einige Kinder kannte er noch vom Kindergarten.
Und seitdem geht’s aufwärts. Am Donnerstag durfte er sich einen festen Platz aussuchen, die Probestunden hat er offenbar überstanden. Und heute durfte er die 3.-Klasse-Hausaufgaben machen, freiwillig zwar. Und er hat sie ganz stolz gemacht. Puh, danach musste er erst mal eine Pause einlegen
Ich hatte ihm erklärt, dass er sich auf seine Mathe-Begabung nichts einbilden dürfe, die habe ihm der liebe Gott geschenkt, dafür solle er dankbar sein. Jedes Kind könne etwas besonders gut, er eben Mathe. Und angeben darf er damit auch nicht. Somit weiß in seiner Klasse kein Kind Bescheid. Die Lehrerin hat auch nichts gesagt, die bringt ihn einfach kommentarlos rüber. Bisher gab’s somit auch keine Reaktion aus der Klasse.
Er blüht förmlich auf. Kein einziger Abend mehr, an dem er mit Bauchweh einschläft. Er erzählt begeistert von der Schule. Und auch im Ganztag läuft es bestens. Er hat sogar schon einen Freund gefunden, mit dem er dort immer spielt. Er weint nicht mehr, fühlt sich offensichtlich wohl - und will jetzt sogar in den Herbstferien freiwillig in die Betreuung, weil das Programm so abenteuerlich und spannend klingt.
Gerade hat er erst mal als Belohnung für seine erste selbst gelesene Zeile im Buch einen Sammelband mit den ersten vier “Magisches-Baumhaus”-Bänden bekommen. Freut sich riesig. Vielleicht liest er den ja schon selbst. Aber noch geht’s ganz langsam mit dem Lesen. Aber wie ich ihn kenne, wird er heimlich üben - und irgendwann einfach loslesen.
Ist schon schön grad, das Leben.