Archiv für August, 2007

Versteuert.

Dienstag, 28 August 2007

Die beliebtesten Abende im ganzen Jahr. Alles Jahre wieder. Ende August wühlen wir uns unter gemeinschaftlichem Fluchen durch die Steuerunterlagen des Vorjahres. Am 30.8. läuft unsere Frist ab. Ich hasse es! Ich hasse Papierkram! Ich hasse Rechnungen! Und dieses Wiso-Steuerprogramm macht mich fertig. Immer und immer wieder fragt es mich nach der Schlüsselnummer des Instituts, das die vermögenswirksamen Leistungen unter seine Fittiche genommen hat. Woher soll ich die wissen? Die haben mir keinen Schlüssel gegeben. Wozu auch?

Und alle Jahre wieder habe ich vergessen, wo ich die dienstlich gefahrenen Kilometer eintragen muss. Oder die Kosten für Fotoarbeiten. Oder die Aufwendungen für Haus und Garten. Ich habe keinen blassen Schimmer. Das meiste Zeug wird sowieso nicht angerechnet. Da quäle ich mich hier ab - und für  nichts. Wenigstens rechnet uns das Programm brav aus, wie hoch die Rückzahlung sein wird. Denn draufzahlen mussten wir bisher gottlob noch nie. Das fehlte noch.

Die Asche können wir gut gebrauchen - für den Urlaub in den Herbstferien, die schon in drei Wochen starten. Also wühle ich tapfer weiter. Derweil ist Männe schon eingeknickt und ins Bettchen gehuscht. Um 4.30 Uhr bimmelt sein Wecker. Auch nicht schön. Da sortiere ich lieber die gesammelten Werke der letzten 2 Jahre.

Denn einen Vorteil hat das späte Abgeben der Steuererklärung: Den Kram für 2007 haben wir zumindest bis Ende August auch gleich mitsortiert. Zwangsläufig. Denn unser hervorragendes Ablagesystem besteht aus einem Körbchen in meinem Zimmer. Wenigstens ist es politisch korrekt aus Wasserhyazinthen geflochten. Das könnte sich ruhig steuermindernd auswirken, finde ich. 

Ich glaube, ich rufe doch morgen nochmal im Finanzamt an, ob sie uns noch zwei Wochen Galgenfrist gewähren. Bis übermorgen schaffen wir das nie im Leben!

Nachtrag: Nochmal Glück gehabt. Der Sachbearbeiter hatte ein Einsehen. Frist bis 17.9. verlängert. Der kennt uns schon. “Man kann sich aber auch ändern”, merkte er spitz an. Immerhin hat ihn beeindruckt, dass wir 2007 ja nun schon bis Ende August sortiert haben.

Rechenkönig.

Dienstag, 28 August 2007

Heute muss ich mal angeben. Junior ist ein Rechenkönig. Er rechnet, wo er geht und steht. Am Donnerstag sollten sie im Mathe-Buch auf einer Seite mit Gegenständen die Zahlen entdecken. Die Kinder nannten einstellige Zahlen. Nur meins nicht. Das entdeckte eine riesige Zahl: 19222. Die Lehrerin war von den Socken. Die Zahl stand als Notrufnummer auf einem Telefon.

Gestern hat er mich dann umgehauen: “In der Schule rechnen wir bis 10. Dabei kann ich zum Beispiel 19222 plus 19222 ausrechnen”, maulte er. Ich stutzte. “38444″, verkündete er strahlend. Ich gestehe, ich musste kurz nachrechnen. Ungläubig fragte ich nach: “Nein, jetzt veräppele mich nicht. Das hast du nicht selbst ausgerechnet.” Er grinste: “Doch. Natürlich. Ist doch ganz einfach.” Und rechnete gleich noch ein paar Aufgaben mit fünfstelligen Zahlen.

Also von mir hat der Junge das nicht. Ich hatte zwar Mathe-Leistungskurs - aber da ging es glücklicherweise nicht ums Kopfrechnen. Sonst wäre ich fies aufs Näschen gefallen.

Was mache ich nun mit seinem Talent? Von der Schule kann man da wohl kaum etwas erwarten. Mal schauen, ob es Bücher oder PC-Lernspiele gibt. Verkümmern lassen werde ich das Interesse am Rechnen ganz sicher nicht. Da müsste ich mit dem Hammer gepudert sein.

Besuch.

Montag, 27 August 2007

Unruhige Nacht. Irgendetwas stimmt nicht. Ich rieche es förmlich. Im Schein der Nachttischlampe sehe ich nur zu gut, was da nicht stimmt. Wir sind zu zweit auf meinem Kopfkissen. Tarantula persönlich hat sich direkt neben meinem Gesicht niedergelassen. So eine richtig große Spinne mit behaarten Beinen. Mein Schrei muss die halbe Stadt aus der Tiefschlafphase gerissen haben. Tarantula zeigt sich unbeeindruckt.

Ich haste los, um unser Fanggerät zu holen. Im Vergleich zur guten alten Methode mit Wasserglas und Blatt Papier hat dieses Gerät einen entscheidenden Vorteil: Es hat einen langen Griff, an dessen Ende man mit Hilfe eines Schiebeknopfes ein Blatt unter das Insekt schieben kann, das sodann im Plastikkäfig eingesperrt ist. So muss man dem Monster nicht zu nahe kommen.

Ein weiterer Vorteil: Schafft man es, Spinne, Ohrenkneifer und Co zu überzeugen, sich auf einer Höhe von etwa 1,30 Meter niederzulassen, kann man das Fangen delegieren. Ist auch pädagogisch wertvoll.

Tarantula scheint derweil geahnt zu haben, was da kommt. Als ich mit meinem Fanggerät im Schlafzimmer auftauche, ist die Spinne weg. Spurlos verschwunden. Genau wie meine Müdigkeit.

Geheult.

Sonntag, 26 August 2007

Junior hat über eine Stunde weinend im Bett gelegen. Er ist dann schluchzend eingeschlafen. Ab morgen muss er wieder in die Ganztagsschule gehen. Er habe Angst davor, sagt er. Dort gebe es viel weniger Spielzeug als im Kindergarten. Und einen Freund hat er auch noch nicht gefunden. Aus seiner Klasse ist kein Kind im Ganztag. Die meisten Kinder gehen um 13 Uhr, er muss bis 16 Uhr bleiben. Das macht ihm zusätzlich zu schaffen. Die Freizeitangebote starten erst in den nächsten Tagen. Bisher ist es ihm wohl ziemlich langweilig ab 13 Uhr.

Eine Betreuerin hat mich letzte Woche auch schon angesprochen. Er sei so traurig gewesen die ganze Woche. Ich hatte gedacht, er sei nur müde. Aber das war es wohl nicht allein. Es tut mir so weh, dass er sich so schwer eingewöhnen kann. Ich könnte mitweinen. Tu ich nur, wenn er es nicht sieht. Wir haben keine Wahl. Er muss jede zweite Woche in die Ganztagsbetreuung. Da alle Kinder unterschiedlich häufig dort sind, bringt es auch nichts, ihn mal mehrere Wochen am Stück dort zu lassen. So hat er zwischendurch immer eine Woche Pause. Da muss er durch. Ich auch. Es ist schwer, ihn trotzdem zu schicken.

Nachtrag: Heute hat mir die Betreuerin erzählt, er habe jeden Tag geweint, sich dann aber schnell ablenken lassen. Wir sollen Geduld haben. Leicht gesagt.

Geerntet.

Samstag, 25 August 2007

Ui. Wir sind stolze Gartenbesitzer. Zwar sind wir mehr so die kreativ-chaotische Sorte Gartenbesitzer. Aber wir sind begeistert. Und wir haben viele Obststräucher und einige Obstbäume. Himbeeren, Erdbeeren, Stachelbeeren, Johannisbeeren - davon haben wir reichlich. Auch der Holunderbusch ist ergiebig. Der Kirschbaum beglückt uns schon seit ein paar Jahren mit einem alljährlichen Schüsselchen Früchte.

Dieses Jahr hatten wir zum ersten Mal Pflaumen. Viele Pflaumen. Überraschend viele Pflaumen. Genau 6670 Gramm. Zu viele, um sie roh zu verputzen. Und natürlich besitzen wir weder Marmeladengläser noch Einmachgläser. Bisher gab’s ja nichts, was wir hineinfüllen konnten. R. wollte gern Pflaumenkuchen backen. Nun kann man mit 6670 Gramm Pflaumen sehr viel Pflaumenkuchen backen. Aber was macht man dann damit? Einfrieren? Im Prinzip keine schlechte Idee. Doch im Gefrierschrank sind alle Schubladen vollgestopft mit Spargel aus der Pfalz, Saumagen aus der Pfalz, Gemüsesuppen-Paketen aus dem Garten meiner Mutter (schon fertig geschnippelt) sowie vorgekochten Mahlzeiten für die ganze Familie, falls in meiner Arbeitswoche keine Zeit zum Kochen bleibt (was häufig vorkommt). Da könnte man Pflaumen höchstens noch einzeln dazwischen quetschen. Da bekäme der Begriff Zwetschgen eine ganz neue Bedeutung.

Also fiel der Pflaumenkuchen aus. Nichtsdestotrotz hat R. brav am Freitag alle Pflaumen entsteint und halbiert. Der Zufall wollte es, dass ich am Nachmittag zu meiner Mutter fuhr. Die hat massenhaft Einmachgläser in ihrem Keller. Gemeinsam haben wir die Pflaumen geschafft. Zehn Gläser Pflaumenmus und sieben Gläser mit eingemachten Pflaumen - hmmm. Das war vielleicht ein Düftchen in Mutters Haus :-)

Mit den Äpfeln werden wir weniger Arbeit haben. Geschätzte zehn Stück hängen am Baum. Seltsamerweise alle an einem Ast. Keine Ahnung, warum die Bienen nur an dieser Stelle ganze Arbeit geleistet haben. Egal. Schmecken werden sie bestimmt. Und wenn ich den Holunderbusch so ansehe, sollte ich doch noch ein paar Marmeladengläser besorgen. Holundergelee ist göttlich. Und auch schon wieder alle…

Überschwemmt.

Donnerstag, 23 August 2007

Regen, Regen, Regen. Tagelang. Wahre Flutmassen. Der klitzekleine Bach, an dem Junior im Sommer immer so gern Dämme baut, hat die halbe Böschung weggerissen. Die Talsperre ist fast randvoll, packt die hereinströmenden Wassermassen aus den Bergbächen kaum noch. Der Bach abwärts ins Tal sprudelt wie Wildwasser, weicht in Gärten und Keller aus. Die Ruhr, die hier eigentlich noch schmal und flach ist, hat Rekordpegelstände überschritten. Unter den Brücken sind noch wenige Zentimeter Luft. Noch nie in all den Jahren, in denen ich hier schon lebe, habe ich das gesehen. Die Ruhr-Auen sind die reinsten Seenplatten. Und immer noch finden sich Idioten, die das oberwitzig finden, mit einem Kanu in den reißenden Fluten zu paddeln. Die Feuerwehr fischte zwei Deppen- 15 und 20 Jahre alt - gestern aus der Ruhr. Ich hoffe, sie müssen für den Einsatz bar bezahlen.

Juniors Patentante und ihre Familie kämpft gegen Wassereinbrüche im Keller. Es spritzt einfach durch die Bodenplatte. Drei Pumpen werden der Fluten nicht Herr. Sie schaffen es gerade mal, den Pegel auf Kniehöhe zu halten. In jedem Kellerraum. Aber das Untergeschoss ist sowieso seit Wochen leer. Die fünfte Regenflut in diesem Jahr, die ins Haus drückt. Die Panik, die Ratlosigkeit und die Wut kann ich gut verstehen.

Wir haben bisher Glück. Wir leben auf dem Berg. Unser Haus ist neu gebaut, die Bodenplatte dick. Der Abwasserkanal führt steil abwärts ins Tal, Rückstau nahezu ausgeschlossen. Nur der kleine Knick, den die Straße an unserer Einfahrt macht, ist etwas knifflig. Kommt ein Sturzbach hernieder, dann schießt das Wasser die Straße runter - und knallt an dem kleinen Knick weiter geradeaus in unsere Einfahrt, am Haus vorbei unten vor die Haustür der Einliegerwohnung. Vorletztes Mal war’s schon knapp, nur noch ein wenig mehr Wasser - und es wäre ins Kellergeschoss gelaufen. Aber so lag der Rindenmulch der halben Nachbarschaft unter unserem Haus. Seit Wochen steht da ein Schalungsbrett, um die Fluten umzuleiten. Klappt gut. Wir werden da wohl ein Mäuerchen bauen müssen. Steine sind schon da, am Samstag wird’s werden. Falls es nicht gießt wie aus Eimern. Sandsäcke sind übrigens ausverkauft. Wen wundert’s.

Was Orkan Kyrill am 18. Januar noch übrig ließ, erledigt jetzt die Sintflut. Der Boden ist durch den Dauerregen - teilweise 95 Liter pro Quadratmeter binnen kürzester Zeit - so aufgeweicht, dass die von Kyrill gelockerten Bäume nun auch noch umkippen. Überall sind Straßen überschwemmt, unterspült, gesperrt. Morgen wollen wir zur Verwandtschaft, müssen riesige Umwege fahren, weil das Hauptüberschwemmungsgebiet mitten im Weg liegt.

Wenigstens soll das Wochenende schön werden. Wir sind eingeladen zu einer Gartenparty. Ohne Gummistiefel. Ohne Schwimmflügelchen. Hoffentlich.

Getrennt.

Dienstag, 21 August 2007

Es ist mal wieder soweit. Junior will sich von seinem Freund trennen. Das hat er schon häufiger gemacht. Dann wurde sich am nächsten Tag gleich wieder vertragen. Aber diesmal ist es ihm bitter ernst. Sein Freund hat einen von Juniors größten Schätzen zerstört: das Poster von Kevin Kuranyi. Sie haben mit Pfeil und Bogen in Juniors Zimmer gespielt. Wohlgemerkt: Die Pfeile haben nur Gummisaugnäpfe vorn, also nichts Gefährliches. Urplötzlich hat der Freund auf Kuranyis Gesicht gezielt und mit dem Pfeil das Poster halb durchtrennt. “Den kann ich sowieso nicht leiden”, verkündete er triumphierend. Anschließend behauptete er keck, er habe das Poster aus Versehen kaputt gemacht. Guter Trick.

Junior hat es mitten ins Herz getroffen. Sein geliebtes Poster. So eine Gemeinheit. Er hat bitterlich geweint. Lange und anhaltend. Sein Freund ging dann heim. Beim Rausgehen beteuerte er immer wieder, es sei ein Versehen gewesen. Ich kann Junior verstehen, dass er ihm nicht glaubt.

Nun will er sich also trennen. Und dafür sammelt er schimpfend weitere Argumente. Als müsse er sich selbst überzeugen. Sein Freund sei “ein Nichtswisser”, schluchzt er. Und: “Der glaubt ehrlich, Deutschland würde in der Bundesliga spielen!” Schlimmer noch: “Der kennt sich nur mit diesen blöden Kämpfesachen aus. Aber die braucht man nicht zu kennen. So ein blödes Power-Ranger-Zeug.” Und in der Schule kriselt es auch mit dem Freund. Junior heult: “Ich bin froh, wenn ich endlich in der zweiten Klasse bin. Dann muss ich nicht mehr neben ihm sitzen.” Der Junge meint es ernst: “Der macht nur Mist in der Schule. Das nervt!”

Ich werde mich nicht einmischen. Ich werde mich nicht einmischen. Ich werde mich nicht einmischen.

Ehrlich nicht. Ich gebe mir viel Mühe. Ich bin eine tapfere Mutter, die sich nicht in den Streit von Kindern einmischt. Und wenn ich mich in der Küche festtackern muss, ich werde morgen nichts zu Juniors Freund sagen. Denn wenn nicht ausnahmsweise alles anders ist als sonst, versöhnen sich die Streithähne morgen wieder. Wobei ich noch leise Zweifel habe. Denn diesmal haben sie sich nicht gestritten. Junior ist tief verletzt, weil sein Freund einen seiner größten Schätze mit Absicht zerstört hat. Ob das über Nacht wieder heilt?

Nachtrag: Es ist über Nacht wieder geheilt. Sie sind wieder die dicksten Freunde.

Vorfreude.

Dienstag, 21 August 2007

Nun ist sie raus. Eine riesige Füllung. Links oben. Und weh tut’s auch schon. Seit Tagen ist an der Stelle das Zahnfleisch wund, war vermutlich schon leicht verrutscht, die blöde Füllung. Ich sitze hier wie ein hypnotisiertes Kaninchen und starre das Telefon an. Ich sollte den Zahnarzt anrufen. Termin vereinbaren. Möglichst heute noch. Sofort sozusagen. Mein innerer Hasenfuß weigert sich. Vielleicht geht’s ja so. Ohne Füllung. Die Schmerzen sind schon ein wenig schwächer geworden. Genau genommen tut’s kaum noch weh.

Beim Zahnarzt sitze ich immer wie ein Häuflein Elend im Wartezimmer. Aber nur kurz. Die Termine beim Dentisten meines Vertrauens sind geschickt verteilt. Da bleibt kaum Zeit, sich richtig in der Angst zu suhlen. Dann packen sie die Delinquenten in den Stuhl des Grauens, binden ihnen Lätzchen um - und lassen sie allein. Da hocke ich dann, innerlich - und leider manchmal auch äußerlich - zitternd. Blanke Panik. Tausend Gedanken schwirren durch mein gequältes Hirn. Gedanken, die alle nur ein Ziel haben: Wie komme ich hier raus? Sofort? Jetzt? Vor der Behandlung? Einen Anruf vortäuschen? Übelkeit? Einen extrem heftigen Husten? Einen plötzlichen Ausbruch von Magen-Darm-Virus? Einen wichtigen dienstlichen Termin?

Meist fällt mir nichts wirklich Überzeugendes ein. Und ehe ich schnöde ohne Ausrede flüchte, ist der Zahnarzt auch schon da. Der Mann hat einen entscheidenden Vorteil: Der ist selbst ein Angsthase. Der versteht mich. Der fragt nicht lang rum, der erzählt mir keinen vom Pferd. Der sagt, wenn’s weh tun wird, nur kurz, dass es wohl besser ist, wenn er mir eine Spritze verpasst. Und wenn er keine Spritze anbietet, kann ich sicher sein, dass es wirklich nicht weh tut. Also eigentlich gibt es keinen echten Grund für meine enorme Panik. Was mich aber bislang nicht weiter beeindrucken konnte.

So. Nun habe ich den Anruf lange genug vor mir hergeschoben. Ehrlich gesagt, schmerzt der Zahn lausig. Ich muss wohl hin…

Gedudel.

Montag, 20 August 2007

Wir hören gern Musik. Wir hören viel Musik. Auch laut. Vor allem rockig. Manchmal auch punkig. Junior liebt unsere Musik. Besonders die der Toten Hosen und der Ärzte. Er kann viele Lieder lauthals mitsingen, tanzt wie ein Berserker dazu (ganz der Papa). Er träumt davon, als Musiker steinreich zu werden. Soll er mal. Dann kauft er seinem alten Mütterchen vielleicht ein Haus am Meer, eine Motoryacht und einen Ferrari. Obwohl, als alte Schachtel brauche ich keinen Ferrari. Liegendanfahrt ist dann nicht mehr drin. Also doch lieber einen bequemen Geländewagen der feinsten Sorte.

Im Urlaub hatten wir beide vormittags Physiotherapie. Während ich Heißluft und Massage bekam, saß Junior brav auf einem Stuhl und lauschte den Klängen, die aus Papas MP3-Player kamen. Wir hätten die Stücke, die R. dort gespeichert hat, vorher mal genauer überprüfen sollen. Es ging los mit den Toten Hosen. “Hier kommt Alex”. Dann dieselben Interpreten, aber mit einem Lied über einen Weihnachtsmanndarsteller, der sich auf dem Dachboden erhängt. Da zog ein paar irritierte Fragen nach sich. Dann kamen die Ärzte. “Ich will zurück nach Westerland” war ja noch ganz witzig. Dann kam leider ein Stück, das nicht wirklich für seine Ohren geeignet ist. Erst kicherte er nur. Ich ahnte noch nicht, was er da hörte. Dann summte er mit. Mir schwante etwas. Dann sang er einige Zeilen laut mit. Und dann lachte er sich kaputt. Über mein entsetztes Gesicht. Es war ein Lied von den Ärzten. Es ging um Claudia, die einen Schäferhund hat, der abends mit ihr ins Bett geht. Und so weiter. Er hat den Sinn nicht wirklich begriffen, hoffe ich.

Ich packte mir den Player, drückte schnell aufs nächste Lied. Zu spät. Der Song hatte sich schon eingebrannt in das kleine Hirn unseres Schlingels. Wie neulich, als beim Zappen im TV völlig unvermutet (zu jugendfreier Zeit im Urlaub bei Orkan und Sintflut) folgender Satz zu hören war: “Die müsste mal wieder richtig durchgeb…… werden!” Ich zappte einfach weiter, tat so, als wäre nichts gewesen. Dreht sich der Knirps um: ” Durchgeb…..? Was ist das denn?” Und zack, war der Spruch gespeichert. Ich habe ihm eindringlich klar gemacht, dass man das niemals zu irgendwem sagen darf. Aber ob’s hilft? Interessanter wurde der Spruch dadurch auf jeden Fall.

Die Leiterin der Betreuung in der Offenen Ganztagsgrundschule heißt übrigens Claudia. Er hat es ihr vorgesungen, das Lied. Muss ich noch mehr sagen? Gut, dass wir uns schon lange kennen.

Gejammer.

Sonntag, 19 August 2007

Sonntagsdienst an sich ist schon nicht wirklich das Schönste am Wochenende. Doch heute habe ich verschärfte Haftbedingungen. Rund ums Haus tobt eine Kirmes. Mit einer Lautstärke, dass ich schon mehrfach das Telefon nicht gehört habe. Was blöd ist, wenn man auf Anrufe wartet. Ob das Fenster geschlossen ist oder nicht, macht keinen großen Unterschied. Dann lieber im Krach ab und an ein wenig frische Luft einsaugen.

Die Wolke, die zum Fenster hereinweht, ist auch nicht von schlechten Eltern. Da mischt sich der Duft gebrannter Mandeln mit einer würzigen Knoblauchnote und einem Hauch fettiger, angekokelter Wurst. Man gewöhnt sich nicht wirklich dran. 

Der Tag war schon mies drauf, bevor er richtig begonnen hatte. Um 3.50 Uhr eine Meldung: Feuer in Wohnhaus. Ganz schlecht um diese Zeit. Kein Mitarbeiter erreichbar. Also hurtig in alte Klamotten gehüpft, und ab ging’s. Gehört zu den Dingen, die man in den ersten Tagen lernt: Gehe niemals mit noch brauchbarer Kleidung zu einem Brand - die Kluft wird auf ewig nach Rauch riechen.

5 Uhr wieder im Bettchen. An Schlaf war nicht zu denken. Also eine Stunde Krimi gelesen. Dann klappten die Klicker doch wieder zu. 7.30 Uhr ging der Wecker. Wegen besagter Kirmes wollte ich schon früher ins Büro und knifflige Vorarbeiten leisten, bevor das Gerummel startete. Diesen Plan fasste ich, bevor die Alarmmeldung kam. Leider hatte ich mich zwar umentschieden, dem Wecker aber keine neue Anweisung gegeben.

7.30 Uhr also. Wieder wach. Rasch unter die Dusche, kurz frühstücken - und los. Theoretisch hätte ich den Kleinkram locker vor Kirmesbeginn geschafft. Praktisch leider nicht. Irgendwie scheint sonntags jeder zu glauben, ich sei die Kummerkastentante. Ellenlange Gespräche. Zum Ausgleich komme ich kaum voran.

Es gibt so schöne Beruf. Meiner zählt heute nicht dazu. Sonst schon. Aber heute halt nicht.