Volltreffer.
In der chirurgischen Ambulanz des Krankenhauses trifft man lustige Leute. Menschen mit eigenartigen Verletzungen. Seit über fünf Wochen müssen wir mit Juniors Finger jeden zweiten oder dritten Tag dorthin. Nach einigen Terminen trifft man immer wieder dieselben Leute. Man kommt sich näher. Man begrüßt sich freundlich, erkundigt sich nach dem werten Befinden. Man informiert sich gegenseitig über Heilungsfortschritte. Und man beäugt gemeinsam Neuankömmlinge. Wir wissen meist schnell Bescheid, wem was wobei passiert ist. Wie schlimm es ist, was zurückbleiben kann davon. Schmerzen machen gesprächig. Das muss dann mal raus.
Der Mittvierziger mit der Brandverletzung an der linken Wade, die er sich am Hochofen zugezogen hat, klagt nie, hat aber mit Sicherheit heftige Schmerzen. Er muntert immer alle auf, kennt jede Schwester, jeden Pfleger mit Namen.
Der niedliche Schweizer mit dem zauberhaften Akzent ist schüchtern und ein wenig melancholisch. Kyrill sei Dank kam er als Ein-Mann-Lohnunternehmen herbei, um dabei zu helfen, das wegzuräumen, was der Orkan übrig ließ. Und dann hat’s ihm den Fuß zerbröselt. Nun hockt er in einer kleinen Pension. Einsam und allein. Mit einem schmerzenden, gebrochenen Fuß. Keiner zahlt ihm den Verdienstausfall. Schließlich ist er selbstständig. Die lange Fahrt nach Hause schafft er mit der Verletzung noch nicht. Alles kein Grund, in überschäumenden Frohsinn auszubrechen. Trotzdem haut er uns mit dem einen oder anderen trockenen Spruch immer mal wieder aus den Schuhen vor Lachen. Galgenhumor vermutlich.
Gestern kam ein Neuer. Ein Bauer. Keine Frage. Einer, der mit anpackt. Der sich nicht bange macht vor einer Menge Arbeit. Einer, der sich auch nicht anstellt. Vorgestern war er ein Notfall. Nun humpelt er mit einem fröhlichen “Guten Morgen” auf den Lippen ins Wartezimmer. Er strahlt wie ein Honigkuchenpferd, erzählt gleich von seinem Unfall. Er zeigt auf seinen Fuß: “Da hat mir ne Kuh draufgetreten.” Wir lachen. Aber so lustig war das wohl nicht. Der Fuß ist gebrochen, musste außerdem noch genäht werden. Ein echter Volltreffer. Aber der Bauer bleibt gelassen. Zweimal im Jahr, grinst er, habe er solche Sachen. Na dann. Wahrscheinlich gewöhnt man sich dran.
Die Enddreißigerin hat’s auch nett erwischt. “Mir ist ein Würstchen auf den kleinen Zeh gefallen”, beichtet sie. Und erntet ungläubiges Staunen. Ein Würstchen? War das aus Eisen? Nein, aber gefroren. Und dann hat es durchschlagende Wirkung. Zeh gebrochen. Peng. Noch ein Volltreffer.