Schwelgen.

Ach ja… da gerate ich gleich ins Schwelgen. Im Kiga-Forum fragt jemand nach Kindheitserinnerungen. Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll.
Da sind die Geschmacksverirrungen. Tritop! So ein plastikfarbenes Getränkekonzentrat, das man mit Wasser verdünnen musste. Waldmeister liebte ich besonders. Gibt’s jetzt wieder. Schmeckt auch so wie früher. Und bei Partys gab’s immer Fliegenpilze (unten Ei, oben Tomate mit Majo-Flecken drauf), Käseigel (Käsespieße) und Reis-Salat. Die Milch habe ich immer in einer Kanne beim Bauern direkt am Kuhstall abgeholt. Und wenn ich ganz gut drauf war, habe ich es geschafft, die Kanne einmal ganz rumzuschleudern, ohne dass auch nur ein Tröpfchen rausfiel. Klappte manchmal nicht.

Die Technik. Wir hatten, weil mein Vater einen kleinen Betrieb hatte, ein Telefon. Als einzige im weiten Umkreis. Alle Nachbarn kamen zu uns zum Telefonieren. Wenn einer einen Arzt brauchte, kam er zu uns. Eine grandiose Informationsbörse war unser kleines Büro. Wir wussten immer zuerst, wer ein Kind bekommen hatte, wer gestorben war. Wenn einer der Nachbarn einen Anruf bekam, musste ich schnell hinlaufen, um ihn oder sie zu holen. Aber das kam nur alle paar Tage mal vor.

Die Gerüche. Mein Vater hatte ein Sägewerk mit Zimmerei. Er roch herrlich nach Holz, ich liebe den Duft heute noch. Lasst mich hinter einem Sägemehl-Transporter herfahren - und ich bin selig -)

Die Erlebnisse. Im Herbst haben wir mit ganz vielen Kindern beim Bauern bei der Kartoffelernte geholfen. Das Kartoffelfeuer roch wunderbar und knisterte so schön. Anschließend gab es dicke Weißbrot-Schnitten mit fingerdicker Bauernbutter und Fleischwurst drauf. Ein Genuss, der uns den schmerzenden Rücken vergessen ließ. Wir haben Dämme gebaut am Bach im Wald - bis der Bauer entdeckte, dass wir seine Wiese geflutet hatten und uns mit der Mistgabel verjagte; dabei verhakte sich der kleinste Junge mit seinem enorm dicken Kopf zwischen zwei Reihen Stacheldraht, sodass wir nach seiner Befreiung allesamt leicht blutend nach Hause gerannt kamen.

Das Fernsehen. Ich weiß noch, dass wir zur Fußball-WM einen Farbfernseher bekamen. Eine Sensation. Der erste Farbfernseher im Dorf. Und die Männer kamen alle zum Fußballgucken. Einer hatte Hände wie Bratpfannen. Wenn der zu klatschen begann, bin ich immer in Deckung gegangen, um bloß nicht dazwischen zu geraten. Wickie, klar, und das Sandmännchen - aber sonst? Ich kann mich nicht erinnern, jemals viel ferngesehen zu haben. Dazu hatten wir gar keine Zeit -)

Die Autos. Wir hatten mal ein Dreirad - so einen Lkw mit einem Rad vorne. Und ausgerechnet dieses eine vordere Rad fiel ab… Meine Mutter hat mit 40 den Führerschein gemacht. Mein Vater hat sie mitten im Wald üben lassen, damit sie nach weit über 30 Fahrstunden endlich die Prüfung machen konnte. Dabei hat sie unseren Lieferwagen in eine Böschung gerammt. Mein lieber Schwan, der sah hinterher aus. Dann bekamen wir einen Opel Rekord. Mausgrau. Als erste Amtshandlung riss Mama damit das Garagentor aus der Verankerung. Sie hatte sich mit der Breite verschätzt.

Solche Geschichten habe ich zuhauf auf Lager…

Ich hoffe, ich kann Julian auch so eine schöne Kindheit ermöglichen, an die er sich gern und voller Freude erinnert.

Nachtrag: Das klingt jetzt alles, als wäre das damals kurz nach dem Kartoffelkrieg gewesen. Nein, es war Anfang der siebziger Jahre. So lange ist das nun nicht her. Junior schaut auch immer, als wäre ich auf dem Mond aufgewachsen, wenn ich ihm solche Storys erzähle…


Ein Kommentar zu “Schwelgen.”

  1. Katja1978 schreibt:

    Hi shusl,

    ja Kindheitserinnerungen sind zum Teil was wirklich Schönes…wenn ich so zurück denke…auch wenn sie doch ein wenig anders aussehen als bei Dir.

    Freue mich auf weitere Erlebnisse!!

Hinterlasse eine Nachricht