Bestickt.
Beim Kramen in meinem Nachttisch auf der Suche nach einem Fieberthermometer fällt mir ein hellblaues Stoffmäppchen in die Hände. Liebevoll bestickt mit einem Stiefmütterchen. Es riecht nicht mehr wie früher. Schade. Denn es roch nach Kindheit. Ganz intensiv.
Acht Jahre war ich alt, als ich zum ersten Mal zu Fräulein Nowak kam. Sie war klein und hutzelig. Ihr schütteres, graues Haar war im Nacken zu einem Dutt zusammengefasst. Sie hatte unglaublich viele Falten. So eine alte Frau hatte ich noch nie vorher gesehen. Sie war ein Fräulein. Ein vornehmes noch dazu. Fräulein Nowak stammte aus Ostpreußen, glaube ich. Sie sprach nicht so. Sie sprach ganz vornehm. Sie hieß auch nicht schnöde Edith. Nein, sie trug den feinen Vornamen Edita. Fräulein Nowak gab Klavierunterricht.
Der Raum, in dem ihr altes, wertvolles Klavier stand, war ganz dunkelbraun. Alles darin war dunkelbraun. Die Wände waren vertäfelt. Der Fußboden bestand aus knarrenden Dielen. Die Möbel waren dunkelbraun. Alles ein wenig betagt. Und es roch sogar irgendwie dunkelbraun. Nach einer Mischung aus Chanel Nr. 5, ganz alter Frau und noch älterem Klavier.
Überall lagen bestickte Deckchen. Die fertigte Fräulein Martha. Das war die Haushälterin. Fräulein Martha war lange nicht so edler Herkunft wie Fräulein Nowak. Fräulein Martha war mehr für das weniger Feingeistige im Hause zuständig. Aber sie stickte auch mit Hingabe. Und Ausdauer. Die beiden unverheirateten Damen lebten viele Jahrzehnte in einem gemeinsamen Haushalt. Also eigentlich war es Fräulein Nowaks Haushalt. Und Fräulein Martha war ihre Angestellte. Sie kannten sich besser als ein altes Ehepaar. Da bin ich sicher. Doch nach all den Jahren taten sie immer noch etwas, das ich mit meinen acht Jahren sehr befremdlich fand: Sie siezten sich.
Bis zu meinem 14. Lebensjahr wurde ich Woche für Woche zu Fräulein Nowak gebracht, damit sie mich in die Geheimnisse des Klavierspiels einweihen konnte. Ich habe viel gelernt bei ihr. Nur den “Praktischen Czerny”, dessen diverse Bände ich jahraus, jahrein üben musste, den mochte ich nicht. Irgendwann hatten Grieg, Haydn und Bach sehr an Boden verloren gegenüber Thomas oder Markus. Ich rief mein Fräulein Nowak an und sagte die Klavierstunden ab. Ich glaube, sie hat geweint am Telefon. Es tat mir ja auch irgendwie leid. Aber was soll man machen? Mit 14?
Mein altes Klavier habe ich immer noch. Es steht im Spiel- und Musikzimmer. Etwas verstimmt ist es. Der Resonanzboden hat einen Riss. Manchmal überkommt es mich. Dann spiele ich ein, zwei Stündchen. Und versinke dabei in meiner eigenen Welt. Vergesse alles um mich herum. Es ist sicher nicht das, was sich Fräulein Nowak von unserer Zusammenarbeit erhofft hat. Aber es ist herrlich entspannend. Nur der “Praktische Czerny” lugt immer wie ein stummer Vorwurf aus dem Notenstapel. Ich müsste mal wieder mehr und systematisch üben. Aber den “Czerny” habe ich nie wieder angerührt.
Das hellblaue Stofftäschchen mit der von Fräulein Martha gestickten Blüte darauf habe ich auch behalten. Benutzt habe ich es nie. Bestickte Taschentücher sollte ich darin aufbewahren, meinten die beiden Damen bei der feierlichen Geschenkübergabe. Ich hebe lieber ein paar papierene Schätze darin auf. Das wäre ihnen sicher auch recht.