Identitätsverlust.

Einkaufstage sind nichts für mich. Meine wöchentliche Rundtour: Aldi, Hit, Metzger. Eine Tortur. Ich hasse es. Mittwochs gehe ich nur im Notfall. Mittwoch ist Großkampftag bei Aldi. Wenn die Russlanddeutschen in Dreierreihen um die Kiste mit Kinder-Strumpfhosen stehen, kriege ich Ausschlag. Nein, das ist kein Vorurteil. Hier leben sehr viele, sehr konservative Baptisten aus Kasachstan. O-Ton eines Jungen aus der Nachbarschaft: “Frauen, die Hosen tragen, sind schlecht.” Bin ich halt schlecht. Aber deshalb trägt mein Sohn trotzdem im Winter Strumpfhosen. Aber ich komme nicht dran, wenn’s die bei Aldi günstig gibt. Denn da stehen die Russen und schustern sich die passenden Größen für ihre Töchter zu. Und wenn’s Gartenmöbel gibt, schlagen sich die deutschen Rentner drum. Auch nicht besser.

Das alles spricht für den Dienstag als Einkaufstag. Heute Morgen war ich früh dran, schon um 9 Uhr zurück vom Kindergarten, Junior - wieder gesund - abgeliefert. Grad wollte ich los, drängte mir meine Cousine ein längeres Telefonat auf. Es ging um unseren gemeinsamen Urlaub mit 9 Familienmitgliedern am Meer - da will man ja auch nicht unhöflich und kurz angebunden sein. Um 10 Uhr stand ich glücklich im Aldi. Wagen gepackt. Und hinein ins Getümmel. Leider hatte sich der recht umfangreiche Einkaufszettel in Nichts aufgelöst. Weg war er. Einfach weg. Ein Alptraum. Zumal ich mir gestern sehr viel Mühe beim Erstellen eines zweiwöchigen Speiseplans gegeben hatte, der möglichst wenig Histamin (wegen mir) und keine Lactose (wegen Junior), aber viel frisches Gemüse enthält. Der Zettel tauchte nicht wieder auf. Im Auto nicht. In der Hosentasche nicht. Nirgends. Ich raffte das, was mir noch grad so einfiel, zusammen, ärgerte mich über eine holländische Familie, die mit ihrer holländischen EC-Karte bei Aldi bezahlen wollte und erst nach langer Diskussion einsah, dass das bei Aldi nicht funktioniert, und dann mit dem durchaus vorhandenen Bargeld bezahlte. Auch zu Hause tauchte der Zettel nicht auf. Also wieder sämtliche Kochbücher gewälzt, die noch fehlenden Zutaten - und das waren nicht wenige - notiert, und wieder los. Diesmal zu Hit. Unglaublich, wer einem alles über den Weg läuft, wenn man keine Zeit hat.

Ausgerechnet heute hatte ich Junior erlaubt, allein vom Kindergarten nach Hause zu gehen. Das sind nur 200 Meter, das macht er öfter. Nur diesmal hätte ich es beinahe nicht geschafft. Unter Missachtung einiger Verkehrsregeln - aber nur minimal - stoppte ich um 12.05 Uhr mit quietschenden Reifen in unserer Einfahrt. Junior trabte um 12.15 Uhr die Straße runter. Mit Beule im Gesicht. Kleiner Unfall am Klettergerüst. Aber das ist eine andere Geschichte.

Es gab in der Eile natürlich nichts Gesundes. Oder vielleicht doch. Immerhin Bio-Fritten, Hähnchen und Erbsen. Letztere von gestern. Junior war’s recht. Kurz vor 14 Uhr zischte er wieder ab in den Kindergarten. Erkunder-Team bis 16.30 Uhr. Ich gleich wieder los zum Metzger. Steht da ein betagtes Paar vor der Theke. “Ach, Vati, wollen wir noch ein paar Krakauer mitnehmen”, ächzte die Frau. Der Mann antwortete: “Mutti, sowas haben die hier doch nicht!” *megasauer* Was ist denn das? Wenn mein Mann es jemals wagen sollte, mich Mutti zu nennen, wäre das das letzte Wort, das seinen Lippen entfleucht. Aber das Allerletzte! Wie kann man nur? Was muss mit zwei Menschen passiert sein, dass sie sich Vati und Mutti nennen? Soviele Kinder kann man doch gar nicht haben, dass man seine Identität sausen lässt. Oder? Sagt mir, dass das nicht normal ist. Bitte!


2 Kommentare zu “Identitätsverlust.”

  1. Sheepchen schreibt:

    ich weiss wie das passiert.. wenn ihre kindernoch bei ihnen wohnen ist das nicht schwer.. meine oma pflegte früher immer zu meiner mutter zu sagen, sie möge doch “den papa” fragen..meine ma ar da auch erst 30 ;-) heute redet sie vom opi.. bald wechseln die beiden hoffentlich wieder: “uropi, bring noch ein paar knacker mit!” *lach*

  2. geschafft schreibt:

    Hi Shusl,

    du hast natürlich recht…das ist wirklich nicht normal!!!! *g*

    Aber zum Lachen trotzdem ;)

    Liebe Grüsse Tina

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