Nostalgisch.

Die “Reise und Camping”-Messe naht. Wir scharren schon mit den Hufen. Letztes Jahr haben wir uns einen gebrauchten Wohnwagen gekauft. Und natürlich wurde der gleich eifrig genutzt. Das Wowa-Fieber hat uns erwischt. Wir können es kaum abwarten, bis es endlich wieder losgeht. Allerdings langt’s noch nicht zum Hardcore-Camping im Winter. Dafür sind wir doch zu verweichlicht. Ein wenig wärmer darf’s schon sein.

Wenn ich die Messe-Einladung sehe, schwelge ich in Erinnerungen. Vor vielen Jahren war ich schon mal auf Campingtour. Allerdings dienstlich. Und extrem vornehm. Mit zahlreichen Kollegen anderer Häuser war ich ein paar Tage in der Normandie unterwegs. Um 3 Uhr mussten wir am Messegelände sein. Als ich ankam, stand dort erst ein älterer Kollege. Helmut. Ich kannte ihn vorher nicht. Aber Helmut war nett. Per Bus ging’s zum Flughafen, dann weiter per Flieger nach Paris. Dort bekamen je zwei Kollegen ein nagelneues, luxuriöses Wohnmobil. Helmut und ich bekamen eines gemeinsam. Denn alle, die nach uns am Messegelände eintrafen und einander auch nicht kannten, dachten, wir würden uns schon ewig kennen und hätten ein Krösken miteinander. Dabei kannten wir uns erst fünf Minuten. Höchstens. Egal. Helmut war charmant, wenn auch nicht ganz meine Preisklasse - so rein alterstechnisch gesehen.

Helmut drängte sich gleich ans Steuer. War mir angesichts der enormen Ausmaße des Wohnmobils ganz recht. Dann ab ins Getümmel. Helmut lernte zwei Sachen ganz schnell: 1. Paris ist nicht gerade ein gutes Pflaster für Wohnmobil-Fahranfänger. Und 2. Kartenlesen ist nicht mein Ding. Auf dem Autobahnring bogen immer mehr Kollegen mit ihren Wohnmobilen ab. Nur wir fuhren immer weiter. Die Kollegen im letzten Wagen neben uns winkten ganz aufgeregt. Helmut schockte das alles nicht. Wir landeten in Versailles. Auch schön dort. Aber unser Ziel war eigentlich Honfleur. Als wir dort endlich ankamen, war die Gruppe schon beim Mittagessen. Und wir wurden kichernd begrüßt.

Die nächste Etappe sollte ich fahren. Helmut konnte gut Karten lesen. Doch er war die ersten Kilometer sehr damit beschäftigt, sich vor Ästen zu schützen, die durchs offene Beifahrerfenster hereinschlugen. Ich schätze, spätestens da hätte er doch lieber Klaus als Wohnmobil-Partner gehabt. Aber irgendwann hatte ich auch gepeilt, dass das Wohnmobil deutlich breiter als mein Opel Corsa war. Wir kamen dann doch relativ gemeinsam mit den anderen Teams in Deauville an. Der Parkplatz des noblen Hotels Normandie war reichlich gefüllt mit Wohnmobilen. Denn: Wir sollten die Fahrzeuge nur beim Fahren testen, nicht darin nächtigen.

Jeder bekam ein Einzelzimmer. Ein wenig geräumiger als üblich war’s schon. Eine vierköpfige Familie hätte in meiner Suite ein bequemes Leben führen können. Ich nicht. Mir war das unheimlich. Ich öffnete eine Tür und stand in einer Art Schrank. Riesig groß. Nicht wie ein begehbarer Kleiderschrank. Nein, noch viel größer. Mein kleines Köfferchen sah darin ein wenig einsam aus. An einer Seite war eine Klappe. Dahinter hatte ich freien Ausblick auf den Flur. Am nächsten Morgen wusste ich, wozu die Klappe gedacht war. Alle Kollegen hatten blitzblank gewienerte Schuhe. Nur ich nicht. Muss einem ja erst mal jemand sagen, dass man seine schmutzigen Treter an der Klappe deponieren kann, wenn sie geputzt werden sollen.

Das Bad war eine weitere Offenbarung. Nicht nur, dass es riesig groß und ein Telefon darin war. Es gab auch keine Toilette. Ich fand nach ausgiebiger Erkundung ein Bidet, einen Whirlpool, eine riesige Dusche, mehrere Waschbecken. Aber keine Toilette. Auch unter Berücksichtigung der merkwürdigen Eigenarten, die französische Toiletten häufig haben, fand ich nichts, was sich für solche Zwecke eignen könnte. Als ich mich völlig entnervt an die geflieste Wand lehnte, öffnete sich ganz leise eine bis dahin unsichtbare Tür. Und dahinter - welch ein Auftritt! - das Klöchen. Ich musste einen unscheinbaren Knopf an der Wand drücken, um die Tür zu bewegen. Ich war schwer beeindruckt.

Der Abend im legendären, hoteleigenen Casino war wunderbar. Wir speisten mitten im Casino in einem durch dicke, weiße Seile abgeteilten Raum. Komisches Gefühl, wenn einen die vorbei schlendernden Leute beim Essen anstarren wie Affen im Zoo. Gezockt haben wir auch, aber nur mäßig erfolgreich.

Für einen Tag und eine Nacht machten wir einen Abstecher zum Mont St. Michel. Das Hotel war wieder eine Klasse für sich. Ich bekam ein Zimmer, in dem vor mir schon Francois Mitterand sein müdes Haupt gebettet hatte. Diesmal fand ich die Toilette sofort. Und das war auch gut so. Mir war hundeelend. Denn wir waren über die Route du Cidre gefahren. Helmut übernahm bereitwillig wieder das Steuer. War ihm lieber so. Beim Cidre-Test hatte ich dankend verzichtet. Ich vertrage keinen Apfelsaft. Aber auf den Calvados war ich hereingefallen. Auweia. Ausgerechnet beim einzigen offiziellen Termin der ganzen Reise musste ich eiligst losrasen, um den Apfelschnaps wieder auszuspucken. In das Klo, auf dem schon Francois Mitterand gesessen hatte. Aber dem war bestimmt nicht so übel.

Danach nahm ich mein Zimmer näher in Augenschein. Da hing eine seltsame Schlaufe aus der Wand. Nicht dass ich neugierig wäre, aber die Schlaufe ließ mir keine Ruhe. Nach kurzem Zögern zog ich kräftig daran. Rums - und beinahe wäre ich von einem Bett erschlagen worden. Da schlug plötzlich wenige Zentimeter neben mir ein enorm großes, zusätzliches Bett auf dem Fußboden, über den schon Francois Mitterand gegangen ist, auf. Wow. Als Kind vom Land rechnet man ja nicht mit sowas.

Der Rest der Reise war angenehm. Man gewöhnt sich an Luxus. Golfen direkt am Meer. Speisen im Schloss mit den Schlossherren. Das hat auch was. Allein die Bibliothek dort war eine Sensation. Da stand im Garten ein ganzes Haus voller kostbarer Bücher. Ich war hingerissen. Mit Camping hatte die Reise nicht viel zu tun. Wenn man mal von unseren Fahrzeugen absieht. Dabei wollte man uns eigentlich das Schloss-Camping nahe bringen.

Wir halten’s dann mit unserem Wohnwagen doch etwas bodenständiger. Ach, wenn’s doch nur endlich wärmer würde…


Ein Kommentar zu “Nostalgisch.”

  1. Trulli schreibt:

    shusl, kann dich sehr gut verstehen. unser wohnmobil steht hier seit oktober unbeweglich rum. es ist uns einfach zu kalt, an die see zu fahren. wir warten auf ostern oder eben wärmere wochenenden, dann gehts ab nach römö in dänemrak, die insel über sylt !!! herrlich, 12 km langer befahrbarer sandstrand - vorsicht - viele fahren sich fest.
    aber drachen steigen lassen, baden in der nordsee, seele baumeln lassen - herrlich.

    und fahren mit dem großen WOMO - kein problem, man gewöhnt sich an die ausmaße, nur rückwärts einparken is etwas gewöhnungsbedürftig.

    wintercamping ist uns auch zu kalt.

    auf wärmere tage dann, viele grüße trulli

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