Archiv für Februar, 2007

Schwelgen.

Mittwoch, 28 Februar 2007

Ach ja… da gerate ich gleich ins Schwelgen. Im Kiga-Forum fragt jemand nach Kindheitserinnerungen. Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll.
Da sind die Geschmacksverirrungen. Tritop! So ein plastikfarbenes Getränkekonzentrat, das man mit Wasser verdünnen musste. Waldmeister liebte ich besonders. Gibt’s jetzt wieder. Schmeckt auch so wie früher. Und bei Partys gab’s immer Fliegenpilze (unten Ei, oben Tomate mit Majo-Flecken drauf), Käseigel (Käsespieße) und Reis-Salat. Die Milch habe ich immer in einer Kanne beim Bauern direkt am Kuhstall abgeholt. Und wenn ich ganz gut drauf war, habe ich es geschafft, die Kanne einmal ganz rumzuschleudern, ohne dass auch nur ein Tröpfchen rausfiel. Klappte manchmal nicht.

Die Technik. Wir hatten, weil mein Vater einen kleinen Betrieb hatte, ein Telefon. Als einzige im weiten Umkreis. Alle Nachbarn kamen zu uns zum Telefonieren. Wenn einer einen Arzt brauchte, kam er zu uns. Eine grandiose Informationsbörse war unser kleines Büro. Wir wussten immer zuerst, wer ein Kind bekommen hatte, wer gestorben war. Wenn einer der Nachbarn einen Anruf bekam, musste ich schnell hinlaufen, um ihn oder sie zu holen. Aber das kam nur alle paar Tage mal vor.

Die Gerüche. Mein Vater hatte ein Sägewerk mit Zimmerei. Er roch herrlich nach Holz, ich liebe den Duft heute noch. Lasst mich hinter einem Sägemehl-Transporter herfahren - und ich bin selig -)

Die Erlebnisse. Im Herbst haben wir mit ganz vielen Kindern beim Bauern bei der Kartoffelernte geholfen. Das Kartoffelfeuer roch wunderbar und knisterte so schön. Anschließend gab es dicke Weißbrot-Schnitten mit fingerdicker Bauernbutter und Fleischwurst drauf. Ein Genuss, der uns den schmerzenden Rücken vergessen ließ. Wir haben Dämme gebaut am Bach im Wald - bis der Bauer entdeckte, dass wir seine Wiese geflutet hatten und uns mit der Mistgabel verjagte; dabei verhakte sich der kleinste Junge mit seinem enorm dicken Kopf zwischen zwei Reihen Stacheldraht, sodass wir nach seiner Befreiung allesamt leicht blutend nach Hause gerannt kamen.

Das Fernsehen. Ich weiß noch, dass wir zur Fußball-WM einen Farbfernseher bekamen. Eine Sensation. Der erste Farbfernseher im Dorf. Und die Männer kamen alle zum Fußballgucken. Einer hatte Hände wie Bratpfannen. Wenn der zu klatschen begann, bin ich immer in Deckung gegangen, um bloß nicht dazwischen zu geraten. Wickie, klar, und das Sandmännchen - aber sonst? Ich kann mich nicht erinnern, jemals viel ferngesehen zu haben. Dazu hatten wir gar keine Zeit -)

Die Autos. Wir hatten mal ein Dreirad - so einen Lkw mit einem Rad vorne. Und ausgerechnet dieses eine vordere Rad fiel ab… Meine Mutter hat mit 40 den Führerschein gemacht. Mein Vater hat sie mitten im Wald üben lassen, damit sie nach weit über 30 Fahrstunden endlich die Prüfung machen konnte. Dabei hat sie unseren Lieferwagen in eine Böschung gerammt. Mein lieber Schwan, der sah hinterher aus. Dann bekamen wir einen Opel Rekord. Mausgrau. Als erste Amtshandlung riss Mama damit das Garagentor aus der Verankerung. Sie hatte sich mit der Breite verschätzt.

Solche Geschichten habe ich zuhauf auf Lager…

Ich hoffe, ich kann Julian auch so eine schöne Kindheit ermöglichen, an die er sich gern und voller Freude erinnert.

Nachtrag: Das klingt jetzt alles, als wäre das damals kurz nach dem Kartoffelkrieg gewesen. Nein, es war Anfang der siebziger Jahre. So lange ist das nun nicht her. Junior schaut auch immer, als wäre ich auf dem Mond aufgewachsen, wenn ich ihm solche Storys erzähle…

Umfrage.

Dienstag, 27 Februar 2007

Liebe Leserinnen und Leser,

das Feedback auf Tagebucheinträge ist meist eher mager. Mal ein paar Kommentare, das war’s aber auch schon. Heute seid Ihr mal gefragt. Ich würde gern mal wissen, was Ihr so denkt über mein Blog. Mich würde interessieren: Welche der bisher 98 Beiträge haben Euch am besten gefallen? Warum? Welche gar nicht?

Danke für Eure Antworten! Ich bin schon mächtig gespannt darauf!

Bestickt.

Sonntag, 25 Februar 2007

Beim Kramen in meinem Nachttisch auf der Suche nach einem Fieberthermometer fällt mir ein hellblaues Stoffmäppchen in die Hände. Liebevoll bestickt mit einem Stiefmütterchen. Es riecht nicht mehr wie früher. Schade. Denn es roch nach Kindheit. Ganz intensiv.

Acht Jahre war ich alt, als ich zum ersten Mal zu Fräulein Nowak kam. Sie war klein und hutzelig. Ihr schütteres, graues Haar war im Nacken zu einem Dutt zusammengefasst. Sie hatte unglaublich viele Falten. So eine alte Frau hatte ich noch nie vorher gesehen. Sie war ein Fräulein. Ein vornehmes noch dazu. Fräulein Nowak stammte aus Ostpreußen, glaube ich. Sie sprach nicht so. Sie sprach ganz vornehm. Sie hieß auch nicht schnöde Edith. Nein, sie trug den feinen Vornamen Edita. Fräulein Nowak gab Klavierunterricht.

Der Raum, in dem ihr altes, wertvolles Klavier stand, war ganz dunkelbraun. Alles darin war dunkelbraun. Die Wände waren vertäfelt. Der Fußboden bestand aus knarrenden Dielen. Die Möbel waren dunkelbraun. Alles ein wenig betagt. Und es roch sogar irgendwie dunkelbraun. Nach einer Mischung aus Chanel Nr. 5, ganz alter Frau und noch älterem Klavier.

Überall lagen bestickte Deckchen. Die fertigte Fräulein Martha. Das war die Haushälterin. Fräulein Martha war lange nicht so edler Herkunft wie Fräulein Nowak. Fräulein Martha war mehr für das weniger Feingeistige im Hause zuständig. Aber sie stickte auch mit Hingabe. Und Ausdauer. Die beiden unverheirateten Damen lebten viele Jahrzehnte in einem gemeinsamen Haushalt. Also eigentlich war es Fräulein Nowaks Haushalt. Und Fräulein Martha war ihre Angestellte. Sie kannten sich besser als ein altes Ehepaar. Da bin ich sicher. Doch nach all den Jahren taten sie immer noch etwas, das ich mit meinen acht Jahren sehr befremdlich fand: Sie siezten sich.

Bis zu meinem 14. Lebensjahr wurde ich Woche für Woche zu Fräulein Nowak gebracht, damit sie mich in die Geheimnisse des Klavierspiels einweihen konnte. Ich habe viel gelernt bei ihr. Nur den “Praktischen Czerny”, dessen diverse Bände ich jahraus, jahrein üben musste, den mochte ich nicht. Irgendwann hatten Grieg, Haydn und Bach sehr an Boden verloren gegenüber Thomas oder Markus. Ich rief mein Fräulein Nowak an und sagte die Klavierstunden ab. Ich glaube, sie hat geweint am Telefon. Es tat mir ja auch irgendwie leid. Aber was soll man machen? Mit 14?

Mein altes Klavier habe ich immer noch. Es steht im Spiel- und Musikzimmer. Etwas verstimmt ist es. Der Resonanzboden hat einen Riss. Manchmal überkommt es mich. Dann spiele ich ein, zwei Stündchen. Und versinke dabei in meiner eigenen Welt. Vergesse alles um mich herum. Es ist sicher nicht das, was sich Fräulein Nowak von unserer Zusammenarbeit erhofft hat. Aber es ist herrlich entspannend. Nur der “Praktische Czerny” lugt immer wie ein stummer Vorwurf aus dem Notenstapel. Ich müsste mal wieder mehr und systematisch üben. Aber den “Czerny” habe ich nie wieder angerührt.

Das hellblaue Stofftäschchen mit der von Fräulein Martha gestickten Blüte darauf habe ich auch behalten. Benutzt habe ich es nie. Bestickte Taschentücher sollte ich darin aufbewahren, meinten die beiden Damen bei der feierlichen Geschenkübergabe. Ich hebe lieber ein paar papierene Schätze darin auf. Das wäre ihnen sicher auch recht.

Unlust.

Donnerstag, 22 Februar 2007

Heute gibt es nichts zu lachen. Die Grippe hat mich schwer erwischt. Ich liege im Bette und beklage mein Schicksal. Junior ist ein hinreißender Pfleger. “Was kann ich noch für dich tun?” fragt er alle Nase lang. Mehr geht heute nicht.

Danke.

Mittwoch, 21 Februar 2007

Wow. Der oder die 4000. Leser/in hat in meinem Tagebuch geblättert. Dies ist der 96. Beitrag seit Oktober. Das hätte ich niemals gedacht, dass es immer wieder ein Thema gibt. Schön, dass sich immer wieder Leute finden, die meine Elaborate lesen. Danke! Zur Feier des Tages gebe ich eine Runde Bionade Ingwer-Orange aus! Klingt nicht lecker? Ist es aber. Ist derzeit mit weitem Abstand mein absolutes Lieblingsgetränk.

Ohnehin hat man ja schnell einen Stempel auf der Stirn, wenn man Bio-Lebensmittel kauft. Freudlose, graugesichtige Körnerpicker - so stellt sich der Normal-Aldi-Einkäufer die Bio-Kunden vor. Dabei gibt’s längst auch völlig ungesunde Dinge aus streng biologisch-dynamischem Anbau: Pommes, Chipse, Süßigkeiten jeder Art - was will das Sünderherz mehr?

Ich gestehe, ich kaufe alles, was Bio ist, mit Vergnügen. Gemüse, Obst, Eier, Käse, gerne auch Fleisch, Brot, Mehl - eben alles, was man so braucht. Und meistens - auch das gebe ich zu - schaue ich dabei nicht die Bohne auf den Preis. Manchmal beschleicht mich an der Kasse der Verdacht, dass sich heimlich Goldnuggets in meinen Wagen geschmuggelt haben, aber am Ende sind es dann doch wieder nur Bio-Paprika, Bio-Kiwis und Bio-Bananen. Wir sind mit so vielen Nahrungsmittelunverträglichkeiten gesegnet, da muss nicht auch noch eine geballte Ladung aus den gespritzten Lebensmitteln dazu kommen. Außerdem: Bio schmecken zum Beispiel Kartoffeln, Eier, Paprika oder Kohlrabi viel intensiver. So wie früher. Als ich noch klein und die Welt noch in Ordnung war.

Aber ich schweife ab. Prost!

Identitätsverlust.

Dienstag, 20 Februar 2007

Einkaufstage sind nichts für mich. Meine wöchentliche Rundtour: Aldi, Hit, Metzger. Eine Tortur. Ich hasse es. Mittwochs gehe ich nur im Notfall. Mittwoch ist Großkampftag bei Aldi. Wenn die Russlanddeutschen in Dreierreihen um die Kiste mit Kinder-Strumpfhosen stehen, kriege ich Ausschlag. Nein, das ist kein Vorurteil. Hier leben sehr viele, sehr konservative Baptisten aus Kasachstan. O-Ton eines Jungen aus der Nachbarschaft: “Frauen, die Hosen tragen, sind schlecht.” Bin ich halt schlecht. Aber deshalb trägt mein Sohn trotzdem im Winter Strumpfhosen. Aber ich komme nicht dran, wenn’s die bei Aldi günstig gibt. Denn da stehen die Russen und schustern sich die passenden Größen für ihre Töchter zu. Und wenn’s Gartenmöbel gibt, schlagen sich die deutschen Rentner drum. Auch nicht besser.

Das alles spricht für den Dienstag als Einkaufstag. Heute Morgen war ich früh dran, schon um 9 Uhr zurück vom Kindergarten, Junior - wieder gesund - abgeliefert. Grad wollte ich los, drängte mir meine Cousine ein längeres Telefonat auf. Es ging um unseren gemeinsamen Urlaub mit 9 Familienmitgliedern am Meer - da will man ja auch nicht unhöflich und kurz angebunden sein. Um 10 Uhr stand ich glücklich im Aldi. Wagen gepackt. Und hinein ins Getümmel. Leider hatte sich der recht umfangreiche Einkaufszettel in Nichts aufgelöst. Weg war er. Einfach weg. Ein Alptraum. Zumal ich mir gestern sehr viel Mühe beim Erstellen eines zweiwöchigen Speiseplans gegeben hatte, der möglichst wenig Histamin (wegen mir) und keine Lactose (wegen Junior), aber viel frisches Gemüse enthält. Der Zettel tauchte nicht wieder auf. Im Auto nicht. In der Hosentasche nicht. Nirgends. Ich raffte das, was mir noch grad so einfiel, zusammen, ärgerte mich über eine holländische Familie, die mit ihrer holländischen EC-Karte bei Aldi bezahlen wollte und erst nach langer Diskussion einsah, dass das bei Aldi nicht funktioniert, und dann mit dem durchaus vorhandenen Bargeld bezahlte. Auch zu Hause tauchte der Zettel nicht auf. Also wieder sämtliche Kochbücher gewälzt, die noch fehlenden Zutaten - und das waren nicht wenige - notiert, und wieder los. Diesmal zu Hit. Unglaublich, wer einem alles über den Weg läuft, wenn man keine Zeit hat.

Ausgerechnet heute hatte ich Junior erlaubt, allein vom Kindergarten nach Hause zu gehen. Das sind nur 200 Meter, das macht er öfter. Nur diesmal hätte ich es beinahe nicht geschafft. Unter Missachtung einiger Verkehrsregeln - aber nur minimal - stoppte ich um 12.05 Uhr mit quietschenden Reifen in unserer Einfahrt. Junior trabte um 12.15 Uhr die Straße runter. Mit Beule im Gesicht. Kleiner Unfall am Klettergerüst. Aber das ist eine andere Geschichte.

Es gab in der Eile natürlich nichts Gesundes. Oder vielleicht doch. Immerhin Bio-Fritten, Hähnchen und Erbsen. Letztere von gestern. Junior war’s recht. Kurz vor 14 Uhr zischte er wieder ab in den Kindergarten. Erkunder-Team bis 16.30 Uhr. Ich gleich wieder los zum Metzger. Steht da ein betagtes Paar vor der Theke. “Ach, Vati, wollen wir noch ein paar Krakauer mitnehmen”, ächzte die Frau. Der Mann antwortete: “Mutti, sowas haben die hier doch nicht!” *megasauer* Was ist denn das? Wenn mein Mann es jemals wagen sollte, mich Mutti zu nennen, wäre das das letzte Wort, das seinen Lippen entfleucht. Aber das Allerletzte! Wie kann man nur? Was muss mit zwei Menschen passiert sein, dass sie sich Vati und Mutti nennen? Soviele Kinder kann man doch gar nicht haben, dass man seine Identität sausen lässt. Oder? Sagt mir, dass das nicht normal ist. Bitte!

Umworben.

Sonntag, 18 Februar 2007

Die Macher von Fernsehwerbung müssen allesamt unter Drogen stehen. Einige Beispiele aus einem einzigen Werbeblock:

“Oral B hat ein Ziel: eine Welt mit weniger Plaque.” Das nenne ich mal einen Lebensinhalt. Geht’s auch ne Nummer kleiner?

“Du bist der Gegenwind in meiner Galaxie!” Hallo? Wir zanken uns zwar dauernd, aber du schenkst mir trotzdem Schokolade? Ich würde ausrasten, wenn mein Mann sich so bei mir bedanken würde.

“Eine Zahncreme, die Sie vor Glück jubeln lässt!” Öhm… muss ich dazu noch was schreiben?

Ich pack’s nicht. Sowas kann man doch nur unter dem Einfluss illegaler Drogen einem krausen Hirn entlocken…

Und zum krönenden Abschluss noch einer: “Faktoakut - und Hämorrhoiden geben Frieden.”

Nostalgisch.

Sonntag, 18 Februar 2007

Die “Reise und Camping”-Messe naht. Wir scharren schon mit den Hufen. Letztes Jahr haben wir uns einen gebrauchten Wohnwagen gekauft. Und natürlich wurde der gleich eifrig genutzt. Das Wowa-Fieber hat uns erwischt. Wir können es kaum abwarten, bis es endlich wieder losgeht. Allerdings langt’s noch nicht zum Hardcore-Camping im Winter. Dafür sind wir doch zu verweichlicht. Ein wenig wärmer darf’s schon sein.

Wenn ich die Messe-Einladung sehe, schwelge ich in Erinnerungen. Vor vielen Jahren war ich schon mal auf Campingtour. Allerdings dienstlich. Und extrem vornehm. Mit zahlreichen Kollegen anderer Häuser war ich ein paar Tage in der Normandie unterwegs. Um 3 Uhr mussten wir am Messegelände sein. Als ich ankam, stand dort erst ein älterer Kollege. Helmut. Ich kannte ihn vorher nicht. Aber Helmut war nett. Per Bus ging’s zum Flughafen, dann weiter per Flieger nach Paris. Dort bekamen je zwei Kollegen ein nagelneues, luxuriöses Wohnmobil. Helmut und ich bekamen eines gemeinsam. Denn alle, die nach uns am Messegelände eintrafen und einander auch nicht kannten, dachten, wir würden uns schon ewig kennen und hätten ein Krösken miteinander. Dabei kannten wir uns erst fünf Minuten. Höchstens. Egal. Helmut war charmant, wenn auch nicht ganz meine Preisklasse - so rein alterstechnisch gesehen.

Helmut drängte sich gleich ans Steuer. War mir angesichts der enormen Ausmaße des Wohnmobils ganz recht. Dann ab ins Getümmel. Helmut lernte zwei Sachen ganz schnell: 1. Paris ist nicht gerade ein gutes Pflaster für Wohnmobil-Fahranfänger. Und 2. Kartenlesen ist nicht mein Ding. Auf dem Autobahnring bogen immer mehr Kollegen mit ihren Wohnmobilen ab. Nur wir fuhren immer weiter. Die Kollegen im letzten Wagen neben uns winkten ganz aufgeregt. Helmut schockte das alles nicht. Wir landeten in Versailles. Auch schön dort. Aber unser Ziel war eigentlich Honfleur. Als wir dort endlich ankamen, war die Gruppe schon beim Mittagessen. Und wir wurden kichernd begrüßt.

Die nächste Etappe sollte ich fahren. Helmut konnte gut Karten lesen. Doch er war die ersten Kilometer sehr damit beschäftigt, sich vor Ästen zu schützen, die durchs offene Beifahrerfenster hereinschlugen. Ich schätze, spätestens da hätte er doch lieber Klaus als Wohnmobil-Partner gehabt. Aber irgendwann hatte ich auch gepeilt, dass das Wohnmobil deutlich breiter als mein Opel Corsa war. Wir kamen dann doch relativ gemeinsam mit den anderen Teams in Deauville an. Der Parkplatz des noblen Hotels Normandie war reichlich gefüllt mit Wohnmobilen. Denn: Wir sollten die Fahrzeuge nur beim Fahren testen, nicht darin nächtigen.

Jeder bekam ein Einzelzimmer. Ein wenig geräumiger als üblich war’s schon. Eine vierköpfige Familie hätte in meiner Suite ein bequemes Leben führen können. Ich nicht. Mir war das unheimlich. Ich öffnete eine Tür und stand in einer Art Schrank. Riesig groß. Nicht wie ein begehbarer Kleiderschrank. Nein, noch viel größer. Mein kleines Köfferchen sah darin ein wenig einsam aus. An einer Seite war eine Klappe. Dahinter hatte ich freien Ausblick auf den Flur. Am nächsten Morgen wusste ich, wozu die Klappe gedacht war. Alle Kollegen hatten blitzblank gewienerte Schuhe. Nur ich nicht. Muss einem ja erst mal jemand sagen, dass man seine schmutzigen Treter an der Klappe deponieren kann, wenn sie geputzt werden sollen.

Das Bad war eine weitere Offenbarung. Nicht nur, dass es riesig groß und ein Telefon darin war. Es gab auch keine Toilette. Ich fand nach ausgiebiger Erkundung ein Bidet, einen Whirlpool, eine riesige Dusche, mehrere Waschbecken. Aber keine Toilette. Auch unter Berücksichtigung der merkwürdigen Eigenarten, die französische Toiletten häufig haben, fand ich nichts, was sich für solche Zwecke eignen könnte. Als ich mich völlig entnervt an die geflieste Wand lehnte, öffnete sich ganz leise eine bis dahin unsichtbare Tür. Und dahinter - welch ein Auftritt! - das Klöchen. Ich musste einen unscheinbaren Knopf an der Wand drücken, um die Tür zu bewegen. Ich war schwer beeindruckt.

Der Abend im legendären, hoteleigenen Casino war wunderbar. Wir speisten mitten im Casino in einem durch dicke, weiße Seile abgeteilten Raum. Komisches Gefühl, wenn einen die vorbei schlendernden Leute beim Essen anstarren wie Affen im Zoo. Gezockt haben wir auch, aber nur mäßig erfolgreich.

Für einen Tag und eine Nacht machten wir einen Abstecher zum Mont St. Michel. Das Hotel war wieder eine Klasse für sich. Ich bekam ein Zimmer, in dem vor mir schon Francois Mitterand sein müdes Haupt gebettet hatte. Diesmal fand ich die Toilette sofort. Und das war auch gut so. Mir war hundeelend. Denn wir waren über die Route du Cidre gefahren. Helmut übernahm bereitwillig wieder das Steuer. War ihm lieber so. Beim Cidre-Test hatte ich dankend verzichtet. Ich vertrage keinen Apfelsaft. Aber auf den Calvados war ich hereingefallen. Auweia. Ausgerechnet beim einzigen offiziellen Termin der ganzen Reise musste ich eiligst losrasen, um den Apfelschnaps wieder auszuspucken. In das Klo, auf dem schon Francois Mitterand gesessen hatte. Aber dem war bestimmt nicht so übel.

Danach nahm ich mein Zimmer näher in Augenschein. Da hing eine seltsame Schlaufe aus der Wand. Nicht dass ich neugierig wäre, aber die Schlaufe ließ mir keine Ruhe. Nach kurzem Zögern zog ich kräftig daran. Rums - und beinahe wäre ich von einem Bett erschlagen worden. Da schlug plötzlich wenige Zentimeter neben mir ein enorm großes, zusätzliches Bett auf dem Fußboden, über den schon Francois Mitterand gegangen ist, auf. Wow. Als Kind vom Land rechnet man ja nicht mit sowas.

Der Rest der Reise war angenehm. Man gewöhnt sich an Luxus. Golfen direkt am Meer. Speisen im Schloss mit den Schlossherren. Das hat auch was. Allein die Bibliothek dort war eine Sensation. Da stand im Garten ein ganzes Haus voller kostbarer Bücher. Ich war hingerissen. Mit Camping hatte die Reise nicht viel zu tun. Wenn man mal von unseren Fahrzeugen absieht. Dabei wollte man uns eigentlich das Schloss-Camping nahe bringen.

Wir halten’s dann mit unserem Wohnwagen doch etwas bodenständiger. Ach, wenn’s doch nur endlich wärmer würde…

Noch närrischer.

Freitag, 16 Februar 2007

Junior war gestern recht erfolgreich beim Singen. Seine Sporttasche - passend zum Kostüm - war reichlich gefüllt mit Süßigkeiten (von denen er die meisten nicht essen darf, aber das ist ihm egal und auch eine andere Geschichte). Eine Familie hat sich sogar hinreißen lassen, jedem Kind eine Packung Spekulatius (Aldi-Nord, abgelaufen) zu schenken. Lecker.

Schön war auch eine Begegnung der besonderen Art, von der er erzählte: Die beiden Jungs haben bei einer Aussiedler-Familie, die zu den sehr konservativen Baptisten gehört, schräg gegenüber von uns geklingelt. Die Tür öffnete sich - und bevor die Kinder singen konnten, schmetterte ihnen eine Frau ein barsches “Wir feiern keinen Karneval” entgegen und knallte die Tür zu. Hallo? Was soll sowas? Kann man das den Kindern nicht vernünftig erklären? Oder erst gar nicht öffnen (wie es andere auch getan haben)?

Sehr befremdlich fand ich auch, dass einige Nachbarn den Kindern Geld gegeben haben. Das war zwar jeweils nur 1 Euro pro Kind, aber trotzdem. Muss das denn sein? Die Jungs  hätten sich auch über ein einzelnes Bonbon oder eine Mandarine gefreut. Aber Geld? Das finde ich reichlich daneben. Naja, sie haben’s sicher lieb gemeint.

Närrischer.

Donnerstag, 15 Februar 2007

Bei uns stehen heute traditionell die Kinder im Mittelpunkt: Lüttkefastnacht nennt sich das. Die Kinder gehen von Haus zu Haus, singen ein Lie:
“Lüttke, Lüttkefastnacht,
wir haben gehört, ihr habt geschlacht,
und eine dicke Wurst gemacht.
Gebt uns Eine, gebt uns Eine,
aber nicht so ne ganze Kleine,
sondern eine Große.
Lasst das Messer sinken,
bis mitten in den Schinken.
Lasst uns nicht so lange stehn,
wir wolln nochn Häuschen weiter gehn.”

Oder eine gierige Kurzversion:
“Ich bin ein armer Kater,
ich habe keinen Vater,
habe keine Mutter,
gib mir bitte Futter.”

Dafür gibt’s dann für jedes Kind keine Wurst (die gab’s früher immer!), sondern Süßigkeiten. Daran werden wir dann monatelang kauen *ohnmacht*
Junior geht heute als Fußballer (auf ausdrücklichen eigenen Wunsch). Eine Nachbarin holt ihren und meinen Sohn im Kindergarten ab zum Singen in unserer Straße (in der auch der Kiga ist). Wenn die Tüte voll ist *lol*, liefert sie ihn wieder im Kiga ab. Ich bin ganz stolz, dass er das so klaglos mitmacht. Denn sein Kumpel kann ja nach dem Singen zu Hause bleiben. Junior dagegen muss bis 17 Uhr im Kiga bleiben und wird danach noch bis zu meinem Feierabend (ich schätze mal, es wird 19.30 Uhr) von der Tagesmutter betreut…

Für mich ist es ein wahrhaft närrischer Weiberkarneval. Ich arbeite derzeit mit zwei als ewige Junggesellen verkleideten Kollegen in einem Büro. Komisch, die sehen genauso aus wie die Herren, die sonst hier arbeiten. Gut getroffen, die Kostümierung. Tätä tätä tätä. Wir mampfen uns tapfer durch die Berliner, die ich heute Morgen in alter Tradition gekauft habe. Seit 11 Uhr ist nirgends mehr jemand erreichbar. Auch nicht wirklich komisch, wenn man noch dies und das recherchieren muss.

Grad kommt eine originelle Polizeimeldung rein: “Verkehrsunfall mit Biotonne”. Das kommt davon, wenn man immer mit neuartigen Fahrzeugen experimentiert. Woanders fahren die Leute mit Autos oder Lastwagen. Aber hier ist mal wieder alles ganz anders. Tätä tätä tätä. Die Biotonne war übrigens randvoll. Das Zeug flog meterweit, als das Auto das Behältnis traf. Leckeres Düftchen. Und so hässlich vom Wagen abzukratzen. Gefahndet wird noch nach dem Besitzer der Biotonne. Die lag nämlich herrenlos mitten auf der Fahrbahn, als eine Autofahrerin mit ihrem Wagen dagegen prallte. Vielleicht kann man ihn anhand des Inhalts identifizieren. Muss sich nur noch einer finden, der den Biomüll gründlich untersucht…