Einkaufen mit Junior. Immer wieder ein Erlebnis der Extraklasse. Seit er sprechen kann - und das kann er schon sehr, sehr lange - redet er von morgens bis abends ohne Unterlass. Sogar im Schlaf. Und natürlich lässt er die Gelegenheit, auch Verkäuferinnen einen Knopf an die Backe zu labern, nicht aus. Warum auch. Die sind meist willige Opfer. Freuen sich wie ein Schnitzel, wenn er ihnen was erzählt. Schnitzel - das ist das Stichwort. Wir waren in der Stadt. Zahnarztbesuch für den Knirps. “Zähne wie Perlen”, lobte der gute Mann. Zur Belohnung Juniors Lieblingsausflug der kleineren Art: Wir waren auf dem Wochenmarkt. Beim Türken gab’s Krebsfleisch, Knoblauchsoße und Fladenbrot. Damit war Junior schon mal ernährungstechnisch glücklich gemacht. Beim Italiener noch lecker Käse und Salame Milano (oder so ähnlich) in den Korb gepackt. Jaja, Gemüse und Salat haben wir auch noch bei unserem Lieblingsökobauern ergattert. Wir essen also nicht nur so ein seltsames Zeug.
Dann zum original deutschen Metzger. Blutwurst. An sich schon eine ekelhafte Sache. Würde ich niemals anrühren. Doch R. liebt sie. Und besonders von diesem alten Dorfmetzger. Junior stand vor dem Verkaufswagen, glotzte sehnsüchtig in die Auslagen. Mir schwante schon nichts Gutes. “Ich will ein Schweineohr”, quiekte er plötzlich los. Meine Antwort war eindeutig: “Du spinnst. Wir kaufen kein Schweineohr.” Er ließ nicht locker. Während ich die Blutwurst (schon beim Schreiben dieses Wortes schüttelt es mich) bezahlte, warf er immer wieder ein: “Ich will ein Schweineohr.” Mein konstantes Nein quittierte der Metzger mit einem schelmischen Lachen. Dann schaute er Junior tief in die Augen und sagte laut und vernehmlich: “Na, mein Junge, wenn du so gern ein Schweineohr haben möchtest, dann schenke ich dir eins.” Mein Protest verhallte ungehört. Er nahm ein Schweineohr aus der Auslage, packte es notdürftig ein und drückte es Junior in die Hand. Der strahlte bis hinter die Ohren, packte das Schweineohr wieder aus und sah es sich erst mal ausgiebig an. “Guckt mal, da ist sogar ein Loch im Ohr”, verkündete er der schnell wachsenden Menge der Schaulustigen um seine mühsam nach Luft schnappende, bleiche Mutter und den kichernden Metzger, “und in dem Loch wachsen Haare!” Lecker. Nach der Besichtigung stopfte er das Schweineohr in meinen schönen, neuen Korb. “Das kannste heute Mittag kochen”, meinte er noch gönnerhaft.
Den Teufel werde ich tun. Heute Mittag gab’s kaltes Krebsfleisch mit kalter Knoblauchsoße auf Fladenbrot. Heute Abend gibt’s - als Testlauf für den Kindergeburtstag im Kindergarten - Pizzabrötchen. Was um alles in der Welt macht man mit einem Schweineohr? Meine Mutter kommentierte das nur lapidar: “Koch eine Suppe davon. Und das Ohr gibst du R., der mag doch sowas.” Ja. Da hat sie leider recht. Aber mir reichen schon die Geräusche, die er macht, wenn er Schwarte aus der Erbsensuppe isst. Bei jedem Biss kracht es. Zum Davonlaufen. Oder Würgen. Ganz wie man will. Wie soll sich dann das Ohr erst anhören? Lieber nicht vorstellen. Nein.
Es liegt jetzt im Kühlschrank. Meine Mutter faselte was von Einfrieren. Das fehlte noch. Dieses eklige Schweineohr kommt mir nicht in die Truhe. Mal Nachbars Hund befragen. Vielleicht mag der das. Keine Ahnung, wo bei Hunden die Ekelgrenze ist. Meine ist jedenfalls weit vor der Kategorie Schweineohr überschritten.
Junior ist unverändert ratzbegeistert von seinem Fang. Vorhin meinte er: “Schade, dass wir nicht zwei gekauft haben. Sonst könnte ich morgen als Schwein in den Kindergarten gehen.”
Nachtrag: Er hat hinten an dem Ohr Blutspuren entdeckt. Da hat er sich so geekelt, dass ich mit seinem Einverständnis das Schweineohr entsorgen durfte. Die Vorstellung, dass das Ohr mal einem echten, lebendigen Schwein gehört hat, hat ihn umgehauen.