Archiv für Januar, 2007

Sonne.

Montag, 15 Januar 2007

Blauer Himmel. Strahlender Sonnenschein. Knackig-kalte 3 Grad in der Sonne. Die letzten Himbeeren habe ich vor ein paar Tagen geerntet. Klein und ziemlich sauer, aber draußen gewachsen. Verrückt. Tulpen und Narzissen wachsen in unserem Garten. Drei Zentimeter schauen sie schon raus. Ich wusste gar nicht, wie viele davon ich eingepflanzt hatte. Und dass ich sie so bald wiedersehen würde, hätte ich auch nicht gedacht. Der erste richtige Wintereinbruch wird sie umhauen.

Heute mal nichts über Krankheiten. Durchatmen. Einen Tag nur arbeiten diese Woche. Dann fast zwei Wochen frei. R. hat auch Urlaub. Wir füllen unsere Akkus nochmal auf. Dreimal schlafen noch. Endspurt vor dem Kindergeburtstag am Donnerstag. Einatmen. Eins. Zwei. Drei. Ausatmen. Wir schaffen das.

Größe.

Sonntag, 14 Januar 2007

Da jammere ich über meine persönliche Krise. Und dann tritt plötzlich das alles in den Hintergrund. Meine Tante liegt mit einer schweren Lungenentzündung im Krankenhaus. “Meinst du, ich schaffe es nochmal?”, fragte sie gestern mit Tränen in den Augen. Sie ist eine liebe, warmherzige Tante. Eine, auf die man immer zählen kann. Eine, die warme Socken strickt und Nussecken backt. Wir beten für sie, zünden Glückskerzen an, hoffen und bangen, dass sie durchkommt.

Für Junior ist sie so eine Art dritte Oma. Er hält sich die Ohren zu, wenn wir über ihre Erkrankung reden. Er will es nicht hören. Am übernächsten Wochenende wollten wir wie jedes Jahr seinen Geburtstag mit der ganzen Familie nachfeiern. 12 Erwachsene und 8 Kinder waren eingeladen. Waren. Denn er hat die Party abgesagt.

Junior hat eine Weile nachgedacht. “Ohne Tante Ulla taugt das nichts”, sagte er gestern voller Inbrunst. Er malte ein Bild für sie. Eine Geburtstagstorte mit sechs Kerzen. Und ein großes, rotes Herz daneben. Dann diktierte er mir ganz ernsthaft: “Liebe Tante Ulla! Ich warte mit meiner Geburtstagsparty, bis Du endlich wieder gesund bist. Dann lade ich Dich ganz herzlich ein. Dein J.” Ich habe geweint, als wir das Bild in den Umschlag gesteckt haben.

Ich bin so stolz auf meinen kleinen Jungen. Mit seinen nicht mal sechs Jahren hat das Kerlchen verstanden, was sie jetzt braucht: ein Ziel. Und ganz selbstverständlich will er seine Party verschieben. Gott weiß, wie sehr er sich auf dieses Fest gefreut hat. Manchmal sind die Kleinen ganz groß.

Krise.

Freitag, 12 Januar 2007

Existenzielle Krise. Das dürfte meine derzeitige Befindlichkeit treffend bezeichnen. Existenzielle Krise. Klingt hübscher, als es ist. Andere Leute klagen über Zipperlein, die ab 40 nach und nach hier und da zwicken und zwacken. Ich halte mich mit so einem Zeug erst gar nicht auf. Ich fühle mich grad wie 75. Mindestens. Und krank. Ich hätte nicht zum Arzt gehen sollen. Dann würde ich jetzt die Sonne genießen und mich auf Juniors Geburtstag freuen. Stattdessen blase ich Trübsal.

Neulich hatte ich nachts eine Panikattacke. Konnte nicht schlafen, bekam erst kaum noch Luft, dann Herzstolpern und hohen Blutdruck. Wähnte mich schon in den Fängen des Sensenmannes. Meine größte Angst: Dass ich mein Kind nicht aufwachsen sehen könnte. Nach drei Stunden ging es langsam besser. Verängstigt schlich ich zum Hausarzt. Langzeitblutdruckmessen. Gestern das Ergebnis. Niederschmetternd. Da kriecht sie wieder von den Füßen aufwärts, die Angst. Erst mal vier Wochen mit einem Medikament testen, danach nochmal messen. Es ist mir nicht geheuer.

Das war nicht die erste Hiobsbotschaft gestern. Vorher Termin bei einem Allergologen. Mein Nesselfieber wird schlimmer, zig andere Symptome kommen dazu. Migräne, Herzstolpern, Durchfall, Dauerschnupfen. Die Liste ist endlos. Ich hab’s aufgeschrieben, damit ich nicht wieder die Hälfte vergesse (nein, Alzheimer ist es nicht). “Zauberer gibt’s im Zirkus”, sagt der Arzt nach einem Blick auf die Liste. Das klingt nach einer langwierigen Geschichte. Erst mal macht er einen Allergietest mit “den üblichen Verdächtigen”. Keine Reaktion. Nichts. Ich hatte so gehofft, dass es eine einfache Allergie auf etwas Problemloses ist. Das hätte ich weglassen können und gut. Aber nein, muss wieder umständlich sein. Alles spricht für eine Histaminintoleranz. Was ich befürchtet hatte.

2 bis 3 Wochen soll ich in die Klinik einrücken. Lauter nette Tests von Magenspiegelung bis Schlaflabor. Da kommt Freude auf. Einziger Lichtblick: Junior darf mit ins Krankenhaus. Dann habe ich erstens Gesellschaft und zweitens keine Sorgen wegen seiner Betreuung. Wir nehmen einen Lkw voll mit Büchern und Spielen mit und machen uns eine nette Zeit zwischen Darmspiegelung und Lungenfunktionstest.

Abends beim Hausarzt äußere ich Zweifel, ob der ganze Wirbel so nötig sei. Der schaut mich groß an. Ob denn niemand gesagt habe, dass die Histaminintoleranz auch zu lebensbedrohlichen Notfällen führen könne? Und dass die Entwicklung, dass immer mehr Symptome immer stärker auftreten, genau darauf hin deute? Nein. Das hat mir niemand gesagt. Und dann kriecht sie noch ein Stückchen höher, die Angst.

Nun muss ich erst mal eine allergenarme Eliminationsdiät zwei Wochen lang durchziehen. Ausgesprochen schöne Bezeichnung. Wenn ich die Liste der Lebensmittel lese, die ich in diesen beiden Wochen essen darf, scheint es mir eher, als sollte ich eliminiert werden. Gekochte Möhren, Reiswaffeln, calziumreiches Mineralwasser - und noch einen Haufen weiterer Dinge, die ich nicht gerade zu meinen Leibgerichten zählen würde. Als Gewürze nur Jodsalz und weißer Pfeffer (den wir nicht mal besitzen). Da locken kulinarische Höhenflüge der besonderen Art. Zwei Wochen mit fast geschmacksneutralem Futter. Da wird sich höchstens die Waage freuen, dass das Walross zur Elfe mutiert. Schadet nichts, würde meine Mutter sagen. Obwohl zwei Wochen ein bisschen knapp werden könnten.

Schweinerei.

Dienstag, 9 Januar 2007

Einkaufen mit Junior. Immer wieder ein Erlebnis der Extraklasse. Seit er sprechen kann - und das kann er schon sehr, sehr lange - redet er von morgens bis abends ohne Unterlass. Sogar im Schlaf. Und natürlich lässt er die Gelegenheit, auch Verkäuferinnen einen Knopf an die Backe zu labern, nicht aus. Warum auch. Die sind meist willige Opfer. Freuen sich wie ein Schnitzel, wenn er ihnen was erzählt. Schnitzel - das ist das Stichwort. Wir waren in der Stadt. Zahnarztbesuch für den Knirps. “Zähne wie Perlen”, lobte der gute Mann. Zur Belohnung Juniors Lieblingsausflug der kleineren Art: Wir waren auf dem Wochenmarkt. Beim Türken gab’s Krebsfleisch, Knoblauchsoße und Fladenbrot. Damit war Junior schon mal ernährungstechnisch glücklich gemacht. Beim Italiener noch lecker Käse und Salame Milano (oder so ähnlich) in den Korb gepackt. Jaja, Gemüse und Salat haben wir auch noch bei unserem Lieblingsökobauern ergattert. Wir essen also nicht nur so ein seltsames Zeug.

Dann zum original deutschen Metzger. Blutwurst. An sich schon eine ekelhafte Sache. Würde ich niemals anrühren. Doch R. liebt sie. Und besonders von diesem alten Dorfmetzger. Junior stand vor dem Verkaufswagen, glotzte sehnsüchtig in die Auslagen. Mir schwante schon nichts Gutes. “Ich will ein Schweineohr”, quiekte er plötzlich los. Meine Antwort war eindeutig: “Du spinnst. Wir kaufen kein Schweineohr.” Er ließ nicht locker. Während ich die Blutwurst (schon beim Schreiben dieses Wortes schüttelt es mich) bezahlte, warf er immer wieder ein: “Ich will ein Schweineohr.” Mein konstantes Nein quittierte der Metzger mit einem schelmischen Lachen. Dann schaute er Junior tief in die Augen und sagte laut und vernehmlich: “Na, mein Junge, wenn du so gern ein Schweineohr haben möchtest, dann schenke ich dir eins.” Mein Protest verhallte ungehört. Er nahm ein Schweineohr aus der Auslage, packte es notdürftig ein und drückte es Junior in die Hand. Der strahlte bis hinter die Ohren, packte das Schweineohr wieder aus und sah es sich erst mal ausgiebig an. “Guckt mal, da ist sogar ein Loch im Ohr”, verkündete er der schnell wachsenden Menge der Schaulustigen um seine mühsam nach Luft schnappende, bleiche Mutter und den kichernden Metzger, “und in dem Loch wachsen Haare!” Lecker. Nach der Besichtigung stopfte er das Schweineohr in meinen schönen, neuen Korb. “Das kannste heute Mittag kochen”, meinte er noch gönnerhaft.

Den Teufel werde ich tun. Heute Mittag gab’s kaltes Krebsfleisch mit kalter Knoblauchsoße auf Fladenbrot. Heute Abend gibt’s - als Testlauf für den Kindergeburtstag im Kindergarten - Pizzabrötchen. Was um alles in der Welt macht man mit einem Schweineohr? Meine Mutter kommentierte das nur lapidar: “Koch eine Suppe davon. Und das Ohr gibst du R., der mag doch sowas.” Ja. Da hat sie leider recht. Aber mir reichen schon die Geräusche, die er macht, wenn er Schwarte aus der Erbsensuppe isst. Bei jedem Biss kracht es. Zum Davonlaufen. Oder Würgen. Ganz wie man will. Wie soll sich dann das Ohr erst anhören? Lieber nicht vorstellen. Nein.

Es liegt jetzt im Kühlschrank. Meine Mutter faselte was von Einfrieren. Das fehlte noch. Dieses eklige Schweineohr kommt mir nicht in die Truhe. Mal Nachbars Hund befragen. Vielleicht mag der das. Keine Ahnung, wo bei Hunden die Ekelgrenze ist. Meine ist jedenfalls weit vor der Kategorie Schweineohr überschritten.

Junior ist unverändert ratzbegeistert von seinem Fang. Vorhin meinte er: “Schade, dass wir nicht zwei gekauft haben. Sonst könnte ich morgen als Schwein in den Kindergarten gehen.”

Nachtrag: Er hat hinten an dem Ohr Blutspuren entdeckt. Da hat er sich so geekelt, dass ich mit seinem Einverständnis das Schweineohr entsorgen durfte. Die Vorstellung, dass das Ohr mal einem echten, lebendigen Schwein gehört hat, hat ihn umgehauen.

Verrissen.

Montag, 8 Januar 2007

Der ganze Tag war irgendwie verrissen. Sonntagsdienst. Ruhig, wenig los. Sah alles nach einem zügigen, verhältnismäßig kurzen Arbeitstag aus. So kann man sich täuschen.

Stromausfall in der Nacht zuvor. Zwei Rechner hat’s erwischt. Netzwerkkarten geschrotet. Kein Zugriff auf Mails. Keine Chance, vernünftig zu arbeiten. Und mittendrin ich. Ganz allein. Mit den Nerven am Ende. Aber geweint hab ich nicht. Ehrlich.

Mit Ferndiagnose und telefonischer Hilfe finden wir einen Umweg, die Mails doch noch öffnen zu können. Ein Techniker kommt erst morgen. Aber das beichten die Kollegen erst abends.

Was mir zusätzlich das Leben schwer machte: Eine Art Notstromaggregat für die diversen Rechner ist defekt nach dem nächtlichen Einsatz. Es piept. Piep. Piep. Piep. Man kann es nicht abstellen. Piep. Piep. Piep. Also man könnte schon. Aber dafür müsste man wissen, wo der Schalter dafür ist. Piep. Piep. Piep. Leider weiß das der Kollege Computer-Experte auch nicht. Also lass ich lieber die Finger davon. Und leide. Piep. Piep. Piep. Nein, ich hab es gar nicht mehr lieb nach diesem Tag heute.

Ich habe mich durchgebissen. Vier Stunden länger als normal dauert dieser Dienst. Ich bin bedient. Und in meinem Kopf piept es auch.

Heimlich.

Samstag, 6 Januar 2007

Wir lieben Krimis. Wallander besonders. Krimis gehen für Junior gar nicht. Auch nicht die harmlosen Varianten. Einfach zu aufregend. Er darf ohnehin nur “Wissen macht Ah” und “Logo” schauen. Sonst nichts. Bei uns läuft auch außerhalb dieser Zeiten nie der Fernseher. Da sind wir eisern.

Seit zwei Wochen schläft Junior in seinem eigenen Zimmer ein. In seinem neuen, großen Bett. Davor fand unser Einschlafritual immer in meinem Bett statt. Geschichte vorlesen, beten, noch ein wenig über den Tag schwatzen, kuscheln, einschlafen. Später habe ich ihn dann in sein Bett herüber getragen. Mir hat das nichts ausgemacht. Es war ganz gemütlich. Doch das neue Fußballzimmer bot einen idealen Übergang.

Seit er in seinem Zimmer allein einschläft, steht seine Tür immer offen. Kleines Zugeständnis an seine Angst vor Monstern und Gespenstern, die sich zuhauf bei uns herumtreiben. Nun hat er uns erwischt. Wir sehen fern, wenn Junior im Bett ist. Schlimmer noch: Wir schauen Krimis an. Am liebsten Wallander-Krimis. Der Knirps schrie Zeter und Mordio, als es ihm auffiel. R. hatte mal wieder den Ton zu laut gestellt. Aus dem Bett zu springen, traut sich Junior nicht. Das zählt zu den wenigen ehernen Regeln: Bettverlassen ohne Not ist verboten. Und Schimpfenwollen ist nicht Not. Pipimüssen ist Not. Oder Erbrechen. Sonst fast nichts. Auch Monster unterm Bett zählen nicht zu den Notfällen. Da darf man rufen, aber nicht aufstehen. Funktioniert so tadellos.

Jetzt weiß er es. “Ich hab euch erwischt”, brüllte er von oben. Zwei Erziehungsberechtigte zuckten zusammen. “Ihr schickt mich bloß so früh ins Bett, um Krimis zu sehen”, heulte er noch lauter. Zwei Erziehungsberechtigte zogen beschämt die Köpfe ein. “Ich muss hier oben im Bett liegen, und ihr guckt Krimis”, klagte er lauthals an. Zorniges Schluchzen erklang. Die Wut schwoll an. Quer durchs Haus schrie er: “Ich verbiete euch, heimlich Krimis zu gucken!” Ein wenig schuldbewusst schlich ich in sein Zimmer. Tränenüberströmt mit verschwitzem Haar lag er zusammen gekrümmt in seinem viel zu großen Bett. Ein Bild des Jammers. Er schäumte: “Morgen ruf ich alle Fernsehämter an und sage, die sollen uns sperren. Nur noch Logo und Wissenmachtah sollen sie in unseren Fernseher lassen.” Es war ihm bitter ernst. Er ließ sich nicht überzeugen, dass um 21.15 Uhr ein fünfjähriger Junge dringend schlafen muss.

Heute Abend haben wir die Glotze ausgeschaltet gelassen. Junior hatte Fernsehverbot. Nicht wegen der Sprüche neulich, sondern weil er heute ein richtiger, kleiner Stinkstiefel war. Da bin ich eigen. Sowas muss Folgen haben. Er lag recht früh im Bett. Und schlief gerade rechtzeitig ein. Denn heute ist Samstag. Wallander-Tag. Ganz heimlich und mit ganz leisem Ton. Psst. Nicht verraten…

Trio infernale.

Freitag, 5 Januar 2007

Männer, Frauen und Heizungen - das geht gar nicht zusammen. Das gemeinsame Leben von Mann und Frau an sich ist schon ein Balanceakt, der immense Energie verschlingt. Ein Faß ohne Boden, energetisch betrachtet. Die dabei zwangsläufig entstehende Reibungswärme trägt allerdings nicht zur Erhöhung der Raumtemperatur bei. Eher zur Senkung. Womit wir beim Thema wären. Heizung. Kommt zu dem ehelichen Eiertanz noch das Thema Heizung hinzu, ist alles verloren. Weg ist sie, die vorher noch mühsam aufrecht erhaltene Harmonie.

Ein Beispiel von gestern. Ich fand’s kalt in der Hütte. Eiskalt. Trotz Wolldecke und ohne fiebrigen Infekt im Anzug mutierten meine Extremitäten zu Eisklumpen. Nun mag mancher dem Irrglauben erliegen, dass Frauen sowieso immer frieren. Oder dass dicke Frauen in ihrem Speckmäntelchen niemals frieren. Beides völlig falsch. Ich friere oft. Sehr oft. Und ich bekomme nachweislich Kälteausschlag. Das gibt es wirklich. Nennt sich Kälte-Urticaria und ist nicht meine Erfindung. Nur warme Füße kann ich nicht ausstehen. Die schauen auch im eisigsten Winter immer unter der Bettdecke hervor. Ist übrigens erblich. Junior hat’s auch.

So sitze ich also frierend, schnatternd und von roten Quaddeln übersät in unserem ansonsten gemütlichen Wohnzimmer. Kommentar von R.: “Ach du wieder. Hier ist es nicht kalt. Sondern wie immer viel zu warm.” Mein Einwand, dass die Steuerung der Heizung gerade mal 18 - in Worten achtzehn - Grad Raumtemperatur anzeigt, wird weggewischt. “Kann gar nicht sein.” Ist aber so. Die Soll-Temperatur muss der Yeti persönlich eingestellt haben. Denn wer sonst würde auf die Idee kommen, 17,5 Grad einzugeben? Mitten im - wenn auch unerwartet warmen - Winter?

R. lässt sich nicht beeindrucken. “Ich habe das vorgestern neu programmiert. 22,5 Grad bis 22.30 Uhr und dann wieder ab 5 Uhr. Also kann es jetzt nicht zu kalt sein.” Ist es aber. Die Quaddeln lügen nicht.  Ein Blick auf das Steuerungskästlein gibt ihnen recht. 18 Grad in der Küche, dem normalerweise wärmsten Ort des ganzen Hauses. R. beharrt weiter: “Ich habe das vorgestern neu programmiert. 22,5 Grad bis 22.30 Uhr und dann wieder ab 5 Uhr.” Das mag sein. Aber es funktioniert nicht. Die elektronische Steuerung gehorcht dem Gebieter nicht. Ein Tiefschlag fürs männliche Ego. Und dann auch noch das: Ich habe spontan ohne großen Aufwand und stundenlanges Geknobel mit der Bedienungsanleitung einfach so die Temperatur höher gestellt. Basta.

Heute Morgen der neue Schock. 7 Uhr. Eisige Kälte. 16 Grad im Bad. 16! Nicht 26. Sage und schreibe 16 Grad. Da wird Duschen zur Mutprobe. 17,5 Grad Solltemperatur zeigt die Steuerung. R. beharrt weiter auf seiner Unschuld. Sogar Junior verdächtigt er. Doch der scheidet aus. Der ist zu klein, um an die Steuerung ranzureichen. Die Putzfee kommt auch nicht in frage. Mich nimmt er erst gar nicht in den Kreis der Verdächtigen auf.

Brummelnd programmiert er das Ding neu. Nach der Dusche im eiskalten Bad bin ich auch richtig wach. Hat Vorteile. Muss aber kein Dauerzustand werden. Bloß nicht. Denn sonst gibt’s wieder Zoff. Wie gesagt, solange es Männer, Frauen und Heizungen in einem Gebäude gibt, kann es keinen dauerhaften Frieden geben.

Treffer.

Donnerstag, 4 Januar 2007

Kinder und Betrunkene sagen die Wahrheit. Ein alter Sinnspruch der Landbevölkerung. Will ich aber heute gar nicht wissen sowas.

Junior hatte Neuigkeiten, als ich ihn bei der Tagesmutter abholte. “Sandy und Celine haben auch eine Tagesmutter. Aber die ist viel kleiner und viel dicker.” Die beiden Mädchen sind in seiner Kindergartengruppe. Und da wurden sie heute wohl zum ersten Mal von der Tagesmutter abgeholt. Junior ist beeindruckt: “Die ist soooooooo klein”, sagt er. Und zeigt in etwa Bernhardiner-Höhe. “Und soooooooo dick”, ergänzt er und zeigt in etwa den Umfang eines ausgewachsenen Braunbären. Dann überlegt er kurz. “Die ist sogar noch dicker als du, Mama!” Grmpf. 

Wenig später in seinem Zimmer. Ich sitze auf dem mit ungiftigen, nicht ausdünstenden Polystyrolkügelchen gefüllten Fußballsitzsack und lese ihm eine Gutenachtgeschichte vor. Er lächelt breit. “Mama, gut dass wir nicht so einen aufblasbaren Fußballsitzsack gekauft haben. Der wär sonst schon am ersten Abend geplatzt, wenn du dich draufgesetzt hättest.” Grmpf.

Adieu Abendessen. Adieu gute Laune.

Panik.

Donnerstag, 4 Januar 2007

Ich habe es wieder in den Augen. Das große Panik-P. Morgen in zwei Wochen ist er wieder da. Der stressigste Tag des ganzen Jahres. Juniors Geburtstag. Ein Alptraum. Zahnarztbesuche sind ein Spaziergang dagegen. Sechs kleine Jungs und ein kleines Mädchen wollen einen fantastischen Nachmittag erleben. Junior wollte am liebsten eine Fußballparty feiern. Aber wie soll das gehen mitten im Schmuddelwetter? Normalerweise liegt am 18. Januar Schnee. Oder zumindest Schneematsch. Dieses Jahr wird es ordinärer Matsch ohne Schnee sein. Sieht jedenfalls ganz danach aus. Fußballspielen im Garten fällt flach. Fußballspielen im Wohnzimmer erst recht.

Mit Engelszungen wurde der Bub beschwatzt. Nun machen wir ein Ritterfest. Das Konzept steht. Ja. es gibt ein Konzept. Wie jedes Jahr. Ohne Konzept würde ich gnadenlos untergehen im Chaos der Knirpse. Letztes Jahr das Piratenfest lief super. Die Schatzsuche war ein Knaller. Nur die Piratengeschichte hätte ich mir sparen können. Die Kleinen waren viel zu aufgeregt zum geduldigen Zuhören. Auf eine solche Idee können auch nur Geburtstagsneulinge kommen. Je zwei Bleche voller Pommes und Fischstäbchen sollte man auch nicht gleichzeitig in den Backofen stopfen. Übrig bleibt dann nur Matsch. Man lernt nie aus. Und dankbar ist man ja dann auch, wenn der Gatte mit Omas Fritteuse hilfreich herbeieilt und das Piratenmahl rettet.

Ohne Konzept geht gar nichts. Ich mache nichts ohne meinen Ablaufplan. Wann welches Spiel zu welchem Hinweis bei der Schatzsuche führt - das vergesse ich im Eifer des Gefechts sonst schneller, als man sich das vorher ausmalen konnte. Sowas muss man generalstabsmäßig planen. Wer meint, dies oder das könne man dann ja immer noch überlegen, hat noch nie einen Kindergeburtstag erlebt. Die Kröten sind erbarmungslos. Freispiel? Nach zwei Minuten quakt der erste Bub: “Wann machen wir denn das nächste Spiel?” Kuchenessen? Nach drei Bissen quiekt der nächste Junge: “Wann fängt die Schatzsuche endlich an?”

Schnöde zum Indoorspielplatz gehen mit der Horde - das kann jeder. Wir machen uns den Stress lieber selbst. Billiger wäre es bestimmt auch im Tobeland. Seit Wochen schon häufen sich Deko-Artikel, Bastelmaterial und Minipreise für diverse Spiele im Vorratskämmerchen an. Am Sonntag war kollektiver Basteleinsatz. Junior fertigte 16 Ritterflaggen mit Schaschlikspießen an. Für die Dekoration, meinte er. Derweil schnippelte R. in ungeahnter Friedfertigkeit Tischlämpchen in Form kleiner Ritterburgen aus buntem Tonpapier. Ich hatte mir die Steckenpferde vorgenommen. Als bekennende Bastelniete habe ich schamlos vorgestanzte Bastelpackungen dafür gekauft. Nur auspacken, zusammenbinden, Augen, Nüstern und Maul draufmalen, Mähne einschneiden, fertig. So lob ich mir das. Nur die Rundstäbe, die bei Steckenpferden unabdingbar sind, muss ich noch im Baumarkt ergattern.

Heute sind die Einladungen dran. Wird ja auch Zeit. Acht kleine Ritterburgen (2 auf Reserve, falls ein Gast nicht kommen kann). Eine Herausforderung. Lässt man die Zugbrücke herunter, sieht man die Einladung: “Lieber Ritter xy! Ich lade Dich zu meinem Ritterfest am 18. Januar 2007 von 15 bis 19 Uhr ein.” Kürzer geht nicht, sonst kommen die Zwerge nicht mehr zum Abendessen.

Ein inbrünstiger Seufzer bahnt sich den Weg nach draußen: Wenn’s nur schon überstanden wäre.

Geschafft.

Dienstag, 2 Januar 2007

Ha. Ich bin eine Heldin. Das Jahr ist noch blutjung. Und ich habe schon einen guten Vorsatz eingehalten. Ich war beim Zahnarzt. Meine Kauleiste ist die reinste Müllhalde. Immer schon gewesen. Die Zähne sind zwar gerade, aber nicht sonderlich haltbar. Entsprechend sind meine Erfahrungen mit Vertretern dieser Zunft. Und entsprechend groß ist meine Begeisterung, wenn ein Termin dräut. Letzte Woche bin ich dem Zahnklempner nochmal von der Schippe gesprungen - der Magen-Darm-Virus war mit fast lieber. Aber nur fast.

Heute um 8.45 Uhr war es soweit. Schon zwei Stunden vorher war ich wach. Und sofort verängstigt. Durchfall. Blanke Panik. Nicht eine Sekunde zu früh schlage ich in der Praxis auf. Die Mädels kennen das schon. Das Panik-P in meinen Augen. Die Zeit im Wartezimmer ist pure Folter. Sekündlich entwerfe ich neue Fluchtstrategien. Und verwerfe sie wieder. Ich bin 41. Da flüchtet man nicht aus der Zahnarztpraxis. Da erfindet man keine plötzlichen wichtigen Termine. Keine zum Dienst rufenden Telefonate.

Die Wartezeit ist erschütternd kurz. Kaum richtig in der Angst gesuhlt, schon sitze ich im Behandlungsstuhl. Weihnachten ist eine riesige Füllung aus einem Backenzahn rechts oben gefallen. Tat gar nicht weh. Auch hinterher nicht. Bisher nicht. Warum bin ich hier? Noch könnte ich abhauen. Dann höre ich eine Stimme sagen: “Nein, heute möchte ich keine Spritze. Wir probieren das mal so.” Die Stimme kenne ich. Es ist meine. Bin ich irre? Habe ich das wirklich gesagt? Jetzt kommen sie mich holen.

Der Bohrer nähert sich bedrohlich meinem Mund. Dieses Geräusch macht mich fertig. Aber: Der Schmerz bleibt aus. Zackzack ist die Füllung drin. Und ehe ich’s mich versehe, ist auch noch eine zweite Baustelle, die ich erfolgreich verdrängt hatte, beseitigt. Und das alles ohne Spritze. Gute Entscheidung. Ein Arbeitstag mit betäubtem Gesicht ist keine Freude. Meine Güte, ich habe ein Kind zur Welt gebracht. Ohne PDA. Zwar nicht freiwillig. Aber geschafft ist geschafft. Da werde ich doch wohl ein paar Minuten Zahnbehandlung ohne Spritze überstehen. Pah. Ich weiß gar nicht, warum ich mich vorher so aufgeregt habe.

Wow. Ich bin stolz auf mich.