Grau.
Besuch im Krankenhaus. Ich bin schwungvoll wie immer unterwegs. Auf dem Flur rassele ich mit einem älteren Herrn zusammen. Grauer Anzug. Grauer Mantel. Graue Hautfarbe. Keine grauen Haare. Kaum noch Haare. Farbe unerfindlich. Graue Augen. Die Augen kenne ich doch. Lange ist’s her. Ansgar. So hieß er. So heißt er auch heute noch. Einer meiner ersten Versuche zarter Bande. Übers Küssen sind wir damals nicht hinausgekommen. Zumindest geschah nichts, was einen bleibenden Eindruck hinterlassen hätte.
Nach den ersten freundlichen Worten weiß ich auch wieder, warum es nicht gut ging mit uns. Er ist Lehrer, erzählt er mit seiner leisen, salbungsvollen Stimme, die mich damals schon vertrieben hat. Seinem Händedruck bin ich diesmal geschickt ausgewichen. Bestimmt würde er mir wie früher so einen toten Fisch hinhalten. Ein kaltes, feuchtes Patschhändchen ohne jeden Druck. Da ist mir jemand wie Friedrich Merz lieber, den wir heimlich “den Quetscher” nennen. Nach einem freundlichen Handschlag von ihm zähle ich immer meine Finger nach und suche die Hand nach blutenden Verletzungen ab. Bei Ansgar musste man sich da schon früher keine Sorgen machen. Ungefähr so durchdringend war auch sein Stimmchen. Und dann erst das salbungsvolle Gesabbel. Daran hat sich leider nichts geändert.
Es ist mir ein Rätsel, was ich an dem mal gefunden habe. Manchmal meint es das Leben richtig gut mit mir. Welch ein Glück, dass ich nicht mit so einer Trockenpflaume alt werden muss. Da bin ich doch mit R. richtig gut bedient. Hier ist wenigstens Leben in der Bude.