Überlebt.

Was für ein Tag! Den Kennern reicht ein Wort: Kindergeburtstag! Und hier die Langfassung.

5.50 Uhr: Ein Ruf reißt mich aus einem wunderschönen Traum. “Mama!” Ich baue den Ruf tapfer in meinen Traum ein. “Maamaa!” Ein unwilliges Grunzen neben mir sagt mir, dass da jemand denselben Traum träumt wie ich. Das ist ungewöhnlich. “Maaamaaa!” Das Rufen wird deutlich lauter. Alles Sträuben ist vergeblich. Junior ist wach. Und zwar hellwach. Er hat Geburtstag. Und er weiß das. Müde schleiche ich in sein Zimmer, schnappe mir die Stillschlange, ohne die er niemals schläft, schleife sie rüber in unser Schlafzimmer, Junior tapert hinterher. Quietschvergnügt. Immerhin: Er legt sich nochmal mit in unser Bett. Leider ist das schon alles an Kompromissen. Er hopst herum, schüttelt abwechselnd R. und mich, schaltet das Licht an und aus.

6.30 Uhr: Es hat keinen Sinn, sich weiter vorzumachen, er würde wieder einschlafen. Oder wenigstens Ruhe geben. Also: Waschen, Anziehen - und ab in die Küche. Junior will nämlich auf seinen Geburtstagsfotos nicht im Schlafanzug zu sehen sein. Da ist er eigen. Ich auch. Zumindest was mich im Schlafanzug auf Fotos angeht.

6.45 Uhr: Alle sind geschniegelt und gestriegelt. Ich haste in die Küche, zünde die Kerzen auf dem Geburtstagszug an, zücke die Kamera - und dann kann’s losgehen. Lied singen, Kerzen auspusten, Geschenke auspacken. Wobei auspacken eine recht vornehme Umschreibung und der Realität recht fern ist. Junior schwingt sich von einem Ohr zum anderen strahlend gleich aufs neue Fahrrad. Alu. Mit drei Gängen. Und Rücktritt. Blau und silberfarben. Er radelt durch die Küche. Nein, so riesig ist die nun auch nicht. Er radelt ein paar Meter vor zum Kühlschrank, steigt ab, dreht das Rad um und radelt wieder zurück zum Fenster. Das reicht nicht für Langstrecke. Aber zum Testen ist es optimal.

7.30 Uhr: Alle Geschenke sind vom Papier befreit. Ein Kosmos-Experimentierkasten Technik, ein Weltall-Buch, eine Bibi-Blocksberg-Kassette, ein Wilde-Kerle-Becher, Wilde-Kerle-Tattoos, eine Lego-Fahrzeugkiste. Der Postbote hat schon ein Paket von Biene gebracht - darin ist ein wunderschöner Wilde-Kerle-Spiegel, selbst bemalt. Und die Tagesmutter hat einen spektakulären Anspitzer und ein Schmetterlingsbuch für ihn eingepackt. Junior ist selig. Hunger hat er keinen, Frühstücken will er nicht. Mit viel Mühe lässt er sich zum Verzehr eines Schoko-Puddings überreden. Danach spitzt er alles an, was seine Malkiste hergibt. inzwischen hat er die Geburtstagsanzeige in der Zeitung entdeckt. Jedes Jahr bekommt er die - warum soll ich mit meinem jährlichen Freianzeigen-Budget nicht mein Kind glücklich machen. Darum hat die Anzeige eine bemerkenswerte Größe und ein Foto. Er schneidet sie - auch wie jedes Jahr - aus.

8.30 Uhr: Abmarsch zum Kindergarten. Am Eingang wird Junior stürmisch begrüßt. Offenbar hat er in den letzten Tagen allen erzählt, dass er Geburtstag hat. Und alle anderen haben’s in der Zeitung gesehen.

10.30 Uhr: 28 Pizzabrötchen, noch nicht gebacken, dick gefüllt mit einer Mischung aus Paprika, Putensalami (wegen der muslimischen Kinder), Mais, lactosefreier Sahne und Zwiebeln, schleppen wir zum Kindergarten. Die Regenbogengruppe freut sich schon drauf. Im Mittagskreis wird Juniors Geburtstag gefeiert. Die Kinder singen ein Lied, er darf das tägliche Kreisspiel aussuchen, Kerzen auspusten, in eine Geschenkekiste greifen. Danach futtern die Zwerge die Pizzabrötchen. Ratzeputz weg sind die köstlichen Leckerchen. Prima Rezept. Chefkoch.de sei Dank.

11.30 Uhr: Der Kindergarten ruft an. Keines der Kinder darf heute allein nach Hause gehen. Wegen des Sturms Kyrill müssen alle abgeholt werden.

12 Uhr: Es stürmt bereits so heftig, dass ich lieber ohne Schirm gehe. Im Kindergarten kommen gleich zwei Erzieherinnen herbei und wollen das Rezept haben. Sehr schmeichelhaft. Wo ich sonst nicht so die Küchenkönigin bin.

12.30 Uhr: Mittagessen fällt heute aus. Wir hatten auf Reste der Pizzabrötchen spekuliert. So kann man sich irren. Also gibt’s Brote. Junior hat sowieso keinen Hunger.

13.30 Uhr: Der Tisch ist gedeckt, die Dekoration fertig. Das Zubehör für die diversen Spiele steht in einer Klappkiste bereit. Warten. Für einen Sechsjährigen eine leichte Übung. Kein Thema. Alle drei Minuten fragt er: “Wann kommen endlich die Gäste?” Ich ziehe mich um fürs Ritterfest. “Kleiden Sie sich bunt. Dann achten die Kinder mehr auf Sie als Spielleiter”, stand in dem Kindergeburtstagsbuch. Kann ja nicht schaden, so ein Griff in die psychologische Trickkiste.

14.30 Uhr: Die Drachenblutbowle sieht gruselig aus. Und riecht lecker. Leider schmeckt sie sauer. Selbst mit zwei nicht geplanten Löffeln Zucker. Junior fragt alle 40 Sekunden: “Wann kommen endlich die Gäste?”

14.45 Uhr: Der erste Gast ist da. Julian. Dann kommt Hannah. Sie hat die Jacke noch nicht ausgezogen, da klingeln Vladi und Viktor. Lukas ist der Nächste. Das Würfelspiel zum Geschenkeauspacken fällt aus. Ich komme zu spät. Junior hat die bisher eingetroffenen Geschenke bereits aufgerissen.

15 Uhr: Maxi ist auch endlich da. Er ist mindestens so aufgeregt wie Junior. Schnell bei der Platzverteilung aufkommenden Streit schlichten. Die Wunderkerze in Form eines J wird angezündet, das Geburtstagslied gesungen. Jeder will das Riesenritterburgkuchenstück mit dem Turm drauf haben. Doch Junior ist das Kekskind, der bekommt den Turm. Der Kuchen reicht trotzdem locker für alle. Gefräßige Stille breitet sich aus. Die Drachenblutbowle finden alle cool. Und sauer. Also doch lieber Fanta, Sprite und Milch.

15.20 Uhr: Die Krümelmonster sind satt. Die Ritterprüfung kann beginnen. Das Turnen klappt problemlos. Die Steckenpferde werden jubelnd in Empfang genommen. Alle wollen ein weißes Pferd. Das ist ungünstig, wenn es nur zwei weiße Pferde gibt. Wir einigen uns dann doch noch. Beim Steckenpferdreiten über den Parcours klemmt sich Lukas den dicken Zeh unter der Wippe ein. Humpelnd beendet er seine Runde. Maxi reißt beim Ringestechen gleich die ganze Schnur von der Decke. Er schämt sich. Bekommt aber einen Extrapunkt. Fortan wollen alle die Schnur abreißen.

16 Uhr: Alle Kinder sind feierlich zum Ritter geschlagen worden. Sie sind mächtig stolz. Erste Runde geschafft. R. rast mit dem Gruppenfoto auf CD zum Fotoschnelldienst. Ich räume den Tisch ab. Die Kinder spielen Ritterkampf mit Luftballonschwertern im Wohnzimmer.

16.20 Uhr: Die Schatzsuche beginnt. Erstes Spiel: Bogenschießen. Drei Kinder haben das noch nie gemacht. Maxi stellt sich ausgesprochen ungeschickt an. “Wie lange dauert das denn noch?”, maulen die anderen. Mit Hilfe trifft er dann wenigstens die Tür und bekommt einen Punkt. Vladi ist schon in der zweiten Klasse und liest den Hinweis vor. Ratzfatz ist das Rätsel gelöst und der Ballon mit dem nächsten Hinweis gefunden.

16.40 Uhr: R. ist wieder da. Die Fotos sind klasse geworden.

16.50 Uhr: Juwelenrollen und Drachenfüttern klappen prima. Maxi beißt Viktor in den Finger. Junior regelt das allein: “Entschuldige dich oder ich lade dich nie wieder zu meinem Geburtstag ein.” Maxi ist verlegen, entschuldigt sich aber. Bei der Reise zur Ritterburg knallt Julian in jeder Runde mit dem Steckenpferd-Stiel gegen unseren schönen, alten Küchenschrank. Im Eifer des Gefechts sind Ermahnungen sinnlos. Ein bisschen Schwund ist immer. Hannah gewinnt und piekst ganz selig in den Ballon mit dem Hinweis.

17.30 Uhr: Kegeln ist der Hit. Wir müssen mehrere Runden spielen, weil alle unbedingt nochmal drankommen wollen. Beim Dosenwerfen bricht Junior gnadenlos ein. Kein Treffer. Dabei hat er so lange geübt. Dafür räumt Viktor, der Grobmotoriker, ganz groß ab. Maxi hat Lukas getreten und muss sich nochmal entschuldigen. Wenigstens schämt er sich dabei.

17.50 Uhr: Der Schatz ist gefunden. Unter großem Hallo wird die Kiste aus dem Bad in die Küche geschleppt. Schnell noch unter Aufbietung meiner gesamten Autorität ein Foto der erfolgreichen Schatzsucher. Dann ist kein Halten mehr. Die Mitgebsel kommen groß raus. Der Knaller: In jedem Beutel steckt eine Konfettikanone. Ich lerne: Nur ein Dussel kauft so etwas. Ich hatte mir das so vorgestellt, dass die Kinder die Mitgebsel mit heim nehmen. Deswegen heißen sie ja Mitgebsel und nicht Sofortausprobiersel. Da deckten sich unsere Vorstellungen nicht ganz. Die Kröten zünden ihre Kanonen sofort in der Küche. Eine Riesensauerei. Müssen wir nicht nochmal haben. Hätte man wissen können.

18 Uhr: Fütterung der Raubtiere. Beim zünftigen Rittermahl dürften die Kinder Pommes und Nuggets eigentlich mit den Fingern essen. Wollen sie aber nicht. Ich verteile rasch Gabeln. Wohlerzogener Nachwuchs. Doch die Gabeln sind rasch uninteressant. Der erste Junge entdeckt die Spieße in Schwertform, die mit Cocktailwürstchen, Weintrauben, Paprika und Käse bestückt sind. Und schon ist ein neues Essbesteck für Pommes und Nuggets gefunden. Ist ja auch nicht das Schlechteste, so isst wenigstens jedes Kind ein Stück Alibi-Gemüse, um in den Besitz eines Schwerts zu kommen.

18.30 Uhr: Fütterung beendet. Fanta auf dem Fußboden. Letztes Jahr war’s schlimmer, da hatten wir den Teppich in der Küche liegen gelassen. Der Apfelsaft ist nie wieder raus gegangen. Den neuen Teppich haben wir zusammengerollt und an der Kellertreppe deponiert. Weise Entscheidung.

18.40 Uhr: Ein letztes Spektakel. Die Punkte habe ich notdürftig zusammen gerechnet. Hannah hat gewonnen. Sie darf als Erste in den undurchsichtigen Preise-Beutel greifen. Es folgen Maxi, Junior, Vladi, Viktor, Lukas und Julian. Mehrmals geht es reihum, Preise und Süßigkeiten.

18.55 Uhr: Die erste Mutter klingelt. R. und ich schauen uns an, als wären wir gerade aus einem Traum erwacht. Schon vorbei? Die Zwerge raffen ihre Ritterausrüstung und die Mitgebsel zusammen. Schuhe anziehen, Jacke anziehen, Mütze auf - und raus in den Sturm. R. bringt die Kinder aus der Nachbarschaft heim. Maxi findet seinen Helm nicht. Heulend rennt er herum. Wir versprechen ihm, ihm den Ritterhelm zu bringen, sobald wir ihn finden. Lukas’ Mama will noch schwatzen. Wir nicht. Sie macht sich lustig über das Chaos in der Küche. Wir würden lieber aufräumen.

19.20 Uhr: Alle sind weg. Es ist still. Aber nur drinnen. Draußen tobt der schlimmste Sturm seit vielen, vielen Jahren. Kyrill lässt das Licht flackern. Am Sandkasten ist das Dach hochgeflogen. Das kleine blaue Eimerchen, das die Bodenhülse der Wäschespinne abdeckt, ist davongeweht worden.

19.30 Uhr: Unser Nachbar muss noch rasch das obligatorische Foto vorm Specksteinofen von uns machen. Jedes Jahr lassen wir uns zu dritt dort fotografieren. Die Bilder hängen alle nebeneinander. Sieht lustig aus, wenn man sieht, wie man sich Jahr für Jahr verändert. Den Flecken auf meinem T-Shirt habe ich erst hinterher entdeckt. Der Nachbar bleibt  noch ein wenig, freut sich über das heillose Durcheinander in der Küche.

20 Uhr. Ich liebe unser Haus. Vor allem unsere große Wohnküche. Dank der vielen Spiele gab es keine Zeit für Freispiel. So konnten die Kröten sich nur in der Küche und ein wenig im Wohnzimmer ausbreiten. Ohne Programm hätten sie zu siebt das ganze Haus verwüstet.

22.20 Uhr. Meine Männer liegen schnarchend im Bett. Junior darf angesichts des immer bedrohlicheren Orkans bei uns nächtigen.  Die Küche ist aufgeräumt. Morgen kommt die Putzfee und erledigt den Rest. Mir ist nicht nach Schlafen. Ich genieße das Gefühl, es für heute geschafft zu haben. Für heute und für die nächsten 364 Tage. Wir haben überlebt. Draußen tobt unverändert heftig der Sturm. Der Wirbelsturm drinnen ist überstanden. Kyrill werden wir auch noch schaffen.


2 Kommentare zu “Überlebt.”

  1. Trulli schreibt:

    shusl, ihr habe echt ne tolle party gehabt , wie du alles so toll schreibst,.. echt klasse. und super geplant. meine partys früher waren anders, aber auch toll.
    und den ganzen tag action, von früh morgens, ich wäre schon lange zwischendurch eingeschlafen !

    dann habt ihr bestimmt heute schon ne radtour mit julian gemacht, hoffe, daß ihr gutes wetter hattet zum ausprobieren.

    machts gut !!!

  2. shusl schreibt:

    Stimmt :-) Julian ist wie ein wilder Watz geradelt. Und ehrlich gesagt, er ist heute noch durch den Wind. Nicht vom Radeln, sondern von Donnerstag.
    Dir ganz herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Alles Gute!
    Liebe Grüße
    shusl

Hinterlasse eine Nachricht