Besinnlich.
Wochenlang dudelte “Kleine Kerze leuchte” rauf und runter. Morgens. Mittags. Abends. Und dazwischen auch noch diverse Male. Es gibt Momente, da wünscht man den Komponisten und Interpreten von modernen Kinderliedern alle erdenklichen Krankheiten an den Hals. Vornehmlich in den Hals. So in Richtung Stimmbänder. Damit sie bloß aufhören, arglose Eltern zu quälen. Schon in der Krabbelgruppe lernt man, dass solche Lieder wichtig sind für die Entwicklung des Kindes. Ob Grobmotorik, Sensorik oder was auch immer - mit Musik werden Kinder schlauer. Das mag so stimmen. Doch wer sagt, dass das nur für dieses schleimtriefende Gesülze gilt?
Junior hat die wilde Musik für sich entdeckt. Das ist schon deutlich angenehmer. Für uns. Für unsere Nerven. Und für unser Seelenleben. Da liegen wir fast auf einer Wellenlänge. Seine neueste Entdeckung: eine recht betagte Weihnachts-CD der “Toten Hosen”, als sie sich kurzzeitig die “Roten Rosen” nannten. Da kommt die ganze Familie richtig in Fahrt. Und gröhlt, dass die Wände wackeln. Unser Nachbar, ein pensionierter Pastor, hat sicher gedacht, das Jüngste Gericht sei nahe. Waren aber nur wir.
So dudelten die Hosen vom Zeitpunkt ihrer Entdeckung in den Tiefen der elterlichen CD-Sammlung (wenn der Junge wüsste, welche wilde Mucke da noch so schlummert!) tagein, tagaus in unserem gemütlichen Heim. Das Lied vom Weihnachtsmann, der sich erhängt hat, ignorierten wir textlich der Einfachheit halber. Aber die Merry-Christmas-Version wurde jedes Mal jubelnd und laut johlend begrüßt. Unsere größte Sorge wuchs in den Stunden vor der Kinderkrippenfeier. Er wird doch nicht etwa…? “Ihr Kinderlein kommet” bereitete uns minütlich mehr Bauchschmerzen. Wie sieht das denn aus, wenn Junior mit seinen fünf Jahren voller Inbrunst Zeilen wie: “Oh seht, was in dieser hochheiligen Nacht das Gras aus Jamaika für Freude uns macht” intoniert? Um es kurz zu machen: Er hat es nicht getan. Aus unerfindlichen Gründen umschifften wir diese Klippe grandios - und Junior sang brav die offizielle Version mit.
Ohnehin hapert es manchmal ein wenig am Textverständnis. Da ihm “Gras aus Jamaika” so rein gar nichts sagt - nein, also mir im Grunde auch nicht, woher auch?  -, formulierte er den Song kurzerhand um. “Glas aus dem Einkauf” sang er jedes Mal voller Glückseligkeit. Auch eines seiner Lieblingslieder von Boris Gott, “Wie die Katzen”, hat er umgedichtet: Statt “frisch gefickt” singt er “frisch gefegt”. Wieso ihm das Fegen in dem Zusammenhang eingefallen ist, weiß ich nicht. Aber lieber ist es mir allemal. Zumal er das Lied auch bei Oma mit Hingabe zum Vortrage bringt. Da ansonsten kaum anzügliche Formulierungen darin vorkommen, geht das gerade noch so durch, ohne für ernsthafte familiäre Dispute zu sorgen.
Ich gestehe, mit dem wachsenden Musikgeschmack meines Sohnes bin ich nicht ganz unzufrieden. Ich hoffe inbrünstig, dass er dem Mutantenstadl nochmal von der Schippe springt. Denn er hat auch ein Herz für Blasmusik. Aber nur, weil die so schön laut ist und die Instrumente hübsch glänzen. Seine Lehrerin in der musikalischen Früherziehung bemüht sich noch redlich, dem Kind das Spiel auf dem Glockenspiel nahe zu bringen. Dabei hat Junior längst entschieden, welches Instrument er künftig lernen will: elektrische Gitarre. Alle Überredungs- und Überzeugungsversuche waren bislang zwecklos. Klavierunterricht lehnt er kategorisch ab. Obwohl wir so ein schönes, altes Klavier haben. Nein. Nichts zu machen. Er will eine Band gründen und elektrische Gitarre spielen. Ich weiß schon, die Gitarristen sind die, die die meisten Mädels abbekommen. Das war schon früher so. Gar nicht dumm, der Junge.