Ideal.
Wir haben ihn. Den idealen Weihnachtsbaum. Nein, kein neumodisches Zeug. Diese teuren Nordmänner kann man getrost in den Häcksler stopfen. Sie pieksen nicht. Das stört noch nicht so unbedingt. Aber man sieht, dass sie nicht pieksen. Schon die Nadeln sehen kraftlos aus. Schlimmer noch diese schlappen Äste. Kaum hängt eine Kugel oder eine Holzfigur daran, wird aus dem stolzen Weihnachtsbaum eine mickrige Trauerweide. Noch viel schwerer wiegt für mich, dass Nordmänner geruchsneutral sind. Sie duften nicht. Ein Nordmann in der Weihnachtsstube - und Weihnachten ist gelaufen. Der Duft ist doch die halbe Miete.
Wir haben schon viele Baumlieferanten getestet. Hier im Zentrum der Weihnachtsbaumkulturen ist es weiter kein Problem, an einen Christbaum zu kommen. Ein Jahr hatten wir erst abends Zeit. Es war schon dunkel. Der Bauer schaltete eine riesige Lampe an, als wir unseren Weihnachtsbaum aussuchen wollten. Dass der Baum völlig krumm war, haben wir erst zu Hause gesehen.
Noch schlimmer war’s, als wir noch in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung lebten. Gottlob hatten wir einen kleinen Balkon. Den hatten wir bitter nötig. Den Baum kauften wir auf einem kleinen Bauernhof am Waldrand. Es war - natürlich - dunkel, als wir uns auf die Spur des idealen Christbaums machten. Der Bauer versprach, er habe ihn für uns, holte ihn, schon eingenetzt, eilig herbei. Am 23. Dezember haben wir das Schmuckstück ausgepackt. Er war wunderbar. Gerade gewachsen. Feste Zweige. Dicke Nadeln. Schnell war er geschmückt. Er sah hinreißend aus. Wir machten erst einmal eine Kaffeepause nebenan in der Küche. Dann drang ein seltsamer Geruch in meine Nase. Erst nach längerer Suche fanden wir die Ursache für den immer penetranteren Gestank: Unser perfekter Weihnachtsbaum roch unerträglich heftig nach Kuhstall. Der Bauer hatte das Schmuckstück wohl dort zwischengelagert. Kuhmist konnten wir nirgends entdecken. Aber der Geruch war zum Davonlaufen. So fristete unser perfekter Baum sein Dasein auf dem klitzekleinen Balkon.
Seitdem schlagen wir den Baum lieber selbst. Dann ist er wenigstens nicht zwischengelagert. Weder auf Kuhfladen noch zwischen Schafskütteln. Selbst schlagen geht auch nur tagsüber. Damit sinkt die Gefahr, einen knorrigen Baum mit zwei Spitzen zu erwischen.
Sonst gehen wir gern mit Kollegen gemeinsam in fröhlicher Runde zum Weihnachtsbaumschlagen. Geplant war es diesmal auch so. Wir hatten am Samstag Morgen gerade das Auto vollgepackt. Säge, Beil, batteriebetriebene Spielzeugmotorsäge, große Plane, Wechselwäsche für die ganze Familie, Wanderschuhe - da kommt schon was zusammen. Alles war verstaut. Und dann begann Junior, das Frühstück wieder auszuspucken. Magen-Darm-Virus. Kein Weihnachtsbaumschlagen.
Am Sonntag haben wir dann doch noch einen Baum gekauft. Auf einem Bauernhof. Für sensationelle 7 Euro. Und Junior hat noch einen kleinen Baum geschenkt bekommen. Ich habe extra ganz leise meinen Mann gefragt, ob ich mich nicht verhört habe, bevor ich dem Bauern das Geld in die Hand drückte. 7 Euro. Unfassbar. Das Schönste: Es ist kein Nordmann. Es ist ein ganz normaler, pieksender Tannenbaum. Herrlich. Und wie er duftet! Ich war schon ein paar Mal in der Garage, um an unserem idealen Weihnachtsbaum zu schnuppern. Das ist schon die halbe Miete fürs Fest. Morgen wird er geschmückt.
Samstag, 23 Dezember 2006 at 07:24
Zentrum der Weihnachtsbaumkulturen?
Ich finde Nordmänner eigentlich ganz okay, aber das mit dem Duft stimmt tatsächlich. Sie duften ein bisschen, aber nicht zufriedenstellend.
Frau Shusl, mir scheint, wir kommen aus demselben Stall, das hört sich doch gefährlich nach meiner Wahlheimat an.
Ich freue mich, dass die Pralinen in trockenen Tüchern sind und wünsche der Familie Shusl ein frohes Fest!
Lieben Gruß,
Tante Heinz
Samstag, 23 Dezember 2006 at 09:24
Das scheint mir auch so
Danke gleichfalls!
Montag, 25 Dezember 2006 at 11:37
Weihnachtsbäume!
Oder für Weihnachtsmuffel auch einfach nur Fichte genannt. Ein intensiv nach Tanne und Wald duftender, ansonsten relativ struppiger und widerspenstiger Baum, der in hiesigen Breiten häufiger vorkommt, als Brennnesseln im Rest der Republik.
In der “normalen” Variante einfach nur satt grün. In der “de luxe” - Version edel blau. Wird dann Blaufichte genannt. Ist ebenso struppig und eigensinnig wie die grüne Variante, ist aber mit dem Prädikat “edel blau” geadelt. Fast wie beim Käse.
Fürs heimelige Wohnzimmer war (und ist für echte Kerle) die Blaufichte das “Nonplusultra”.
Papa hat damals ein aus dem ehem. Bauernhof übriggebliebenes Stückchen Land mit Blaufichten zugepflastert. Die Söhne waren die ersten Jahre dazu verdammt das Gras um die kleinen Fichten mehrmals niederzutrampeln, damit aus den kleinen und struppigen Pflänzchen gerade gewachsene Weihnachtsbäume werden.
Ganz im ernst: Wir haben diese, meist hochsommerlichen, Arbeitseinsätze gehasst wie Hölle!
Als die sticheligen Bäumchen dann die Größe der Begehrlichkeit erreichten, brauchte man sie nicht mehr vor dem Gras schützen, das den Wuchs zur Seite lenkt. Dann musste man sie bewachen, damit sie nicht geklaut werden. Das war dann schon eher was für Vatters Brut.
Während mein Bruder sich (als angehender Soldat) mit Thermoskanne, Bundeswehrzelt und Flinte im Gehölz eingegraben hat, stand der gerade 18jährige T. mit einem der Schrottpresse nahen alten Opel Kadett B am Berg gegenüber. Ebenfalls mit Thermoskanne, Bunsenbrenner als Standheizungsersatz und vielen Zappa-Cassetten ausgerüstet. Dazu einen schicken Feldstecher. Beide haben wir abwechselnd den grün-blauen Hort der Begierde bewacht.
Lohnenswert. Erstaunlich, wie viele Nachbarn und “Freunde” sich da so bei der unangekündigten Baumbeschau im familieneigenen Baumbestand eingefunden haben …
Wir haben gewartet bis die Säge angesetzt war und mein Bruder ist dann wie ein Geist aus dem Schnee aufgetaucht! “Sie haben einen Baum gefunden? Fein! Macht 100 - 150 Mark! Alternative? Anzeige!”
Das geschulterte Gewehr und das schlechte Gewissen waren gut für Vatters Kasse!
War die Reihe an mir die Kohle der Baumdiebe einzusacken, tauchte der mit Zappaaufklebern zugetackerte B-Kadett röhrend am Horizont auf und landete mit einem Höllentheater (…laute Zappa Musik) am Rande der Schonung, während ein eingemummelter T. nach “Starsky + Hutch” - Manier aus dem Auto hüpfte und unmissverständlich 150 Flocken für die Tanne einforderte.
Hier wirkte der Überraschungseffekt. Vielleicht auch der leichte Anflug von Wahn, den dieser Auftritt mit sich brachte. Wir haben damit eine gute Mark gemacht. Allerdings hatte sich nach ~3 Jahren herumgesprochen, dass es günstiger ist vom Förster erwischt zu werden, als von Vatters Brut. Je bekannter uns die Diebe waren, je höher war der Kurs!!
Mittlerweile sind alle Bäume zersägt und derartige Aktionen nicht mehr nötig. Vatter holt sich ab und an noch zwei, drei Bäume und bastelt daraus einen perfekten Baum. Darin ist er Meister.
Wir haben dieses Jahr keinen Baum. Letztes Jahr schon. Nächstes Jahr vielleicht. Und wenn, dann keinen Nordmann, sondern eine stachelige und edelblaue Fichte.
Wie sich das gehört.
Tradition verpflichtet.
Zumindest in diesem Fall!
Frohes Fest allerseits!
T.