Hohl.
Seit Tagen schauen sie mich vorwurfsvoll an. Drei flache, rechteckige Pappkartons. Von außen sehen sie sehr appetitlich aus. Aber innen - der schiere Vorwurf. Die Schokolade gewordene Mahnung, dass es nun aber Zeit wird.
Zumal Chris Rea auch schon losgefahren ist. Jedes Jahr aufs Neue frage ich mich, wohin er nur immer fahren muss. So früh, wie er aufbricht, muss es eine mörderisch weite Strecke sein. Schon seit zwei Wochen dudelt es im Radio: “Driving home for Christmas!” Alle Jahre wieder. Genau genommen lief das Lied am 5. Dezember um 7.44 Uhr zum ersten Mal auf WDR2. Mein Mann hat es auch gehört. Er rief auf dem Heimweg von der Nachtschicht an: “Alarm! Er ist losgefahren!” So isser. Immer für einen Scherz gut. Dieses an sich schöne Lied begleitet uns seit Jahren alle Jahre wieder durch die Adventszeit. Wenn Chris losfährt, ist es höchste Zeit.
Womit wir wieder beim Thema wären. Höchste Zeit. Die drei Schachteln. Kalorienträchtige Verheißung pur. Auch die Zutaten habe ich brav gekauft. Sie stehen neben den drei Schachteln. Und sie warten. Ich warte auch. Fällt mein Blick auf das schäbige Häuflein, keimt das schlechte Gewissen. Was um alles in der Welt hat mich geritten, als ich das Zeug bestellt habe? Wie kann man so dusselig sein, sich mitten im größten Renovierungsstress für 30 Euro die Verpflichtung aufzuhalsen, vorweihnachtlich in Serienproduktion zu gehen?
Ich backe sehr gern, ich koche leidlich - aber ich habe noch nie in meinem Leben Pralinen selbst gemacht. Und ich gebe es offen zu, ich drücke mich davor. Ich habe schon mehrfach sämtliche Wäsche gewaschen, die gesamte Weihnachtspost erledigt, gestern schon Einkäufe erledigt, die bis nach Weihnachten reichen - nur um diesem unausgesprochenen Vorwurf zu entgehen. Diese Hohlkörper - ja, sie heißen wirklich so -, die machen mich wahnsinnig. Die setzen mich völlig unter Druck. Am Donnerstag ist letzter Kindergartentag. Der Junge sollte seinen Erzieherinnen in den selbst dekorierten Spanschachteln Pralinen aus eigener Herstellung überreichen. Auch Großeltern und Paten wollten wir damit beglücken. Dumm gelaufen, dass wir auch noch ein Pralinenmotiv für die in Serviettentechnik gestalteten Spanschachteln ausgewählt haben. Sie sehen schön aus. Aber uns fehlen derzeit noch die Pralinen.
Die erste Ausrede war schön. Die Pralinen halten nicht so lange. Sie müssen auch kühl gelagert werden. Damit fielen schon mal einige Pralinenempfangskandidaten aus. Bei den derzeitigen Temperaturen garantiert nicht mal die Schneckenpost die Einhaltung der Kühlkette. Aber am Donnerstag, Freitag und Montag muss ich die Dinger abliefern. Ich könnte ja auch schnöde auf Fabrik gefertigte Exemplare zurückgreifen. Aber das würden mir die Hohlkörper übel nehmen.
Schon der Name. Hohlkörper. Wieder was für meine Sammlung schöner Wörter. Auch wieder gut für die Mundmotorik. Hooohlkörper. Mit langem O. Das stärkt die Muskulatur. Bestimmt ist es auch gut gegen Falten. Also nicht gegen Speckfalten. Der Kaloriengehalt der Hohlkörper, wenn sie erst mal gefüllt und damit eigentlich keine Hohlkörper mehr sind, ist exorbitant. Erschütternd geradezu. Doch wer isst schon Pralinen, wenn er abnehmen will. Weihnachten soll ein Fest sein, kein gemeinsames Fasten. Und bei Geschenken spart man sowieso nicht. Auch nicht an Kalorien. Die Beschenkten sollen sich ja auch nicht die finale Zuckerdosis geben, indem sie alle auf einmal in sich hineinstopfen. Nein, sie sollen unsere kostbaren Leckerchen einzeln mit Hingabe genießen.
Wenn nur die Herstellung nicht wäre. Ich gebe zu, ich habe ein wenig Manschetten davor. Egal. Morgen muss es geraten. Der Tannenbaum duftet in der Garage (jajajaja, diesmal kein Nordmann!!!). Die Geschenke sind eingepackt. Und Chris Rea ist auch schon unterwegs. Höchste Zeit, die Hohlkörper zu füllen. Die Rezepte liegen schon da, die Zutaten auch. Karamell-Trüffel, Schokoladen-Trüffel. Mokka-Trüffel. Das zergeht schon auf der Zunge. Hohlkörper in Herzform. Hohlkörper in Sternform. Hohlkörper in Mondform. Das zergeht nicht so gut auf der Zunge, weckt aber wieder mein schlechtes Gewissen. Und wenn nicht bald Mittwoch ist, hat Junior sämtliche goldenen und silbernen Zuckerperlen aufgefuttert, die zum Verzieren gedacht waren.
Dienstag, 19 Dezember 2006 at 22:15
Na dann viel Glück - ich schiebe hier das Keksebacken vor mich her, das erste Mal mit Junior … aber morgen soll es werden. Können uns ja dann gegenseitig loben
Mori
Mittwoch, 20 Dezember 2006 at 20:35
Backen unter Zwang ist Mist. Pralinen herstellen unter Zwang kaum vorstellbar. Bei uns ist Keksebacken dieses Jahr gestrichen, und das ist tatsächlich ganz nett. Man muss nur nebenbei geschickt erwähnen, dass man dieses Jahr leider keine Kekse backen konnte, und schon kommen von allen Seiten diverse Exemplare geflogen.
Klasse. Das mache ich nur noch so.
Wünsche Dir ein produktionstechnisches Hoch, einen fetten Motivationsschub und ein schickes Ergebnis!
Lieben Gruß,
Tante Heinz