Wunderlich.
Kaum hat man ein Kind, wird man wunderlich. Zwangsläufig. Es gibt kein Entrinnen. Im ersten Jahr ist man dank völliger Übermüdung nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen, geschweige denn, diesen in logischer Folge zu äußern. Also nachvollziehbar für andere Menschen zu artikulieren. Immer wieder mal schaut man an der Supermarktkasse zufällig an sich herunter und entdeckt voller Entsetzen Sabber oder Erbrochenes auf dem eigenen Pullover. Da muss man durch.
In den folgenden Jahren schafft man es nie, einen Gedanken zu Ende zu bringen. Ein Telefonat mit einer Mutter eines Kleinkindes ist ein Ratespiel. Sie beginnt Sätze, führt sie aber in den seltensten Fällen zu Ende. Simples Beispiel: “Weißt du, wen ich - nein, nicht die Schublade aufziehen - weißt du, wen ich letzte woche - bitte, lass die Schublade zu - also, weißt du….” Und so geht es endlos weiter. Das Geld kann man sich sparen.
Dann setzt die Bastelphase ein. Wir befinden uns gerade mittendrin. Mit der größten Selbstverständlichkeit erkläre ich wildfremden Menschen auf deren fragende Blicke hin, dass mein Sohn zu nähen versucht hat und ich deshalb diesen verzammelten, krummen, unmöglich gemusterten Schal heute trage. Seit Wochen schon fällt jedes Mal, wenn ich an meinem Auto hinten links die Tür öffne, ein weißes Etwas an einem langen, gelben Wollfaden heraus. Auf dem Parkplatz wies mich eine Frau darauf hin. Und mit Todesverachtung erklärte ich ihr: “Ach, das ist der Bremsfallschirm. Den hat mein Sohn gebastelt, für den Fall, dass mal die Bremse ausfallen sollte.” Sie hat nicht mal gelacht. Sie fand das ganz normal. Denn sie hatte gleich zwei Kinder in diesem putzigen, kreativen Alter.
Ich sag’s ja. Man wird wunderlich.
Freitag, 8 Dezember 2006 at 22:31
Hallo Shusl,
ich hab wohl gelacht
Aber eher über deinen ACH-SO-WAHREN Bericht.
Den Bremsfallschirm finde ich auch Klasse, wir sind nooooooch nicht in der Bastelphase.
LG Tina