Archiv für Dezember, 2006

Vorfreude.

Freitag, 29 Dezember 2006

Man wird nicht nur wunderlich, wenn man ein Kind hat. Nein. Man kann sich selbst auch noch ein paar Kindheitsträume verwirklichen. Noch zwei Mal schlafen. Dann ist endlich Silvester. Und zum ersten Mal in meinem Leben werden wir Blei gießen. Ich wollte das schon immer ausprobieren. Und heute beim Nahkampf im Supermarkt habe ich erbarmungslos zugeschlagen. Für 1,69 Euro habe ich ein Bleigieß-Set erstanden. Und für wenig Kröten mehr noch ein paar Knallbonbons. Die habe ich schon immer begehrlich betrachtet. Aber erst jetzt habe ich eine Ausrede parat. Junior macht sich gut als stolzer Mitkäufer an meiner Seite.

Und ganz nebenbei: Auf besonderen Wunsch eines einzelnen kleinen Herren wird erstmals bei uns ein Mini-Feuerwerk gezündet. 3,99 Euro bei Aldi. 20 Raketen in einem viereckigen Karton. Genial für Dussels wie uns. Man muss nur eine Zündschnur anzünden - und schon wird 30 Sekunden lang in 40 Metern Höhe über unserem Haus die Post abgehen. Wir sind schon mächtig gespannt. Und weil’s so günstig war, habe ich gleich noch vier Packungen Riesenwunderkerzen für Juniors nahenden Geburtstag gekauft. Die werden wir auf der Terrasse anzünden. Die Zwerge werden uns lieben dafür! Okay, eine werden wir an Silvester ausprobieren. Ich mein, man muss ja wissen, ob die funktionieren.

Unser Nachbar, der pensionierte Pastor, engagiert sich wie jedes Jahr für die Aktion “Brot statt Böller”. Bei der Vorstellung, wie er in seinem Garten steht und Brot in die Luft wirft, halten wir uns alle Jahre wieder unsere Bäuche vor Lachen. Nach dem weihnachtlichen Tote-Hosen-Gegröhle vor ein paar Tagen ist unser Ruf sowieso ruiniert. Jetzt können wir ebenso gut eine Raketenbatterie verballern. Das Leben ist eben nicht immer politisch korrekt.

Rührend.

Donnerstag, 28 Dezember 2006

Die Seuche hat mich aus den Schuhen gehauen. Magen-Darm-Virus. Wie angeflogen. Eben noch frisch und munter. Und um 9.30 Uhr heute Morgen das völlige Aus. Bis 15 Uhr im Gallopp zwischen Sofa und sanitären Einrichtungen hin und her gespurtet. Danach war der Spuk vorbei. Ein 1-Tages-Virus. Hat mir aber auch so gereicht. Ich hatte fast vergessen, wie übel einem einzelnen Menschen sein kann.

Rührend war mein kleiner Krankenpfleger. R. hat Nachtschicht, der schlief ab 8.30 Uhr tief und fest. Junior und ich waren quasi allein. Und er hat sich großartig um mich gekümmert. Er hat mir eine Wolldecke geholt. Er hat meine Hand gehalten. Ab und zu hat er meine Wange gestreichelt. Mir ein Küsschen auf die Stirn gedrückt. Sogar für sein Mittagessen hat er selbst gesorgt - er hat Omas Lagenkuchen aufgefuttert.

Den ganzen Tag hat er ganz lieb und ganz still gespielt. Lego ohne Ende. Und wie Junior so ist, hat er nicht einfach nur gespielt. Als er feststellte, dass das Legobauen ganz gut klappte, hat er gleich ein Projekt daraus gemacht. Diverse Objekte gebaut. Ein Schild für die Küchentür gemalt: “J.s Lego-Ausstellung”. Einen kleinen improvisierten Verkaufsstand aufgebaut. Preisschilder gebastelt. Alles kostete 1 Euro. Nur das Fußballfeld sollte 5 Euro einbringen. “Weil ich mir damit soviel Mühe gegeben habe”, betonte er. Auf einem Stuhl saß er dann längere Zeit in seinem Laden und wartete auf Kunden. Es kamen leider keine. Wie denn auch. Die Haustür war zu. Die einzige in frage kommende Kundin lag kreidebleich auf dem Sofa in der Küche. Er hat dann noch hochfliegende Pläne geschmiedet, wie er die Öffentlichkeitsarbeit verbessern kann. Dazu kam es nicht mehr. R. wachte gegen 14.30 Uhr auf. Er hat die Werke dann gebührend gewürdigt.

Besinnlich.

Mittwoch, 27 Dezember 2006

Wochenlang dudelte “Kleine Kerze leuchte” rauf und runter. Morgens. Mittags. Abends. Und dazwischen auch noch diverse Male. Es gibt Momente, da wünscht man den Komponisten und Interpreten von modernen Kinderliedern alle erdenklichen Krankheiten an den Hals. Vornehmlich in den Hals. So in Richtung Stimmbänder. Damit sie bloß aufhören, arglose Eltern zu quälen. Schon in der Krabbelgruppe lernt man, dass solche Lieder wichtig sind für die Entwicklung des Kindes. Ob Grobmotorik, Sensorik oder was auch immer - mit Musik werden Kinder schlauer. Das mag so stimmen. Doch wer sagt, dass das nur für dieses schleimtriefende Gesülze gilt?

Junior hat die wilde Musik für sich entdeckt. Das ist schon deutlich angenehmer. Für uns. Für unsere Nerven. Und für unser Seelenleben. Da liegen wir fast auf einer Wellenlänge. Seine neueste Entdeckung: eine recht betagte Weihnachts-CD der “Toten Hosen”, als sie sich kurzzeitig die “Roten Rosen” nannten. Da kommt die ganze Familie richtig in Fahrt. Und gröhlt, dass die Wände wackeln. Unser Nachbar, ein pensionierter Pastor, hat sicher gedacht, das Jüngste Gericht sei nahe. Waren aber nur wir.

So dudelten die Hosen vom Zeitpunkt ihrer Entdeckung in den Tiefen der elterlichen CD-Sammlung (wenn der Junge wüsste, welche wilde Mucke da noch so schlummert!) tagein, tagaus in unserem gemütlichen Heim. Das Lied vom Weihnachtsmann, der sich erhängt hat, ignorierten wir textlich der Einfachheit halber. Aber die Merry-Christmas-Version wurde jedes Mal jubelnd und laut johlend begrüßt. Unsere größte Sorge wuchs in den Stunden vor der Kinderkrippenfeier. Er wird doch nicht etwa…? “Ihr Kinderlein kommet” bereitete uns minütlich mehr Bauchschmerzen. Wie sieht das denn aus, wenn Junior mit seinen fünf Jahren voller Inbrunst Zeilen wie: “Oh seht, was in dieser hochheiligen Nacht das Gras aus Jamaika für Freude  uns macht” intoniert? Um es kurz  zu machen: Er hat es nicht getan. Aus unerfindlichen Gründen umschifften wir diese Klippe grandios - und Junior sang brav die offizielle Version mit.

Ohnehin hapert es manchmal ein wenig am Textverständnis. Da ihm “Gras aus Jamaika” so rein gar nichts sagt - nein, also mir im Grunde auch nicht, woher auch?  -, formulierte er den Song kurzerhand um. “Glas aus dem Einkauf” sang er jedes Mal voller Glückseligkeit. Auch eines seiner Lieblingslieder von Boris Gott, “Wie die Katzen”, hat er umgedichtet: Statt “frisch gefickt” singt er “frisch gefegt”. Wieso ihm das Fegen in dem Zusammenhang eingefallen ist, weiß ich nicht. Aber lieber ist es mir allemal. Zumal er das Lied auch bei Oma mit Hingabe zum Vortrage bringt. Da ansonsten kaum anzügliche Formulierungen darin vorkommen, geht das gerade noch so durch, ohne für ernsthafte familiäre Dispute zu sorgen.

Ich gestehe, mit dem wachsenden Musikgeschmack meines Sohnes bin ich nicht ganz unzufrieden. Ich hoffe inbrünstig, dass er dem Mutantenstadl nochmal von der Schippe springt. Denn er hat auch ein Herz für Blasmusik. Aber nur, weil die so schön laut ist und die Instrumente hübsch glänzen. Seine Lehrerin in der musikalischen Früherziehung bemüht sich noch redlich, dem Kind das Spiel auf dem Glockenspiel nahe zu bringen. Dabei hat Junior längst entschieden, welches Instrument er künftig lernen will: elektrische Gitarre. Alle Überredungs- und Überzeugungsversuche waren bislang zwecklos. Klavierunterricht lehnt er kategorisch ab. Obwohl wir so ein schönes, altes Klavier haben. Nein. Nichts  zu machen. Er will eine Band gründen und elektrische Gitarre spielen. Ich weiß schon, die Gitarristen sind die, die die meisten Mädels abbekommen. Das war schon früher so. Gar nicht dumm, der Junge.

Erinnerung.

Sonntag, 24 Dezember 2006

Es ist früh. Alle schlafen noch. Das Haus ist ganz still. Das Weihnachtszimmer ist abgeschlossen. Der Baum ist geschmückt. Die Geschenke liegen darunter. Viel zu viele. Wie immer. Das Essen ist vorbereitet. Endlich einmal Zeit.

Ich habe in Juniors Erinnerungskiste gekramt. Da fiel mir eine Kopie in die Hände. Ein Brief an den Weihnachtsmann. Geschrieben im Kinderwunschforum. Bevor Junior unterwegs war. Ich zitiere mich mal selbst:

“Shusl am 22.12.1999, 21.09 Uhr“Lieber Weihnachtsmann,ich weiß, ich bin spät dran, aber für meine Wünsche musst Du gar nicht ins Kaufhaus rennen. Greif einfach hinter Dich in die große Schatzkiste.Ich wünsche mir eine intakte Schwangerschaft mit einem zauberhaften Baby, können auch zwei sein, wenn Du nichts anderes auf Lager hast.Dann wünsche ich mir vier Stunden zusätzlich zum heimlichen Ausklappen jeden Tag nur für unseren Doc, damit der die ganzen Fragen beantworten kann und trotzdem noch genug Zeit für seine Familie und alles andere hat.Schön wär auch noch, wenn ich nächstes Jahr nicht noch einmal den Wanderpokal aks “Westfälische Meisterin im Einbilden von Schwangerschaftssymptomen” gewinnen würde.

Ach ja, eine große Tüte Trost könntest Du noch für mich einpacken. Die letzte Ladung ist fast aufgebraucht. Es war ja auch kein einfaches Jahr mit der Fehlgeburt und den vielen kleineren Fehlschlägen.

Wo wir gerade bei depressiven Phasen sind, leg auch noch eine Packung bügelfreier Stofftaschentücher dazu. Bei dieser ewigen Tränenflut Monat für Monat nervt das ständige Bügeln wirklich. Da ich keine Papiertaschentücher vertrage, wäre ich Dir für die bügelfreie Sorte sehr dankbar.

Ein neues digitales Thermometer wäre auch nicht schlecht, zumal ich in das alte neulich vor lauter Frust schon vorm Aufstehen reingebissen habe. Der Rand von diesem unschönen Loch schabt jetzt jeden Morgen an meiner Unterlippe.

Fast hätte ich es vergessen: Ein Zehner-Pack Schwangerschaftstests von Clearblue wäre toll. Dann könnte ich mir den allmonatlichen mitleidigen Blick der Apothekerin ersparen.

Aber wenn ich – weil ich zugegebenermaßen sehr spät dran bin – nur einen einzigen Wunsch frei habe, dann streiche alles, was ich mir bisher gewünscht habe. Dann will ich nur ein langes, glückliches Leben mit dem wunderbarsten Ehemann von allen. Alles andere kriegen wir dann schon selbst hin.

Ich wünsche Dir und allen im Forum ein wunderschönes Weihnachtsfest und ein noch schöneres, fruchtbares neues Jahr.

Liebe Grüße

Shusl

PS: Wahrscheinlich haltet Ihr mich jetzt für völlig abgedreht, aber mir war grad so warm ums Herz, und ein paar Tränchen des Selbstmitleids mussten mal raus…”

Ich bin froh und dankbar, dass wir das Weihnachtsfest mit einem gesunden, fröhlichen, glücklichen Kind feiern dürfen. In einigen Wochen wird er sechs Jahre alt. Unfassbar.

Ich wünsche allen ein fröhliches, friedliches Weihnachtsfest!

Ideal.

Samstag, 23 Dezember 2006

Wir haben ihn. Den idealen Weihnachtsbaum. Nein, kein neumodisches Zeug. Diese teuren Nordmänner kann man getrost in den Häcksler stopfen. Sie pieksen nicht. Das stört noch nicht so unbedingt. Aber man sieht, dass sie nicht pieksen. Schon die Nadeln sehen kraftlos aus. Schlimmer noch diese schlappen Äste. Kaum hängt eine Kugel oder eine Holzfigur daran, wird aus dem stolzen Weihnachtsbaum eine mickrige Trauerweide. Noch viel schwerer wiegt für mich, dass Nordmänner geruchsneutral sind. Sie duften nicht. Ein Nordmann in der Weihnachtsstube - und Weihnachten ist gelaufen. Der Duft ist doch die halbe Miete.

Wir haben schon viele Baumlieferanten getestet. Hier im Zentrum der Weihnachtsbaumkulturen ist es weiter kein Problem, an einen Christbaum zu kommen. Ein Jahr hatten wir erst abends Zeit. Es war schon dunkel. Der Bauer schaltete eine riesige Lampe an, als wir unseren Weihnachtsbaum aussuchen wollten. Dass der Baum völlig krumm war, haben wir erst zu Hause gesehen.

Noch schlimmer war’s, als wir noch in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung lebten. Gottlob hatten wir einen kleinen Balkon. Den hatten wir bitter nötig. Den Baum kauften wir auf einem kleinen Bauernhof am Waldrand. Es war - natürlich - dunkel, als wir uns auf die Spur des idealen Christbaums machten. Der Bauer versprach, er habe ihn für uns, holte ihn, schon eingenetzt, eilig herbei. Am 23. Dezember haben wir das Schmuckstück ausgepackt. Er war wunderbar. Gerade gewachsen. Feste Zweige. Dicke Nadeln. Schnell war er geschmückt. Er sah hinreißend aus. Wir machten erst einmal eine Kaffeepause nebenan in der Küche. Dann drang ein seltsamer Geruch in meine Nase. Erst nach längerer Suche fanden wir die Ursache für den immer penetranteren Gestank: Unser perfekter Weihnachtsbaum roch unerträglich heftig nach Kuhstall. Der Bauer hatte das Schmuckstück wohl dort zwischengelagert. Kuhmist konnten wir nirgends entdecken. Aber der Geruch war zum Davonlaufen. So fristete unser perfekter Baum sein Dasein auf dem klitzekleinen Balkon.

Seitdem schlagen wir den Baum lieber selbst. Dann ist er wenigstens nicht zwischengelagert. Weder auf Kuhfladen noch zwischen Schafskütteln. Selbst schlagen geht auch nur tagsüber. Damit sinkt die Gefahr, einen knorrigen Baum mit zwei Spitzen zu erwischen.

Sonst gehen wir gern mit Kollegen gemeinsam in fröhlicher Runde zum Weihnachtsbaumschlagen. Geplant war es diesmal auch so. Wir hatten am Samstag Morgen gerade das Auto vollgepackt. Säge, Beil, batteriebetriebene Spielzeugmotorsäge, große Plane, Wechselwäsche für die ganze Familie, Wanderschuhe - da kommt schon was zusammen. Alles war verstaut. Und dann begann Junior, das Frühstück wieder auszuspucken. Magen-Darm-Virus. Kein Weihnachtsbaumschlagen.

Am Sonntag haben wir dann doch noch einen Baum gekauft. Auf einem Bauernhof. Für sensationelle 7 Euro. Und Junior hat noch einen kleinen Baum geschenkt bekommen. Ich habe extra ganz leise meinen Mann gefragt, ob ich mich nicht verhört habe, bevor ich dem Bauern das Geld in die Hand drückte. 7 Euro. Unfassbar. Das Schönste: Es ist kein Nordmann. Es ist ein ganz normaler, pieksender Tannenbaum. Herrlich. Und wie er duftet! Ich war schon ein paar Mal in der Garage, um an unserem idealen Weihnachtsbaum zu schnuppern. Das ist schon die halbe Miete fürs Fest. Morgen wird er geschmückt.

Gefüllt.

Donnerstag, 21 Dezember 2006

Ich habe es getan. Hmmmmm. Und was soll ich sagen? Sie sind göttlich, meine allerersten Pralinen. Schokoladentrüffel. Lecker. Meine Männer haben sich fast geschlagen, wer die diversen Löffel, Teigschaber und Schüsseln ablecken darf. Und ich hatte schon lange nicht mehr zwei so beschmierte Kerle in der Küche. Schokoladentrüffel (laktosefrei) bis hinter die Ohren. Was für ein schöner Nachmittag.

Vorher habe ich schon mit Junior gemeinsam einen kleinen Ausflug gemacht. Wir waren kurz in der Stadt. Aber wir haben vor dem Gedränge in den Läden kapituliert. Wir sind in die kleine Eisdiele gegangen. Ich habe genüsslich einen Cappuccino geschlürft, und Junior hat ein kleines Eis gegessen. Ausnahmsweise. Weil es ihm ansonsten gut geht, darf auch mal eine Ladung Laktose sein. Natürlich war das ein ganz besonderes Ereignis für ihn.

Heute Abend kuschelte er sich an mich und sagte mit glänzenden Augen: “Ach, Mama, wie kann man einen ersten Ferientag noch besser genießen?” Wozu brauche ich noch ein Weihnachtsgeschenk?

Hohl.

Dienstag, 19 Dezember 2006

Seit Tagen schauen sie mich vorwurfsvoll an. Drei flache, rechteckige Pappkartons. Von außen sehen sie sehr appetitlich aus. Aber innen - der schiere Vorwurf. Die Schokolade gewordene Mahnung, dass es nun aber Zeit wird.

Zumal Chris Rea auch schon losgefahren ist. Jedes Jahr aufs Neue frage ich mich, wohin er nur immer fahren muss. So früh, wie er aufbricht, muss es eine mörderisch weite Strecke sein. Schon seit zwei Wochen dudelt es im Radio: “Driving home for Christmas!” Alle Jahre wieder. Genau genommen lief das Lied am 5. Dezember um 7.44 Uhr zum ersten Mal auf WDR2. Mein Mann hat es auch gehört. Er rief auf dem Heimweg von der Nachtschicht an: “Alarm! Er ist losgefahren!” So isser. Immer für einen Scherz gut. Dieses an sich schöne Lied begleitet uns seit Jahren alle Jahre wieder durch die Adventszeit. Wenn Chris losfährt, ist es höchste Zeit.

Womit wir wieder beim Thema wären. Höchste Zeit. Die drei Schachteln. Kalorienträchtige Verheißung pur. Auch die Zutaten habe ich brav gekauft. Sie stehen neben den drei Schachteln. Und sie warten. Ich warte auch. Fällt mein Blick auf das schäbige Häuflein, keimt das schlechte Gewissen. Was um alles in der Welt hat mich geritten, als ich das Zeug bestellt habe? Wie kann man so dusselig sein, sich mitten im größten Renovierungsstress für 30 Euro die Verpflichtung aufzuhalsen, vorweihnachtlich in Serienproduktion zu gehen?

Ich backe sehr gern, ich koche leidlich - aber ich habe noch nie in meinem Leben Pralinen selbst gemacht. Und ich gebe es offen zu, ich drücke mich davor. Ich habe schon mehrfach sämtliche Wäsche gewaschen, die gesamte Weihnachtspost erledigt, gestern schon Einkäufe erledigt, die bis nach Weihnachten reichen - nur um diesem unausgesprochenen Vorwurf zu entgehen. Diese Hohlkörper - ja, sie heißen wirklich so -, die machen mich wahnsinnig. Die setzen mich völlig unter Druck. Am Donnerstag ist letzter Kindergartentag. Der Junge sollte seinen Erzieherinnen in den selbst dekorierten Spanschachteln Pralinen aus eigener Herstellung überreichen. Auch Großeltern und Paten wollten wir damit beglücken. Dumm gelaufen, dass wir auch noch ein Pralinenmotiv für die in Serviettentechnik gestalteten Spanschachteln ausgewählt haben. Sie sehen schön aus. Aber uns fehlen derzeit noch die Pralinen.

Die erste Ausrede war schön. Die Pralinen halten nicht so lange. Sie müssen auch kühl gelagert werden. Damit fielen schon mal einige Pralinenempfangskandidaten aus. Bei den derzeitigen Temperaturen garantiert nicht mal die Schneckenpost die Einhaltung der Kühlkette. Aber am Donnerstag, Freitag und Montag muss ich die Dinger abliefern. Ich könnte ja auch schnöde auf Fabrik gefertigte Exemplare zurückgreifen. Aber das würden mir die Hohlkörper übel nehmen.

Schon der Name. Hohlkörper. Wieder was für meine Sammlung schöner Wörter. Auch wieder gut für die Mundmotorik. Hooohlkörper. Mit langem O. Das stärkt die Muskulatur. Bestimmt ist es auch gut gegen Falten. Also nicht gegen Speckfalten. Der Kaloriengehalt der Hohlkörper, wenn sie erst mal gefüllt und damit eigentlich keine Hohlkörper mehr sind, ist exorbitant. Erschütternd geradezu. Doch wer isst schon Pralinen, wenn er abnehmen will. Weihnachten soll ein Fest sein, kein gemeinsames Fasten. Und bei Geschenken spart man sowieso nicht. Auch nicht an Kalorien. Die Beschenkten sollen sich ja auch nicht die finale Zuckerdosis geben, indem sie alle auf einmal in sich hineinstopfen. Nein, sie sollen unsere kostbaren Leckerchen einzeln mit Hingabe genießen.

Wenn nur die Herstellung nicht wäre. Ich gebe zu, ich habe ein wenig Manschetten davor. Egal. Morgen muss es geraten. Der Tannenbaum duftet in der Garage (jajajaja, diesmal kein Nordmann!!!). Die Geschenke sind eingepackt. Und Chris Rea ist auch schon unterwegs. Höchste Zeit, die Hohlkörper zu füllen. Die Rezepte liegen schon da, die Zutaten auch. Karamell-Trüffel, Schokoladen-Trüffel. Mokka-Trüffel. Das zergeht schon auf der Zunge. Hohlkörper in Herzform. Hohlkörper in Sternform. Hohlkörper in Mondform. Das zergeht nicht so gut auf der Zunge, weckt aber wieder mein schlechtes Gewissen. Und wenn nicht bald Mittwoch ist, hat Junior sämtliche goldenen und silbernen Zuckerperlen aufgefuttert, die zum Verzieren gedacht waren.

Wehmut.

Sonntag, 10 Dezember 2006

Es ist geschafft. Juniors Zimmer ist ausgeräumt. Alle Möbel sind raus, die Tapeten abgerissen, die Fußleisten abgeschraubt. Am Mittwoch wird neu tapeziert. Nächste Woche kommen die neuen Möbel. Ein großes Bett. Ein Schreibtisch. Eben alles, was so ein großer Junge braucht.

Und ich? Mir ist ganz wehmütig ums Herz. Ich weiß noch, mit wieviel Hingabe ich die Maus-Bordüre ausgesucht habe. Nicht irgendeine Maus, sondern die Maus aus der “Sendung mit der Maus” musste es sein. Rundherum aufgeklebt in Baby-Steh-Höhe. In der letzten Woche vor der Entbindung habe ich mühselig aus der restlichen Bordüre noch Mäuse, Elefanten und Enten ausgeschnitten, weil ich die Dachschräge so trist und traurig fand über dem Babybett. Sein Stubenwagen stand nur bis zur Entbindung im Kinderzimmer. Danach war’s mir zu lästig, nachts immer hinüber zu gehen. Tagsüber habe ich ihn dort gestillt. Im Schaukelstuhl. Mit Blick ins Mittelgebirge. Alles Grün. So oft hatte ich davon geträumt. Ach, war das eine schöne Zeit.

Dann der Tag, als er vom Stubenwagen neben meinem Bett in sein eigenes Zimmer umzog. Da war er ein halbes Jahr alt. Wir haben das Bett aufgebaut. Es sah so goldig aus. Mit Kufen darunter zum leichten Schaukeln. Junior durfte einmal kurz probeliegen. Und schlief auf der Stelle ein. Als später der Himmel angebracht war - in Dunkelblau mit gelben und orangefarbenen Sternen -, brach der kleine Kerl in jämmerliches Geschrei aus. Das Dunkle machte ihm Angst. Fortan schlief er in meinem Bett ein und wurde dann schlafend hinüber getragen. Er hat sich irgendwann an den Himmel gewöhnt. Doch das Einschlafritual ist bis heute unverändert. Einschlafen will er nur in meinem Bett.

Jetzt ist er zu groß für das kleine Bett. Bald kommt er in die Schule. Da braucht er sowieso neue Möbel. Die Dekoration fürs Fußballzimmer ist fast komplett. Junior freut sich wie verrückt. Schließlich ist er nun ein großer Junge.

Meine Tränchen, die ich verdrückt habe, als wir noch einige letzte Fotos vom “Babyzimmer” gemacht haben, hat er verstanden. Ganz sacht kam er, drückte mich ganz fest und streichelte mein Gesicht. Mamas dürfen das, meinte er. Gedacht war es so, dass er als Ältester ins andere Kinderzimmer umzieht, wenn das zweite Kind kommt. Nun wird es wohl kein zweites Kind mehr geben. Wir haben aus dem zweiten Kinderzimmer ein buntes Spielzimmer gemacht. Das ist mir schwer gefallen. So wie der Bettabbau heute. Trotzdem ist es gut so, wie es ist. Noch ein Schritt nach vorn.

Wunderlich.

Freitag, 8 Dezember 2006

Kaum hat man ein Kind, wird man wunderlich. Zwangsläufig. Es gibt kein Entrinnen. Im ersten Jahr ist man dank völliger Übermüdung nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen, geschweige denn, diesen in logischer Folge zu äußern. Also nachvollziehbar für andere Menschen zu artikulieren. Immer wieder mal schaut man an der Supermarktkasse zufällig an sich herunter und entdeckt voller Entsetzen Sabber oder Erbrochenes auf dem eigenen Pullover. Da muss man durch.

In den folgenden Jahren schafft man es nie, einen Gedanken zu Ende zu bringen. Ein Telefonat mit einer Mutter eines Kleinkindes ist ein Ratespiel. Sie beginnt Sätze, führt sie aber in den seltensten Fällen zu Ende. Simples Beispiel: “Weißt du, wen ich - nein, nicht die Schublade aufziehen - weißt du, wen ich letzte woche - bitte, lass die Schublade zu - also, weißt du….” Und so geht es endlos weiter. Das Geld kann man sich sparen.

Dann setzt die Bastelphase ein. Wir befinden uns gerade mittendrin. Mit der größten Selbstverständlichkeit erkläre ich wildfremden Menschen auf deren fragende Blicke hin, dass mein Sohn zu nähen versucht hat und ich deshalb diesen verzammelten, krummen, unmöglich gemusterten Schal heute trage. Seit Wochen schon fällt jedes Mal, wenn ich an meinem Auto hinten links die Tür öffne, ein weißes Etwas an einem langen, gelben Wollfaden heraus. Auf dem Parkplatz wies mich eine Frau darauf hin. Und mit Todesverachtung erklärte ich ihr: “Ach, das ist der Bremsfallschirm. Den hat mein Sohn gebastelt, für den Fall, dass mal die Bremse ausfallen sollte.” Sie hat nicht mal gelacht. Sie fand das ganz normal. Denn sie hatte gleich zwei Kinder in diesem putzigen, kreativen Alter.

Ich sag’s ja. Man wird wunderlich.

Gruselkabinett.

Donnerstag, 7 Dezember 2006

Ich mag die Menschen aus dem Ruhrgebiet. Zumindest, wenn sie von der direkten Sorte sind. Da sagt man noch, was man denkt. Da ist kein Platz für schmückendes Geschwafel. Da wird nicht endlos um den heißen Brei gelabert. Blubbern können andere. Der “Pötter” an sich - so nennen wir Ignoranten vom Dorfe die Ureinwohner des Kohlenpotts - ist gerade heraus.

Ein Beispiel von heute. Wir sprachen über abartige Geschenke. Jeder hat doch solche Geschmacksleichen im Keller. Oder in einem staubigen Karton auf dem Dachboden. Oder mumifiziert in der hintersten Schrankecke. “In der Muke”, sagt der schnöde Sauerländer, der auch kein Freund großer Worte ist, dazu. Auf alle Fälle werden sie schamhaft verborgen, diese Ausgeburten bekiffter Designerhirne. Entgleisungen von unbeschreiblicher Güte.

Im Forum wurde heute ein schönes Spiel beschrieben, bei dem man diese Gruseligkeiten elegant und mit viel Spaß loswerden kann: “Schrottjulklapp”. Schönes Wort. Aber mein Gegenüber im Büro, ein junger Mann aus Dortmund, kannte eine noch deutlich treffendere Bezeichnung dafür: “Scheiße-Wichteln”. Ich habe Tränen gelacht. Es kann kein treffenderes Wort dafür geben. Scheiße-Wichteln. Das nehme ich glatt in meine Sammlung von Lieblingswörtern auf. Ich lache noch immer, wenn es mir mal wieder einfällt zwischendurch. Scheiße-Wichteln.

Oooooh, ich hätte da durchaus einige nette Teilchen, die den Gabentisch in ein Gruselkabinett verwandeln würden. Was mich schreckt, ist, dass ich dann ja auch anderer Leute Geschmacksentgleisungen gewinne. Da weiß man nicht, was schlimmer ist. Gräuel-Geschenke, die ich schon verkraftet habe, oder Scheußlichkeiten, deren Wert sich mir erst noch erschließen müsste. Andererseits: Bei Horror-Krempel, den mir jemand geschenkt hat, habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich ihn in die Tonne kicke. Bei Klumpatsch, den ich beim Scheiße-Wichteln gewonnen habe, wäre das anders.

Aber was grübele ich. “Mach dir kein Kopp”, meint der junge Dortmunder dazu. Recht hat er. Ich lache lieber noch eine Runde übers Scheiße-Wichteln.