Archiv für November, 2006

Wunschzettel.

Donnerstag, 30 November 2006

Das Christkind war da. Nein, wir haben die Bescherung nicht vorverlegt. Junior hat einen zauberhaften Wunschzettel gebastelt, dazu noch einen “Brief” ans Christkind geschrieben. Wir haben die beiden Blätter von innen vor die Terrassentür gelegt, ein Glas Milch und einen Teller Kekse dazu. So aufgeregt ist der Kleine nur selten. “Mama”, flüsterte er konspirativ in mein Ohr, “Mama, heute Nacht, wenn ich schon schlafe, dann schaust du durchs Schlüsselloch - und dann erzählst du mir morgen, wie das Christkind aussah.” Mein Einwand, dass das Christkind doch sowieso erst kommt, wenn ich auch schlafe, stieß auf wenig Verständnis.
Was für eine herrliche Zeit, Vorweihnachtszeit mit Kind. Unglaublich, wie die Augen strahlen. Goldig, wie Junior auf jeden neuen Tag hinfiebert. Noch zwei Mal schlafen, bis er das erste Päckchen des Adventskalenders öffnen darf. Heute haben wir zusammen den Adventskranz gestaltet. Bald kommt der Nikolaus persönlich zu uns oder zu Freunden; die 6 Kinder sind jedes Mal ganz aus dem Häuschen. Gemeinsam mit vielen Kollegen gehen wir Mitte Dezember zum Weihnachtsbaumschlagen. Auch das ist ein Teil unserer alljährlichen Rituale. Wir suchen gemeinsam den Baum aus, sägen ihn ab, schleppen ihn zum Einnetzen und anschließend zum Auto. Wir backen zusammen Plätzchen, tun all die Dinge, die auch ich früher mit meiner Familie getan haben.
Ja, ich bin ein bekennender Weihnachtsfreak.
Und ja, Junior wird morgen völlig hingerissen sein, dass das Christkind da war. Die Milch ist ausgetrunken. Die Blätter sind im Ofen verbrannt. Und an den Keksen kaue ich gerade noch. So ist das Leben.

Männer.

Mittwoch, 29 November 2006

Eine Weltsensation! Ich bin schwer beeindruckt, was man im Netz alles so aufstöbern kann.
Guckstu hier: http://www.tortissimo.de/promotion.asp?id=pop1

Die verkaufen dort - ich zitiere - “Echte Männer mit 3 Eiern”. Wow. Menno. Das hätte mir doch mal jemand vor der Hochzeit sagen. Ich wusste nicht, dass es da noch anders ausgestattete Exemplare gibt. Ich war bis jetzt der festen Überzeugung, dass es nur eine Sorte gibt. So ein Ärger. Mit dem Zusatzteil hätte man doch viel bessere Chancen auf Reproduktion.

Oh. Jetzt habe ich den Haken entdeckt. “Zum Selberbacken” steht diskret unten in der Ecke. Ich hab’s ja gewusst. Ordentliche Kerle muss frau sich selber backen. Sonst kann das ja nichts werden.

Zeit.

Mittwoch, 29 November 2006

Wie kommt’s eigentlich, dass freie Wochen kurz sind? Kürzer als Arbeitswochen jedenfalls. Ich komme nicht mal zum bloggen.
Der Weihnachtsterror hat mich erwischt. Eine zeitraubende Geschichte. Meine 24 Päckchen für Juniors Adventskalender durfte ich nochmal einpacken. R. hatte versehentlich eine Kanne Wasser über die erste Version gekippt. Versehentlich. Aber vor lauter Wut hat er die Päckchen dann da stehen lassen. In der Matsche. Bis abends. Bis zu meinem Feierabend. Danach waren dann alle 24 Päckchen hinüber. Es gibt Momente, da scheint Gewalt doch eine Lösung zu sein. Nicht politisch korrekt. Aber befreiend.
Ich habe sie heute alle neu eingepackt. Unser Adventskalender ist umständehalber immer Süßigkeiten-freie Zone. Junior darf schließlich keine Lactose. Da ich eine Aversion gegen 24 Kleinigkeiten habe, gab es vom ersten Jahr an immer 24 Päckchen.
Jetzt muss ich noch den Zettel für den Nikolaus schreiben. Mir fällt nicht wirklich was ein. Diesmal kommt der Nikolaus schon am 3.12.. Es wird höchste Zeit für den Zettel. Und eine Geschichte muss ich auch noch raussuchen, die der gute Mann vorlesen kann. Ach, die Adventzeit kommt dieses Jahr so überraschend.

Nachtrag: Sohn maulte heute (Mittwoch) herzzerreißend: “So ein Mist, dass die Tage so schleichen bis Weihnachten.”

Genuss.

Sonntag, 26 November 2006

Partytime. Ein 40. Geburtstag. Nicht meiner. Aber ein schöner. Köstliches Mahl. Italienisch. Wie wir’s gern mögen. Antipasti, Frutti di mare, Lasagne al forno, Spaghetti al salmone. “Von einem tollen Italiener. Also schon ein wenig exklusiv”, ließ das Geburtstagskind wie zufällig wissen. Ein Tellerchen leckerer als das andere. Junior hat sich die Meeresfrüchte nur so reingehauen. So kennen wir ihn. Die anderen noch nicht. Die haben ganz schön gestaunt, als er sich jubelnd über die Tintenfischbeine hergemacht hat. Nicht ohne seiner Oma ausführlich die Saugnäpfe daran vorzuführen. Oma war dann auch satt.
Wie immer blieb ein erschütternder Berg Leckereien übrig. Die Gastgeber hatten vorgesorgt. Wir bekamen Frutti di mare und Spaghetti samt Soße für einen weiteren Genuss am Sonntag eingepackt.
Meine Freude war urplötzlich getrübt. Ein Haar in den Nudeln. Kurz. Schwarz. Leicht gekräuselt. Mein Mann mag manchmal drastische Worte. Er packt es in eine Kategorie: “Original italienisches Sackhaar.” Lecker. Also der Koch bestimmt. Aber meine Nudeln dann nicht mehr so richtig.

Hirnlos.

Freitag, 24 November 2006

Noch ein Beitrag zum Thema “Die hartnäckigsten Irrtümer in der Wissenschaft”. Die folgende Erkenntnis toppt noch den Irrglauben, dass Spinat besonders viel Eisen enthält: “Fruchtbar? - Nicht ohne Gehirn” heißt es mal wieder unter www.pruefungsgeil.de/news/studium/hochschulen,/fruchtbar,nicht,ohne,gehirn__14493.html

Die Wissenschaftler scheinen lebenslänglich im Elfenbeinturm zu hocken. Das richtige Leben bringt da ganz andere Erkenntnisse.

Da könnte das Seminar “Furchtbar & Fruchtbar” - guckstu hier: www.0331.net/event/26838/furchtbar-&-fruchtbar-die-kraft-der-aggression.html - schon eher neue Aspekte ins Spiel bringen.

Richtig voran bringen uns dagegen folgende Erkenntnisse: “Bei den untersuchten Frauen fand fast die Gesamtheit der Ovulationen zwischen dem achten und dem 60. Tag statt.” (www.aerztewoche.at/viewArticleDetails.do?articleId=1130) Ja, doch, das könnte hinkommen. Manchmal. Oder auch nicht. Vielleicht fehlt mir aber auch das Hirn, um das richtig zu würdigen.

Da genehmige ich mir doch erst mal einen kräftigen Schluck. Denn: “Gen-Milch macht fruchtbar. Rinderwachstumshormon lässt Zwillingsgeburten steigen”. Nicht zu glauben? Offenbar doch: www.genfoodneindanke.de/texte/nachrichten/20060617c.html Na dann: Prost. Ich hätte nichts gegen Zwillinge einzuwenden. 

Hammer.

Donnerstag, 23 November 2006

Das ist der absolute Wahnsinn. Der völlige Abdreher. Ich fasse es einfach nicht. Könnte mich überschlagen vor Begeisterung. Gibt’s das wirklich? Irre. Das glaubt mir keiner. Echt nicht. Obwohl solche Formulierungen mit “echt” eigentlich unter meinem Niveau sind. Genau genommen sind sie mir zuwider. Doch in diesem Fall mache ich mal eine Ausnahme.

“Mal” ist auch so ein Unwort. Nur noch übertroffen von “mal eben”. Wobei “mal eben” immer eine langwierige Geschichte nach sich zieht. Ich mag “mal” nicht, aber es rutscht immer wieder mit rein. Dabei sammele ich schöne Wörter. “Hohlbratze” ist so ein Wort, das in meiner Sammlung einen Ehrenplatz bekommen hat. “Fußläufige Erreichbarkeit” schätze ich auch sehr. Also als Formulierung. Im richtigen Leben ist mir ein Parkplatz davor lieber.

Wohlklingend müssen sie sein, die Wörter und Wortkonstrukte, die in meine Sammlung Eingang finden. Also nicht so dahingesagt, sondern mit Genuss zelebriert. Hooooohlbratze. Das zergeht auf der Zunge. Auf das lang gezogene o folgt ein kurzes, knackiges Restwort. Al dente sozusagen. Da ist Biss drin. Und für die Mundmotorik (auch eines meiner geschätzten Wörter) ist es geradezu genial. Hoooohlbratze. Da spürt  man alle Muskeln, die beim Sprechen so verfügbar sind. Hoooohlbratze. Was ist dagegen Planschkuh? Gut, die Bedeutung ist gleich. Und rein lautmalerisch hat der Vierbeiner auch Qualitäten. Aber welch sinnlicher Genuss ist das eine, welch profanes Geschwätz das andere.

Witzig dürfen sie auch sein, meine Lieblingswörter. Oder völlig sinnentleert. Oder als monströses Buchstabengebilde daherkommen. So wie “raumtemperaturfühlende Selbstregulierung”. Das ist wohl eine Fähigkeit, die man einer Heizung zuerkennt, die sich je nach Wärme im Zimmer eigenständig hoch- und runterdreht. Wie lange mag jemand an dieser Schöpfung gedrechselt haben? Einfach schön, dass man sich dafür noch Zeit nimmt. 

Was wollte ich noch? Ach ja. Wenn jetzt genügend Mit-Blogger und Leser auf diesen Eintrag angesprungen sind, schaffe ich mühelos den Sprung über die Neunhundertermarke bei den Besucherzahlen dieses Tagebuchs. Wenn das kein Grund zum Feiern ist. Und wehe, jetzt nennt mich jemand Hohlbratze. Dann werde ich aber noch ganz andere Wörter aus meiner Sammlung hervorkramen! 

November.

Donnerstag, 23 November 2006

November ist nicht mein Monat. Nicht, dass ich einen bestimmten Monat hätte. Aber dieser ist ganz besonders nicht meiner.

Es ist früh dunkel. Gut, man könnte das mit Kerzenschein und romantisch knisterndem Kaminfeuer ausgleichen. Mitten in der Woche fehlt mir dazu jedoch irgendwie die Motivation. Das gebe ich gerne zu.

Es ist lausig kalt. Zumindest tageweise. Und dann wieder gar nicht. Dieses Hin und Her beim Wetter macht mich ganz kirre. Auf nichts kann man sich mehr verlassen. Sonst hatten wir schon die dicke Schneepackung im November. Dieses Jahr schwankt die Temperatur zwischen 20 und -2 Grad. Ziehe ich Junior und mich morgens warm an, wird es garantiert warm tagsüber. Stelle ich mich auf 20 Grad ein, schnattere ich den ganzen Tag. Die nächste Erkältung bahnt sich gerade an. Ich war ja auch mindestens vier Tage gesund. Da wird’s mal wieder Zeit.

Es regnet und stürmt. Heute jedenfalls. Kein Wetter für eine Frisur. Nicht mal für meine. Und die ist ohnehin zerzaust. Aber nass - bei den Böen fällt der Schirm aus - sehen auch Locken nicht gepflegt aus. Zumal sie sich dann einzeln kringeln und nicht mehr in Gruppen zu jeweils einer Locke zusammenrotten.

Es häufen sich Gespräche mit wahlweise depressiven oder aggressiven Menschen. Mich nicht ausgeschlossen. Die Luft knistert im Büro. Noch ein solcher Tag und die Fetzen fliegen. Natürlich nur verbal. Man ist ja zivilisiert. Oder tut zumindest so. Ist auch unprofessionell, so eine Schlägerei unter Kollegen. Wir schweigen uns lieber wütend an. Was sollen die Leute denken, wenn wir hier herumschreien.

Sogar auf der Straße treffe ich nur maulende und/oder jammernde Gestalten. Wer geht schon mit strahlender Laune bei Sturm und Regen durchs Städtchen und betreibt muntere Konversation? Ich nicht. Trotzdem rasen bemerkenswert viele Menschen durch die Straßen und Geschäfte. Missmutig werden die unvermeidlichen Weihnachtsgeschenke zusammengerafft. Wieso kauft eigentlich niemand voller Freude die Präsente ein? Schenken soll doch Freude machen. Nicht nur für den Beschenkten. Aber gut. Zwischen Feierabend und Supermarkt-Abstecher hält sich meine positive Aura auch in engen Grenzen.

Wie gesagt. November ist nicht mein Monat.

Sechste Woche.

Mittwoch, 22 November 2006

Heute ist Mittwoch. Junior hat mit der Tagesmutter ein Brot gebacken. Und Lotti Carotti gespielt. Und eine Geschichte gelesen. Noch zwei Tage, dann haben wir sie geschafft, die sechste Woche.

Unsere härteste Woche ist die sechste Woche. Ein kompliziertes System haben wir uns angelacht. Ich arbeite immer abwechselnd eine Woche voll (das bedeutet ab 10 Uhr, im Schnitt bis 19.30 Uhr) und eine Woche gar nicht. Mein Mann arbeitet im Drei-Schicht-System. Junior geht in den Kindergarten. Der ist von 7 bis 17 Uhr geöffnet. Morgens sind wir nie vor 9 Uhr dort. In meiner freien Woche kommt Junior mittags heim, besucht nachmittags an drei Tagen nur seine Projekte im Kindergarten. In meiner Arbeitswoche bleibt er grundsätzlich über Mittag. Hat mein Mann Frühschicht, holt er ihn um 16.45 Uhr ab. In der Nachtschichtwoche holt er Junior gegen 16 Uhr ab.
Und dann gibt es noch unsere sechste Woche. Dann hat mein Mann in meiner Arbeitswoche Spätschicht. Da holt die Tagesmutter Junior um 17 Uhr im Kindergarten ab. Bei ihr bleibt er, bis ich Feierabend habe, in der Regel zwischen 19 und 20 Uhr. Wie gesagt. Unsere härteste Woche ist die sechste Woche.
Alle sechs Wochen kommt das vor. Und jedes Mal bricht es mir das Herz. Würde mich jemand fragen, ich würde mich in dieser sechsten Woche für den Titel “Rabenmutter des Jahres” vorschlagen. Ich weiß, dass Junior gern zur Tagesmutter geht. Ich weiß, dass er sich dort wohl fühlt. Aber ich sehe auch, wie müde er ist, wenn ich ihn abhole. Wie er Nähe sucht. Wie er spätestens am Mittwoch immer anhänglicher wird.

Es hilft nichts. Ich habe keine Wahl. Mein Mann hat einen befristeten Vertrag bis April. Ich kann meine halbe Stelle nicht aufgeben. Sie ist unser einziger fester Job mit Option auf eine Vollzeitstelle. Wenn ich erzähle, wie lange Junior in der sechsten Woche betreut wird, ernte ich betretenes Schweigen.

Ob sie ihm schadet, diese sechste Woche? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Mein Sohn ist ein wunderbares Kind. Er ist fröhlich, klug, neugierig, gefühlvoll. Ein ganz normaler Junge.

Ärger.

Mittwoch, 22 November 2006

Es ist immer dasselbe. Findet der Kollege eine Möglichkeit, mir das Leben schwer zu machen, dann tut er es. Thema Urlaubsplanung. Alle Jahre wieder besteht der Kollege darauf, dass er immer schon in den ersten drei September-Wochen Urlaub gemacht hat. Immer schon begann allerdings erwiesenermaßen just an jenem Tag, als er erfuhr, dass wir gern über das zweite oder dritte Wochenende im September in die Pfalz fahren (zum größten Weinfest der Welt). Wenn er schon kein schönes Leben hat (woran der alte Stinkstiefel - mit Verlaub - selbst schuld ist), soll es auch niemand sonst haben. Pah. Das trifft mich nicht mehr, seit ich Familie habe und nur noch jede zweite Woche arbeite. Klassischer Fall von ausgebremst.
Jetzt hat er eine neue, perfide Möglichkeit gefunden, mich zu ärgern. Junior kommt im Sommer in die Schule. Somit sind wir künftig urlaubstechnisch definitiv an die Schulferien gebunden. Keine Frage, auf die Idee ist auch schon der Kollege gekommen. Ich habe brav meine Urlaubswünsche per Mail an die Kollegen verschickt. Und plötzlich hat sich ein neues Immerschon-Zeitfenster geöffnet. Der Kollege besteht darauf, dass er immer schon Ende September Urlaub gemacht hat. Dumm nur, dass am 24. September die Herbstferien beginnen.
Kriegsschauplatz Nr. 2: die Weihnachtsferien. Dieser Kollege wollte nämlich immer schon (was sonst) mal vom 15. Dezember bis 20. Januar am Stück Urlaub machen. Das ist ihm heute eingefallen. Muss ich erwähnen, dass ab 22. Dezember Weihnachtsferien sind? Besonders boshaft: Junior hat am 18. Januar Geburtstag - da dräut alle Jahre wieder der Alptraum jeder Mutter, der Kindergeburtstag mit einer Horde wilder Kinder. Das lässt sich mit Arbeitszeiten von durchschnittlich 10 bis 19.30 Uhr nicht verbinden. Musste es bislang auch nicht.

Ich weiß, ich habe zumindest, was die Schulferien betrifft, durchaus Rechte, die der kinderlose Junggeselle nicht hat. In einer Mail des Chefs steht ausdrücklich, dass Eltern mit schulpflichtigen Kindern Vorrang haben bei der Vergabe von Urlaubstagen in den Ferien. Klingt gut. Aber wenn ich mich durchsetze, habe ich das ganze Jahr über nur Ärger. Ich hasse es. Seit Jahren verspricht er uns schon, dass er bald aufhören will zu arbeiten. Schade, dass das wie vieles aus seinem Munde Unsinn ist.

Glück.

Dienstag, 21 November 2006

Es gibt solche Tage. Nichts klappt. Ich wäre besser im Bett geblieben. Am Abend suhle ich in meinem Unglück. Ertrinke fast im Selbstmitleid. Da reicht ein Nichts, ein Windhauch, um mich restlos aus der Bahn zu werfen. Dann krame ich all das verdrängte Unglück aus den Winkeln meiner Seele hervor. Die Trauer. Die Angst. Die Wut. Die Zweifel.

Dann sehe ich ein Blatt. Krümel auf dem Sofa. Ein liegen gelassenes Spielzeug. Die kleine, gambianische Skulptur. Die Pinienzapfen, die wir im Urlaub gesammelt haben. Wieviel Glück ich doch habe. Unfassbar, dass ich es manchmal aus den Augen verliere. Wir sind gesund. Wir haben keine ernsthaften finanziellen Sorgen. Wir haben Arbeit. Wir haben uns. Das vor allem.

Ich schleiche ins Kinderzimmer, schnuppere an meinem Sohn. Nichts riecht wunderbarer als ein Kind. Mein Kind. Was für ein Wunder. Der Blick zurück wird immer auch schmerzhaft sein. Die Erinnerung an all die Jahre voller Enttäuschungen. An die Tränen. An die grauenvolle Leere, als das Herz unseres ersten Kindes zu schlagen aufgehört hatte. An die panische Angst, dass es wieder passieren würde. Das alles lasse ich niemals hinter mir. Aber ich würde es immer wieder tun. Jede einzelne Spritze war es wert. Jede einzelne Untersuchung. Jedes Negativ war ein Schritt in die richtige Richtung. Die Hoffnung stirbt zuletzt. So weit ist es nie gekommen. Gott sei Dank. Wer hätte gedacht, dass ich so etwas einmal schreiben würde. Meine Mutter wäre froh.

Manchmal braucht es einen grässlichen Tag, um das Glück wieder neu in Szene zu setzen. Um die Perspektiven wieder gerade zu rücken. Mit diesem Päckchen Unglück in meinem Herzen weiß ich sie zu schätzen, die kleinen Momente. Vielleicht mehr als Jene, die nie kämpfen mussten.