Archiv für Oktober, 2006

Märchen.

Dienstag, 31 Oktober 2006

Junior macht ein Märchenprojekt im Kindergarten. Aus gegebenem Anlass habe ich mein altes Grimms-Märchen-Buch hervorgekramt. Man will ja Vorbild sein und dem Kind brav Märchen vorlesen. Da fällt mir auf: Es gibt sehr viele Eltern mit langjährigem Kinderwunsch in Märchen. Mindestens so viele wie Stiefmütter. Die Kinderwunsch-Paare bekommen dann nach langem, sehnlichem Warten doch noch ein Kind. Aber immer hat die Geschichte einen Haken. Entweder ist das Kind ganz mickrig. Wie bei “Daumesdick”. Oder die Eltern haben einen Sockenschuss. Die geben ihr Baby einfach weg. Also nicht einfach. Aber weg. Bei “Rapunzel” ist es so.

Und der arme “Daumesdick” ist gleich doppelt geschlagen. Mickrig und von seinen intellektuell wenig erhellten Eltern weggegeben. Mal ehrlich. Wer würde auf einen kleinen Jungen hören, der vorschlägt, man solle ihn an zwei Schurken verkaufen? Da muss man als Bauer schon sehr dicke Kartoffeln ernten.
Offenbar hatten die Gebrüder Grimm ein gestörtes Verhältnis zu Ehepaaren mit unerfülltem Kinderwunsch. Vielleicht sollte ich mal forschen, ob da Freud im Hintergrund mitmischte.

Bestseller.

Dienstag, 31 Oktober 2006

Ein Blick auf die Spiegel-Bestseller-Liste, Abteilung Sachbücher. Noch einer. Und dann schallendes Gelächter.
Platz eins: “Ich bin dann mal weg” von Hape Kerkeling.
Platz zwei: “Ich nicht” von Joachim Fest.
Das kann kein Zufall sein. Da hat bestimmt jemand dran gedreht. Und riesig Spaß dabei. Genau wie ich. Also, ich hab nicht dran gedreht. Aber Spaß.

Menschenkenntnis.

Montag, 30 Oktober 2006

Junior ist vorhin ans Telefon gegangen. Ich hörte nur, wie er sagte, nur die Mama sei da, der Papa nicht. Dann sagte er noch “Tschüss” und legte auf. Wer dran war, wusste er nicht.
Ich wollte ihm vorsichtig klar machen, dass er solche Fragen besser nicht beantwortet, sondern das Telefon in einem solchen Fall sofort an mich weiterreichen soll.
Ich: “Könnte ja sein, dass das jemand ist, der nur wissen wollte, ob wir allein zu Hause sind. Vielleicht ein Einbrecher.”
Junior: “Der klang aber gar nicht einbrüchig. Der hatte keine böse Stimme.”

Na dann…

Bescheid.

Donnerstag, 26 Oktober 2006

Jetzt weiß ich’s. Ich habe kein Fruchtbarkeitsproblem. Ich habe ein Kommunikationsproblem. Ich darf zitieren: “Entscheidend für den monatlichen Eisprung der Frau ist, wie weit das Ei gereift ist, und dass das Gehirn davon erfährt.” Da hätte doch mal jemand Bescheid sagen können. Also ehrlich.

Die Überschrift lässt noch Schlimmeres befürchten: “Fruchtbar? - Nicht ohne Gehirn”. Obwohl, manchmal, wenn ich so sehe, wer sich alles vermehrt, habe ich den Eindruck, dass das längst widerlegt ist.

Hintergrund: Wissenschaftler im Deutschen Krebsforschungszentrum haben zusammen mit internationalen Forschergruppen den Signalweg zwischen Bauch und Kopf im Detail erkundet und neue Ursachen der Unfruchtbarkeit aufgedeckt. Der Rest des Textes steht hier: http://www.g-o.de/index.php?cmd=wissen_details&id=5528&datum=2006-10-23

Erwachsen.

Montag, 23 Oktober 2006

Nun ist er groß. Junior hat eine Einladung der Stadt bekommen. In der dritten Novemberwoche hat er einen wichtigen Termin. Anmeldung in der Grundschule. Und gleichzeitig Sprachstandserhebung. Es wird ernst.

Mir wird ganz mulmig in meinem Gluckenherzen. Kaum habe ich mich umgedreht, ist der Junge erwachsen. Bald kommt er mit der ersten Freundin heim. Okkupiert für abendliche Ausflüge mein Auto. Bleibt über Nacht weg.

Die Zeit rennt. Noch ein paar Mal schlafen, dann wird er mir über die Straße helfen.

Aber erst einmal wird er am Samstag bei der Aktion “Weihnachten im Schuhkarton” mit seiner Vorschulgruppe aus dem Kindergarten einen Tanz vorführen. Mein Baby auf der großen Bühne. Vor all diesen Menschen. Ich werde die einzige Mutter sein, die dabei heult. Vor Rührung. Und das Nachdenken über all das, was da noch kommen mag in den nächsten Jahren und Jahrzehnten - das verschieben wir auf morgen. Hat schon bei Scarlett O’Hara funktioniert.

Urlaub.

Montag, 23 Oktober 2006

Er ist an sechs Tagen die Woche jeweils zwölf Stunden unterwegs. In drei Schichten arbeitet er. Fast immer auch samstags. Den Urlaub hat sich mein Mann redlich verdient. Eine ganze Woche frei. Schön. Für ihn.

Was mich wirklich wurmt, ist, dass er in meiner Arbeitswoche Urlaub nimmt. Ich arbeite jede zweite Woche Vollzeit, in der anderen Woche gar nicht. Für die nächsten zwei Jahre kann ich locker herausfinden, wann meine Arbeitswochen sind und wann meine freien Wochen sind. Wenn ich will. Er könnte es auch. Wenn er wollte.

Wildkräuter.

Mittwoch, 18 Oktober 2006

Wir haben’s gern politisch korrekt. Mohrenköpfe heißen in unserem Hause Schokoküsse. Unkraut wird schonend Wildkräuter genannt. Denen kann man dann ja auch getrost ein Plätzchen einräumen im rein biologisch-dynamischen Garten. Wir verwenden weder Dünger noch Gift. Bewässert werden unsere Pflanzen nur durch den hier nicht allzu seltenen Regen, schließlich wollen wir ja kein Wasser verschwenden. Was der Herr wachsen lässt, wird er schon gießen, wenn’s das braucht.
Die Öko-Schiene hatte nun ein wenig reichlich Platz eingenommen in unserer grünen Oase. Die bittere Folge: drei Tage knallharte Gartenarbeit unter sengender Oktobersonne. Egal wie sie heißen, die frechen Pflänzchen, raus müssen sie.
Aber wer beim Ausrupfen von Löwenzahn und Quecke, Moos und Disteln nicht alles so vorbei geschlichen kommt. Unfassbar. Haben die Leute keine eigenen Wildkräuter? Die ganze Nachbarschaft hat mich nach und nach mal wieder auf den neuesten Stand getratscht. Das ewige Plaudern mit der Harke in der einen Hand und dem Wildkräutlein in der anderen Hand hält mehr auf als das Jäten an sich. Ganz nebenbei habe ich einer Nachbarin für ihr zweites Enkelkind noch einen Stapel Winzlings-Klamotten verkauft. Muss sich ja lohnen, so ein Nachmittag zur Förderung des sozialen Miteinanders in der Wohnumgebung.
Schade, dass man beim Bügeln nicht so viele Leute trifft. Denn das ist noch schlimmer als Un… ähm, Wildkräuterzupfen.

Hauptgewinn.

Montag, 16 Oktober 2006

Nun ist es amtlich. Was bisher nur mein Verdacht war, hat sich heute bestätigt. Ich habe eine Histaminintoleranz. Hauptgewinn. All die Beschwerden, die ich seit über 20 Jahren mit mir herumschleppe, haben damit zu tun. Migräne, Dauerschnupfen, Atemnot, Durchfall, Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Nesselfieber - alles passt. Auch dass ich in der Schwangerschaft ganz ohne Symptome war, ist ganz typisch für HIT.

Lactoseintoleranz hatte ich schon immer, ist mit den Jahren leichter geworden. Fructoseintoleranz beschränkt sich weitgehend auf Apfelsaft. Und nun das. HIT - das heißt: Sauerkraut, Salami, Leberwurst, Rotwein, Kaffee, Tunfisch, Hefe, Mettwurst, Schinken, Erdbeeren und vieles andere ist verboten. Kommentar des Arztes: “Das wird jetzt schwierig. Da bleibt ja fast nichts übrig.” Wie wahr. Das muss ich erst mal verdauen. Vielleicht habe ich Glück und reagiere nicht auf alles gleich heftig.

Mondpreise.

Montag, 16 Oktober 2006

Wir sind auf Möbelsuche. Ich lerne ganz neue Seiten des Kapitalismus’ kennen. Da liegen Welten zwischen den Möbelhäusern. Selbe Marke, selbe Teile, selbe Bestellnummern - und dazwischen Abgründe. Diverse Möbelhäuser bekamen eine Liste mit Bestellnummern, sollten Preise nennen inklusive Lieferung und Montage. Also gleiche Vorausetzungen für alle. Mit dem Ergebnis habe ich nicht gerechnet. Die Preise variieren zwischen 3200 Euro (noch verhandelbar, wie telefonisch mitgeteilt wurde) und 5650 Euro. Dass es Preisunterschiede gibt, wusste ich ja. Seit heute ahne ich, was Mondpreise sind. Unfassbar.

Sprachlos.

Sonntag, 15 Oktober 2006

Es hat mich sprachlos gemacht. Multiple Sklerose. Diese Diagnose bekam die Mutter von Juniors bestem Freund. Zwei gesunde Kinder, gerade ein Haus gebaut - und nun das. Morgen muss sie für drei Wochen ins Krankenhaus. Ein Schub.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, als sie es mir vorhin erzählte. Es tut mir so leid für sie, für ihre Familie. “Ich will leben”, sagt sie mit Tränen in den Augen, “ich will nicht, dass die Krankheit mein Leben bestimmt.” Ich fühle mich ganz klein und schäbig mit meinen mickrigen Problemen, die mir vorher noch so groß und unüberwindlich vorkamen.