“Heute ist der Neunzehnte, ne?” Ja. “Und morgen? Der Zwanzehnte?”
Lachen am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen. Jeden Morgen dieselbe Prozedur…zuerst wird in den Adventskalender mit den Spitzhütchen geschaut, ob was drin ist. Ist es natürlich nicht, weil der “Weihnachtsengel” (aufgeschnappt vom Kiga) erst später kommt, damit L. nicht schon morgens Süssigkeiten isst.
Süss sieht der Kalender ja aus, ist jedoch sehr unpraktisch, weil er täglich neu gefüllt werden muss. Man kann die Dinge sehen und in Sicherheit wären sie dann doch nicht. Noch so ein Ding.
Ich hatte verschiedene Füllmöglichkeiten besorgt unter anderem Nikoläuse und Autos aus Schokolade -die gab es bei Aldi. L. hatte sie mir sogar noch gezeigt: “Darf ich das?”ÂÂ
Und dann? Er mag den Scheiss nicht.
“Is da Schnaps drin? Die Schokolade schmeckt nis!!!”
Na toll…wie ich´ mache, ist´ falsch. Meine Ideen müssen flexibel sein. So wie das Datum.
Nö, nö…es ist mir nicht passiert, dass ich die Überraschung statt ins 12. ins 13. Hütchen gelegt habe.
Und L. an diesem Tag auch nicht mit Intelligenz geschlagen war. “Mama, da ist heute gar nix drin!” “Doch, sicher…ich hab´ gesehen!” “Mamaaaaaa, da is nix!!!” Ich bin dann mit in den Flur, wo der Kalender hängt, gegangen und wir haben geguckt. “Siehste? Da is nix!” “Ich sehe da aber was.”
“Huch….heute ist aber nicht der Dreizehnte, heute ist der Zwölfte!!”
“Hmm….da hat der Weihnachtsengel sich wohl vertan.”
Um 11:30 muss ich zum Kindergarten…Weihnachtsfeier.
Ich bin schon sehr gespannt…ob ich wohl diesmal einen Kaffee bekomme?
Jedenfalls führen die Kinder was auf. L. hat schon ein bisschen erzählt. Er ist ein Stern, sagt aber nix. “Und die anderen Kinder?” “Die sagen auch nix.”
“Nur die Tiere…die machen Geräusche!”
Tierische Pantomime.
Und anschliessend sind Weihnachtsferien. Auch A. hat Urlaub, bis zum 12.
In dieser Zeit werde ich dann wohl nicht viel schreiben.
Fast hätte ich das Wichtigste vergessen.
Den Bericht vom HNO. Wir kamen rein und L. begab sich sofort ins Wartezimmer. Ich regelte die Formalitäten, gab L.´ Versicherungskarte ab. “Haben Sie eine Überweisung?” “Nein.” “Das ist schlecht. Ich brauche eine Überweisung oder 10 Euro!”
“Bei Kindern?” “Ein Kind? Ich habe gar kein Kind gesehen.”
Mal abgesehen davon, dass man L. nicht hätte sehen können, wo doch ich kaum über die Theke gucken konnte, wird doch die Karte das Geburtsdatum ausgespuckt haben.
“Das Kind ist schon im Wartezimmer!!!!” Währenddessen warf ich einen Blick über die Schulter, um zu sehen, was L. treibt. Und was sah ich? Sicher fiel mir die Kinnlade runter. Das Wartezimmer war nicht voll und dort hinter einer grossen Palme, sass meine Schwiegermutter.
Sie erkannte ihren Enkel nicht…und auch er kümmerte sich nicht um sie. Als ich dann ins Wartezimmer kam, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Ich sagte: “Hi”, und setzte mich zu L. Zu ihm gewandt, sagte ich (laut genug, damit sie es hören kann): “Guck mal, wer da ist…Oma K.!” L. drehte sich kurz um, dann wandte er sich wieder den Zeitschriften und Büchern zu.
Wen wundert das? Er kennt sie kaum und sein Interesse an ihr, ist nur das Spiegelbild, ihres Interesses an ihm. “Hast du Ohrenschmerzen?” Ich antwortete, weil L. nicht zugehört hatte. “Nein. L. kommt im Sommer in die Schule und er hat ein kleines Sprachproblem, welches logopädisch gelöst werden kann.” Sie war dort in Begleitung, des “Blinden”, wie ich ihn nenne. Das ist ein Freund der Familie. Die komplette Familie des Blinden, ist blind oder halbblind. Seine Schwester mittlerweile tot und sein Schwager auch halbblind. Jedoch sehend genug, um A. mitzuteilen, dass ich einen ziemlich tiefen und schönen Ausschnitt hätte.
Das war mal bei irgendeiner Geburtstagsfeier. Meine Schwiegermutter kümmert sich um Hunde, Blinde, Fette, den Mann der Fetten, der nun auch blind ist…aber nicht um ihre Familie. Ohne Worte! Sie gesellte sich dann doch in unsere Nähe. “Was kommt denn bald?” “Bei uns kommt das Christkind, weil wir nicht so modern sind,” erklärte L. seiner Oma.
“Bei anderen kommt der Weihnachtsmann.”
“Was wünschst du dir denn vom Christkind?” Keine Antwort mehr von L., was ich ein wenig unhöflich fand und deshalb selbst antwortete. “Es reicht, wenn man einen Tag lang SuperRTL guckt, dann weiss man es!” Gerade wollte ich ihr erzählen, dass L. in letzter Zeit so häufig krank gewesen war, als “Der Blinde” mit einem Rezept zurückkam und sie gehen wollten. “Ich muss jetzt gehen. Tschüss L.” Er guckte nicht mal und ich sagte zu ihm: “Sag tschüss zu Oma K. und gib ihr die Hand…du weisst doch, wie das geht!” Irgendwie kam es mir ja schon wie ´ne Vergewaltigung vor, aber ich finde es wichtig, dass man versucht, die Höflichkeit zu wahren. Auch wenn mir das schwer fällt, ist sie, allen Widrigkeiten zum Trotz, noch immer L.´ Grossmutter. *?* Zumindest biologisch. Meine Omma wurde noch mit 23 herzhaft geküsst und gedrückt, aber sie kann man mit L.´ Schrappnelle nicht vergleichen.
 Im Behandlungszimmer fanden die Widrigkeiten ihre Fortsetzung. Ich beschrieb dem Doc, (ich kenne ihn noch, weil ich vor ca. 15 Jahren mal dort war, und er seitdem, wohl sein Zimmer und seinen Sessel nicht verlassen hatte
) das Problem. L. sollte sich auf den Stuhl setzen und er schaute ihn sich an. Dann kam ein Hörtest.
Laut Amtsarzt gab es da keine Schwierigkeiten, auch wenn ich der Meinung bin, dass L. gut schlecht hören kann. *g* Das ist aber ein anderes Thema.
Später mussten wir wieder ins Behandlungszimmer. “De Jong hat Schleim hinterm Trommelfell. Hat sich da gesammelt, bei Erkältungen. Deshalb hört er 30% schlechter.”ÂÂ
Wie kommt er auf die Prozentzahl, wenn er gar nicht weiss, wie gut oder schlecht, L. normalerweise hört.
Egal, er ist der Fachmann oder sollte es zumindest sein. Bevor irgendeine Therapie gemacht wird, muss der Schleim weg sein. Nun muss L. einen schleimlösenden Saft nehmen und am 15. Januar dürfen wir erneut dort aufschlagen. Seltsam finde ich es allerdings, dass mit keiner Silbe auf L. eingegangen wurde. Er hat nicht ein einziges Wort gesagt.
Vielleicht wären wir doch besser bei Doc Charming aufgehoben gewesen.