Traurig

Das neueste Wort von meinem Zwerg ist traurig. Leider.

Mein Vater ist nämlich traurig.
Ein Freund, ein Vertrauter, ein Weggefährte ist gestorben.

Auch mich stimmt das traurig; nicht nur, weil ich ihn von Kindesbeinen an kannte, sondern weil die Leben der beiden Männer fast 80 Jahre lang miteinander verwoben waren.

Sie kamen zusammen in den Kindergarten, danach in der Schule in die gleiche Klasse. Sie haben zeitgleich ihre Ausbildung angefangen und gemeinsam die Handelsschule besucht. Danach trennten sich die Wege für einige Zeit, da mein Vater ganz woanders als Soldat in den Krieg musste (als 15-jähriger!!!). Aber zufälligerweise wurden beide am gleichen Tag aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und fuhren mit dem selben Zug nach Hause. Beide arbeiteten 50 Jahre für die gleiche Firma und nach der Pensionierung sahen sie sich mehrmals in der Woche, ob in der Wirtschaft oder auf der Straße …

Jetzt fehlt einer und ich habe das tiefste Mitgefühl für seine Familie.

Aber mein Vater ist auch traurig. Ihm fehlt jemand. Jemand, der weiß, wie es früher war. Wie es in der Straße, in der beide aufwuchsen, an den Herbstabenden gerochen hat, wenn sie vom Spielen aus dem Wald nach Hause gelaufen sind. Wie der Mann aussah, der allen Dorfbuben die gleiche Frisur verpasste. Wie die Nachkriegs-Sommernächte waren, in denen sie über 10 km von einem Tanzabend auf den Zugschienen nach Hause liefen. Wie es war als einzige dieses Jahrgangs in den Krieg zu müssen und als Erwachsene in Kinderkörpern zurückzukommen und die Freunde der Kindheit nicht mehr zu verstehen …

Ich sitze hier und weine um die Generation, die das erleben musste und bete, dass das nie wieder vorkommt!

Und trotzdem sind diese beiden Männer vorbildhafte Menschen geworden, die mit beiden Beinen im Leben standen, mit ihren Händen und Herzen etwas geschafft und erschaffen haben und ihr Leben mit Freundlichkeit und Humor gelebt haben.

Ich sitze hier und weine und danke ihm, dass es ihn für meinen Vater gegeben hat.


3 Kommentare zu “Traurig”

  1. schokonl schreibt:

    Das hast Du wirklich sehr gut geschrieben. Drueck Deinen Papa und hoer im weiter so gut zu, wenn er von frueher erzaehlt. Das verbindet.

    Liebe Gruesse,
    Katja

  2. ma-buggs schreibt:

    Ja, das mußt du machen, unbedingt!
    Ich hätte meinen Papa noch so viel fragen wollen und seine Erinnerungen sind unwiderruflich verloren.

    Ich drück dich
    Marion

  3. Schweden schreibt:

    So geht es mir wenn ich mitbekommen, wenn jemand “aus der alten Generation” verstirbt….ähnliche Gedanken hatte ich bei meinem Opa und meiner Oma.

    Möge der Freund Deines Papas nun in der Ewigkeit glücklich sein.

Hinterlasse eine Nachricht