… Orkantief Emma, das am frühen Samstagmorgen Deutschland erreicht hat, ist vorbeigezogen. Es ist wieder still.
Montag 03.03.2008, der Tag Eurer Geburt. Es ist noch dunkel und der Wind schweigt. Ich blinzle zweimal und wunder mich, dass alles so normal erscheint. Die Welt hält den Atem nicht an, es ist Montag und die Menschen gehen zur Arbeit. Wie am Tag unserer Hochzeit kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass es heute wirklich passiert, unser großes Wunder. Wie lange haben wir gehofft und gebangt, wie oft die Hoffnung aufgegeben. Wie glücklich war die lang ersehnte, erste Schwangerschaft und dann mussten wir unser Kind in der neunten Schwangerschaftswoche gehen lassen. 10 lange Jahre haben wir gewartet und jetzt wissen wir worauf, auf Euch: Rike, Luca und Lara.
Da sitze ich auf dem Bett in dem ich die letzten 1 1/2 Monate gelegen habe und schaue auf diesen Riesenbauch und ich freue mich auf Euch und ich habe Angst um Euch. Aber in der Tiefe meines Herzens weiß ich, dass alles gut wird. Von Anfang an ist mir klar, alles wird diesmal gut gehen. Es ist dieses gute Gefühl in meinem Herzen, dass keinen negativen Gedanken zulässt und mich begleitet, seit ich Euch in mir trage.
Die Tür geht auf und er ist da, Euer Papa, übernächtigt, ängstlich. Hilflos hat er so viele Tage an meinem Bett gewacht, konnte mir den Wehenschmerz nicht abnehmen, der zum ständigen Begleiter wurde, mir nur die Hand halten, gebannt auf den Wehenschreiber blicken, Eure Herztöne auf dem Papier beobachten, Eure Tritte, die ich mit Wucht zu spüren bekam, nur durch die Bauchdecke spüren. Euer Papa ist sehr nervös.
Im Kreissaal wird noch einmal ein CTG gemacht, ein letztes Mal sehe ich Eure Herzschläge auf dem langen Papier. Wie so viele Male, lege ich meine Hände auf die Bauchdecke und versuche Euch zu erspüren. In Gedanken gebe ich Euch Kraft, Liebe und Gottvertrauen mit auf den Weg in diese helle und Euch noch so fremde Welt, die Euch so viel Glück und Wärme bescheeren soll. Mein Herz klopft ganz laut.
Im Operationssaal ist alles vorbereitet, 15 Personen, die ich nicht alle kenne, werden dabei sein. Mir ist das nicht wichtig, ich sehe das alles nicht, die Menschen nicht, den Raum nicht, ich weiß nur wo die Hand Eures Papas ist. Das Gewicht des Bauches legt sich auf die Hohlkammervene, und ich kämpfe verzweifelt dagegen an, das Bewußtsein nicht zu verlieren. Jetzt will ich nichts mehr verpassen. Ich freue mich so auf Euch!
8.40 Uhr: Ein kräftiger lauter Schrei und für mich steht die Welt still, nichts bewegt sich, nichts ist mehr sichtbar. Ich bin tief in mir drin, höre nur diesen Schrei. Es ist Dein Schrei, Rike, Dein erster Schrei, Dein erster Atemzug.
…ich werde sie nicht aufschreiben können, die Worte, die dieses Gefühl transportieren könnten, ich glaube es gibt diese Worte nicht.
Und kaum hat mein Herz inne gehalten, 10 Sekunden später, es ist immer noch 8.40 Uhr, ein zweiter kräftiger Schrei. Mein Herz öffnet sich und es ist Dein Schrei Luca – Marie, der uns die Tränen der Rührung in die Augen treibt. Es gibt nur noch uns, seine Hand in meiner, mein offenes Herz und Dein Schrei, der mir sagt Du bist da, Du unsere Tochter. Dein Schrei ist etwas leiser als Rikes, als könne man, die Differenz von 300 g. Körpergewicht im Schrei erahnen.
Weitere 10 sekunden später, inzwischen ist es 8.41 Uhr folgt der 250 g leisere Schrei. Lara Du bist es, so klein so zerbrechlich und doch voll Selbstvertrauen und neugierig auf diese Welt. Der Schrei sagt: “Ich lebe!”
Auch ich lebe, und wie!
Es ist so warm in meinem Herzen.
Diese Wärme bleibt, sie wird mich immer begleiten.
Ich liebe Euch.