Nicht am 30.09 sondern wie vor ein paar Tagen festgestellt, war der Lauf auf den 16.09. gelegt. Da ging mir schon das erste mal die Muffesause…
Heute früh mit dicker Nase aufgewacht, ein Schnupfen hat sich angemeldet. Mein Mann half mir dann bei der Entstehung eines dicken Halses. Aufgrund der knappen Zeit vereinbarten wir folgendes: Ich fahr mit der Familienkutsche vor in den Nachbarort, wo das Rennen stattfand. Er tingelt mit den Kindern zu Fuß hinterher und feuert mich dann an.
Ich dort angekommen und seh nur durchtrainierte athletische Astralkörper um mich herum. Da hatte ich das erste mal das Gefühl, ich bin hier fehl am Platz. Und dann ich mit meinem Iron-Mom T-shirt, das selbstgemalte aus der MuKiKur. Herrjemine! Warum konnte ich das nicht zu Hause lassen? Meine Startnummer hab ich dann ganz geschickt über den “Iron-Mom”-Schriftzug gepinnt. Alle anderen hatten Läuferkleidung der oberen Klasse.
Am Start - endlich sollte es losgehen. Da wird doch noch die letztjährige Bestzeit durchgegeben: 33 MINUTEN! FÜr 10 Kilometer! Das war das zweite mal, wo ich mich sowas von fehl am Platze gefühlt habe. Nicht genug damit wird noch bekannt gegeben, dass eine Läuferberühmtheit mitläuft. Kenn ich nicht und will ich nicht kennenlernen… Was mach ich hier eigentlich??? Leider konnte ich mich nicht verdrücken, denn ich hatte fett die Startnummer auf den Bauch gepinnt. Und alle glotzen uns an. Trillerpfeifen und Tröten im Anschlag. Und ich als Muddi middezwischedrin. No way out. Esda, da musste jetzt durch. Ich stand eh hinten und dann ging der Lauf los. Ich musste noch an meinem iPod rumfummeln, damit ich den Lauf später am PC auswerten kann. Das Tempo war irre und ich hatte mit meiner Nase zu kämpfen. Doch die Blöße gibt man sich nicht gleich am Start, also munter weitergelaufen und mich gedanklich ausgepeitscht, auf welches schmale Brett ich mich da gewagt habe! Ich bin weitergelaufen und dann gings auch schon durch die Felder. Bei Kilometer 3 klappte es dann auch mit dem Atmen. Ich hab vor mir 2 Frauen und 1 weißhaarigen Mann. An denen kann ich mich orientieren. Hinter mir hab ich noch ein Pärchen gesehen. Eine kleine Ministeigung: der Weißhaarige ist verschwunden, 1 Frau joggt tapfer weiter, die andere Frau geht. SUPER! Ich jetzt auch. Großer Fehler, denn jetzt spür ich meine Blase. Dabei war ich direkt vorm Start noch aufm Klo.
Nächste Ministeigung: zweite Frau ist weg. Nur meine Vorläuferin ist noch da. Und ich. Und meine volle Blase. Dass man nicht im großen Pulk mitläuft, kann auch was positives haben: Da kann man ungesehen mal pinkeln gehen. Zwischen zwei Streckenposten waren riesige Büsche, die ich mal eben hurtig düngen musste. Wieder raus - weiterlaufen. Da lief auf dem iPod doch tatsächlich das “Ave Maria”. Mein Mann hat Humor. Ganz großen sogar, denn danach ging´s mit AC/DC auf dem Highway zur Hölle. Irgendwann ertönte auch die ersten Takte von Brahm´s Requiem und bei “Herr, lehre doch mich, daß ein Ende mit mir haben muß, und mein Leben ein Ziel hat, und ich davon muß.” hab ich´s dann weggedrückt. Das war zu viel des Guten.
Plötzlich hatte ich zwei Fahrradfahrer neben mir, die mich einfach nicht überholten. Und ich lief dann bewusst langsam, damit die mich überholen MÜSSEN… dass die nicht von den Rädern kippten war alles. Dann seh ich, dass die ein Veranstaltungsshirt anhaben und mir dämmerte es… Ab diesem Zeitpunkt hatte ich Geleitschutz von zwei jungen Burschen. Ich bin mehr gegangen als gelaufen ab KM 5. Ab KM6 haben ich die jeweiligen Streckenposten gefragt, ob ich denn überhaupt noch weiterlaufen darf. Weit und breit kein weiterer Läufer gesehen. Aber natürlich - nur durchhalten. Dabei sein ist alles. Klar, find ich auch, aber blöd ist´s trotzdem. Da kommt bei mir aber nicht so ein Gemeinschaftsfeeling auf, wenn ich so alleine durch die Felder tucker. Aber egal, da muss/will/geh ich jetzt durch. Ich kam mir phasenweise ganz schön wichtig vor: Nur wegen mir wurde nochmal die Straßenkreuzung vom Polizisten abgesperrt! Hätte ich die beiden Jungs aufm Radel nicht neben mir, hätte ich doch den Eindruck bei den wartenden Autofahren hinterlassen können, dass ich die erste sei. Aber nein, den Gefallen haben mir die Jungs nicht gemacht. So war es für jeden sowas von offensichtlich, dass ich die allerallerallerletzte war. Und nur wegen MIR konnten sie nicht sofort durchfahren. Klar, da winkt doch keiner…
Ich lauf ganz alleine ins Ziel und seh weit und breit keinen Ehemann und keins meiner 4 Kinder. Ich lauf suchend umher und verzieh mich dann auf´s Damenklo und plärr ne Runde. Bei meinem geröteten Gesicht fallen rote Augen nimmer auf. Da nimmt man solch eine große Herausforderung auf sich und die Liebsten sind nicht da. Plötzlich frier ich und ich merk, der Schnuppe kommt wieder.
12:00 Urkundenverteilung. Die kriegt jeder, der ins Ziel lief. Also auch ich. Die ersten 3 einer jeden Altersgruppe werden namentlich nach vorne gerufen und die Urkunde mit einem T-Shirt überreicht. Ich war die 4. meiner Altersgruppe. Platz 4 bei W40. Na, das klingt doch nach was. “Ich hab letzen Sonntag den 4. Platz meiner Altersgruppe beim 10-KM Lauf gemacht.” Das klingt nach Bestzeit. War es aber nicht … 1:17. Aber dafür, dass ich fast 4km nur gegangen bin, war es dennoch irgendwie auch Bestzeit. Lance Armstrong, der jede Bestzeit im iPod kommentiert, beglückwünschte mich. Danke, Lance, wenigstens du! Du treue Seele!
Auf der zweiseitigen Liste steh ich auf Platz 67. Von 67. Und während mein Blick über Liste schweift, les ich nur Vereinsnamen. Da sind fast alle Läufer Vereinsmitglieder von den verschiedenstens Läuferclubs. Und extra Angereiste waren auch dabei. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich mich nieundnimmer an den Start gestellt.
Und mein Mann? Der war schon wieder daheim!!! “Wieso, ich war mit den Kindern dort, wir haben dich nicht gesehen und dann musste ich doch wieder die 3km zurücklaufen und da sind wir gleich wieder heim.” Dass der nicht auf die Idee kommt, dass wir gemeinsam nach Hause fahren könnten? Oder mir hinter der Ziellinie auf die Schultern klopfen? Wir kennen uns nun 13 Jahre und immer wieder hat er eine Überraschung auf Lager…
Wenn ich den Lauf mal zusammenfasse:
- ich hab durchgehalten
- ich bin 4. meiner Altersklasse
- ich wurde als Einzige von niemanden überholt
- ich hab nichtmal so eine schlechte Zeit
dann kann ich eigentlich wirklich stolz auf mich sein.
Nur eines wurmt mich und erfüllt mich gleichzeitig mit Erfurcht: Der weißhaarige Herr, der mir bei der ersten Ministeigung davongelaufen ist, war erster seiner Altersgruppe mit einer Zeit von ganz knapp über einer Stunde. M80. Und auch der einzige. M80. Jahrgang 1929. Das ist eine größere Leistung als die 33 Minuten aus dem letzten Jahr. Respekt.